Rojava in Gefahr

Rojava-Demonstration in Köln

Rojava, die autonome kurdisch verwaltete Region im Nordosten Syriens, ist bedroht. Die syrische Regierung von Präsident Al-Sharaa will die Autonomie beenden. Die kurdisch dominierte Armee SDF musste im Januar 2026 vor den heranrückenden Truppen der Regierung zurückweichen und einem Waffenstillstand zu ungünstigen Bedingungen zustimmen.

Von Claus Ludwig, Köln

Die USA hatten die kurdischen Milizen seit 2014 militärisch unterstützt, um das Vorrücken des sogenannten „Islamischen Staates” (IS) zu beenden. Im Dezember 2024 stürzte eine Koalition unter Führung der islamistischen Miliz Hajat Tahrir al-Scham (HTS) den Diktator Assad und ergriff die Macht in Syrien. Die HTS war aus der Al-Nusra-Front hervorgegangen, Ableger von El Kaida in Syrien. Ihr Anführer war der heutige Präsident unter dem Namen Al-Golani.

EU und USA ließen die Kurd*innen fallen. Die Regierung bekam seitens der USA das „Go” für die Offensive gegen kurdischen Stellungen, die diese innerhalb weniger Tage im Januar auf ihre Kerngebiete zurückdrängte. Die SDF musste die mehrheitlich arabischen Städte Raqqa und Deir-es-Zor aufgeben. Die kurdischen Truppen hatten große Internierungslager bewacht, in denen Kämpfer des IS und deren Angehörige inhaftiert waren. Diese Gefängnisse wurden durch die Regierungstruppen „befreit”, es ist offen, wie viele IS-Kämpfer entkommen konnten.

Ob es gelingt, Elemente der Autonomie und damit Frauenrechte und demokratische Errungenschaften  zu verteidigen, ist offen. Möglicherweise belässt es die syrische Regierung dabei, die Kurd*innen zurückzudrängen und unter Druck zu setzen. Es ist jedoch ebenso möglich, dass sie eine gewaltsame Repression in den kurdischen Gebieten ausübt und islamistische Truppen gegen die Bevölkerung vorgehen, wie es in den drusischen Gebieten um Suweida im Süden des Landes im Sommer 2025 passierte.

Der kurdischen Bewegung um die Partei PYD und die Milizen YPG dürfte klar gewesen sein, dass der US-Imperialismus kein verlässlicher Bündnispartner ist. Und doch hatten sie sich seit 2014 auf mehr eingelassen als nur auf pragmatische militärische Absprachen im Kampf gegen den IS. Sie ließen sich in die Strategie der USA einbinden und marschierten in arabisch dominierte Regionen ein, um die Islamist*innen zu vertreiben.

USA-Verrat absehbar

Angesichts der Schreckensherrschaft des IS ging das zeitweise gut, viele Araber*innen begrüßten die Ankunft der kurdischen Truppen zunächst als Befreiung. Es gelang den kurdischen Milizen YPG die SDF aufzubauen, eine Miliz auch mit arabischen Angehörigen. Die kurdische Bewegung stellte sich stets gegen religiöse und nationale Unterdrückung und plädierte für das friedliche Zusammenleben. Doch die Umsetzung hakte. Rojava selbst hatte und hat zwar verteidigenswerte demokratische Elemente, doch es handelte sich nie um eine sozialistische Rätedemokratie, eher um die Herrschaft der PYD auf der Basis einer im wesentlichen von kleiner Privatwirtschaft geprägten Ökonomie. Vereinzelt gibt es überwiegend agrarische Kollektive, in denen Selbstverwaltung ausgeübt wird. 

Die Ausdehnung Richtung Raqqa folgte einerseits der Logik des US-Militärs, andererseits ergab sich für Rojava daraus die Möglichkeit, mehr Ölquellen unter Kontrolle zu bringen. In den kurdisch bewohnten Gebieten selbst ist die wirtschaftliche Basis extrem schwach.

Trotz aller Ansätze gelang es nicht, eine wirklich multiethnische Bewegung der Arbeiter*innen und der Armen in Nordsyrien aufzubauen. Auch die SDF sind klar kurdisch dominiert. Das Misstrauen vieler Araber*innen blieb, verstärkt durch die kurdische Kooperation mit dem US-Militär. Im Januar 2026 begrüßten viele Araber*innen das Zurückdrängen der kurdischen Einheiten.

Demokratische Autonomie

Die kurdische Bewegung, die sich um die in der Türkei gegründete PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) gruppiert, war in den letzten 40 Jahren die stärkste kontinuierlich aktive linke Bewegung in der Region, ist jedoch aktuell in einer schwierigen Situation. Mit Rojava ist ihre Hochburg bedroht. Im Iran leidet die kurdische Bevölkerung unter der gewaltsamen Unterdrückung des Mullah-Regimes. In der Türkei hält die Repression gegen die kurdische Bewegung an. Allerdings ist sie zentraler Bestandteil der linken DEM Parti und erzielt bei Wahlen rund 10%. Im Nordirak haben kurdische Einheiten ein Rückzugsgebiet.

