Britannien: Ölraffinerie- und Kraftwerkstreiks
[Druckversion] Thema: Europa, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 07.02.2009
Feste Streikführung erzielt Ergebnisse
Leitartikel des Socialist, Zeitung der Socialist Party(cwi England und
Wales), 5. Februar 2009
Die Streiks von Baufacharbeitern in Ölraffinerien und Kraftwerken – die
sich auf 22 Baustellen im ganzen Land ausgeweitet haben – sind eine der
bedeutsamsten Streikwellen in letzter Zeit.
Diese Arbeiter führen einen Kampf zur Verteidigung ihrer mühsam
erkämpfen gewerkschaftlich organisierten Arbeitsbedingungen in einem der
unfreundlichsten Arbeitsumfelder im ganzen Land. Sie sind bei jedem
Wetter draußen und arbeiten oft in großer Höhe. Sie sind sich der
Notwendigkeit guter gewerkschaftlicher Organisierung sehr bewusst, weil
die Arbeitgeber großen Druck auf sie ausüben, wichtige Aufträge
fristgerecht auszuführen.
Dieses gewerkschaftliche Bewusstsein, dass es notwendig ist, kollektiv
zu handeln, führte zum Ausbruch dieser Streiks. Sie wissen, dass die
Arbeitgeber, die sich hinter neuen EU-Direktiven und Gerichtsurteilen
verstecken, alles gefährden, für was sie gekämpft und was sie Baustelle
für Baustelle im Verlauf vieler Jahre erreicht haben.
Sie haben sich großartig über die Antistreikgesetzgebung hinweggesetzt
und die Gesetze bezüglich Urabstimmungen und Streikposten ignoriert, um
ihr Recht wahrzunehmen, Regierung und Arbeitgebern die Meinung zu sagen
und Änderungen zu fordern.
Die Medien haben sich auf die Parolen mancher Streikenden konzentriert,
die sagten: „Britische Arbeitsplätze für britische Arbeiter“ (die
teilweise oder sogar überwiegend eine Reaktion auf dieselbe
nationalistische Phrase war, die Gordon Brown benutzte). Auf dieser
Grundlage haben manche auf der Linken die falsche Schlussfolgerung
gezogen, dass dies reaktionäre Streiks seien.
Keine Arbeiterbewegung ist „chemisch rein“. Es kann Elemente von
Verwirrung und selbst von reaktionären Ideen geben und es hat sie in
diesen Streiks gegeben. Aber dieser Kampf ist in erster Linie gegen den
„Wettlauf nach unten“ und für die Beibehaltung von gewerkschaftlich
organisierten Arbeitsbedingungen und Löhnen auf diesen riesigen
Baustellen.
Durch die feste Führung des Lindsey-Streikkomitees, in dem die Socialist
Party eine Rolle spielte, nahmen die Massenversammlung eine richtige
Klassenposition von „Gewerkschaftsrechten für alle ArbeiterInnen“ an und
machten das zum vorherrschenden Charakter des Streiks.
Zu den aufgestellten Forderungen gehört, dass die nationalen
Tarifverträge, die Löhne und Arbeitsbedingungen wie angemessene
Pausenregelungen grundsätzlich regeln, für alle ArbeiterInnen auf diesen
Baustellen gelten müssen. Die EU-Gerichte „haben diese Vereinbarungen
als Handelshemmnis bewertet“ (Guardian, 3. 2. 2009, Leserbriefe)
Reaktionen auf die Streiks
Zu einem Zeitpunkt schien es, als sei die Regierung gespalten, wie sie
auf die Streiks reagieren solle. Ein hysterischer Lord Mandelson
versuchte, die ArbeiterInnen zur Rückkehr zu ihrer Arbeit zu bewegen,
indem er sagte, die EU-Regeln seien zu ihrem Nutzen da. Dagegen brachte
Gesundheitsminister Alan Johnson, der frühere Generalsekretär der
Postarbeitergewerkschaft, mehr Gefühl für die Lage auf, indem er von der
Notwendigkeit sprach, die schlimmsten Exzesse des
Deregulierungskahlschlags der EU einzudämmen.
Die Gewerkschaftsführer ließen sich mit ihrer Reaktion Zeit und
skizzierten keinen Weg vorwärts. Aber die Massenversammlungen bei
Lindsey forderten zur Ausweitung des Streiks auf, was weitgehend durch
Mund-zu-Mund-Propaganda, SMS, e-mail und Websites geschah. Es scheint,
dass inzwischen die Gewerkschaftsführer hinter den Kulissen ohne Wissen
der Streikenden wer weiß was verhandelt haben.
