Che Guevara: International gegen Ausbeutung und Unterdrückung

Kaum ein Gesicht ist heutzutage so bekannt wie das Ernesto Che Guevaras.
 
Ernesto Che Guevara war Revolutionär und Internationalist und kämpfte für eine andere, eine sozialistische Welt. Und trotzdem hatte er in vielerlei Hinsicht kein richtiges Verständnis von den Ideen und Anschauungen des Marxismus und wandte dementsprechend falsche Methoden im Kampf für Sozialismus an. Che ernst zu nehmen, heißt, seine Ideen und Methoden zu untersuchen und die Lehren daraus zu ziehen.

Ches Reisen und erste Erfahrungen

Che Guevara wurde als Ernesto Guevara 1928 in Argentinien als Kind wohlhabender Eltern geboren. Lange Zeit hegte er wenig Interesse an sozialistischen Ideen und nahm nicht aktiv am politischen Leben und sozialen Kämpfen teil. Stattdessen studierte er Medizin. Ihn leitete die Idee, mit seinen Fähigkeiten als Arzt Menschen helfen zu können.
Noch während seines Studiums machte er sich zu mehreren Reisen auf, um den lateinamerikanischen Kontinent zu erkunden. Diese Reisen veränderten Che Guevara. Neben bitterer Armut erlebte er die Rolle des US-Imperialismus in Lateinamerika sowie Bewegungen und Aufstände hautnah.
So beobachtete er 1953 den revolutionären Aufstand in Bolivien. Damals tobte ein monatelanger Massenaufstand der indigenen Bevölkerung und der Zinn-BergarbeiterInnen in Bolivien. Es kam zu Landbesetzungen und der Bildung von Arbeitermilizen. Verstaatlichungen und Landreformen wurden erzwungen, doch leider wurde die Revolution nicht durchgesetzt. Der Kampf endete mit einer Niederlage.
Sie blieb erfolglos, da die Grenzen des Kapitalismus nicht durchbrochen wurden und die Revolution nicht durch die Errichtung einer Arbeiterdemokratie vollendet wurde.
Einen bleibenden Eindruck bei Che hinterließ auch die Intervention der CIA in Guatemala. Dort hatte die Regierung unter Arbenz durch die Verstaatlichung der Obstplantagen den US-Imperialismus gegen sich aufgebracht. Auch sie bewegte sich in den Grenzen des Kapitalismus. Sie setzte zwar linke Reformen durch, ging aber nicht darüber hinaus. Schließlich wurde die Arbenz-Regierung durch den US-Imperialismus gestürzt.
Das Bedeutende an Ches Aufenthalt in Guatamala war, dass er hier zum ersten Mal von der Rolle des Beobachters in die Rolle des Aktivisten schlüpfte. Auch traf er hier zum ersten Mal auf Exil-KubanerInnen, die vom Kampf gegen die Batista-Diktatur auf Kuba berichteten.
Auf seinen Reisen knüpfte Che verschiedene Kontakte zu Linken und MarxistInnen, mit denen er diskutierte und seine Anschauungen formte. All diese Erfahrungen trugen dazu bei, das Che Guevara sich immer mehr zu sozialistischen Ideen hingezogen fühlte und ein neues Weltbild entwickelte, das mit der Idee einer internationalen Umwälzung der Gesellschaft verbunden war. Für seinen Internationalismus, der damals anfing Gestalt anzunehmen, ist Che bis heute bekannt und verehrt.
Die bedeutendste Etappe in Ches Leben wurde geprägt von den Erfahrungen, die er im Verlauf der kubanischen Revolution machte und die Rolle, die er in dieser spielte.

