Warnstreik: „Der Zug bleibt stehen“
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, Bahn für alle statt Börsenwahn!, veröffentlicht: 10.07.2007
Ein Bericht vom Warnstreik der Lokführer in Stuttgart am 10. Juli
von Ursel Beck
„Kein Eisenbahner im Dienst, auch nicht der, der bei Transnet
organisiert ist, hält diesen Abschluss für akzeptabel“.
Dessen ist sich der GDL-Bezirksvorsitzende, Volker Drexler, am Tag nach
dem Abschluss bei der Bahn sicher. Er rechnet vor, dass der
Transnet-Abschluss unterm Strich nur eine tabellenwirksame Erhöhung von
2,8% aufs Jahr gerechnet, bedeute. Die Streikbeteiligung am 10.7.
scheint ihm Recht zu geben. Mehr Lokführer und auch Zugbegleiter als
letzte Woche treten um 8.00 Uhr am Stuttgarter Hauptbahnhof in den
Warnstreik.
Aus Unmut über den Abschluss seien gestern sogar Kolleginnen und
Kollegen von Transnet in die GDL übergetreten und würden heute bereits
mitstreiken. Und das wären keine Einzelfälle, sondern das passiere
fortlaufend und würde sich fortsetzen. Und wenn bei den Verhandlungen am
Freitag nichts Besseres herauskäme, dann wird es wohl keine weiteren
Warnstreiks, sondern Urabstimmung und Streik geben. Das ist die Stimmung
unter den ca. 30 neben einem Prellbock des Stuttgarter Kopfbahnhofs
versammelten Eisenbahnern und ihres Bezirksvorsitzenden.
Der Versuch von Mehdorn, den Streik der GDL per Gerichtsbeschluss zu
unterbinden hat die Kampfbereitschaft zusätzlich beflügelt. Niemand
glaubt, dass ein richtiger Streik am Ende tatsächlich verboten werden
könnte. Sie glauben fest daran, dass sie am Ende einen besseren
Tarifvertrag bekommen.
An diesem Morgen sorgen aber Meldungen über eine einstweilige Verfügung
für Verunsicherung. Die Pressemeldung vom Streikverbot wird von
Fahrdienstleitern genutzt um Lokführer mit der Androhung von
arbeitsrechtlichen Konsequenzen zur Arbeit zu zwingen. Laufend klingelt
das handy des GDL-Vorsitzenden.
Ein Kollege einer Güterzuglok, der vor einem Bahnhof steht, meldet sich.
Er bekommt Druck von oben weiterzufahren und ist verunsichert, ob man
ihm was anhaben könne. „Der Zug steht am Signal, da bleibt
er auch, Ende, aus“, so die Antwort der Streikleitung. Der Kollege
am Ende wird beruhigt. Man sagt ihm, die drohen immer. Aber damit kämen
sie nicht durch. „Und wenn, dann sei er nicht Schuld, sondern
die Streikleitung“.
Auch eine Zugbegleiterin streikt mit und hat sich unter die Versammelten
gemischt. Sie findet dass die GDL die bessere Gewerkschaft sei. Wieder
wird Druck ausgeübt auf einen Lokführer. „Der
Fahrdienstleiter kann dreißigmal um Deinen Bahnhof rennen, der Zug
bleibt stehen wo er ist“, so die unterstützenden Worte an den
Kollegen am anderen Ende. Ein anderer anrufender Kollege sagt, er hätte
Anweisung zu fahren, weil es ein Notfall sei. „Wenn ein Zug
irgendwo steht, ist das kein Notfall, sondern ein Streikfall. Der Zug
bleibt stehen“, so die Anweisung vom Streikzentrum am Bahnsteig ins
Führerhaus. Ohnehin hätte die Bahn keine Notdienstvereinbarung
abgeschlossen, also gäbe es keine Notdienste. Eine aus Transnet
ausgetretene Zugbegleiterin kommt auf die Gruppe der Streikposten zu.
Sie muss heute arbeiten, aber sie wollte es sich „nicht nehmen
lassen vorher meine Kollegen zu begrüßen“: „
Das ist wirklich in Ordnung was ihr macht. Ganz toll, dass ihr das
durchzieht“, erklärt sie euphorisch.
