Paul Krugman

Print Friendly, PDF & Email

von Lorenz Blume

 
In Sozialdemokratie und Gewerkschaften werden die Ideen des amerikanischen Ökonomen Paul Krugman schon seit einigen Jahren heiß gehandelt. Oskar Lafontaine beispielsweise beruft sich in seinen Büchern und Reden immer wieder auf die wirtschaftspolitischen Vorschläge Krugmans. Wer ist Paul Krugman, was ist der Kern seiner Ideen und warum wird er von Teilen der SPD als Guru verehrt?
Paul Krugman, Jahrgang 1953, ist Professor für Ökonomie am elitären Massachusetts Institute of Technology. Nach seiner Promotion 1977 arbeitete er – nach eigenen Aussagen mit gemischten Gefühlen – ein Jahr für den Coun-cil of Economic Advisers unter Präsident Reagan. 1991 erhielt er die John-Bates-Clark-Medaille, die alle zwei Jahre an den besten Ökonomen unter Vierzig verliehen wird und Chancen auf einen späteren Nobelpreis eröffnet. 92 unterstützte er die Wahlkampagne Clintons und wurde als möglicher Vorsitzender des Council of Economic Advisers der Clinton-Regierung gehandelt. Sehr zu seiner Verärgerung ging dieser Posten jedoch an den von ihm ungeliebten Robert Reich.
Neben zahlreichen Aufsätzen in ökonomischen Fachzeitschriften wurde er vor allem durch seine für ein breiteres Publikum geschriebenen Bücher (The age of diminished expectations, 1989 und The return of depression economics, 1999) und seine wirtschaftspolitischen Kolumnen im Economist, Fortune und Slate bekannt.

„Finanzmärkte – Spielwiesen für Raubritter“

Inhaltlich zeichnen sich Krugmans Veröffentlichungen neben einer originellen, witzigen und oft polemischen Sprache, auf der sicherlich auch ein Teil seines Kultstatus beruht, vor allem dadurch aus, dass er sich nicht scheut, Probleme zu benennen, die von anderen bürgerlichen Ökonomen meist totgeschwiegen werden. So sorgte im Clinton-Wahlkampf vor allem seine Äußerung für Furore, dass in der Reagan-Ära 70 Prozent des Wachstums des durchschnittlichen Familieneinkommens nur dem reichsten Prozent aller Familien zugute kam (Incidents from my career, in: A. Heertje (Hrsg.): Makers of Modern Economics, 1995).
Er beschreibt die weltweiten Finanzmärkte als Spielwiese für Raubritter, auf denen es möglich ist, dass eine einzelne Person an einem Tag 4 Milliarden Dollar verspekuliert (wie zum Beispiel ein Angestellter der Sumitomo Corp. mit Kupferanleihen) und macht diese Spekulationsblasen im gleichen Atemzug dafür verantwortlich, dass so wenig investiert wird und Arbeitslosigkeit entsteht (How copper came a cropper, in: Slate Magazin 7/15/96.).
Er weist darauf hin, dass die sogenannte „new economy“ (Informations- und Kommunikationswirtschaft), die nun von den Unternehmern nach dem Zusammenbruch der asiatischen Tigerstaaten als der neueste Beweis dafür, dass der Kapitalismus doch funktioniert, präsentiert wird, maximal zehn Prozent aller Arbeitsplätze stellen wird und man sich bloß nicht der Illusion hingeben sollte, es entstünden jetzt überall Silicon Valleys (Entertainment Values: Will Capitalism go Hollywood?, in: Slate Magazin 1/22/98).

