Party over bevor es richtig losging

Die linke “Your Party” in Großbritannien versinkt in der Bedeutungslosigkeit 

Vom Gründungskongress von Your Party in Liverpool im November 2025 berichteten wir noch optimistisch: trotz Startproblemen hatte die Partei 50.000 Mitglieder, 2000 waren nach Liverpool gekommen. Der linke Flügel dominierte die inhaltlichen Entscheidungen, demokratische Strukturen und Doppelmitgliedschaften mit sozialistischen Gruppen wurden beschlossen. Doch bei den Online-Vorstandswahlen Anfang 2026 setzte sich der bürokratische Flügel um Jeremy Corbyn durch und beschloss Maßnahmen, welche die Partei ersticken.

Von Claus Ludwig, Köln

Noch im Sommer 2025 hatten 800.000 Menschen online ihr Interesse am Gründungsprozess von Your Party bekundet. Die Entstehung einer linken Massenpartei schien möglich, endlich, nach all den gescheiterten Anläufen, die immer wieder der politisch bankrotten sozialdemokratischen Labour Party neuen Atem verschafften.

Doch der Prozess kam ins Stocken. Interne Kämpfe samt Verleumdungen und Beschimpfungen ließen den Enthusiasmus für das Projekt schrumpfen. Die bürgerlichen Medien beschrieben die Auseinandersetzungen als Machtkampf zwischen dem ehemaligen Labour-Vorsitzenden und Parlamentsabgeordneten (MP) aus London, Jeremy Corbyn, und der aus Labour ausgeschlossenen Abgeordneten Zarah Sultana aus Coventry. Im Kern geht es jedoch um politische Differenzen, nicht um Personen. Zahra Sultana trat für eine kämpferische, sozialistische Partei ein, die von unten nach oben aufgebaut ist, auf Basis der lokalen Parteigliederungen.  Das Team um Corbyn wollte den Gründungsprozess jedoch weitgehend von oben kontrollieren und die schnelle Gründung von Basisstrukturen verzögern.

Conor Rosoman von Socialist Alternative beschreibt die Stimmung im Sommer 2025:

„Es gab zu Beginn eine riesige Unterstützung. Selbst als schon von oben gebremst wurde, ging die Welle der Selbstorganisierung aus der Arbeiter*innenklasse weiter. Hunderte von sogenannten Proto-Ortsgruppen – informelle Gruppen lokaler Aktivist*innen, die den Parteiaufbau unterstützen wollten – wurden im ganzen Land aufgebaut. Aber diese Chance wurde vertan.”

15 der 24 Mitglieder des im Februar 2026 Online gewählten Zentralkomitees gehören Corbyns Strömung „The Many” („Die vielen”) an. Die „Grassroots Left” („Graswurzel-Linke”) um Zahra Sultana errang 9 Sitze. Corbyn gewann die Wahl, indem die volle Macht des von seiner Strömung kontrollierten Apparates genutzt wurde. Die einzige Botschaft war, man müsse „Jeremy gegen Angriffe verteidigen”. Es wurde die Angst geschürt, dass nur die volle Kontrolle des mit Abstand prominentesten Parteimitglieds die Partei retten könne.

Der Vorstand wurde mit dem Auftrag gewählt, YP erfolgreich aufzubauen. Tatsächlich begann er sofort, das Grab für die Partei zu schaufeln. Auch Monate später wurden keine lokalen Gliederungen anerkannt – von denen viele schon vor Monaten begonnen hatten zu arbeiten, allerdings ohne Einfluss nehmen zu können.

Der Vorstand blockierte faktisch die Teilnahme an den Kommunalwahlen am 7. Mai. Der Partei in Schottland wurde dies verboten, trotz eines positiven Konferenzbeschlusses. Eigenständige lokale Kandidaturen der Proto-Ortsgruppen wurden nicht unterstützt – im Gegensatz zu Kandidaturen ehemaliger Tories in Walsall und Birmingham und eines Mietwucherers in Oldham. Die riesige antirassistische Demonstration in London am 28. März mit 300.000 Teilnehmenden wurde von der YP-Führung faktisch ignoriert. Der YP-Block wurde von Basismitgliedern organisiert.

Die 60%-Mehrheit von „The Many” im Vorstand hat 100% der Macht, die Vertreter*innen der „Grassroots Left” haben nichts zu sagen und wurden zu Geheimhaltung verpflichtet. Am 12. April kam der entscheidende Schlag: Mitglieder, die einer zuvor bestehenden sozialistischen Gruppe angehören, sollen aus YP ausgeschlossen werden. Damit werden die aktivsten Mitglieder frustriert und herausgedrängt. YP wird zu „Labour 2.0”. Die Heftigkeit der bürokratischen Angriffe wird so manchen Labour-Bürokraten neidisch machen. Zahra Sultana, die wichtigste Vertreterin des sozialistischen Flügels, wurde bewusst isoliert, öffentlich angegriffen und ihr wurde mit juristischen Maßnahmen gedroht.