Auch sie ist unzufrieden mit den 4,5%. „Was bleibt denn da am
Ende übrig? Nix. Das frisst alles die Steuer wieder auf. So ist es doch
“. Man ist sich auch einig, dass es ohne GDL-Streik überhaupt keinen Streik
von Transnet gegeben hätte und der Abschluss noch schlechter gewesen
wäre. Transnet-Chef Hansen hätte nur im Kopf mitzuhelfen, die Bahn
börsenfähig zu machen.
Die Lokführer sind gegen die Privatisierung. Nach den Worten des
GDL-Bezirksvorsitzenden, Volker Drexler, war die GDL gegen die
Umwandlung der Bahn in eine Aktiengesellschaft. Und heute sei man gegen
die Privatisierung.
Auf die Frage, ob er der Meinung sei, dass die Privatisierung der Bahn
Diebstahl sei, antwortet er: „Ganz eindeutig. Wer ein Objekt,
das 120 bis 130 Milliarden wert ist, für 10 bis 20 Milliarden
verschachern möchte, der betreibt Diebstahl am Volk“. Doch ein
politischer Streik zur Verhinderung der Privatisierung kommt für den
GDL-Funktionär aus dem Südwesten nicht in Frage: „Wir
halten uns streng an die Gesetze. Und politischer Streik ist in der
Bundesrepublik Deutschland nicht zulässig“.
Eine der vielen sich auf dem Bahnhof befindenden Journalisten berichtet,
das Arbeitsgericht Mainz hätte die Streiks verboten und will wissen, wie
die GDL darauf reagiert. Bis zur Minute gäbe es nur Pressemeldungen
darüber. Und bis zur Zustellung der einstweiligen Verfügung werde man
weiterstreiken.
Genaue Zahlen über die ausfallenden Züge und S-Bahnen gibt es nicht. Die
Streikenden schätzen ihren Wirkungsgrad auf 80%. Auch die Anzeigentafeln
streiken. Ein Kollege berichtet von Stress am Gleis 3. Dem für den Zug
nach Singen eingeplante Lokführer wird Arbeitsverweigerung vorgeworfen
und eine Abmahnung angedroht. Die Fahrgäste sind eingestiegen. Der
Lokführer befindet sich im Führerhaus. Noch steht der Zug.
Der Bezirksvorsitzende spurtet durch den Bahnhof über den Bahnsteig an
die Spitze des Zuges. Kurze Zeit später gibt der Lokführer den
Fahrgästen bekannt, dass der Zug wegen Streik ausfällt. Seinem
Vorgesetzten meldet er: „Die Streikleitung hat gesagt, ich
bleib stehen, dann bleib ich stehen“.
Die Fahrgäste verlassen den Zug. Ein in Anzug gekleideter Herr aus der
Mitte des Zuges kommt in festen Schritten zum Führerhaus. Sieht nach
Beschwerde aus. Ist es aber nicht: „Ich finde es richtig, was
sie machen. Lassen sie sich nicht verarschen“, sagt er trocken,
dreht sich um und geht.
Das beeindruckendeste an diesem Streiktag ist, wie die sitzengebliebenen
Fahrgäste den Streik aufnehmen. Alle finden es erwartungsgemäß lästig,
dass sie ihr Ziel verspätet erreichen. Aber bis auf ganz vereinzelte
Ausnahmen herrscht Gelassenheit und viel Verständnis unter den
Hunderten, die sich im Bahnhofsgebäude tummeln.
Einige kritisieren, dass sie sich nicht darauf einstellen konnten, weil
die Meldung kam, der Streik sei verboten. Eine Lehrerin will mit ihrer
Schulklasse ins Schullandheim nach Sylt. Ob sie da heute noch ankommen
weiss sie nicht. Sie hat für den Streik Verständnis, weil der Lohn der
Lokführer in keinem Verhältnis zu der Verantwortung stehe. Andererseits
fände sie aber die Forderung unrealistisch. Schiebt dann aber hinterher,
dass es wahrscheinlich politisch Sinn mache, so eine hohe Forderung zu
stellen. Abspecken könne man dann ja immer noch.
Ein Berufstätiger, der auf die S-Bahn angewiesen ist, findet es „
lästig“, aber wenn „ich streiken könnte, würde ich es
auch tun. Ich verdien viel zu wenig und hab keine Gewerkschaft. Die
Geschäftsführung unterdrückt Betriebsrat und Gewerkschaft
“. Ein anderer Betroffener erklärt zum Streik: „Was sein
muss, muss sein“. Mehr hätte er dazu eigentlich nicht zu sagen.
