Tarifabschluss für Kitas und Sozialdienste enttäuschend
[Druckversion] Thema: Betrieb und Gewerkschaft, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 29.07.2009
ver.di und GEW stimmen ohne Not einem Kompromiss zu, der
Verschlechterungen der Vergangenheit nicht ausgleicht
Nach einem fünftägigen Verhandlungsmarathon haben die VertreterInnen der
Gewerkschaften ver.di und GEW und der kommunalen Arbeitgeber ein
Ergebnis der seit einem halben Jahr dauernden Tarifauseinandersetzung
verkündet. Die Gewerkschaftsspitzen müssen zugeben, dass dieses Ergebnis
umstritten ist und den Beschäftigten „viel abverlangt“. Und trotzdem
reden sie das Ergebnis schön, wenn man die tarifliche Entwicklung der
letzten fünf Jahre betrachtet.
von Sascha Stanicic, Berlin
Der Kita-Streik war in den letzten Monaten eine der wichtigsten sozialen
Auseinandersetzungen in Deutschland. Trotz Wirtschaftskrise und
sinkenden Staatseinnahmen hat eine Beschäftigtengruppe zurecht darauf
hingewiesen, dass sie unter inakzeptablen Arbeits- und
Entlohnungsbedingungen zu leiden hat und auf eine deutliche Verbesserung
ihrer Situation bestanden. Wenn Milliarden für die Banken zur Rettung
des kapitalistischen Systems zur Verfügung gestellt werden können, dann
auch Millionen für die gesellschaftlich so entscheidende Tätigkeit in
den Bereichen der Kindererziehung und Sozialdienste, so die zutreffende
Logik der ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen.
Deren Kampfbereitschaft überraschte, gehören sie doch nicht zu den
traditionell kampferprobten Bereichen der Arbeiterklasse. 150.000
beteiligten sich an Streiks und Demonstrationen – und hatten ihr Pulver
noch lange nicht verschossen. Trotz (verständlicherweise) oftmals
entnervter Eltern, die die unmittelbaren Folgen von
Arbeitsniederlegungen auffangen mussten, dominierte über den gesamten
Zeitraum der Auseinandersetzung in der Bevölkerung und auch unter den
Eltern Sympathie und Unterstützung für die kämpfenden Beschäftigten.
Warum also jetzt dieser Kraftakt, um einen raschen Abschluss noch in der
Sommerpause zu erreichen, obwohl das Ergebnis aus Sicht der Gewerkschaft
zu wünschen übrig lässt? Das ist nur politisch zu erklären. Arbeitgeber,
Regierung und Gewerkschaftsbürokraten wollten keine Zuspitzung
betrieblicher und sozialer Kämpfe während des Bundestagswahlkampfs. Die
Interessen der ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen wurden auf dem
Altar der politischen Stabilität des kapitalistischen Systems geopfert.
Offensichtlich war auf beiden Seiten des Verhandlungstisches die Sorge
groß, dass ein – wie angekündigt – zweiwöchiger Vollstreik in den Kitas
einen Dominoeffekt auf andere Belegschaften und gesellschaftliche
Schichten, wie SchülerInnen und Studierende, auslösen könnte – und die
Erwartungen mit der Steigerung der Kampfmaßnahmen mit gestiegen wären.
Damit hat die Gewerkschaftsführung eine weitere Gelegenheit boykottiert,
den immer notwendiger werdenden gemeinsamen sozialen Widerstand der
Lohnabhängigen und Erwerbslosen gegen das Abwälzen der Krisenkosten auf
die Masse der Bevölkerung endlich in Gang zu bekommen.
Hintergrund des Tarifkampfs
Auf den ersten Blick sieht es so aus, dass die Arbeitgeber tief in die
Tasche greifen müssen. Von 500 bis 700 Millionen Euro Mehrkosten ist die
Rede. Bei 220.000 Beschäftigten in diesem Bereich wären das im Schnitt
1.800 bis 2.650 Euro Lohnsteigerung im Jahr. Tatsächlich jedoch wurde
mit der Einführung des Tarifvertrags des öffentlichen Dienstes (TvöD),
der 2005 den alten Bundesangestelltentarif (BAT) ablöste, eine massive
Absenkung des Lohnniveaus von durchschnittlich zwanzig Prozent bei
ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen durchgeführt. Vor diesem
Hintergrund muss dieser Tarifkonflikt, wie auch alle weiteren
Tarifauseinandersetzungen im öffentlichen Dienst, betrachtet werden. Es
gibt enormen Nachholbedarf aufgrund der durch die ver.di-Führung
verschuldeten massiven Verschlechterung durch den TvöD – die den
Mitgliedern seinerzeit als „Meilenstein“ verkauft wurde. Diesen
dämmerten die wahren Folgen des neuen Tarifrechts erst, als es zu spät
war.
Versuch einer Bewertung des Ergebnisses
Im Vergleich zum Niveau des alten BAT scheint der aktuelle
Tarifabschluss für die Kitas und Sozialdienste nun keine oder nur eine
sehr geringe Verbesserung darzustellen, trotz der gegenteiligen
Behauptungen der Gewerkschaften.
Der neue Tarifvertrag ist sehr kompliziert und eine detaillierte
Bewertung ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich. Es scheint aber
so zu sein, dass in ihrem Versuch, das Ergebnis möglichst positiv zu
bewerten, die GewerkschaftsvertreterInnen Äpfel mit Birnen vergleichen
und die Frage des Einkommensentwicklung ignorieren. Durch den TVöD sind
nicht zuletzt der Bewährungsaufstieg und Kinderzuschläge weggefallen,
was dazu führt, dass für viele Neu-Beschäftigte und Stellenwechsler zwar
das Grundgehalt nicht abgesenkt wurde, aber das reale Einkommen auf die
Lebenszeit gerechnet massiv abgesenkt wurde (zum Beispiel für eine
ledige Erzieherin ohne Kinder 145.000 Euro auf die Lebensarbeitszeit
berechnet). Dies hätte durch einen neuen Tarifabschluss kompensiert
werden müssen, was offensichtlich nicht der Fall ist.
