Sechs mal größer als die Brände im Amazonas

Interview mit einem australischem Aktivisten

Wir sprachen am 4. Januar mit JEREMY TROTT, aktiv in der Klimabewegung in Melbourne und Mitglied von Socialist Action, der Schwesterorganisation der SAV in Australien. 

Die Brände in Australien sind die schlimmsten seit Jahrzehnten. Viele haben das Bild des Kindes mit Gasmaske gesehen, das in einem Boot vor einem rot-schwarzen Himmel sitzt und auf seine Evakuierung wartet. Kannst Du die Dimension dieser Katastrophe beschreiben?

Die Dimension dieser Katastrophe ist kaum zu begreifen. Das verbrannte Gebiet ist bereits sechsmal größer als die Brände im Amazonasgebiet im letzten Jahr. Mehr als ein Dutzend Menschen sind gestorben. In Canberra ist mitten in der Stadt, weit weg von den Feuern, eine Frau an den Folgen einer Rauchvergiftung gestorben. Dies ist das erste Mal, dass die Brände in Australien alle Bundesstaaten gleichzeitig betreffen. Buschfeuer sind seit jeher ein Teil der australischen Ökologie und der Sommer ist traditionell Feuersaison, aber diesmal von einem bisher ungekannten Ausmaß. Der Klimawandel hat viel zur Intensität und Dauer der Feuersaison beigetragen. Die Feuer sind so groß, dass die Meteorologen nicht mehr vorhersagen können, aus welcher Richtung der Wind wehen wird, weil die Brände aufgrund der Dichte der in die Atmosphäre freigesetzten Stoffe ihr eigenes Wetter erzeugen. Du hast das Bild dieses Kindes mit Gesichtsmaske in Mallacoota erwähnt – wir erleben derzeit die größte Evakuierungswelle in der australischen Geschichte, noch nie zuvor mussten Menschen in so großem Umfang vor Buschbränden fliehen. 

Wie viele Menschen mussten evakuiert werden?

Dies ist eine humanitäre Krise. Die Evakuierungszone umfasst den Großteil der südlichen Küste von New South Wales und weite Teile des Ostens Victorias. Schnellstraßen sind von Autokolonnen blockiert. In vielen Orten gibt es kein Benzin oder andere grundlegende Güter mehr. In Mallacoota zieht sich die Evakuierung der vor dem Feuer an den Strand geflüchteten 4000 Bewohner*innen schon seit Silvester hin. Das Marineschiff, welches zuerst vor Ort sein konnte, hat für die Rettung der ersten 1000 Menschen drei Tage gebraucht. Die Feuer sind nun nach Tagen an Mallacoota vorbeigezogen und die Menschen beginnen mit der Schadenserfassung. Zehntausende warten in anderen Teilen von Victoria und New South Wales noch auf die Evakuierung. Viele können aus verschiedenen Gründen jedoch nicht gehen, zum Beispiel weil sie große Tierherden vor den Flammen zu verteidigen versuchen.

Neben den Menschen, die unmittelbar von den Feuern bedroht sind, sind auch einige der größten australischen Städte von starkem Rauch betroffen. Kommt es oft vor, dass Städte wie Sydney von den Buschbränden beeinträchtigt werden?

Diese Feuer sind einzigartig, weil sie unmöglich zu ignorieren sind. Es gab schon früher verheerende Buschfeuer in Australien, zum Beispiel vor zehn Jahren in Victoria, die Black Saturday Brände. An diesem Tag war Melbourne in Rauch gehüllt, wegen der starken Buschfeuer in der Region. Nach zwei oder drei Tagen entspannte sich die Situation und das Leben in der Innenstadt lief wieder normal. Dieses Mal sind Sydney und Canberra schon seit Wochen in Rauch gehüllt. Der Rauch ist so stark, dass er in der Innenstadt in Häusern Feueralarme ausgelöst. Hunderte von Büros mussten geräumt werden. Eine Situation, die hier viel durch die Medien ging, war der Moment, als der Premierminister Scott Morrison eine Pressekonferenz über von ihm angestrebten diskriminierenden Gesetze zu “Religionsfreiheit” hielt – das Thema Buschfeuer vermied er völlig – und die Pressekonferenz abgebrochen werden musste, weil von draußen Rauch in den Raum drang. 

