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1917: „… dass ein Tagelöhner Stadthauptmann, ein Schlosser Werkleiter wird“

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90 Jahre Russische Revolution

1917 ereignete sich in Russland das bislang weltbewegendste Ereignis in der Geschichte der Menschheit: Arbeiter- und Bauernmassen setzten ihrer Unterdrückung durch eine kleine Minderheit von Großgrundbesitzern und Kapitalisten ein Ende.


 

Die Russische Revolution bedeutete für die arbeitende Bevölkerung die Befreiung nicht nur von der Diktatur des Zaren, sondern auch von der Herrschaft von Großgrundbesitzern und Kapitalisten.

von Anne Engelhardt, Berlin

Kapitaleigner und Großgrundbesitzer hatten nach der Oktoberrevolution nichts mehr zu melden. Die arbeitenden Menschen waren gemeinsam mit der Bauernschaft am Ruder. Eine Rätedemokratie entstand. Funktionäre besaßen keine Privilegien mehr. Richter waren jederzeit wähl- und abwählbar.

Die gesellschaftliche Rolle der Frau änderte sich durch die Verteilung der Hausarbeit und Kinderbetreuung auf die gesamte Gesellschaft: So wurden Kantinen und Kinderkrippen eingerichtet.

Es gab unzählige Initiativen, die soziale Lage zu verbessern. Nur die damals vorherrschende Armut setzte dem Grenzen.

Von den 150 Millionen im russischen Reich lebenden Menschen gehörten 57 Prozent zur nichtrussischen Bevölkerung. Die verschiedenen Nationen, die unter dem Zarenregime gewaltsam unterdrückt wurden, konnten nach den Ereignissen im Oktober 1917 (das bezieht sich wie alle folgenden Daten auf den alten russischen Kalender) frei über ihre Zukunft verfügen.

In den folgenden Jahrzehnten wurde unter dem Stalinismus erneut ein System der Entmündigung der ArbeiterInnen und Bauern installiert. Die Sowjetunion brach Anfang der neunziger Jahre komplett zusammen. Seitdem herrscht nun wieder fast überall auf der Welt Kapitalismus. Heute klafft deshalb auch in Russland die Schere zwischen Arm und Reich – mit einer wachsenden Schicht von Milliardären, vor allem in Moskau – weiter denn je auseinander.

Trotzdem war die Menschheit dem Sozialismus noch nie so nah gewesen wie durch die Russische Revolution vor 90 Jahren.

Putsch oder Revolution?

Schaut man sich die bürgerlichen Tageszeitungen aus den Jahren während und nach der Russischen Revolution an, war dieses Ereignis ein Putsch. Sie hofften auf seine Zerschlagung in nur ein bis zwei Wochen durch ein Kosakenregiment.

Als diese Vorhersage nicht eintraf, gaben Tageszeitungen wie die New York Times Artikel über Lenin heraus, der Trotzki erschlagen haben soll oder Trotzki, der wiederum Lenin im Suff umgebracht hätte.

Schon diese willkürlichen Behauptungen in den Medien sprechen Bände für die Angst der herrschenden Klasse vor diesem Ereignis.

Das ist auch nicht verwunderlich, denn drei Monate nach der Russischen Revolution gingen zwei Drittel der IndustriearbeiterInnen in Berlin auf die Straße und forderten Frieden. 1917 war das dritte Jahr des Ersten Weltkrieges, des ersten imperialistische Krieges zur Neuaufteilung der Welt zwischen den führenden kapitalistischen Ländern.

Als der Sieg der Oktoberrevolution sich verbreitete, fingen deutsche Arbeiter in den Daimler-Werken an, die Produktion der Panzer zu sabotieren. BergarbeiterInnen in Wales umarmten sich vor Freude auf der Straße. Ermutigt durch die Russische Revolution lösten ArbeiterInnen weltweit eine Welle von Streiks und Protesten aus, die beispielsweise 1918 in Deutschland in die Novemberrevolution mündeten.

Die Behauptung der Herrschenden, dass es sich beim Oktober 1917 um einen Putsch gehandelt hätte, der in seiner logischen Kosequenz zu einer Diktatur der Bürokratie führte, bleibt hartnäckig bis heute aufrecht erhalten.