Bewegung des 26. Juli

1955 traf Che in Mexiko auf die Gruppe „Bewegung des 26. Juli”, der er sich schließlich anschloss. Die „Bewegung des 26. Juli” bestand aus Exil-KubanerInnen unter der Führerung Fidel Castros.
Als verzweifelter Versuch der Rebellion hatte am 26. Juli 1953 ein Angriff auf die Moncada-Kaserne auf Kuba stattgefunden. Die Beteiligten wurden verhaftet und – unter anderem auch Fidel Castro – ins Exil geschickt. Daraus entstand die „Bewegung des 26. Juli“.
Diese „Bewegung“ war weder sozialistisch, geschweige denn von marxistischen Ideen geleitet, sondern verfolgte das Ziel, die Batista-Diktatur in Kuba zu stürzen und durch eine liberale, bürgerliche und national unabhängige Regierung zu ersetzen, nicht mehr und nicht weniger.
Kuba war zu dieser Zeit geprägt durch eine bittere Armut der zum großen Teil bäuerlichen Bevölkerung und stand unter der Herrschaft des US-Imperialismus. So besaßen US-Firmen 90 Prozent der Telekommunikations- und der Elektrizitätsbranche und 50 Prozent der öffentlichen Dienstleitungen, sowie 40 Prozent der Zuckerproduktion.
Die reichen US-Amerikaner nutzten die Insel als eine Art Vergnügungspark und Bordell. Die Hälfte der ländliche Bevölkerung in Kuba hatte keinen Zugang zu Toiletten und Krankheiten wie Tuberkolose oder Syphillis trieben ihr Unwesen unter der Bevölkerung. Ein Viertel der Bevölkerung waren Analphabeten, ebenso viele waren arbeitslos.
Die kommunistische Partei Kubas, die PSP, war geprägt durch die Volksfront-Politik, die zu dieser Zeit allen stalinistischen Parteien zu eigen war. Die Volksfront-Theorie geht davon aus, dass in rückständigen Ländern Arbeiterklasse und sogenannte „fortschrittliche” Bürgerliche zusammen gegen die Imperialisten und Großgrundbesitzer kämpfen sollen und so die Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen der führenden kapitalistischen Länder nachzuholen wären. Doch diese „fortschrittlichen“ Bürgerlichen wandten sich im entscheidenden Fall immer gegen die – für sie beängstigende, revolutionäre – Arbeiterklasse. Diese Politik scheiterte in Spanien in den 30er Jahren oder später in Chile 1973, als nach drei Jahren Allende-Regierung ein blutiger Putsch folgte und unter der Pinochet-Diktatur Tausende von Linken umgebracht, gefoltert und verschleppt worden. Eine solche Politik ging immer zugunsten der Kapitalisten aus und stürzte die Massen in tiefe Niederlagen.
Auf Kuba führte diese Politik der Volksfront sogar soweit, dass die PSP zeitweilig niemanden weniger als Batista selbst unterstützte.
Die Volksfront-Theorie entsprach den Bedürfnissen der herrschenden Elite in der Sowjetunion: Durch das Ausbleiben der Ausbreitung der Revolution international, geschwächt durch Krieg und Bürgerkrieg konnte sich die Arbeiterklasse politisch im rückständigen Russland nicht an der Macht halten. Das Sowjet- oder auf deutsch Räte-System wurde durch die Herrschaft einer abgehobenen Bürokratie ersetzt, die zwar die ökonomischen Errungenschaften der Russischen Revolution von 1917 – Abschaffung von Kapitalismus und Großgrundbesitz, Planwirtschaft und Außenhandelsmonopol – verteidigte, sich aber an der Spitze der Gesellschaft als alles erdrückende parasitäre Schicht einnistete.
Diese herrschende Bürokratie im Kreml, unter deren Fuchtel die Kommunistischen Parteien international standen, hatte kein Interesse daran, eine revolutionäre Politik zu verfolgen und damit ihre eigene Macht und ihre Privilegien in Frage zu stellen, denn eine erfolgreiche sozialistische Revolution in einem anderen Land, hätte die russische ArbeiterInnenklasse angespornt für eine politische Revolution im eigenen Land zu kämpfen und die Bürokratie durch Arbeiterdemokratie zu ersetzen.