In der Vergangenheit waren Buschfeuer etwas, worüber sich Menschen in ländlichen Gebieten Sorgen machen mussten. Jetzt sind die Großstädte direkt betroffen. Die Brände sind immer schwerer zu kontrollieren. Vor zwei Tagen gab es einen Brand in einem Stadtteil von Melbourne, rund vierzig Minuten Fahrzeit von der Innenstadt entfernt. Die Menschen, die in traditionell als sicher geltenden Gebieten leben, erkennen nun, dass sie nicht sicher sind, was eine neue und sehr beängstigende Entwicklung ist. Es wirft Fragen auf.  Wo können Menschen überhaupt noch sicher wohnen? Der erwähnte Brand konnte relativ schnell eingedämmt werden und es sind wenige Häuser zerstört worden, weil er so gut erreichbar war für für die Rettungskräfte. Andere haben weniger Glück.

Internationale Verbreitung fand ein Video, in dem Scott Morrison von Anwohnern einer Kleinstadt beschimpft wird, die sagten, dass sie nur vier Löschwagen haben, um ihren Ort gegen Bränden zu verteidigen. Hätten die Ausmaße dieser Katastrophe verhindert werden können und was ist die politische Dimension der Buschbrände?

Die Eskalation der Buschfeuer ist in gewissem Maße eine unvermeidliche Folge der extremen Wetterbedingungen, die durch den Klimawandel entstanden sind, aber das Ausmaß der Katastrophe hätte durchaus begrenzt werden können. Die Reaktion der Regierung hat die Menschen maßlos enttäuscht und empört. Wissenschaftler*innen in Australien warnen schon seit langem davor, dass uns diese Zustände bald bevorstehen. Zum Beispiel veröffentlichte die Commonwealth Scientific Industrial Research Organisation 2009 einen Bericht, in dem sie davor warnte, dass die extreme Brandgefahr bis 2020 um 65% steigen könnte. Die Regierung hat diesen Bericht ignoriert. 

In Australien wird die Brandbekämpfung auf dem Land fast ausschließlich von Freiwilligen Feuerwehren durchgeführt, die massiv unterfinanziert sind und deren Budgets in den letzten Jahren teilweise noch gekürzt wurden. Sie teilen sich Hubschrauber zur Feuerbekämpfung zwischen Staaten und auch mit den USA. Die Löschflugzeuge werden zwischen den Feuer-Saisons hin und her gereicht. Nun wird durch den Klimawandel die Waldbrandsaison überall länger und während die Löschflugzeuge noch in Kalifornien eingesetzt wurden, begann es bereits vielerorts in Australien zu brennen. Tatsächlich wurde die Regierung auch davor gewarnt. Die Regierung hätte genügend Zeit gehabt, sich auf diese Situation vorzubereiten. Stattdessen gab sie Milliarden von Dollar für Dinge wie neue U-Boote für die Marine aus.

Die australische Regierung ist in der Hand der Kohleindustrie, diese erhält jährlich 29 Milliarden australische Dollar an Subventionen. Der konservative Premierminister Scott Morrison ist als Klimawandel-Leugner bekannt. Jetzt ist er mit breiter Kritik konfrontiert, wegen seines Umgangs mit der Feuerkrise. Wie äußert sich das? 

Ja, Scott Morrison ist seit Jahren ein Verfechter der Kohleindustrie. Australien ist der weltgrößte Exporteur von Kohle. Kohle macht 15% der australischen Exporte aus. Und die Kohleindustrie hat eine Menge Kontrolle über die beiden großen politischen Parteien und das gesamte politische Establishment. Heutzutage ist es für Scott Morrison nicht mehr so einfach, den Klimawandel vollständig zu leugnen, aber er leugnet stattdessen dessen Ausmaß. Der Klimawandel sei „nur ein Faktor“, der diese Buschfeuer beeinflusst. Was technisch gesehen wahr ist, aber viel über ihn und seine Regierung aussagt. Eine Sache die viele Menschen getroffen hat, war die Ignoranz der Regierung gegenüber wiederholten Aufrufen durch Rettungskräfte und öffentliche Personen, sich Diskussionen zu stellen, darüber wie der Klimawandel zu den Feuern beiträgt und was gegen die Brände unternommen werden muss. Das führte dazu, dass sich wichtige institutionelle Autoritäten offen gegen die Klimapolitik der Regierung ausgesprochen haben. Scott Morrison ist neben seiner Klimapolitik und seiner Einstellung zu Kohle auch wegen seines ignoranten Verhaltens in der gesamten Krise kritisiert worden. Das ist es, was die Menschen wirklich sauer macht. Die Regierung wurde aufgefordert, freiwillige Feuerwehrleute zu bezahlen, weil viele der Ehrenamtlichen (oft unbezahlten) Urlaub nehmen um in dieser Krise zu helfen. Arbeitslosen freiwilligen Feuerwehrleuten wurde das Arbeitslosengeld gestrichen, weil sie während ihrer Einsätze bei der Brandbekämpfung nicht ihren Auflagen nachkamen. Die offizielle Antwort der Regierung war: Freiwillige Feuerwehrleute sind doch gerne draußen bei Löscheinsätzen aktiv, und das war schon immer so, und sie hätten nicht vor, sie zu bezahlen. Unter Druck hat die Regierung nun sehr begrenzte Zahlungen zugesagt, aber immer noch völlig unzureichend.

