Bericht des NS-Dokumentationszentrums: “Köln 2025 – Antisemitische Vorfälle”
Das Kölner NS-Dokumentationszentrum (NS-DOK) hat sich viele Verdienste um die Aufklärung über die Nazizeit erworben. Doch seit einigen Jahren wird dieser gute Ruf von einigen ausgenutzt, um Palästina-Solidarität mit Antisemitismus gleichzusetzen. In dem “Jahresbericht zu antisemitischen Vorfällen 2025” der “Fachstelle gegen Antisemitismus im NS-DOK” wird Werbung für die “Staatsräson” betrieben. Der Bericht ist manipulativ und verharmlost den wirklichen Antisemitismus, mit dem jüdische Menschen konfrontiert sind.
Von Claus Ludwig, Köln
Die Kernaussage des Berichts ist: “Knapp 90% aller erfassten Vorfälle sind der Kategorie ‘verletzendes Verhalten’ (gemeint sind verbale Verletzungen, d.A.) zuzuordnen. Vielfach ereigneten sich diese Vorfälle im Rahmen der insgesamt 59 Versammlungen im Stadtgebiet, auf denen antisemitische Inhalte verbreitet wurden.” (S.17).
Die Fachstelle des NS-DOK ordnet 78% aller “antisemitischen Vorfälle” in Köln dem sogenannten “israelbezogenen Antisemitismus” zu, also Meinungsäußerungen zu Israels Politik. Die statistischen Aussagen bezüglich des “Anstiegs” der “Vorfälle” um 40% im Vergleich zum Vorjahr beruhen demnach weitgehend darauf, dass auf Demonstrationen in Solidarität mit Gaza Aussagen zur Politik des israelischen Staates gemacht wurden, mit denen einige Gegendemonstrant*innen nicht einverstanden waren.
Die “Opfer” dieser “Vorfälle” waren überwiegend keine jüdischen Menschen. Der Bericht spricht von betroffenen “52 Nicht-jüdischen Einzelpersonen” und “37 jüdisch oder als jüdisch adressierte Einzelpersonen” insgesamt.
166 der Fälle – also mehr als die Hälfte aller Vorfälle – werden in die Kategorie “keine direkt Betroffenen” eingeordnet. Zwar schlüsselt der Bericht statistisch nicht sauber auf, in welchen Kontexten diese “Vorfälle” stattfanden. Die späteren Beispiele legen jedoch nahe, dass es sich beim Großteil der “Vorfälle” auf Demonstrationen wie dem March4Liberation, der im Bericht mehrfach als Beispiel genannt wird, um keine direkten verbalen Attacken sondern um Aussagen gegen die Politik Israels handelt.
Dafür, dass Menschen wegen ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen jüdischen Herkunft verbal attackiert wurden, hat die Fachstelle keine Belege. Auf dem wöchentlichen March4Liberation wurden und werden die Gegendemonstrant*innen mit Fahnen Israels und der israelischen Armee weitgehend ignoriert und nicht direkt adressiert, wozu auch seitens der Demonstrationsleitung jedes Mal explizit aufgerufen wird. Die Slogans richten sich nicht gegen jüdische Menschen, sondern gegen das Vorgehen des israelischen Staates. Im Gegenteil wird in Reden betont, dass Rassismus und Antisemitismus abgelehnt werden und man sich für die Rechte von Jüd*innen einsetzt.
Wenn die Gegendemonstrant*innen verbal konfrontiert werden, weden sie meist “Genozid-Leugner”, “Faschist” oder “Rassist” genannt. Es ist nicht antisemitisch, wenn deutsche Unterstützer*innen des israelischen Regimes wegen ihrer aggressiv vorgetragenen Ignoranz und sogar Verherrlichung gegenüber dem Leiden der Palästinenser*innen kritisiert würden.
Diese Leute sehen sich selbst als “Betroffene” “antisemitischer Vorfälle”, weil sie den Staat Israel und dessen Militär unterstützen und die Demonstrierenden in Solidarität mit Gaza das anders sehen. Sie fühlen sich von der zugespitzten Darstellung von Tatsachen – “Israel ist ein Terror-Staat“, “Kindermörder IDF” – “verletzt”.
Eskalation der Gewalt?
Im Abschnitt “Zentrale Entwicklungen” (S.7) heißt es: “Diese Entwicklung wirft die Frage auf, ob von einer insgesamt gesunkenen Hemmschwelle antisemitischer Gewalt in Köln gesprochen werden kann.”
Es werden in der Folge zwei Beispiele für Gewalt konkret aufgeführt: Einerseits der Angriff auf Fußballer von Makkabi Köln beim Spiel gegen Nippes 78. Spieler wurden antisemitisch beschimpft und geschlagen. Das ist zweifellos ein ernster Vorfall.
Das zweite Beispiel ist ein Übergriff auf Gegendemonstrant*innen am Rande einer Gaza-Demonstration durch einen Menschen mit Kufiya, der in einem Video festgehalten wurde Es lässt sich nicht ausschließen, dass der Vorfall real ist. Es könnte allerdings auch gestellt sein. Das wäre nicht das erste Mal. Der angeblich “antisemitische” Angriff auf die Gartenlaube des Brandenburger “Antisemitismus-Beauftragten Andreas Büttner hat sich ebenso als False-Flag-Aktion herausgestellt wie der angebliche Mordversuch gegen den pro-israelischen Leiter einer arabischen Privatschule in Berlin, Hudhaifa Al-Mashhadani. Ein Mann mit Kufiya hätte im November 2025 versucht, ihn vor eine U-Bahn zu stoßen. Im März 2026 kam heraus: er hatte den Angriff erfunden.