Ein Putsch wird als Verschwörung einer Minderheit zum Sturz einer Regierung – beziehungsweise zur Beseitigung eines politischen Regimes – verstanden. Eine Revolution ist dagegen die aktive Einmischung der Massen selbst. Genau das vollzog sich in Russland 1917. Millionen waren einbezogen bei Demonstrationen, Streiks und den Versammlungen der Räte. Die Übernahme der Fabriken beispielsweise wurde nach dem Oktober 1917 nicht von oben herab, sondern von den örtlichen Räten beschlossen.

Räte

Schon während der ersten Russischen Revolution 1905, die vom Zaren blutig niedergeschlagen worden war, hatte sich die russische Arbeiterklasse in Fabrikversammlungen ihre Vertretungen und Führung aus ihren eigenen Reihen gewählt. An den Versammlungen durfte sich jeder Arbeiter beteiligen. Für 500 Beschäftigte wurde ein Delegierter in den Rat gewählt, für 500 Gewerkschafter ebenfalls. Linke Parteien entsendeten Vertreter mit beratendem Stimmrecht.

Auf diese Form der demokratischen Selbstorganisation wurde 1917 wieder zurückgegriffen. Die Vertreter in den Räten konnten von den Versammlungen jederzeit wieder abgewählt und ersetzt werden und hatten selbst keinerlei Privilegien.

Die Räte breiteten sich nach der Februarrevolution innerhalb weniger Wochen im ganzen Land aus. Auch die Bauern organisierten sich in den Sowjets (russisch für „Räte“).

Doppelherrschaft

Landesweite Vertretung der Sowjets war der Sowjetkongress, der das Exekutivkomitee wählte. Es setzte sich zunächst mehrheitlich zusammen aus den Menschewiki, einer gemäßigten Arbeiterpartei, und den Sozialrevolutionären, einer Partei, die sich auf die Bauern stützte, sowie einer kleinen Minderheit – den Bolschewiki, dem marxistischen Flügel der russischen Arbeiterbewegung.

Mit der Februarrevolution wurde zwar die Macht des Zaren gebrochen, doch parallel zu den Sowjets bildete nun das alte Establishment die „Provisorische Regierung“, um ihre eigene Macht wieder zu stabilisieren und gegen die Räte und die Revolution ihre Interessen durchzusetzen. Dabei kooperierten sie mit den gemäßigten linken Parteien. Die politischen Repräsentanten der Herrschenden waren gezwungen, der Revolution zu applaudieren, auch wenn ihre Angst vor der Macht der Massen groß und ihre Interessen weiterhin grundsätzlich gegensätzlicher Natur waren.

Dadurch entstand eine Doppelherrschaft: Auf der einen Seite die Räte und mit ihnen die Interessen der ArbeiterInnen und Bauern und auf der anderen Seite die Provisorische Regierung, die von der Errichtung einer kapitalistischen Republik im westlichen Stil träumte.

Brot, Friede, Land – aber wie?

Russland war 1917 ein rückständiges Land. Die Arbeiterklasse stellte nur acht Prozent der Bevölkerung, während 80 Prozent der Menschen in meist ärmlichen Verhältnissen auf dem Lande lebten. Trotzdem hatte es, verspätet, eine Industrialisierung in den größeren Städten wie Petrograd und Moskau gegeben. Diese wurde jedoch nicht durch die schwache russische Kapitalistenklasse erreicht. Investiert wurde durch ausländische Kapitaleigner.

Während auf dem Land noch Produktionsweisen wie im 17. Jahrhundert vorherrschten, gab es in den Städten einzelne Fabriken mit modernster Technik. Ohne vorher Landstraßen zu bauen, entwickelte man in Russland schon ein Eisenbahnnetz.

Diese Widersprüche führten nicht zuletzt auch unter den Bolschewiki zu Unklarheit: Führende Mitglieder wie Kamenew, Sinowjew und Stalin unterstützten im März 1917 die Provisorische Regierung – eine kapitalistische Regierung.

Die bürgerliche Klasse selbst war viel zu schwach und zu verflochten mit den Großgrundbesitzern, als dass sie für die Landverteilung oder die Lösung der nationalen Frage eingestanden wäre. Sie waren auch zu feige, den Weg für eine bürgerliche parlamentarische Demokratie freizumachen. Die Provisorische Regierung ging keine dieser Aufgaben an. Auch der Krieg wurde nicht beendet. Viele Soldaten starben weiter an der Front. In Russland selber litt die Bevölkerung an Hungersnot. Vor den Läden standen lange Menschenschlangen nach Brot an.