Kubanische Revolution

1956 landeten Castro, Che und 81 andere KämpferInnen der „Bewegung des 26. Juli” auf Kuba und begannen einen zwei Jahre andauernden Guerillakampf.
Aus heutiger Sicht scheint es nahezu unglaublich, wie eine so kleine Gruppe von KämpferInnen nach nur zwei Jahren siegen konnte.
Der Grund dafür war, dass zum einen die Unterstützung für Batista auf Kuba nahezu zusammenbrach. Selbst seine Armee hatte der Diktator nicht mehr unter Kontrolle. Auf der anderen Seite war die Wut unter der Bevölkerung zwar groß, es fehlte jedoch eine Partei, die das so entstandene Vakuum füllen konnte.
So war es für Che und die anderen möglich, große Unterstützung zu gewinnen und die Wut der Bevölkerung zu kanalisieren.
Mit der Unterstützung der verarmten Massen von BäuerInnen, auf die sie sich bei ihrem Kampf stützten, brachten sie die Batista-Diktatur 1959 schließlich zu Fall und übernahmen die Macht.
Während des Guerillakrieges auf Kuba legte Che ein Verhalten und eine Disziplin an den Tag, die zweifellos in höchstem Maße anerkenneswert waren. Er war der Anführer einer Kampfabteilung die als besonders entschlossen, heroisch und dizipliniert galt.
Trotzdem lehnte er jegliche Privilegien strikt ab. Außerdem handelte er immer unter dem Vorsatz, dass er niemals etwas von seiner Abteilung fordern würde, was er selbst nicht leisten konnte.
Zu Beginn war Che mit seinen Ideen von einer sozialistischen Umwälzung der Gesellschaft, mit Ausnahme einiger weniger, allein auf weiter Flur unter den Führern der „Bewegung des 26. Juli”. Er bemühte sich jedoch immer, sozialistische Ideen unter den Guerilleros zu verbreiten, indem er zum Beispiel politische Schulungen in seiner Kampfabteilung organisierte und abhielt.
Castro hatte radikale, aber bürgerliche Ziele. Doch der Druck der Bevölkerung, die begeistert den Sturz des verhassten Diktators Batistas und die neue Regierung unterstützte, sowie die panische Reaktion des US-Imperialismus zwangen Castro und die neue Regierung zu weitergehenden Maßnahmen, wie der Verstaatlichung der Industrie und der Abschaffung des Großgrundbesitzes. Castros ursprüngliches Ziel, nämlich die Errichtung einer unabhängigen bürgerlich-liberalen Demokratie ging dem US-Imperialismus schon entschieden zu weit, da es den uneingeschränkten Zugriff auf Kuba durch den US-Imperialismus in Frage stellte. Die neue Regierung geriet so in einen Konflikt mit dem Kapitalismus und den USA. Jeder panische Versuch des US-Imperialismus, die Vorgänge auf Kuba zu stoppen, bekam als Antwort eine Regierung die jedesmal ein Stück weiter nach links getrieben wurde.
Zunächst misstrauisch, dann in der Hoffnung, die eigene Einflusssphäre auszuweiten und Kontrolle über die Entwicklungen auf Kuba zu bekommen, bot die sowjetische Bürokratie Kuba Hilfe an.
So wurde – im Spannungsfeld zwischen dem Imperialismus unter US-amerikanischer Führung, der Einflussnahme der Sowjetunion und dem Druck der Massen auf Kuba – schließlich der Kapitalismus gestürzt.
Castro und Co errichteten ihre Herrschaft nach dem Vorbild der Sowjetunion. Dies führte zu einer enormen Verbesserung der Lebensumstände auf Kuba. Gesundheitswesen und Schulausbildung wurden ausgebaut und jedem zugänglich gemacht und der Lebensstandard stark verbessert. Die Säuglingsterblichkeit auf Kuba sank auf 6,5 von 1.000 und war damit vergleichbar mit der in hochindustrialiserten Ländern. Die Analphabetenrate wurde auf ein verschwindend kleines Minimum reduziert.
Dies zeigt, wie überlegen die Planwirtschaft gegenüber der anarchischen Marktwirtschaft des Kapitalismus ist und zu was sie fähig ist – selbst in einem so kleinen und armen Land wie Kuba und selbst unter den Bedingungen der Herrschaft einer bürokratischen Elite.