Auf S. 20 werden acht weitere “Angriffe” erwähnt, von denen vier im Rahmen von Versammlungen stattgefunden haben sollen. Weitere Details werden nicht genannt. Nach persönlicher Erfahrung des Autors beklagen die Gegendemonstrierenden und permanent Filmenden schon angegriffen worden zu sein, wenn sie jemand böse anguckt. Auch die anderen vier Angriffe lassen sich aufgrund der fehlenden Angaben nicht einschätzen.
Die Beispiele für “Bedrohungen” klingen teilweise nach gegenseitigen Pöbeleien und Beleidigungen. Fünf von neun “Bedrohungen” sollen sich im Rahmen von Versammlungen ereignet haben.
Somit ist die Antwort eigentlich klar: es gibt keine nachweisbare “gesunkene Hemmschwelle antisemitischer Gewalt in Köln”. Es gibt einen ernsten Vorfall im Kontext von Amateurfußball, der insgesamt Probleme mit Gewalt hat. Das NS-DOK beantwortet die Frage allerdings nicht auf der Grundlage von Fakten, sondern lässt sie offen. Entgegen seinem wissenschaftlichen Anspruch raunt es einfach und verwandelt eine sachliche Frage in eine rhetorische, nach dem Motto: Irgendwas wird schon hängen bleiben.
Verharmlosung
Desweiteren werden in dem Bericht eindeutige antisemitische Übergriffe beschrieben: Hakenkreuz-Schmierereien, Beschädigung eines Grabsteins und von Stolpersteinen, Nazi-Äußerungen (“vergast die Juden”). Ein Nazi in Porz verteilte massenhaft antisemitische Hetzschriften mit den üblichen Lügen über die “jüdisch dominierte Globalelite”. Jeder einzelne Vorfall ist zu viel. Doch der vermeldete massive Anstieg resultiert vor allem auf der Gleichsetzung von Palästina-Solidarität und Antisemitismus. Damit werden die wirklichen antisemitischen Übergriffe von rechts in den Hintergrund geschoben.
Damit reiht sich die Fachstelle des NS-DOK in die Kette sachlich falscher Darstellungen seitens deutscher Behörden ein. In Berlin werden (meist ausgedachte) Straftaten auf Demonstrationen als “antisemitisch” berichtet. Die “Betroffenen” sind jedoch keine jüdischen oder jüdisch adressierten Menschen, sondern deutsche Polizist*innen. Die allermeisten “Vorfälle” sind Slogans gegen Israels Politik, die weder mit hier lebenden jüdischen Menschen noch mit den Polizist*innen zu tun haben. Die “Täter*innen” sind Deutsche, Menschen arabischer und jüdischer Herkunft. “Antisemitische Vorfälle” entstehen nach dieser Logik auch, wenn ein israelkritischer jüdischer Demonstrant Slogans ruft, die deutschen Polizist*innen nicht gefallen oder wenn dieser Mensch zuckt, wenn deutsche Polizist*innen ihn verprügeln (“Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte”).
Auf diese Weise definieren die Enkel und Urenkel der Täter*innen, wer ein*e gute*r und wer ein weniger guter Jüd*in ist. Damit betreibt die Fachstelle des Dokumentationszentrums nicht nur Hetze gegen palästinasolidarische und arabische Menschen, sondern verharmlost den realen Antisemitismus und rückt diesen aus dem Blickfeld. Darstellungen wie die des NS-DOK nähren rechte Erzählungen vom “linken” oder “importierten Antisemtismus”. Solche Erzählungen ermöglichen der deutschen Rechten, sich selbst und den deutschen Imperialismus von der eigenen antisemitischen Vergangenheit und Gegenwart reinzuwaschen, indem sie Antisemitismus als linkes bzw. muslimisches Phänomen framen.
Die Palästina-Solidarität ist überwiegend klar links, antifaschistisch, internationalistisch. Allerdings führt die permanente Gleichsetzung des Judentums mit dem Staat Israel durch die Repräsentant*innen dieses Staates, die deutschen Behörden und Institutionen dazu, dass einzelne Menschen, die ursprünglich für Palästina eintreten, diese absurde Erzählung der Gleichsetzung wörtlich nehmen und sich antisemitisch äußern oder gar übergriffig werden. Solche Einstellungen werden von den Kräften des rechten politischen Islam wie z.B. der türkischen AKP zudem bewusst gefördert.
Die extreme Rechte in Europa wächst, Rassismus nimmt zu. Rechtsextreme Parteien wie die AfD sind inzwischen meist “pro-israelisch”. Doch das ist kein Widerspruch zur Feindschaft gegen Jüd*innen. Antisemitismus und Unterstützung des rechten israelischen Regimes passen gut zusammen. Die Rechtsextremen unterstützen Genozid und Vertreibung aufgrund von Hass auf Muslim*innen oder aufgrund der Bejahung des strategischen Bündnisses des westlichen Imperialismus mit Israel. Der faschistischen Basis ist der Unterschied ohnehin nicht so wichtig, ihr Rassismus schließt Muslim*innen und Jüd*innen mit ein. Daraus erwächst die wirkliche Gefahr für Jüd*innen in Europa, nicht aus der großen Welle internationaler Solidarität und der Empathie mit den Palästinenser*innen vor allem in der Jugend.