Den ArbeiterInnen, Bauern und Soldaten blieb letztendlich nichts übrig, als selbst die kriegstreibenden und parasitären Herrschenden zu stürzen, denn es ging für sie um nichts anderes als ums Überleben – um „Brot, Friede, Land“, so der Slogan der Bolschewiki.

Lenins Aprilthesen

Am 3. April kam Wladimir Lenin aus dem Exil in Zürich nach Petrograd und trug einen Tag später seine so genannten Aprilthesen vor. Darin forderte er unter anderem, dass die kapitalistischen Minister aus der Regierung verschwinden müssten. Ferner trat er für die Losung „Alle Macht den Sowjets“ ein.

Lenin entwickelte die selbe Auffassung, die der russische Revolutionär Leo Trotzki schon seit 1905/1906 mit seiner Theorie der Permanenten Revolution vertreten hatte.

Lenin war auch vor 1917 dafür eingetreten, dass ArbeiterInnen und Bauern kein Vertrauen in die Bürgerlichen haben dürfen und unabhängig für ihre Interessen kämpfen müssen. Anders als Lenin hatte Trotzki aber schon nach der Revolution 1905 erkannt, dass die Bauern keine eigenständige Rolle spielen können, sondern entweder den Bürgerlichen oder der Arbeiterklasse folgen. Trotzki trat für eine Arbeiterregierung ein. Übernimmt aber die Arbeiterklasse – gestützt auf die benachteiligten Bauernmassen – die Macht, wird sie nicht bei den bürgerlichen Aufgaben wie der Durchführung der Landreform oder der Lösung der nationalen Frage stehenbleiben können. Sie wird, so Trotzki, nicht in die Betriebe zurückkehren und sich den kapitalistischen Interessen der Unternehmer unterordnen.

Und so geschah es auch nach der Oktoberrevolution: Die ArbeiterInnen verstaatlichten die Betriebe und Banken und bauten eine geplante Wirtschaft auf, die nicht die Anhäufung von Profiten, sondern die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen zum Ziel hatte.

Putschversuch von rechts

Doch zunächst versuchten die alten Herrschenden alles, um die Revolution zu stoppen und ihre Macht wieder herzustellen.

Im Juli 1917 war es den Bürgerlichen gelungen, die Arbeiterklasse massiv zu schwächen, indem sie Demonstrationen der Petrograder Bauernregimenter und der Beschäftigten für die Übernahme der Macht durch die Sowjets in Petrograd niederschlugen.

Die Bolschewiki klagte man an, im Auftrag Deutschlands Spionage und Sabotage zu betreiben. Sie wurden verboten und viele Mitglieder wurden verhaftet oder mussten fliehen, um der Verbannung nach Sibirien zu entgehen.

Während es die ArbeiterInnen und Bauern waren, die Demokratie verlangten und durch die Räte versuchten, sie durchzusetzen, waren es die Bürgerlichen, die sich letztendlich für Putschversuche und die Abschaffung der Demokratie einsetzten. Sie hielten an einer nichtgewählten Regierung fest und zögerten Wahlen immer wieder hinaus.

Kerenski von den Sozialrevolutionären hatte mittlerweile den Posten des Ministerpräsidenten erlangt. Er ernannte den General Kornilow zum Höchstkommadierenden, wissend, dass dieser einen Militärputsch plante.

Erst als Kerenski erfuhr, dass er ebenfalls gestürzt werden sollte, schreckte er vor den Plänen zurück und setzte Kornilow ab. Doch der Putschversuch im August konnte nur durch die Eisenbahner, die die Regimenter fehlleiteten und die Züge anhielten, und die Beschäftigten der Post und der Telegrafenämter, die Nachrichten Kornilows nicht weiterleiteten, vereitelt werden. Wichtig war zudem das Militärische Revolutionskommitee, das Delegationen zu den Regimentern Kornilows schickte, um sie von dem Putschversuch abzubringen.

Unter der arbeitenden Bevölkerung war nun das Vertrauen in die Regierung schlagartig gesunken. Die Bolschewiki gewannen dafür an Unterstützung. Das Verbot gegen sie musste aufgehoben werden.

In den Julitagen hatten die Bolschewiki gewarnt, nicht verfrüht einen Aufstand durchzuführen. Ein Beweis mehr dafür, dass sie sich nicht an die Macht putschen wollten. Sie setzten vielmehr darauf, für ihr sozialistisches Programm Mehrheiten zu gewinnen – nicht zuletzt wegen der Unfähigkeit der Provisorischen Regierung, der Menschewiki und der rechten Sozialrevolutionäre. Nach und nach erlangten sie dann auch die Mehrheit in den Sowjets. Auf dem Land näherte sich der linke Flügel der Sozialrevolutionäre zunehmend der Linie der Bolschewiki an.