Nach der Revolution

Ohne ausgearbeitetes Programm zum Sturz des Kapitalismus und obwohl sich die Guerilla vorwiegend auf die bäuerliche Bevölkerung Kubas stützte, war es möglich, den Kapitalismus zu stürzen.
Doch ohne marxistische Führung und ohne die Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse zeigt Kuba auch deutlich, dass sich unter diesen Umständen keine gesunde Arbeiterdemokratie mit Räten und der Beteiligung der Massen entwickeln kann. Ohne Arbeiterdemokratie kann es keinen Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft geben. Kuba war nie sozialistisch.
Auch wenn die kubanische Revolution eine begeisterte Unterstützung der Massen hervorrief, war es doch von Beginn an eine kleine, bürokratische Elite, die Wirtschaft und Staat kontrollierte. Dies hat seine Wurzeln in der eher passiven Rolle der Arbeiterklasse während der kubanischen Revolution. Die siegreiche Guerilla übernahm den Staatsapparat und formte ihn nach ihrem Vorbild.
Anders als in Russland 1917, wo die Arbeiterklasse den Kampf anführte und somit in den ersten Jahren nach der Revolution auch die Trägerin der neuen Gesellschaft wurde, war dies auf Kuba nicht der Fall. Sie hatte nicht bewusst die Leitung der Gesellschaft übernommen, wie dies nach der russischen Revolution von 1917 der Fall gewesen war, in der sich durch die Wahl von Sowjets ein System der Arbeiterdemokratie zu entwickeln begann, welches das demokratischste war, das die Welt je gesehen hatte.
Erst als die Guerilla-Armee in Havanna einmarschierte und das Militär ein letztes Mal versuchte, sich zu wehren, wurde zu einem Generalstreik aufgerufen, der Batista und Co. den Rest gab. Einen aktiven Kampf hatten die ArbeiterInnen jedoch nicht geführt.
Auf Kuba bestand das Mitbestimmungsrecht der Massen darin, zu Versammlungen zugehen und dort „Ja” oder „Nein” zu sagen zu Vorschlägen, richtige Diskussion und Debatte war in den seltensten Fällen möglich.
Die mangelnde Demokratie zeigt sich auch bei der kubanischen „Kommunistischen Partei“: Sie wurde 1965 aus PSP und der Guerilla gegründet, doch ihr erster Kongress fand erst zehn Jahre später 1975 statt. Im Gegensatz dazu hatten die Bolschwiki selbst zu Zeiten des Bürgerkrieges in Russland jedes Jahr einen Kongress stattfinden lassen.
Von wirklicher Arbeiterdemokratie und dem vollen Mitbestimmungsrecht der Massen konnte auf Kuba keine Rede sein.
Ein Arbeiterstaat, in dem das Privateigentum an Produktionsmittel abgeschafft ist, macht noch lange keinen Sozialismus aus, denn dieser braucht „Demokratie, wie der Mensch den Sauerstoff zum Atmen” (Leo Trotzki).