Der seit 1999 in einem türkischen Gefängnis sitzende PKK-Gründer Abdullah „Apo” Öcalan hat die Perspektive, einen kurdischen Nationalstaat zu errichten, für überholt erklärt. Er entwickelte das Konzept der „Demokratischen Autonomie”. Die Kurd*innen sollten im Rahmen der bestehenden Staaten Syrien, Türkei, Iran und Irak demokratische, kommunale Strukturen schaffen. Es sollte eine Art Koexistenz dieser kommunalen Demokratie mit autoritären, kapitalistischen Staaten geben. Das war Öcalans Reaktion auf die Sackgasse, in die die PKK mit ihrem bewaffneten Aufstand und Guerilla-Krieg im Südosten der Türkei geraten war. 

„Die Alternative zum Staat ist die Demokratie”, so einer seiner zentralen Sätze. Staat und Demokratie mögen Gegensätze sein, aber sie können nach Öcalans Auffassung koexistieren, es gehe „nicht um Konfrontation“, sondern um „paralleles Handeln“. Eine Ausweitung der Demokratie würde den Staat einschränken, es könne „Kompromisse“ zwischen beiden geben. Dabei würde sich die „Möglichkeiten für Freiheit und Gleichheit vergrößern“. 

Apo geht demnach davon aus, dass ein destruktives kapitalistisches System samt seinem repressivem Staat weiter existiert, dass aber durch die Ausweitung „der Demokratie“ dessen gewalttätiger und unterdrückerischer Charakter immer mehr schwindet und überwunden werden kann. Er plädiert dafür, dass sich die Unterdrückten organisieren, eine Art zivilgesellschaftlicher Gegenmacht aufbauen und so einen Druck erzeugen, Kompromisse mit den Herrschenden zu erreichen.

Es war richtig, die Strategie der PKK kritisch zu bilanzieren, doch das Konzept Demokratische Autonomie ist inzwischen in der Krise. In Rojava wurde es am klarsten umgesetzt. Doch der Spielraum dafür entstand vor allem, weil der syrische Staat schwach und gespalten war. Das Assad-Regime hatte große Gebiete an den IS, diverse islamistische Milizen und auch die Kurd*innen verloren. Diese Situation existiert nicht mehr. Aktuell schafft die Regierung Al-Sharaa mit westlicher und türkischer Hilfe einen autoritären, arabisch dominierten Zentralstaat und lehnt die Koexistenz der kurdischen Selbstverwaltung ab.

Krise der kurdischen Bewegung

In der neuen Phase der imperialistischen Konfrontation zeigt sich, dass sich die bestehenden Nationalstaaten auf kapitalistischer Grundlage nicht „zivilisieren” lassen. Der Spielraum für demokratische Rechte für Arbeiter*innen, Frauen und ethnische Minderheiten schrumpft. Die Strategie der kurdischen Bewegung, zwischen den verschiedenen Mächten zu lavieren, pragmatische Bündnisse zu schließen und auf Koexistenz mit lokalen Machthabern und imperialistischen Staaten zu setzen, ist an ihre Grenzen geraten.

Der lang anhaltende Guerilla-Krieg war tatsächlich eine Sackgasse. Ein vor allem militärisch geprägter Kampf wird nicht die Befreiung bringen. Richtig war jedoch das Ziel der PKK, ein freies, sozialistisches Kurdistan zu erkämpfen. Daran gilt es anzuknüpfen. Frieden und Freiheit wird es nur durch die sozialistische Umgestaltung geben. Dies kann nicht abgekapselt in den jeweiligen Staaten erfolgen, der kurdische Kampf ist unvermeidbar ein internationaler Kampf.

Die kurdische Bewegung hat noch immer ein großes Potenzial von Hunderttausenden Kämpfer*innen für eine andere Gesellschaft und ist damit ein Leuchtfeuer für Revolutionär*innen weltweit. Dieses Potenzial ist erneut bedroht. Die kurdische Bewegung und die Linke in der Region brauchen eine kritische Diskussion über die im Kern sozialdemokratisch-reformerischen bzw. anarchistischen Ideen von Öcalan. Diese führen nicht die Bewegung nicht aus der Krise, ebenso wenig wie der militärisch dominierte Guerilla-Krieg mit seiner maoistischen Ideologie.

Die kurdische Bewegung braucht eine Neuorientierung hin zum Klassenkampf, hin zu einer Perspektive eines freien und sozialistischen Kurdistans als Teil eines demokratischen, freiwilligen Staatenbundes in Westasien. 

Um Fortschritte in diese Richtung zu erreichen, ist es nötig, eine Strategie der religions- und länderübergreifenden Einheit der arbeitenden Klasse und der Armen zu entwickeln. Ansätze dafür gibt es in Rojava, vor allem mit der Betonung auf die feministische Revolution der am stärksten unterdrückten Schicht der Arbeiter*innenklasse in der Region. Ansätze dafür gibt es in der Türkei mit dem Aufbau der DEM Parti und dem Bündnis mit anderen Teilen der türkischen Linken. Ansätze dafür gab es in der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit” im Iran 2022.