In ihrer Darstellung vergleichen die Gewerkschaftsbürokraten das jetzt
erzielte Niveau außerdem mit dem BAT-Niveau von 2004 und tun dabei so,
als hätte es in den zurückliegenden fünf Jahren keine Kämpfe um
prozentuale Lohnerhöhungen gegeben. Um zu einem ehrlichen Vergleich zu
kommen, muss man also auf das BAT-Niveau von 2004 die circa acht Prozent
Lohnerhöhungen, die sich die Beschäftigten im Rahmen des TVöD erkämpft
haben, drauf schlagen. Dann kommt wahrscheinlich für die meisten
Beschäftigten keine Steigerung im Vergleich zum BAT heraus, sondern
weiterhin eine Unterschreitung.
Teilerfolg
Trotzdem hat die Tarifauseinandersetzung gezeigt, dass durch Kampf
Zugeständnisse der Arbeitgeber, auch in Zeiten der Krise, zu erreichen
sind. Diejenigen Beschäftigten, die nach 2005 unter den Bedingungen des
TvöD ihre Arbeit begonnen haben (und bei denen keine Besitzstandswahrung
aus dem alten BAT galt) erhalten nun deutlich mehr Geld und werden eine
reale Verbesserung spüren (wenn diese gegenüber dem alten BAT-Niveau
auch minimal oder gar nicht vorhanden sein wird). "Kämpfen lohnt sich"
ist hoffentlich die Schlussfolgerung, die sie daraus ziehen. Leider
bedeutet das Ergebnis aber auch, dass unterschiedliche
Beschäftigtengruppen unterschiedlich stark bzw. wenig (bezogen auf die
derzeit real existierende Einkommenssituation) profitieren. So erhalten
KollegInnen, die schon zu Zeiten des BAT beschäftigt waren, nur eine
Lohnerhöhung von 2,65 Prozent und auch Kita-Leitungen erhalten eine sehr
geringe Steigerung.
Gesundheitsschutz
Offiziell führten die Gewerkschaften die Auseinandersetzung um die
Einführung eines tariflich festgelegten Gesundheitsschutzes. Die dazu
beschlossenen Regelungen sind jedoch wenig wert, weil sie letztlich
komplett von der Bereitschaft der Arbeitgeber abhängen. Es mag sein,
dass dem Thema Gesundheitsschutz nun eine größere Aufmerksamkeit zuteil
wird, aber die Umsetzung von Verbesserungen können die Arbeitgeber
weiterhin mit dem Argument der leeren Kassen boykottieren. Das
oppositionelle „Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di“
hatte hierzu vorgeschlagen den Kampf für eine tarifliche
Personalbemessung zu führen und die Forderung eines Personalschlüssel
von 5:1 bei Fachkräften und von 25 Prozent der Arbeitszeit für Vor- und
Nachbereitung, Elterngespräche usw. vorgeschlagen. Eine solche
Forderung, die zu konkreten und nachprüfbaren Ergebnissen hätte führen
können, hätte sicher auch eine größere Mobilisierungskraft entwickelt.
Wie weiter?
Der Tarifabschluss ist faktisch ein Eingeständnis des Scheiterns des
TvöD. Die Tatsache, dass für die Erziehungs und Sozialberufe nun eine
eigene Tabelle eingerichtet wurde, führt das Argument ad absurdum, dass
der TvöD zu einer größeren Übersichtlichkeit und Vereinheitlichung des
Tarifwerks führen würde. Im Gegenteil werden neue Spaltungslinien
geschaffen und verstärkt. Nicht zuletzt bleiben Landesbeschäftigte und
die KollegInnen in Berlin weiterhin außen vor.
Unter den Delegierten der Streikleitungen, die den Kompromiss
debattierten, gab es so auch viel Kritik und Unmut. Die VertreterInnen
aus Baden-Württemberg stimmten gegen den Abschluss. In der jungen Welt
vom 29.7. spricht der Stuttgarter Personalrat Martin Agster von einer
„großen Enttäuschung“ und weist auf die große Kampfbereitschaft in
Stuttgart hin.
Diese muss schon bald wieder genutzt werden, denn die Tarifverhandlungen
für Bund und Kommunen stehen zum Jahreswechsel an. Diese werden vor dem
Hintergrund massiver Angriffe einer neuen Bundesregierung auf
Sozialleistungen und auf die Beschäftigten im öffentlichen Dienst statt
finden. Um in dieser Tarifrunde nicht unter die Räder zu geraten,
sondern die notwendigen Verbesserungen für die Beschäftigten
durchzusetzen, bedarf es eines Kurswechsels in der Gewerkschaftspolitik
hin zu offensiver und kämpferischer Mobilisierung aller betroffenen
Kolleginnen und Kollegen. Dazu wird es nötig sein, zur Verbesserung der
Arbeits- und Lebensbedingungen und zur dringend notwendigen Schaffung
neuer Arbeitsplätze sowohl eine deutliche Lohnerhöhung, als auch eine
drastische Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich
zu fordern. Finanzierbar sind solche Maßnahmen, wenn die Regierungen
endlich an die immer noch exorbitanten privaten Vermögen und Gewinne,
wie den 1,1 Milliarden Euro der Deutschen Bank im zweiten Quartal dieses
Jahres, heran gingen.
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