Spanien 1936: Revolution und Bürgerkrieg

Im Juli jährt sich zum 90. Mal der Beginn des Putsches unter General Francisco Franco und seiner faschistischen Organisation Falange gegen die spanische Republik. Sein Sieg 1939 und der Beginn einer jahrzehntelangen Diktatur waren keineswegs vorprogrammiert. Zunächst schlugen die Arbeiter*innen und Landarbeiter*innen den Putsch zurück und übernahmen die Industriebetriebe und die Ländereien.

Zu Beginn der 1930er Jahre war die ehemalige Großmacht Spanien ein schwaches kapitalistisches Land im Aufruhr, geprägt vom raschen Wachstum der Organisationen der Arbeiter*innen. Die Monarchie stürzte. Die Massen forderten eine Landreform, bessere Arbeitsbedingungen und ein Ende der gesellschaftlichen Vormachtstellung der katholischen Kirche .

Teile der Arbeiter*innenbewegung – die Linke innerhalb des Gewerkschaftsverbands UGT, die Sozialistische Partei (PSOE) und die anarchistische Gewerkschaft CNT – stellten Forderungen nach der Verstaatlichung des Bodens, der Großkonzerne und des Verkehrswesens. All das führte führte zu einer direkten Konfrontation mit der herrschenden Klasse – den Kapital- und Großgrundbesitzenden, den hohen Offizieren und der reaktionären katholischen Hierarchie.

Ein erster Putschversuch 1932 und das Massaker an über 1000 aufständischen Bergarbeitern in Asturien im Oktober 1934 zeigten, wie weit die herrschende Klasse bereit war zu gehen, um ihren Reichtum zu verteidigen.

Der Charakter der Volksfront

Die Wahlen im Februar 1936 gewann die Volksfront, ein Bündnis bestehend aus PSOE, der Kommunistischen Partei PCE und den sogenannten “linken Republikanern”, einer bürgerlich-liberalen Partei. Die Bildung solcher Regierungen war die neue Linie der Komintern (Kommunistische Internationale). Nachdem die frühere ultralinke Linie der Ablehnung einer Einheitsfront mit der Sozialdemokratie gegen den Faschismus zu der historischen Niederlage in Deutschland geführt hatte, propagierte Stalin nun das Bündnis aller, alle Antifaschist*innen inklusive der  Liberalen. Die Bürgerlichen erhielten ein politisches Vetorecht innerhalb der Volksfront, damit diese die Macht der Kapitalist*innen nicht bedrohte.

Links der Volksfront-Parteien positionierte sich die POUM, die 1935 von Trotzkist*innen und anderen Sozialist*innen gegründete “Arbeiterpartei der Marxistischen Vereinigung”, die in Katalonien und Valencia stark war. Ihre Mitgliederzahl wuchs 1936 von 1000 auf 70.000, da sie diejenigen Arbeiter*innen ansprach, die sowohl mit der CNT als auch mit den Stalinist*innen der PCE unzufrieden waren. Ihr Führer Andrés Nin war von den Ideen des russischen Revolutionärs Leo Trotzkis beeinflusst und stand mit ihm in reger Korrespondenz, verstand sich aber gleichzeitig als linker Flügel der Volksfront in Katalonien.

Zu Beginn begeisterte die Volksfront die Massen, die auf echte Veränderungen hofften. Als die Regierung die Versprechen nicht einlöste, wurden sie  selbst aktiv. Schon bald nach dem Wahlsieg begann eine umfassende Streikwelle, die große Verbesserungen wie höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und Urlaub durchsetzte. Landlose besetzten Landgüter, 30.000 politische Gefangene wurden befreit. Zwischen Februar und Juli fanden 113 Generalstreiks und 228 weitere größere Streiks statt. Das Kapital reagierte mit Kapitalflucht, wirtschaftlicher Sabotage und Putsch-Vorbereitungen.

Franco putscht

Am 17. Juli 1936 besetzten Truppen unter General Franco Spanisch-Marrokko und die Kanaren und begannen auf das Festland überzusetzen. Dort schlossen sich die Mehrheit der Offiziere und Unteroffiziere dem Putsch an und die aufständischen Truppen besetzten Teile Nordspaniens. Als General Franco am 17. Juli 1936 den Bürgerkrieg auslöste, genoss er zweifellos die Unterstützung der Mehrheit der herrschenden Klasse. Die bürgerlichen Kräfte in  der republikanischen Regierung waren lediglich der “Schatten der Bourgeoisie”. Sie vertraten sich selbst aber nicht das Kapital und wirkten vor allem als Bremsklotz für die Arbeiter*innenparteien.