Oktoberrevolution

Unruhen und Unzufriedenheit sowie das Misstrauen in die Regierung nahmen zu. Die Regimenter hörten nur noch auf die Befehle des Militärischen Revolutionskommitees, dessen Vorsitzender Leo Trotzki war, der seit Mai der Partei der Bolschewiki angehörte. Auch die Waffenarsenale, die der Regierung unterlagen, gaben nur noch Waffen unter der Anweisung des Revolutionskomitees heraus.

Die Notwendigkeit zu handeln ergab sich durch Kerenskis erneuten Versuch am 23. Oktober, die bolschewistischen Zeitungen zu verbieten.

„Der Sowjet ist in Gefahr“ war die Parole, die zur Übernahme der Macht führte. In der Nacht zum 24. Oktober besetzten Arbeitermilizen und Rote Garden Bahnhöfe, Post- und Telegrafenämter, die Nationalbank und andere strategische Punkte sowie die Versorgungszentren.

Einen Tag später wurde der Regierungssitz, das Winterpalais, gestürmt. In ganz Russland gab es – als bekannt wurde, dass Kerenski gestürzt war – Aufstände zur Unterstützung.

Der Allrussische Rätekongress tagte am 25. Oktober. Dort wurde demokratisch darüber abgestimmt, ob die Räte landesweit die Absetzung der Regierung und damit die vollständige Übernahme der Macht unterstützten. Mit überwältigender Mehrheit sprach man sich dafür aus und mit den Bolschewiki an der Spitze wurde damit die erste Räterepublik überhaupt gegründet.

Entgegen der heutigen Propaganda drückte die Oktoberrevolution den Willen der gewählten Vertreter der Sowjets aus und war damit demokratisch vollzogen worden.

Wie konnte die Revolution siegen?

Noch am 29. Oktober gab es einen Putschversuch der mittlerweile abgesetzten Großgrundbesitzer, Kapitalisten und Generäle, der erneut verhindert wurde. Das war jedoch nur durch die Machtergreifung vier Tage zuvor möglich gewesen. Die Haltung der Bolschewiki, die die Mehrheit im Revolutionskomitee und in den Sowjets hatten, war dabei entscheidend. Sie hätten auf Grund der erbitterten Offensive von Kerenksi keinen Tag länger warten dürfen.

Dass die Russische Revolution im Gegensatz zu den folgenden Revolutionen wie in Deutschland und Ungarn sowie später in China und Spanien erfolgreich war, lag nicht daran, dass die russischen ArbeiterInnen und Bauern kämpferischer waren oder mehr Willen und Entschlossenheit zeigten.

Im Unterschied zu diesen Revolutionen gab es die Bolschewiki – eine revolutionäre sozialistische Partei, die verankert in der Arbeiterklasse war. Sie war so etwas wie das Gedächtnis der Klasse. Sie analysierte die Fehler der Vergangenheit und zog Konsequenzen aus früheren Bewegungen und Kämpfen. Obwohl die Bolschewiki zu Beginn des Jahres nur 8.000 Mitglieder hatten (wobei sie vor dem Ersten Weltkrieg auch schon mehrere zehntausend Mitglieder gezählt hatten), wuchsen sie bis Ende 1917 auf 240.000 Mitglieder an. Gerade die erste Revolution in Russland 1905, die im so genannten Blutsonntag vom Zaren ertränkt worden war, ist eine wichtige Schule für die bolschewistische Partei gewesen. Die Lehren, die sie daraus gezogen hatte, waren entscheidend für den Erfolg 1917.

Dieser wichtige Aspekt – die Notwendigkeit einer marxistischen Partei – wurde durch die Russische Revolution eindrücklich herausgestellt. Dies ist für MarxistInnen die wichtigste Schlussfolgerung aus der Oktoberrevolution.

Führte der Oktober zum Stalinismus?

In der bürgerlichen Geschichtsschreibung wird von der unweigerlichen Folge des Stalinismus auf die Russische Revolution gesprochen. Der tatsächliche Grund, warum die Verwirklichung sozialistischer Demokratie in Russland nicht gelang, war jedoch das Scheitern der internationalen Revolution.

