Der Angriff der USA und Israels auf den Iran bringt die Welt einen Schritt näher in Richtung der direkten Konfrontation zwischen den Großmächten USA und China. Das Morden findet in der Region statt, doch die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Auswirkungen sind global.
Die Kriegsbeteiligung der USA resultiert aus dem Größenwahn der Trump-Administration, der ganzen Welt die Bedingungen zu diktieren. Doch die ersten Wochen des Krieges haben die Schwäche des US-Imperialismus schonungslos offen gelegt. Dieser war militärisch und politisch nicht in der Lage, einen gut vorbereiteten und entschlossenen Gegner zu schlagen.
Die israelischen Kriegsziele liegen auf der Hand: Das Netanyahu-Regime will die Region unter der eigenen Vorherrschaft neu ordnen. Diese Neuordnung beinhaltet die Beschleunigung der genozidalen Vertreibung der Palästinenser*innen auch aus der Westbank und der Griff nach Teilen des Libanon, um sie zunächst militärisch zu besetzen und perspektivisch möglicherweise zu annektieren. Im Iran soll möglichst ein gegenüber den USA und Israel loyales Regime installiert werden, alternativ soll der Staat so weit zerstört werden, dass er militärisch und politisch keine Rolle mehr in der Region spielt.
Innerhalb der Gang von Verbrechern rund um Trump scheint es Unklarheiten über die kurzfristigen Kriegsziele zu geben. Trump sah wohl in den Massenprotesten und deren Zerschlagung im Januar eine Gelegenheit, seinen wichtigsten Verbündeten in der Region, Israel, zu unterstützen. Die langfristigen geostrategischen Ziele des US-Imperialismus sind hingegen klar. Ebenso wie Venezuela ist der Iran Verbündeter und Öl-Lieferant Chinas. Die Kontrolle über dessen Ressourcen und Handelsprodukte vergrößert das Erpressungspotential der USA gegenüber dem großen Konkurrenten. Ziel ist nicht, China schon heute von den Rohstoffen abzuschneiden, sondern mittelfristig Warenströme nach eigenem Ermessen zuzulassen oder zu kappen.
Punktsieger Iran
Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses (22.04.26) ist unklar, wie es weitergeht. Trumps Zickzack-Kurs ist Ausdruck der Rückschläge, die der US-Imperialismus einstecken musste. Er kann einerseits den Krieg nicht endgültig beenden, weil er bis dato keine Erfolge vermelden kann. Andererseits sind die Optionen zur Eskalation mit großen militärischen, wirtschaftlichen und politischen Risiken verbunden, vom Einsatz von Bodentruppen bis zu Angriffen auf Irans Atomreaktor. Einfach die Bombardierung wieder aufzunehmen und noch mehr Funktionsträger des Regimes, Militärs und Zivilist*innen zu töten würde nicht zur Kapitulation des Iran führen. Wenn mehr US-Soldat*innen sterben, könnte das ohnehin unbeliebte Trump-Regime mit einer Massenbewegung an der Heimatfront konfrontiert werden.
Der Iran war Stand Ende April der klare Sieger nach Punkten. Kein einziges der ohnehin vagen US-Kriegsziele wurde erfüllt: Regime Change, Zerstörung des Atomprogramms und der ballistischen Raketen, Abschussbasen und Produktionsstätten, sichere Bewegung für die US-Marine im Persischen Golf. Ein zentrales Thema bei den Verhandlungen ist die Öffnung der Straße von Hormuz. Vor dem Angriff existierte das Problem überhaupt nicht.
Durch den Raketenbeschuss der Golf-Staaten und Saudi-Arabiens hat der Iran den US-Angriff in eine globale wirtschaftliche Krise verwandelt. Das Geschäftsmodell der Golfmonarchien – Öl, Gas, Tourismus, sichere Finanzanlagen für Reiche – wurde innerhalb von Tagen angeschlagen. Katarische LNG-Anlagen wurden so schwer beschädigt, dass die Reparatur Monate bis Jahre dauern wird.