Das Lindsey-Streikkomitee fand nur durch das Management heraus, dass
zwei nationale Funktionäre der Gewerkschaften Unite und GMB mit Acas in
Scunthorpe Gespräche führten. Fünfzig Streikende machten sich auf den
Weg nach Scunthorpe, wo die Funktionäre mit Acas in einem Hotel
verschanzt waren. Als die Streikenden ankamen wurden sie von der Polizei
nicht ins Hotel gelassen.
Nur indem die Streikenden einen Zettel an der Polizei
vorbeischmuggelten, erreichten sie, dass die nationalen
Gewerkschaftsfunktionäre herauskamen und mit ihnen redeten. Als Ergebnis
erzwang das Streikkomitee seinen Weg an den Verhandlungstisch, um
sicherzustellen, dass es keine Abkommen hinter ihrem Rücken gab.
Während der letzten paar Monate haben diese ArbeiterInnen miterlebt, wie
die Bosse versuchen, unter dem Banner der EU-Gesetzgebung
(„Entsendegesetz“) Arbeitskräfte auf ihre Baustellen zu bringen. Dies
bedeutet, dass die Bosse jede gewerkschaftlich organisierte Belegschaft
ignorieren und sie durch unorganisierte, billigere ArbeiterInnen
ersetzen können, solange diese ArbeiterInnen die selben
Mindestbedingungen wie in dem Land haben, aus dem sie kommen.
Dies wurde vor zwei Jahren ausgetestet, als eine lettische Baufirma
einen Auftrag in Schweden bekam und zu seiner Durchführung lettische
Arbeitskräfte mitbrachte und dabei schwedische Bauarbeiter von der
Arbeit auf den Baustellen ausschloss. Die schwedischen Gewerkschaften
brachten die Arbeitgeber vor Gericht, aber das EU-Gericht urteilte zu
Gunsten der lettischen Firma.
Stoppt den Wettlauf nach unten
Die EU-Gerichte haben praktisch den Arbeitgebern Grünes Licht gegeben,
gewerkschaftlich organisierte ArbeiterInnen durch unorganisierte
ArbeiterInnen zu ersetzen. Das passiert bei der Lindsey-Raffinierie in
Lincolnshire und davor beim Staythorpe-Kraftwerk in Newark,
Nottinghamshire.
Bei Lindsey bekam eine britische Firm den Auftrag für das neue Werk, die
gewerkschaftlich organisierte Arbeitskräfte beschäftigen muss. Aber sie
vergab den Auftrag weiter an eine italienische Firma, die sich hinter
den EU-Vorschriften verstecken kann und keine gewerkschaftlich
organisierten Arbeitskräfte beschäftigen muss. Die italienische Firma
wusste, dass das zu Unmut führen würde, und daher versteckte sie diese
Arbeiter auf einem „Hotel“schiff vor Grimsby.
Es gibt eine lange und schändliche Geschichte von Arbeitgebern, die das
Gesetz als Deckmantel für ihre gewerkschaftsfeindliche Tätigkeit zur
Steigerung ihrer Profite nutzen. Und während Streiks bringen die Bosse
oft andere ArbeiterInnen von außerhalb herein, um die Streiks zu brechen.
Marx schrieb über die Versuche der britischen Kapitalisten zur Zeit des
Londoner Hutmacherstreiks in den 1850er Jahren, belgische Hutmacher als
Streikbrecher einzuführen. Die Internationale Arbeiterassoziation, die
Marx damals führte, appellierte an die belgischen ArbeiterInnen und sie
reagierten, indem sie sich weigerten, die Arbeit der Londoner Hutmacher
zu übernehmen.
Die britischen Baufacharbeiter gehören zu den bestorganisierten
ArbeiterInnen in Britannien. Sie wissen, dass nicht die italienischen
ArbeiterInnen ihre Feinde sind, sondern die Bosse, die die ArbeiterInnen
entlang rassischer und nationaler Linien zu spalten versuchen, wenn es
ihnen in den Kram passt. Die italienischen Minister, die sich über
„englischen Rassismus“ beschweren, sind dieselben, die die Polizei und
Armee einsetzen, um Roma aus den Straßen von Rom zu vertreiben.
Jetzt, wo der „Socialist“ in Druck geht, scheint es, dass angesichts der
entschlossenen Aktion der Arbeiter die Lindey-Bosse beträchtliche
Zugeständnisse machen. Ein Sieg auf dieser Baustelle wäre ein wichtiger
Schritt vorwärts für Bauarbeiter in Britannien und darüber hinaus und
ArbeiterInnen auf anderen Baustellen, wo schon Unterstützungsaktionen
oder Aktionen bezüglich ähnlicher Probleme stattgefunden haben werden
ähnliche Erfolge zu erzielen versuchen.
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