Kongo und Bolivien

Che Guevara merkte sehr wohl, dass irgend etwas nicht stimmte. Abgestoßen von der privilegierten Elite in der Sowjetunion – er bezeichnete sie nach einem Besuch als „Schweinestall“ –, aber auch von den Privilegien, die die kubanische Bürokratie für sich in Anspruch nahm, lehnte er strikt alle materiellen Vorteile für sich als Chef der Nationalbank ab.
Trotzdem fehlte ihm das Verständnis dafür, wie Kuba sozialistisch werden könnte: Durch den Aufbau von Räten auf allen Ebenen der Betriebe und des Staates, mit jederzeitiger Wähl- und Abwählbarkeit, mit einem durchschnittlichen Arbeiterlohn für alle FunktionärInnen, mit einem Ende aller Privilegien wäre es möglich gewesen, auf Kuba die ersten Schritte hin zu einer sozialistischen Gesellschaft zu gehen – und damit einen enormen Anstoß für die Entfaltung der Revolution international zu geben. Dazu hätte die Arbeiterklasse die Bevormundung und Beherrschung durch die beginnende Bürokratie beseitigen müssen.
Aber Che war nicht bewusst, dass er dazu die Arbeiterklasse in den Mittelpunkt seiner Überlegungen hätte rücken müssen und er einen gezielten Kampf für Arbeiterdemokratie, gegen alle Privilegien, gegen die sich festigende Bürokratie hätte führen müssen.
1965 machte sich Che auf zu neuen Taten. Sein Drang zur Ausweitung der Revolution auf andere Länder, die Niederlage verschiedener Guerilla-Kriege in anderen Ländern und die Frustration über die Bürokratisierung der kubanischen Gesellschaft trieb ihn dazu, Kuba zu verlassen und zunächst in den Kongo zu gehen mit dem Ziel, auch dort den Kapitalismus zu stürzen.
Seine Anschauungen über die Revolution waren die Triebfeder dafür, das Che versuchte die Guerilla-Taktik auch auf den Kongo anzuwenden. Dies endete in einer derben Niederlage für ihn und die Guerilla-Armee, mit der er kämpfte.
Die letzte Etappe seines Kampfes war Bolivien. Noch immer von der Idee beseelt, die Massen durch einen Guerilla-Kampf aus den Klauen der Unterdrückung befreien zu können, schloss sich Che auch in Bolivien mit einer Armee von Guerilla-KämpferInnen zusammen und begann dort einen vergeblichen Kampf. Anders als in Kuba fanden sie in Bolivien kaum die Unterstützung, die sie unter der ländlichen Bevölkerung suchten. Hier war, als Reaktion auf die Ereignisse in anderen Ländern, von oben eine Bodenreform durchgeführt und somit die dringendsten Bedürfnisse der BäuerInnen zunächst einmal erfüllt worden.
Der entscheidende Schritt hin zu einer Revolution in Bolivien wäre das Gewinnen der Arbeiterklaase für die Ideen des Marxismus und die sozialistische Revolution sowie der Aufbau einer revolutionären Partei, die die Revolution hätte anführen können, gewesen.
Diese Lehren, die sich vor allem in der erfolgreichen russischen Revolution von 1917 bestätigt hatten, zog Che nicht. Die verzweifelten Versuche der Guerilla, den Erfolg von Kuba zu wiederholen, endete in einem Desaster.
Der Kampf der Guerilla in Bolivien erlitt mächtige Niederlagen gegenüber der bolivianischen Armee, die schließlich einige von ihnen, darunter auch Che Guevara verhaftete und hinrichtete.
Hier endet das Leben Ches, das von einem unerbittlichen Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung geprägt war.
Leider hatte Che seine falschen Vorstellungen nie korrigieren können. Vielleicht hätte er Gelegenheit dazu gehabt, hätte er länger gelebt …
Im Laufe des letzten halben Jahrhunderts haben in nahezu jedem lateinamerikanischen Land Guerilla-Kriege stattgefunden. Viele Jugendliche und ArbeiterInnen haben ihre Hoffnungen in den Guerilla-Kampf gesetzt, für viele von ihnen war Che ein Vorbild. Doch aufgrund dieser falschen Methode, mussten ebensoviele blutige Niederlagen erlitten werden.
Das Beste, das wir heute tun können, um den Willen Ches nach einer Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung aufzugreifen, ist es, die Lehren aus seinen Stärken und Schwächen zu ziehen. Dann kann die Welt aus den Klauen des Imperialismus befreit werden.