Die Regierung wollte Kompromisse eingehen und mit dem Putschisten verhandeln. Auch die Führung der Arbeiter*innenorganisationen wankte. Doch Franco wollte nicht verhandeln. Das Ziel seiner Truppen war die Errichtung einer Diktatur inklusive der Zerschlagung aller Arbeiter*innenorganisationen wie zuvor unter Mussolini und Hitler.

PSOE, PCE und auch die anarchistische CNT übten kaum Kritik an der Unentschlossenheit der Regierung. Weder die Regierung noch die Cortes (das Parlament) reagieren auf Francos Putsch – aber die Arbeiter*innen und Bäuer*innen. Letztere hatten von der Regierung seit Februar insgesamt nur 2,5% des Landes zugeteilt bekommen und besetzten nun das gesamte Land in Katalonien und Aragonien.  Am 18. Juli demonstrierten Hunderttausende Arbeiter*innen in Madrid und forderten von der Regierung Waffen. Innerhalb weniger Stunden wurden zwei Ministerpräsidenten ausgewechselt, und erst der dritte, Giral, stellte den Arbeiter*innen Waffen zur Verfügung. Seine Regierung blieb bis September im Amt und wurde von PSOE, PCE  und CNT unterstützt.

Revolution in Katalonien

Am 23. Juli berichtete die britische “Times” von bewaffnete Arbeiter*innen, die offenbar die Straßen und Betriebe Barcelonas übernommen hätten, und fragte: “Hat die Revolte des Militärs und der Armee nicht den Weg für eine Arbeiter*innenherrschaft in ganz Katalonien geebnet?” Auch in anderen Teilen Spaniens war die Lage dieselbe – die Arbeiter*innen und die arme Landbevölkerung hatte begonnen, “die Ausbeuter zu enteignen”.

Die Putschisten hatten mit der Unterstützung der Bourgeoisie eigentlich alle Vorteile auf ihrer Seite: Sie konnten den Zeitpunkt wählen, sie folgten einem seit langem ausgearbeiteten Plan, verfügten über einen Generalstab und über stärkere Streitkräfte. Und doch wurden sie zurückgeschlagen. Die Arbeiter*innen waren praktisch die einzige bewaffnete Kraft in den republikanischen Gebieten und wurden nun de facto zu den politischen Machthaber*innen dort und kontrollierten die Produktionsmittel.

Die Arbeiter*innen bildeten ihre eigenen Komitees und Milizen, vor allem in Barcelona. Innerhalb der Republik etablierte sich eine Doppelherrschaft. Welche der beiden Mächte – die Arbeiter*innen oder die kapitalistischen Politiker – siegen würde, sollte wiederum den Ausgang des Kampfes gegen Franco entscheiden. In Barcelona herrschte eine revolutionäre Stimmung. Der US-amerikanische Marxist Felix Morrow schildert in seinem Buch “Revolution und Konterrevolution in Spanien” das Vorgehen des “Zentralkomitee der antifaschistischen Miliz in Katalonien”, das von revolutionären Anarchist*innen dominiert wurde.

“Sie eroberten Aragonien als eine Armee der sozialen Befreiung. Sie bildeten antifaschistische Dorfkomitees, die das Land, die Ernten, die Vorräte, das Vieh, die Arbeitsgeräte und vieles mehr der Großgrundbesitzer und Reaktionäre übernehmen durften. Anschließend organisierten die Dorfkomitees die Produktion auf dieser neuen Grundlage, meist in Form von Kollektiven, und schufen eine Dorfmiliz, um die Vergesellschaftung durchzuführen und die Reaktion zu bekämpfen.” 

Azaña als Ministerpräsident und Luis Companys in der katalanischen Regierung waren nicht nur der rechte Flügel innerhalb der Volksfront, sondern die Vertreter der herrschenden Klasse in der Regierung. Diese Bürgerlichen dienten Stalin einerseits dazu, gegenüber den Arbeiter*innen der Welt zu rechtfertigen, warum die Regierung keine sozialistischen Maßnahmen ergreift. Gleichzeitig nutzte er sie als Aushängeschilder, um den herrschenden Klassen in Frankreich und England die Harmlosigkeit des PCE zu demonstrieren. Innerhalb der Volksfront war die PCE die wichtigste Verfechterin des Privateigentums. Doch auch die zehn PSOE- und CNT-Minister, die im September unter dem neuen Ministerpräsidenten Largo Caballero (Vorsitzender der UGT)  eingesetzt wurden,  waren darauf bedacht, sich gegenüber den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs akzeptabel zu verhalten.