Es gab im Dezember Proteste und kleinere Streiks in Sydney. Gibt es Potenzial für Gegenwehr? Werden Menschen durch diese Situation politisiert?

Ja unbedingt! Viele Leute, die ich persönlich kenne, die bisher unpolitisch waren, äußern sich in den sozialen Medien über diese Krise und den Klimawandel. Die Leute ziehen sehr direkte Schlüsse über die Verantwortung der Regierung für die Krise. Hier nur einige Indikatoren, die zeigen, welche Form dies annimmt: In Sydney marschierten im Dezember 40.000 Menschen in einer Protestaktion und forderten Maßnahmen gegen den Klimawandel und die Finanzierung der Feuerwehr. Nationale Proteste sind nun für den 10. Januar geplant. Viele Millionen Dollar wurden für die Buschfeuerhilfe gespendet. Eine durch einen Prominenten organisierte Spendenaktion sammelte innerhalb 24 Stunden mehr als zehn Millionen Australische Dollar, die durchschnittliche Spende betrug 40 Dollar.

Das sagt viel aus über die Großzügigkeit der Menschen aus der Arbeiter*innenklasse. Das steht ganz im Gegensatz zu den Eigeninteressen der Regierung und der Unternehmen, die zu dieser Krise beigetragen haben. Das Potential für Gegenwehr ist enorm. Das Hauptproblem ist jedoch der Mangel an Führung, insbesondere von der organisierten Arbeiter*innenbewegung, von den Gewerkschaften. Es hat zwar in kleinem Umfang Arbeitsniederlegungen gegeben, aber sie waren wenig koordiniert. Das war Mitte Dezember, als die Luftqualität in Sydney schlechter war als in Neu-Dehli, der am stärksten verschmutzten Stadt der Welt. Gewerkschaften warnten, dass es unter diesen Bedingungen für die Arbeiter nicht sicher sei, im Freien zu arbeiten. Es gab eine Reihe von Arbeitsniederlegungen, vor allem von Hafenarbeiter*innen, Elektriker*innen und Bauarbeiter*innen. Einige gewerkschaftliche Basismitglieder hatten die Initiative ergriffen.

Ich denke, dass dies ein guter Anfang ist, aber es braucht koordinierte Mobilisierung durch die Gewerkschaften. Vielleicht ein stadtweiter, zentral organisierter Ausstand aller Beschäftigten, die im Freien arbeiten müssen. In Australien gibt es sehr restriktive Gewerkschaftsgesetze, und es ist illegal für Gewerkschaften außerhalb von Tarifverhandlungen (die nur alle drei bis fünf Jahre stattfinden) und abgesehen von sehr begrenzten Umständen zu Streikaktionen aufrufen. Darum geschahen diese Arbeitsniederlegungen im Rahmen des Arbeitsschutzes. Selbst dann wurden jedoch einige Hafenarbeiter*innen mit einer Geldstrafe belangt und ihr Arbeitgeber strich ihnen das Weihnachtsgeld dafür, dass sie an einem Tag, an dem die Stadt in Rauch eingehüllt war, aufgehört hatten zu arbeiten. Als Reaktion darauf hätten die Gewerkschaften Solidaritätsaktionen organisieren müssen. Aber soweit ich weiß, haben im neuen Jahr keinerlei Aktionen mehr stattgefunden.

Welche unmittelbaren Maßnahmen wären notwendig, um die Feuerkrise einzudämmen?

Das ist eine Frage, die teilweise schwer zu beantworten ist. Das Ausmaß der Feuer ist so enorm, dass einige von ihnen als unkontrollierbar eingestuft sind. Einige werden in unmittelbarer Zukunft nicht gelöscht werden können. Es geht also mehr um die Frage, wie möglichst viele Menschen sicher evakuiert werden können und darum möglichst viele bebaute Grundstücke zu schützen.