Hightech und Massenwaffen
Die Verwundbarkeit von hochtechnisierten Armeen, die stark abhängig von einer sehr geringen Stückzahl von Waffensystemen sind, wurde deutlich. Auf der Sultan Air Base in Saudi-Arabien wurden ein AWACS-Radar-Aufklärer und mehrere Tankflugzeuge zerstört. Die Botschaft in Saudi-Arabien wurde schwer beschädigt bis zerstört, ebenso Stützpunkte in Abu Dhabi und Kuwait sowie ein Radar im Wert von 1 Milliarde auf dem Stützpunkt der 5. US-Flotte in Bahrain.
Die israelische und die US-Luftwaffe haben durchgehend Luftüberlegenheit. Das hat das iranische Militär allerdings nicht daran gehindert, aus mobilen und gut geschützten Stellungen die eigenen Offensivwaffen – Drohnen und ballistische Raketen in hoher Zahl – einzusetzen. Die iranischen Geschosse zielen nicht auf die angreifenden Militäreinheiten, sondern treffen drei Arten von Zielen: 1. Gegnerische Basen, Radars und Kommandozentralen; 2. Wirtschaftliche Ziele (Raffinerien, Wasserversorgung) 3. Zivile Ziele mit psychologischer Wirkung – Wohngebiete in Israel, Tourismus-Zonen am Golf. Basen und wirtschaftliche Ziele wurden punktgenau getroffen.
Der Beschuss mit Drohnen und ballistischen Raketen schafft in Israel und den Golfstaaten ein Abwehr-Dilemma. Die High-Tech-Geschosse der USA – Patriot und THAAD am Boden, Aegis auf Schiffen – kosten mehrere Millionen Dollar pro Stück, die iranischen Shahed-Drohnen zwischen 30.000 und 50.000. Eine Abfangrakete muss technisch komplexer sein als das Geschoss, was sie treffen soll, sie ist quasi eine Patrone, die eine Patrone treffen soll. Pro angreifendem Geschoss kann mit drei benötigten Abfangraketen gerechnet werden.
Die USA und Israel waren nicht auf den extremen Verbrauch des Krieges vorbereitet und können die Produktion nicht so kurzfristig ankurbeln, dass die Bestände sofort aufgefüllt werden. Das Hochfahren der Rüstungsproduktion ist heute ein komplexerer Prozess als z.B. im 2. Weltkrieg. Das ist Ausdruck der veränderten organischen Zusammensetzung des Kapitals im Krieg und in der Rüstungsproduktion. Sowohl Soldat*innen als auch Massenarbeiter*innen spielen eine geringere Rolle. Eine Ausweitung der Produktion von High-Tech-Waffen oder sogar die Einrichtung neuer Fabriken erfordern enorme Investitionen sowie die Bereitstellung nicht nur einfacher Rohstoffe (Stahl, Kohle), sondern einer Bandbreite z.T. sehr umkämpfter Rohstoffe (Lithium usw., seltene Erden), entwickelte Zwischenprodukte wie Computertechnik sowie konzentriertes Wissen und Können verwissenschaftlichter Arbeit.
Vernichtungsdrohung
Die Drohung des US-Präsidenten, die iranische Zivilisation zu vernichten („A whole civilization will die tonight, never to be brought back again.”), wurde auch von deutschen Medien als Übertreibung abgetan, als typische Trumpsche Pöbelei, bestenfalls noch als Ausdruck dessen fortschreitenden Wahnsinns. Doch eine Atommacht, die von der Auslöschung einer Zivilisation redet, droht implizit mit dem Einsatz von Nuklearwaffen. Mit der Auslöschungsdrohung hat das US-Regime eine Grenze überschritten und den Einsatz von Massenvernichtungswaffen in kommenden Konflikten wahrscheinlicher gemacht.
Die Konkurrenten des US-Imperialismus werden Schlussfolgerungen aus dessen Schwächen und ebenso aus dessen Bereitschaft zu ungehemmten Massenmord ziehen. Der Iran-Krieg läutet damit eine neue Stufe des weltweiten Wettrüstens ein. Es ist offensichtlich, dass Satelliten und Aufklärung, Drohnen und ballistische Raketen, land- und seegestützt, Elemente dieser Aufrüstung sein werden.
Das Dilemma, dass Abwehrraketen teuer und aufwändig sind, Angriffswaffen relativ simpel, wird dazu führen, dass viele Länder darauf setzen, den potenziellen Gegner bei den offensiven Raketen und Drohnen zu übertreffen, um ihm immer einen größeren Schaden zuzufügen als man selbst erleidet.