Schon wieder wird ein Kollege mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen
beroht. Der GDL-Vorsitzende erklärt über Handy, dass die Vorgesetzten
mit ihren Drohungen nicht durchkommen werden. Das hätte sich letzte
Woche schon in NRW gezeigt.
Viele Beamte sind auf dem Bahnhof anzutreffen. Einige sind in ihrer
Freizeit gekommen, um ihre Streikenden Kollegen zu unterstützen. Andere
kommen kurz vor oder nach Dienstschluss vorbei. Sie dürfen nicht
streiken. Und daran wollen sie sich genauso halten wie an den Fahrplan.
Eigentlich dürften sie sich zum Streik gar nicht äußern, meinen sie.
Doch der angestaute Unmut ist zu groß, um das durchzuhalten. Und so
platzt es bald aus ihnen heraus, was ihnen nicht passt. „Die da
oben stecken die fetten Prämien ein. Da ist es doch höchste Zeit, dass
die jungen Kollegen sich mal zu Wort melden“.
Und die 30%-Forderung? Die wäre nicht von der Gewerkschaft gekommen. Das
hätte die Presse so aufgebauscht. Man müsse so rangehen, dass man den
Betrag einfordert, den man brauche, um eine Familie zu ernähren. „
Wenn das dann auf 30% mehr kommt, dann sind es halt 30%. Dann ist es trotzdem
in Ordnung“. Andere ergänzen, dass es gut wäre, dass durch den
Streik in die Öffentlichkeit gekommen wäre, unter welchen Bedingungen
die Lokführer heute arbeiten. Aber da müsste noch viel mehr bekannt
gemacht werden. Dazu gehöre, dass die Lokführer nur noch eine kurze
Ausbildung bekämen und dann gucken müssten, wie sie mit der Technik klar
kämen. Hinzu käme, dass begonnen werde, die Zugbegleiter ganz
abzuschaffen. In den Regionalzügen nach Ulm und Heilbronn wäre das schon
so. Die nächste Strecke sei Ulm. Und so gehe das immer weiter.
Der Lokführer sei dann das einzige Personal im Zug. Dadurch würde der
Druck noch mal enorm steigen. Ein anderer Beamter fügt hinzu: „
Das sind unsere Kollegen, und sie haben recht. Und deshalb stehen wir hinter
ihnen“. Sich selbst sehen die Beamten als „
Auslaufmodell“ bei der Bahn. Aber das hätte die Bahn jetzt davon,
dass sie die Beamten abschaffe, jetzt würde halt gestreikt. Die formal
an die Bahn ausgeliehenen Staatsdiener verdienen zwar noch mehr als die
angestellten Lokführer. Aber sie finden es nicht richtig, dass sie immer
länger und härter arbeiten müssen und dafür immer weniger Geld bekommen.
Seit 10 Jahren hätten sie keine Besoldungserhöhung mehr bekommen. Man
habe ihnen das Urlaubsgeld ganz gestrichen, das Weihnachtsgeld auf 30%
gekürzt und die Wochenarbeitszeit auf 41 Stunden hochgesetzt. Und wenn
jetzt noch privatisiert würde, dann würde alles noch schlimmer. „
Dann kriegen wir englische Verhältnisse“.
Ein Rentner mischt sich unter die Streikposten. Er war 40 Jahre lang bei
der Stuttgarter Straßenbahn beschäftigt, war Mitglied in der ÖTV und
jetzt in ver.di und an vielen Lohnkämpfen beteiligt. Nein, er wolle
heute nicht mit dem Zug fahren. Er sei extra hierher gekommen, um zu
sehen, ob die Lokführer tatsächlich Ernst machen und zeigt sich
sichtlich erfreut über den Streik.
Es könne ja wohl so nicht weitergehen, dass die Preise immer mehr den
Löhnen davonrennen. Er habe auch kein Verständnis dafür, dass die
anderen Gewerkschaften, auf den Lokführern herumhacken, statt sie zu
unterstützen. Er ist fest davon überzeugt, dass alle Arbeiter was davon
haben, wenn die Lokführer was rausholen. Und er betont, dass jede
Lohnerhöhung auch mehr Geld in die Renten- und Krankenkassen bringen
würde.
10.15 Uhr. Die einstweilige Verfügung ist bei der GDL eingegangen. Der
Warnstreik wird abgebrochen. Aber alle sind sich einig. Das ist nicht
das Ende. Der Bezirksvorsitzende geht davon aus, dass es nach kommenden
Freitag auch eine Rechtslage geben wird, die den Streik legal macht.
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