Ich denke, dringend notwendig ist es, Löschflugzeuge aus anderen Ländern her zu bringen. Die Regierung wurde außerdem dazu aufgefordert, die Kräfte, aber vor allem die logistischen Ressourcen der Armee für die Evakuierung einzusetzen. Viele Orte wurden auch von der Versorgung abgeschnitten. Versorgungszüge müssen eingesetzt werden, vor allem auch um Wasser in von Dürre betroffenen Orte zu bringen, die derzeit schon ihre Trinkwasservorräte zum Löschen verwenden. Die Feuerwehr muss ausgestattet und aufgebaut werden. Freiwillige Feuerwehrleute müssen bezahlt werden, damit mehr Leute es sich leisten können an den Einsätzen teilzunehmen. Mehr Feuerwehrleute müssen rekrutiert werden. Ich bin natürlich kein Experte, die Rettungsdienste können bestimmt noch mehr notwendige Maßnahmen nennen. Eines ist jedenfalls sicher, diese Feuer werden uns noch einige Monate, wahrscheinlich bis spät in den Herbst hinein beschäftigen. Auch wenn all die genannten Maßnahmen eingesetzt würden. Dennoch: Eine Regierung, die die Bekämpfung der Feuer als oberste Priorität ansehen würde, würde zum Beispiel sofort sämtlich Subventionen an die Kohl-Konzerne stoppen, ebenso sämtliche Rüstungsausgaben und das eingesparte Geld für Personal und Technik zur Bekämpfung der Brände und deren Folgen einsetzen.

Wie kann die Regierung dazu gebracht werden, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen?

Um ernsthafte Maßnahmen gegen die Buschfeuer zu erwirken muss immenser Druck auf die Regierung ausgeübt werden. Dies ist eine Regierung, die bereits gezeigt hat, dass sie sich nicht um die Menschen der Arbeiter*innenklasse schert. Sie kümmert sich nicht um die Folgen der Klimakrise und sie wird nicht handeln, bis sie durch eine massive landesweite Bewegung dazu gezwungen wird. Ich glaube, die Demonstration von 40.000 im Dezember in Sydney war ein sehr guter Anfang, auch die Arbeitsniederlegungen. Das ist etwas, das den Weg nach vorn weist und auf dem man aufbauen muss. Der Protest am 10. Januar wird hoffentlich sehr groß sein. Er sollte dann genutzt werden, um eine größere und besser organisierte Massenbewegung aufzubauen, welche die Schulstreikbewegung und Gewerkschaften zusammenbringt.

Was ich wirklich für notwendig halte, ist dass die kollektive Macht der Menschen aus der Arbeiter*innenklasse deutlich wird. Sie haben die Möglichkeit, die Wirtschaft stillzulegen. Ich denke, dass man so die Regierung dazu zwingen könnte, mehr Mittel bereitzustellen und zu beginnen, das Grundgerüst einer Nothilfe zu koordinieren, was schon vor Monaten hätte geschehen sollen. Aber letztendlich ist dies eine Krise, die nicht  innerhalb des Rahmens des Kapitalismus behoben werden kann. Wir wissen, dass der Klimawandel die Zustände nur verschlimmern wird. Wir werden wahrscheinlich in den nächsten Jahren, mit ähnlichen Bränden konfrontiert werden. Und diese Probleme werden eskalieren, wenn der Klimawandel zunimmt. Also müssen wir anfangen, nicht nur darüber zu reden, wie wir die Kohlendioxid-Emissionen Australiens reduzieren können.

Sozialistische Forderungen drängen sich hier auf: Wir müssen dafür kämpfen, die Kontrolle über die Kohle- und Ölindustrie zu erlangen. Das erfordert diesen Unternehmen in öffentliches Eigentum zu überführen, damit sie auf kürzestem Wege stillgelegt werden können, damit die Arbeiter umgeschult werden können, um in nachhaltigen Industrien arbeiten zu können, damit es einen schnellen Übergang zu erneuerbaren Energien geben kann, mit einem Energiesektor under Arbeiter*innenkontrolle und -verwaltung. Aber auch, damit wir mit der Transformation beginnen können, die für die Anpassung an den Klimawandel notwendig sein wird. Wir sind längst über den Punkt hinaus, über die vollständige Eindämmung des Klimawandels zu sprechen. Er findet gerade jetzt statt, und ich denke, es stellt sich die große Frage, welche Infrastruktur wir brauchen werden, um uns an die Herausforderungen, die der Klimawandel für uns schafft, anzupassen. Ich glaube, keine dieser Fragen ist einfach, und es wird eine große gesellschaftliche Debatte und eine demokratische Umstrukturierung der Wirtschaft erfordern, damit wir unsere Ressourcen so gut wie möglich einsetzen können, um uns so schnell wie es geht an diese massiven und beängstigenden Veränderungen anzupassen.

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