Die Blockade der Straße von Hormuz sendet, selbst wenn sie bald aufgehoben würde, Schockwellen durch die globale Ökonomie, stürzt Dutzende Millionen Menschen in Armut, führt zur Verknappung von Energie, Dünge- und Lebensmitteln. Handelsrouten und deren Blockaden werden immer wichtiger. Die großen Mächte USA und China sind militärisch nicht zu erobern. Eine Invasion zu Land ist ohne einen vorherigen inneren politischen und sozialen Kollaps dieser Länder nicht denkbar. Das gilt auch für Russland. Eine Konfrontation zwischen China und den USA würde sich im Raum zwischen Indien und Hawaii abspielen. Die Bedeutung der Straße von Hormuz und des Bab-Al-Mandab zwischen Jemen und Dschibuti verblasst gegenüber der Straße von Malakka zwischen Malaysia und Indonesien, durch die ein großer Teil des Welthandels läuft. Der indopazifische Raum besteht aus einer Meerenge neben der nächsten.
Im Schatten des Krieges
Im Schatten des Krieges hat das israelische Kabinett den Bau 34 neuer Siedlungen im Westjordanland genehmigt, die größte Ausbaustufe bisher. Der faschistische Finanzminister Smotrich nannte dies die „Zerschlagung der Idee eines palästinensischen Staates“. Um diese Eroberung abzusichern, hat das israelische Parlament die Todesstrafe nur für Palästinenser*innen eingeführt, die in Westbank durch Militärgerichte verhängt wird.
In Gaza baut die Besatzungsarmee ihre Stellungen aus und schafft die Voraussetzungen für eine Landnahme durch extremistischer Siedler*innen. Seit der „Waffenruhe” im Oktober 2025 hat die israelische Besatzungsarmee mehr als 750 Menschen in Gaza getötet. Während im Iran bis Mitte April rund 4000 Menschen durch das Bombardement umgebracht wurden, starben im deutlich kleineren Libanon 2200 Menschen. Durch die Besetzung des in mehrere Zonen eingeteilten Südlibanons durch die israelische Armee werden tausende Libanes*innen vertrieben. Als für den Iran schon ein Waffenstillstand galt, führte die israelische Armee am 8. April einen Großangriff durch und tötete 300 Menschen in Wohngebieten in Beirut und vielen anderen Zielen.
Internationale Antikriegsbewegung
Die „No-Kings”-Proteste am 28. März in den USA waren riesig. Bei 3000 Demonstrationen in allen Bundesstaaten gingen rund 5 Millionen auf die Straße. Sie richteten sich auch gegen den Krieg, basieren aber vor allem auf der Opposition gegen Rassismus, die Repression durch ICE sowie gegen die Manipulation der kommenden Wahlen.
In anderen Ländern waren die Proteste gegen den Iran-Krieg klein und nicht vergleichbar mit den Massenbewegungen gegen die Irak-Kriege 1991 und 2003 oder der Solidarität mit Gaza seit 2023. Große Teile der Jugend und der Arbeiter*innenklasse weltweit scheinen geschockt und gelähmt. Das wird dadurch verstärkt, dass die Organisationen der Arbeiter*innenbewegung auf Tauchstation sind. Von den Gewerkschaften in Deutschland und vielen Ländern ist nichts zu hören. Linke Parteien mobilisieren ihre Mitglieder nicht, haben in einigen Fällen nicht einmal eine klare Position gegen den Krieg.
Die imperialistischen Mächte und Lager steuern auf mehr Konfrontationen zu. Schon im Vorfeld werden die Arbeitenden und Armen mit der Zerschlagung sozialer Leistungen und sinkenden Lebensstandards bezahlen. Die Arbeiter*innenklasse ist die einzige Kraft, die Kriege verhindern kann – indem sie Waffenproduktion und -transporte bestreikt, indem sie Arbeiter*innen und Jugendliche organisiert, die sich weigern, als Soldat*innen in den Krieg zu ziehen. Und indem sie für Alternativen zum kapitalistischen Konkurrenzsystem kämpft, das den Krieg in sich trägt wie die Wolke den Regen. In Deutschland ist der konkrete Ansatz die Bewegung gegen die Wehrpflicht. Zehntausende Jugendliche haben dagegen protestiert, in den kommenden Kriegen eingesetzt zu werden.