Russland war auf Grund seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung allein auf sich gestellt nicht reif für eine sozialistische Revolution. Trotzdem hatte die Arbeiterklasse keine andere Wahl, als gegen ihre Ausbeuter und Unterdrücker vorzugehen, die sie in einen blutigen Krieg für deren Profitinteressen schickten und sie verhungern ließen.

Um aber mit der Planwirtschaft tatsächlich die Bedürfnisse der Menschen befriedigen zu können, bedurfte es der Unterstützung der arbeitenden Menschen in den Ländern, in denen die Produktivkräfte am weitesten enwickelt waren. Man hoffte auf die Erfolge der Arbeiterklasse beispielsweise in Deutschland und England, doch diese blieben aus.

Stattdessen kamen die ehemals Herrschenden mit Hilfe der imperialistischen Verbündeten zurück und warfen das Land in einen dreijährigen Bürgerkrieg, der Elend und Hunger – teilweise bis zum Kanibalismus – wieder auf die Tagesordnung setzte.

Die Revolution in Russland blieb isoliert. Viele der kämpferischsten ArbeiterInnen starben an der Front oder den Folgen der Unterversorgung.

Beim Aufbau des Staatsapperates musste auf ehemalige zaristische Beamte zurückgegriffen werden. Ab dem Jahr 1922 entwickelte sich daher eine wuchernde Bürokratie, zu deren Sprachrohr Stalin wurde (Lenin starb nach schwerer Krankheit bereits 1924). Diese Schicht aus Bürokraten gestand sich selbst Privilegien zu, konnte sich jedoch nicht als eigene herrschende Klasse entwickeln, da sie durch ihr Monopol der Verwaltung weiterhin an die verstaatlichten Produktionsmittel und die Planwirtschaft gebunden war.

Diese Bürokratie setzte sich in der bolschewistischen Partei mit brutalen Mitteln durch. Die Arbeiterklasse war durch den Bürgerkrieg extrem geschwächt und hatte nicht mehr die Kraft, sich gegen die Stalinisten zu wehren. Hunderttausende wurden verschleppt, in Lagern ermordet. Kapitalismus und Großgrundbesitz blieben bis 1989 abgeschafft, doch die politische Macht lag nicht mehr bei der Arbeiterklasse.

Die Opposition, angeführt von Leo Trotzki, verteidigte die Methoden der Russischen Revolution und kämpfte gegen die stalinistische Form der Konterrevolution. „Trotzkismus“ als Inbegriff des ungebrochenen Kampfes um Sozialismus weltweit wurde daher für die Stalinisten zum schlimmsten Schimpfwort. Der Trotzkismus wurde aber auch eine Strömung in der Arbeiterbewegung, die die Ideen des Marxismus verteidigte und auf die neuen Entwicklungen anwendete.

Die Tradition der russischen Revolutionäre, zunächst des Kampfes gegen Kapitalismus und Imperialismus, dann gegen die Diktatur einer abgehobenen Bürokratie für sozialistische Demokratie, ist heute so aktuell wie vor 90 Jahren. n

Anne Engelhardt ist Mitglied im SAV-Bundesvorstand und Bezirksverordnete in Berlin-Mitte für die BASG

Zeitleiste vom Februar bis zum Oktober 1917

23. Februar: Beginn der Februarrevolution. 90.000 Textilarbeiterinnen gehen in Petrograd auf die Straße und fordern Brot und Frieden

2. März: Die Provisorische Regierung wird errichtet. Sie wird nicht gewählt

3. April: Lenin kommt aus dem Exil in Petrograd an. Einen Tag später trägt er seine Aprilthesen vor

3.-10. Juni: Tagung des ersten Allrussischen Kongresses der Arbeiter- und Soldatenräte

3./4. Juli: Julitage. Bewaffnete Demonstrationen in Petrograd, um das Exekutivkomitee zur Machtübernahme zu bewegen. Diese werden niedergeschlagen. Einen Tag später beginnt die Offensive gegen die Bolschewiki, sie werden verboten und unterdrückt

25. August: Kornilow-Putsch

9. September: Die Bolschewiki erlangen die Mehrheit im Petrograder Sowjet. Trotzki wird Vorsitzender

24. Oktober: Arbeitermilizen und Rote Garden besetzen Versorgungs- und Verwaltungszentren

25./26. Oktober: Oktoberrevolution und zweiter Allrussischer Sowjetkongress: Übernahme der Macht, Enteignung der Gutsbesitzer, Errichtung der revolutionären Regierung