Aufschwung der Grünen

Diese Maßnahmen haben zum Ende von YP als linke Partei geführt bevor sie richtig zu existieren begann. Tausende Aktivist*innen wenden sich ab. Your Party wird als Wahlmaschine für einige Wahlkreise von Jeremy Corbyn und seinen Verbündeten fungieren, aber nicht als landesweite sozialistische Klassenpartei. Linke Hoffnungen bei den Wahlen richten sich jetzt auf die Grünen.

Der neue Grünen-Vorsitzende Zack Polanski gibt sich links und kämpferisch, sowohl bei sozialen Fragen als auch beim Kampf z.B. gegen den Genozid in Gaza. YP wirkte für junge Menschen selbst in ihrer besten Phase altbacken, kompliziert und bürokratisch, die Grünen schienen ein greifbares Angebot zu sein. Von September 2025 bis Frühjahr 2026 wuchs die Partei um das Dreifache auf mehr als 220.000 Mitglieder, während Your Party es im gleichen Zeitraum nicht über 60.000 schaffte. Die Mitgliedschaft der Grünen ist zudem jünger. In den Meinungsumfragen wuchs die Zustimmung, sie werden von vielen als Antwort auf den Aufstieg der extrem rechten Reform-Partei gesehen.

Der Aufschwung der Grünen beschleunigte sich 2026, auch weil YP darauf verzichtete, auf breiter Front zu den Kommunalwahlen im Mai zu kandidieren. Bereits bei den Nachwahlen in Gorton-Denton (Manchester) schlug die grüne Kandidatin Hannah Spencer im Februar den Kandidaten von Reform und zog ins Parlament ein.

Die Grünen sind keine klar linke oder gar sozialistische Partei. Sie regieren in einigen Kommunen mit und haben dort auch „Sachzwänge” umgesetzt und Sozialkürzungen beschlossen. Doch anders als die Grünen in Deutschland waren sie auf nationaler Ebene an keiner Regierung beteiligt. Sie haben weder eine Kriegsbeteiligung wie gegen Jugoslawien 1999 noch Waffenlieferungen und Aufrüstung wie unter der Ampel ab 2022 zu verantworten. Anders als Habeck und Baerbock waren sie bisher nicht in der Situation, sich von den anderen bürgerlichen Parteien Richtung Abschottung und Rassismus treiben zu lassen. Die Grünen sind noch nicht getestet worden. Doch sie werden früher oder später zeigen, dass sie nicht die benötigte klassenkämpferische Partei sind. Es ist weiterhin nötig, eine solche Partei aufzubauen.

Die Vernetzung bewahren

Kurzfristig wird sich keine Alternative auf landesweiter Ebene bilden. Ein Teil des linken Flügels hat die „Socialist Federation” als Parteiprojekt gestartet, doch dieses Bündnis hat weder Ansätze einer Massenbasis noch inhaltliche Klarheit. Die größeren Organisationen SWP (Socialist Workers Party, in Deutschland bewegen sich SvU und M21 in der SWP-Tradition) und SP (Socialist Party, in Deutschland Sol), hatten sich schon im Lauf der letzten Monate auf ihre alte Positionen zurückgezogen und „busines as usual” betrieben. Die SWP mit einer Mischung aus Werbung für die eigene Gruppe und breiten Bündnissen mit Grünen, Labour u.a. Die SP, indem sie über ihre Wahlfront TUSC (Trade Union and Socialist Coalition) die Frage einer auf den Gewerkschaften aufbauenden Partei auf abstrakte Weise thematisiert, aber dabei kaum über den eigenen Dunstkreis hinaus kommt – und bei Kommunalwahlen selbst in kleinen Wahlkreisen Ergebnisse im unteren Prozent-Bereich erzielt.

In den Proto-Ortsgruppen hatte sich teilweise eine gute Zusammenarbeit sozialistischer und gewerkschaftlicher Aktivist*innen entwickelt, die erhalten bleiben sollte.  Am 6. Juni fand in Sheffield die landesweite „Connections”-Konferenz statt, die von über 100 Gliederungen und unabhängigen lokalen sozialistischen Gruppen unterstützt wurde, unter anderem von Socialist Alternative, Sektion der ISA auf der Insel. Doch auch dort wurde deutlich, dass es kein landesweites Parteiprojekt geben wird. Zusammenarbeit und Vernetzung werden bewahrt, doch die Selbstorganisation wird sich zunächst regional und thematisch begrenzt entwickeln, z.B. in Kampagnen gegen kommunale Kürzungen, Aktionen gegen Rassismus und den Gaza-Genozid, für bezahlbare Wohnungen und bei lokalen Anti-Kürzungs-Kandidaturen, vor allem, wenn die Grünen zeigen, dass sie keine konsequent linke Partei sind.

„Es gibt noch immer große Opposition gegen die steigenden Lebenshaltungskosten, den Genozid in Gaza und die steigende Gewalt der extremen Rechten. Die Chance, diese Bewegungen durch eine gemeinsame politische Stimme zusammenzubringen, wurde vertan. Doch der Bedarf für eine solche Partei besteht weiter. Es wird zukünftig neue Möglichkeiten geben. Die Mitglieder der ISA in England, Wales und Schottland beteiligen sich an diesen Kämpfen und sind bereit, an neuen Aufbrüchen mitzuarbeiten.”, so Conor Rosoman.

Bild: G-13114 , CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=179231449