Sowjetische “Unterstützung”

Bis September 1936 hatte die Sowjetunion keine Waffen nach Spanien geschickt. Stalin strebte das Unmögliche an: weder Franco noch die bewaffneten Arbeiter*innen sollten gewinnen. Ein Sieg der demokratisch von unten organisierten Arbeiter*innen hätte die Legitimität des Stalinismus untergraben. Ein Sieg Francos hätte die faschistischen Mächte gestärkt, die eine Gefahr für die Sowjetunion darstellen.

Zu Beginn des Bürgerkrieges bildeten England, Frankreich, die Sowjetunion sowie Deutschland und Italien ein “Nichtinterventionskomitee”. Das war pure Heuchelei. Hitler und Mussolini unterstützten Franco im Verlauf des Krieges mit Gütern im Wert von etwa 1 Milliarde Dollar sowie 60.000 italienischen Soldaten. Die deutsche Luftwaffe probte als “Legion Condor” das Massenbombardement von Städten und zerstörte im April 1937 die baskische Stadt Gernika.

Auf republikanischer Seite formierten sich die Internationalen Brigaden, zunächst aus in Spanien lebenden Exilant*innen, dann begann eine weltweite Rekrutierung. Insgesamt 40.000 Antifaschist*innen reisten nach Spanien, rund die Hälfte fiel im Kampf.

Schließlich sah auch Stalin sich gezwungen, Waffen zu liefern, um die Autorität der Sowjetunion zu erhalten. Doch diese Waffenlieferungen wurden genutzt, um den linken Flügel im republikanischen Lager zu schwächen. Katalonien und Aragonien, wo der Kampf sozial und militärisch am weitesten fortgeschritten war, erhielten kaum Waffen. Unter dem Slogan der “Professionalisierung der Armee” wurde seitens der Regierung mit Unterstützung der PCE die Entwaffnung der Milizen der Arbeiter*innen betrieben. Im Oktober 1936 wurde per Dekret verfügt, dass es nur eine einzige republikanische Armee geben sollte. Durch diese Zentralisierung kontrollierte die PCE im Frühjahr 1937 zwei Drittel der Armee.

Mai 1937 in Barcelona

Im Mai 1937 kam es zur Machtprobe innerhalb des republikanischen Lagers. Die Telegrafenstation von Barcelona war seit dem Sommer 1936 von anarchistischen Bewaffneten gehalten worden. Sie wurde von der regulären Armee und Polizeieinheiten angegriffen, um die Milizen zu entwaffnen und die revolutionären Kräfte zu zerschlagen. Daraufhin kam es in Barcelona zum Aufstand. Die Telegrafenstation wurde zurückerobert. Überall in der Stadt entstanden Barrikaden. Hunderte, möglicherweise Tausende, starben bei diesen Kämpfen innerhalb des republikanischen Lagers.

Die Internationalen Brigaden, die eigentlich von den Stalinisten dominiert waren, waren nicht bereit, auf Seiten von Polizei und Armee einzugreifen. Es wäre für die Arbeiter*innen möglich gewesen, die Macht zu übernehmen. Doch CNT und POUM riefen die Arbeiter*innen auf, an die Arbeit zurückzukehren und die Barrikaden aufzugeben. Nur kleine Gruppen – die anarchistischen “Freunde Durrutis” und die trotzkistischen “Bolschewiki-Leninisten” – argumentierten für eine Fortführung des Kampfes. Beide gewannen schnell an Unterstützung, aber die Zeit reichte nicht, die Massen zu beeinflussen.

Konterrevolution von innen

Nach dem Aufstand von Barcelona wurde die Revolution auf der republikanischen Seite durch die Bürgerlichen und die stalinistische PCE abgewürgt. Die POUM wurde verboten, ihr Anführer Andrès Nin, immerhin einige Monate Justizminister in der katalanischen Regierung, festgenommen und ermordet. Tausende revolutionäre Arbeiter*innen fielen dieser Säuberung zum Opfer, die von bürgerlicher Polizei und Armee und der PCE mit Hilfe des sowjetischen Geheimdienstes NKWD vorgenommen wurde. Zur Unterdrückung der POUM und Stalins Erpressung mit den Waffenlieferungen schwieg die CNT. Dennoch fielen auch die Anarchist*innen der Verfolgung zum Opfer.