Keynes und Staatseingriffe

So „rebellisch“ seine Fragestellungen und Problembeschreibungen auch sein mögen, schon seine Erklärung der Ursachen derselben macht deutlich, dass Krugman sehr auf seine Reputation als bürgerlicher Ökonom bedacht und alles andere als systemkritisch ist. Den Marxismus verachtet er und überhäuft ihn mit Hohn und Spott. Er ist ein glühender Anhänger von John Maynard Keynes, dem britischen Ökonom, der zwar ein teilweises Versagen der Marktwirtschaft zugesteht, aber der Idee anhängt, dass dieses Versagen durch intelligente Eingriffe des Staates zu beheben sei.
Krugman sieht dieses Marktversagen im wesentlichen darin, dass zwischen den Unternehmen unvollständige oder monopolistische Konkurrenz herrscht und diese nicht mit konstanten Skalenerträgen sondern steigenden Skalenerträgen rechnen können, das heißt, mehr von einem Produkt zu produzieren bringt überproportional mehr Erträge. So erklärt er auch, warum der Großteil des Handels heute nicht mehr zwischen Entwicklungs- und Industrieländern stattfindet, wie es eigentlich nach der auf Ricardo zurückgehenden klassischen Theorie komparativer Vorteile (Länder mit arbeitsintensiver Produktion handeln mit kapitalintensiv produzierenden Ländern) sein müsste, sondern zwischen den Industrieländern. Krugman gilt als Mitbegründer der „Neuen Handelstheorie“. Mit dem gleichen Konzept steigender Skalenerträge und monopolistischer Konkurrenz erklärt er auch die Entstehung von Städten und das Auseinanderdriften armer und reicher Regionen.
Von einer Anarchie des Marktes will Krugman allerdings nichts wissen. Bei ihm gibt es zwar kein allgemeines Marktgleichgewicht, keine unsichtbare Hand, die alles zur Besten regelt, wie es sich die neoliberalen Ökonomen vorstellen, allerdings immerhin multiple Gleichgewichte, die natürlich alles unbestimmter und komplexer werden lassen (und auch den historischen Zufall als entscheidende Größe mitberücksichtigen müssen), aber den Kapitalismus abschaffen, muss man deshalb noch lange nicht.

Zinspolitik

Seine wirtschaftspolitischen Vorschläge beschränken sich dementsprechend – wiederum ganz im Sinne von Keynes – darauf, bürgerlichen Politikern Tipps zu geben, wie sie den Kapitalismus besser managen können.
Im Spektrum des Keynesianismus befindet er sich dann sogar eher auf dem rechten als auf dem linken Flügel. So unterstützt er aus dem keynesianischen Instrumentekasten vor allem das Instrument der Zinssenkungen in wirtschaftlichen Abschwungphasen, um Investitionen zu verbilligen. Die Ausweitung der Staatsquote, aktive Arbeitsmarktpolitik oder die Schaffung eines öffentlichen Beschäftigungssektors – alles Forderungen linker Keynesianer – lehnt er dagegen vehement ab (Warum brauchen wir einen anderen Arbeitsmarkt, Prof. Krugman?, in: FAZ-Beilage Nr. 956). Zur Eindämmung der Währungsspekulation plädiert er wie Oskar Lafontaine für feste Wechselkurszielzonen, die Arbeitslosigkeit will er durch mehr Bildung und eine lockere Geldpolitik bekämpfen, sozialpolitisch befürwortet er die Idee von Lohnsubventionen.

Den Kapitalismus besser managen?

Da Krugman den Kapitalismus nicht beseitigen sondern nur „verbessern“ will, arrangiert er sich schon mal mit den unveränderbaren Symptomen des Kapitalismus. Er ist ein fanatischer Anhänger der Freihandelstheorie und steht auch der Globalisierung eher unkritisch gegenüber. Schlechte Jobs sind für ihn besser als keine. Dass in Supermärkten viele Helfer existieren, die für die Kunden die Tüten packen, findet er ein gutes Zeichen.
Für Deutschland schlägt er im wesentlichen drei Dinge vor: die Bundesbank auffordern, die Zinsen zu senken, mehr in Bildung investieren und die Sozialsysteme deregulieren. „Wenn man auf dem europäischen Kontinent nach einem Modell sucht, dem man nacheifern will, wäre es vielleicht ergiebiger, nicht nach Nordamerika, sondern nach Großbritannien zu schauen (Warum ist Amerika ein gutes Vorbild, Professor Krugman?, in: FAZ-Beilage Nr. 957)“. Er ist sich zwar nicht so sicher, ob die Deutschen eine Politik a’la Thatcher haben wollen, aber es könnte ja auch eine Art Zwischenlösung geben, so eine Art moderaten Thatcherismus.
Kein Wunder, dass Krugman mit diesen wirtschaftspolitischen Vorschlägen ein offenes Ohr in den Reihen der Sozialdemokratie findet, die händeringend nach einer Rechtfertigung für ihre Politik des Sozialabbaus sucht, aber bitte schön in fortschrittlicher Verpackung.