Marxismus Heute: Guerillataktik und Marxismus

Eine der wichtigen Fragen für SozialistInnen ist die, wie der Sozialismus erkämpft werden kann. Guter Willen allein reicht nicht aus, um den Kapitalismus zu stürzen und eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Dafür bedarf es einer Vorstellung davon, was notwendig ist, um eine solche Umgestaltung der Gesellschaft erkämpfen zu können. Deswegen stellt sich für die sozialistische Bewegung auch die Frage nach dem wie: Wie können wir eine andere Welt erkämpfen?
Viele RevolutionärInnen haben einen ehrlichen Kampf für Sozialismus geführt sind aber an bedeutenden Fragen über Verlauf und Charakter einer Revolution gescheitert. Letztlich verfolgte auch Che Guevara darüber falsche Vorstellungen.
Der Idee des Guerilla-Krieges liegen in erster Linie zwei Fehler zu Grunde. Zunächst einmal wird der notwendige Kampf der Arbeiterklasse in den Städten aufs Land und in die Hände der BäuerInnen gelegt, außerdem versucht die Guerilla-Bewegung nicht vorhandene, aber notwendige revolutionäre Situationen zu ersetzen. Che selbst schrieb in „Partisanankampf – eine Methode”: „2. Nicht immer muss man warten, bis alle Bedingungen für die Revolution gegeben sind; der aufständige Brennpunkt kann sie schaffen. 3. Im unterentwickelten Amerika müssen Schauplatz des bewaffneten Kampfes grundsätzlich die ländlichen Gebiete sein.”
Die Arbeiterklasse ist die Klasse der Lohn- und Gehaltsabhängigen und ihrer Angehörigen. Das ist die Masse der arbeitenden Bevölkerung in den Betrieben und Fabriken sowie ihre Angehörigen.
MarxistInnen gehen davon aus, dass die Arbeiterklasse die entscheidende Rolle beim Kampf um Sozialismus spielen muss. Anders als die bäuerliche Bevölkerung kann die Arbeiterklasse durch das Zusammensein am Arbeitsplatz ein Klassenbewusstsein und eine Idee davon entwickeln, wie eine andere Gesellschaft aufgebaut und organisiert werden kann.
Heute entscheiden die Großkonzerne über die Produktion, auch über die Produktion auf dem Land: Sie geben mit der industriellen Maschinenproduktion (zum Beispiel Traktoren), der Saatgutindustrie und so weiter die Arbeitsbedingungen für das Land vor. Banken bestimmen über die Finanzierung der Landwirte.
Dies kann nur aufgehoben werden durch die Arbeiterklasse, die hier die Macht übernehmen und den gesellschaftlichen Wohlstand in den Dienst der Mehrheit der arbeitenden Menschen, auch der BäuerInnen, stellen kann. Aufgrund ihrer Stellung in der Produktion ist die Arbeiterklasse in der Lage, eine sozialistische Umgestaltung der Welt durchzuführen.
Die Klasse der BäuerInnen kann ebenfalls eine wichtige ergänzende Rolle spielen, indem sie mitgerissen wird von den ArbeiterInnen. BäuerInnen leben und arbeiten allerdings vereinzelt und entwickeln aus ihrer Situation heraus kaum kollektive Formen, sich zu wehren.
Selbst in solchen Ländern der neokolonialen Welt in Afrika und Asien, in denen es eine verhältnismäßig kleine Arbeiterklasse gibt, können nur diese die Revolution anleiten und so die BäuerInnen mitziehen in ihrem Kampf für Sozialismus.
Während unzählige T-Shirts, Plakate und Postkarten sein Gesicht tragen, ist Che für viele Jugendliche und ArbeiterInnen überall auf der Welt ein Idol und der Inbegriff eines unerbittlichen, sich aufopfernden und ausdauernden Freiheitskämpfers. Che Guevara ist zweifelsohne der bekannteste Revolutionär des lateinamerikanischen Kontinents. Er hat durch seinen Kampf bis heute zahlreiche Bewegungen inspiriert.
Die BäuerInnen in diesen Ländern hoffen, ausgehend von ihrem Lebensumständen auf eine Bodenreform, eine der klassischen Aufgaben der bürgerlichen Revolution. Da dies für die Erfüllung der unmittelbaren Bedürfnisse der Bauernklasse ausreicht, setzen sie zunächst auf eine Umgestaltung der halbfeudalen Gesellschaft, die nicht über die Grenzen des Kapitalismus hinausgeht.
Das Bürgertum in solchen Ländern ist allerdings schon soweit mit dem Imperialismus und dem Großgrundbesitz verwoben, dass es vor den Aufgaben der bürgerlichen Revolution zurückschreckt und diese nicht lösen kann.
Dies kann nur im Rahmen einer sozialistischen Umgestaltung geschehen, die wiederum von der Arbeiterklasse angeführt sein muss. Die Arbeiter-Innen können ausgehend von ihrer Position im Produktionsprozess erkennen und schlussfolgern, dass sie sich nur auf der Grundlage der Abschaffung des Kapitalismus befreien und eine neue Gesellschaft aufbauen können, da sie keine Produktionsmittel besitzen und aufgrund der Produktionsweise im Kapitalismus niemals welche besitzen werden.
Die Arbeiterklasse ist gezwungen zusammenzuarbeiten und sich gegen die Angriffe der Kapitalisten in Arbeitskämpfen und Streiks zusammenzuschließen und zu wehren.
Jedes Streikkommitee, das während eines Arbeitskampfes gebildet wird, ist im Kleinen das, was die neue Gesellschaft, in Form von Räten, ausmachen wird. Deswegen ist die Arbeiterklasse die revolutionäre Klasse, die der Kapitalismus hervorgebracht hat.
Die Theorie der „Permanente Revolution”, des Übergangs der Revolution in rückständigen Ländern von der Lösung der Aufgaben der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen Revolution, die von Leo Trotzki entwickelt und von Lenin übernommen wurde, bestätigte sich im Lauf der russischen Revolution von 1917.
Abgesehen davon, das Che dies nicht erkannte, unterschätzte er, dass auf einem großen Teil des latein-amerikanischen Kontinents die Arbeiterklasse ohnehin schon sehr stark war.

von Nelli Tügel, Berlin

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