Social Media schafft neue Räume und Möglichkeiten in denen sich gesellschaftliche Probleme verstärken können: Mobbing, Grooming, digitale sexuelle Gewalt, permanenter Druck zu Optimierung, „Schönheit” und Schlanksein usw. Nach Schätzungen sind jährlich zwei Millionen Kinder und Jugendliche von Cybermobbing durch Gleichaltrige betroffen, viele im Alter von 14-15 Jahren, oft auf Insta und auf Tiktok. SPD und CDU/CSU sowie das EU-Parlament diskutieren ein Verbot für U14 oder U16, wie es bereits in Australien eingeführt wurde.
Von Claus Ludwig, Köln
Auf den ersten Blick mag es sinnvoll erscheinen, im Rahmen des Jugendschutzes Kinder und Jugendliche vor gewalttätigen, manipulativen und pornografischen Inhalten zu schützen. Viele Eltern und Pädagog*innen hoffen, dass ein erzwungener Verzicht dabei hilft, den Druck der Likes zu verringern, das Selbstwertgefühl junger Menschen zu stärken und soziale Isolation zu verringern. Doch das greift zu kurz: ein Verbot würde diese Probleme kaum abmildern und neue schaffen. In Social Media bildet sich konzentriert und durch die Algorithmen verstärkt ab, was in der Gesellschaft nicht stimmt.
Medium, nicht die Ursache
Mobbing ist Produkt einer auf Konkurrenz basierenden Gesellschaft und von Defiziten im Bildungssystem. Es findet nicht nur auf den Social Media-Plattformen statt, sondern auf Spiele-Plattformen oder im Nahbereich, zum Beispiel in Klassenchats bei Signal, Whatsapp oder schulischen Kanälen wie MS Teams.
Apps wie Tiktok und Insta haben perfide und wirksame Mechanismen, um die User an das Smartphone zu fesseln, Anpassungsdruck und Überforderung zu eskalieren, aber sie sind nicht deren Ursache. Soziale Isolation kann durch Social Media verstärkt werden, doch der Anstieg psychischer Erkrankungen hat nicht mit Tiktok begonnen, sondern mit den Zukunftsaussichten der Jugend, die in einer von der Klimakatastrophe und neuen Kriegen bedrohten Zukunft aufwächst, in der die Heuchelei der Regierenden offensichtlich ist, verstärkt durch die für viele traumatische Erfahrung der Pandemie. Zukunftsängste entstehen nicht durch zu viele Reels, sondern auf einer realen Grundlage.
Gleichzeitig kürzen Kommunen Breitensport, Freizeitangebote und Schwimmbäder. Clubs und Kneipen sind für viele Jugendliche Ü16 nicht bezahlbar, soziale Isolation ist für Kinder erwerbsloser oder gering verdienender Familien eine materielle Realität.
Das Recht auf Widerspruch
Die in der Debatte oft vermittelte eindimensionale Vorstellung, „die Jugendlichen hängen nur am Smartphone” und machen damit überwiegend sinnlose und geisttötende Dinge, entspricht nicht der Realität. Auch Jugendliche U16 setzen Social Media und Chats für sinnvolle Kommunikation ein, für schulischen Austausch, die Organisierung von Sport und Freizeit, für Tipps für Rezepte und DIY-Projekte. Bestehende soziale Isolation kann durch Social Media auch verringert werden. Die Möglichkeiten sozialer Kontakte werden erhöht und sichere kommunikative Räume für diskriminierte Gruppen geschaffen.
Dazu kommt, dass die Plattformen für Jugendliche ein wichtiges Medium sind, sich zu informieren, Ideen auszutauschen und zu diskutieren. Auf Insta oder Tiktok sind sie nicht nur mit Brainrot verursachenden Dopamin-Kicks konfrontiert, sondern auch mit politischen Ideen und Debatten.
Seit dem Beginn des Gaza-Krieges bis heute verfälschen die bürgerlichen Medien – von Krawallblättern wie BILD bis zur „seriösen” Tagesschau – die Wirklichkeit. Sie informieren nicht, sondern agieren als Sprachrohr der israelischen Armee, machen aus dem Massenmord von Zivilist*innen „Beschuss von Hamas-Stellungen” und aus Vertreibung und Vernichtung „Evakuierung”. Viele Jugendliche informieren sich nicht mehr auf diesen Medien. Sie beziehen ihre Informationen aus Social Media, wo inzwischen Tausende User sachlich und kompetent über die Lage in Palästina und anderen Regionen der Welt informieren. Die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht wurden mit Hilfe von Social Media bekannt gemacht.
Insta, Podcastplattformen und Tiktok sind heute auch eine Gegenöffentlichkeit, die das Monopol der privaten Medienkonzerne und der von den etablierten Parteien kontrollierten öffentlich-rechtlichen Medien lockert. Ein Verbot der Nutzung von Social Media für U14 oder U16 wäre ein massiver Angriff auf die demokratische Teilhabe der Jugend.
Eine wirksame Überprüfung des Alters der User würde die Anonymität aller Nutzer*innen verringern und damit Jugendliche mehr Gefahren aussetzen. Die Computer-Zeitschrift ct berichtet: „Eine Studie fürs EU-Parlament kam zum Schluss, dass sich eine flächendeckende Altersverifikation in Demokratien kaum realisieren lasse, ohne elementare Freiheitsrechte zu gefährden.” Durch Ausweis- oder Gesichtsscan würden Klarnamen und biometrische sowie Adressdaten in die Hände der Tech-Konzerne und anderer geraten, die in ihrem Auftrag die Alterskontrollen durchführen. Ein solcher Datenschatz würde bei den Tech-Unternehmen früher oder später für KI-Training eingesetzt. Die Daten wären in den Händen von Leuten wie Elon Musk, auf dessen Plattform X die KI Grok die Erstellung und Verbreitung gewalttätiger pornografischer Deepfakes ermöglicht.
Tech-Konzerne entmachten
Kinder und Jugendliche gehen sehr unterschiedlich mit Social Media um. Während einige in Fallen tappen, nutzen andere die Medien für ihr Empowerment. Das bedeutet, dass die Medienkompetenz über die Schulen verstärkt werden muss. Jugendliche können lernen, das Smartphone als Tool einzusetzen, anstatt nur zu konsumieren. Jugendliche müssen wissen, wie sie schnell Hilfe bekommen, wenn sie Übergriffe erleben – in den Medien und im real life.
Der Vorschlag des Verbots von Social Media für Jugendliche ist Ausdruck davon, dass die etablierten Parteien nicht bereit sind, Maßnahmen gegen Konzerne wie Meta zu ergreifen. Nötig wären: Verbot von Deepfakes, klare Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte, Offenlegung der Algorithmen, Schaffung offener Standards, um Usern den Wechsel zwischen den Plattformen zu erlauben, Haftung für Verbreitung strafbarer Inhalte, Zwang zum Zulassen externer Links auf allen Plattformen. Die Macht von Meta und Co. muss zerschlagen werden. Wenn die Konzerne sich nicht an die Regeln halten, müssen ihre Gelder und ihre Infrastruktur enteignet werden.
Öffentliche Finanzen müssen eingesetzt werden, um bei Social Media Alternativen auf der Basis von Open Source zu schaffen, die demokratisch durch die User kontrolliert werden, werbefrei sind und deren Geschäftsmodell nicht darauf beruht, Daten von User*innen zu verkaufen. Die Technologie von Chats und Social Media muss ein Teil der staatlich finanzierten kommunikativen Infrastruktur sein.