PSOE-Politiker Caballero weigerte sich, bei den Repressionen gegen die POUM mitzumachen. Er trat zurück und wurde von dem Parteirechten Juan Negrín abgelöst. Mit der Zerschlagung der revolutionären Ansätze war die stärkste Waffe der republikanischen Seite stumpf: ohne Aussicht auf soziale Verbesserungen war es unmöglich, die Massen in den von Francos Truppen beherrschten Gebieten politisch zu erreichen.

Militärisch waren die Faschist*innen überlegen, die Negrín-Regierung wurde  immer machtloser. Málaga und das Baskenland wurden von den republikanischen Streitkräften verraten. Im Oktober 1937 eroberten Francos Truppen Kantabrien und Asturien im Norden, im Frühjahr 1937 erreichten sie das Mittelmeer und zerschnitten das republikanisch kontrollierte Gebiet in zwei Teile. Im November 1938 verließen die Internationalen Brigaden das Land.  Barcelona fiel im Februar 1939, noch im selben Monat erkannten die England und Frankreich die Regierung Franco diplomatisch an. Madrid fiel im März, am 1. April 1939 Franco erklärte sich zum Sieger.

Die Spanische Lehre

Nötig wäre eine Volksmiliz ganz neuer Art gewesen, mit gewählten und gut ausgebildeten Offizier*innen, sowie ein Generalstab eines demokratisch aufgebauten revolutionären sozialistischen Parteiapparats, um die Niederlage zu verhindern. Doch in Spanien gab es keine revolutionäre Partei mit massiver Verankerung in der Arbeiter*innenklasse, die das hätte entscheidend beeinflussen können

Die spanische Revolution fand weltweit enorme Unterstützung. Doch der Kampf wurde verraten, und die Hoffnung, die die spanische Revolution entfacht hatte, erlosch. Nicht nur die angeblich neutralen kapitalistischen Regierungen in Frankreich und Großbritannien, auch die stalinistische Sowjetunion hatten sie im Stich gelassen, was sich als entscheidend erweisen sollte. Ebenso die Volksfrontregierung der Republik und insbesondere die PCE, die nicht bereit war, den Bürgerkrieg zu einem sozialen Befreiungskrieg zu machen – für Sozialismus, echte Demokratie und nationale Selbstbestimmung.

 

Quellen und Literaturhinweise:

Leo Trotzki, Lehren aus Spanien – Die letzte Warnung (Artikel), 1937

Felix Morrow, Revolution und Konterrevolution in Spanien, 1938

George Orwell, Mein Katalonien, 1938

Ken Loach, Land and Freedom (Film), 1995

 

Chronologie

1917–23: Streiks und Massenkämpfe in Spanien.

1923: Primo de Rivera errichtet seine Diktatur. Der König bleibt jedoch im Amt.

1930: Alfonso XIII. wird gestürzt.

1931: Die Massen leiten die Revolution ein. Eine Koalitionsregierung aus bürgerlichen und sozialistischen Ministern tritt ihr Amt an.

1932: Der Versuch eines Militärputsches durch General Sanjurjo scheitert.

1933: Hitler übernimmt die Macht in Deutschland. In Spanien wird die faschistische Falange gegründet.

1934: Der Generalstreik in Asturien wird von Franco blutig niedergeschlagen.

1935: Die Kommunistische Internationale proklamiert die Volksfront als ihre Linie. Andrés Nin bricht mit dem Trotzkismus und gründet die POUM.

Februar 1936: Der Wahlsieg der Volksfront führt zu Streiks und Landbesetzungen.

17. Juli: Franco eröffnet den Bürgerkrieg mit Truppen, die in Marokko ausgebildet wurden. Die Arbeiter*innen ließen die Waffen antworten.

September: Der sozialistische Gewerkschaftsführer Largo Caballero wird Ministerpräsident der Volksfrontregierung.

Oktober: Die Arbeiter*innenmilizen werden zugunsten einer “Volksarmee” entwaffnet.

Mai 1937: Die Rechte innerhalb der Volksfront greift die besetzte Telefonzentrale in Barcelona an. Die Arbeiter*innen wehren sich und schlagen zurück, werden jedoch von ihren Führern zur Kapitulation aufgefordert. Negrín tritt die Nachfolge von Caballero als Ministerpräsident an. Die Repressionen gegen die POUM und die Anarchist*innen beginnen.

November 1938: Die Internationalen Brigaden verlassen Spanien.

April 1939: Francos Truppen kontrollieren ganz Spanien.