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Che Guevara (3. Teil)

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Eine Meinungsverschiedenheit

Innerhalb der Bewegung des 26. Juli blieben die Dinge im Verlauf des Bürgerkriegs politisch nicht starr. Es entwickelte sich ein Konflikt zwischen dem nationalen Direktorium und der Guerillaführung in der Sierra. Castro wollte die RebellInnenarmee als Hauptführung der Bewegung etablieren – unter seiner Kontrolle. Anfänglich wurden diese Brüche in kontrollierbaren Grenzen gehalten. Bei einem Treffen 1957 kamen sie aber an die Oberfläche, als ein paar der städtischen FührerInnen argumentierten, dass Castro die Sierra Maestra verlasen sollte, um auf einer Veranstaltungstour Gelder einzutreiben. Zusammen mit anderen Vorschlägen zeigte das klar, dass sie die Bedeutung des Guerillakampfes in der Sierra Maestra herunterspielen wollten. In diesem Fall setzte sich Castro durch und gewann gegen andere Vorschläge die Mehrheit. Während der folgenden Monate entwickelten sich die Brüche zu einer offenen politischen Kluft zwischen dem Llano und den GuerillaführerInnen. Letztere dachten hauptsächlich, dass die Führung des Llano kleinmütig sei – und diese Einschätzung war nicht unbegründet. Im Nationalen Direktorat waren einige der konservativsten Teile der Bewegung des 26. Juli. Es war aber ein anderer Faktor, der die Brüche verschärfte. Leute, die einen Guerillakrieg führen, so opferbereit sie auch sind, entwickeln eine gewisse Verachtung gegenüber der städtischen Bevölkerung. Die zermürbenden Schwierigkeiten, die ein Kampf in den Bergen mit sich bringt, kann die KämpferInnen auf dem Land dazu bringen, die Massen in den Städten wegen ihrer verhältnismäßig privilegierten Lage fälschlich als unwillig zum Kampf abzutun. Diese Haltung wird verstärkt, wenn die GuerillakämpferInnen keine klaren politischen Ideen haben und nicht mit einer organisierten städtischen ArbeiterInnenbewegung mit einer kühnen Führung und sozialistischen Politik verbunden sind.

Castro hatte über den Sturz der Diktatur hinaus offensichtlich noch immer kein klares politisches Ziel für seinen Kampf. Was er aber hatte, war die Fähigkeit, sich opportunistisch auf die zahlreichen politischen Kräfte zu stützen, um seine eigene Position zu stärken. Am 12. Juli 1957 unterzeichnete Castro einen Vertrag mit den offen prokapitalistischen Auténtico Partei und den Orthodoxen, die Batistas jüngsten Versuch zurückgewiesen hatten, sein Regime durch die Ausrufung von Präsidentschaftswahlen, bei denen er kandidieren würde, zu stärken.

Der als „Sierra-Pakt“ bekannte Vertrag beschränkte die Bewegung des 26. Juli in ihren Zielen. Er forderte zwar den Rücktritt Batistas und lehnte die Militärjunta ab, schlug aber auch ein „unabhängiges“ Mitglied der zivilen Institutionen als Übergangspräsident und allgemeine Wahlen innerhalb von zwölf Monaten vor. Sein Wirtschaftsprogramm beschränkte sich auf wenig mehr als eine Bodenreform. Er war wohl noch gemäßigter als das ursprüngliche Programm der Bewegung des 26. Juli und beabsichtigte, die politische Lage im Falle eines Sturzes Batistas im Interesse des Kapitalismus und Imperialismus unter Kontrolle zu halten. Das es zu Unterzeichnung dieses Abkommen kam spiegelt den Verlust an Unterstützung für das Batista-Regime und die zunehmende Opposition wieder. Castros GuerillakämpferInnen waren insbesondere für eine Schicht von urbanen Jugendlichen attraktiv.

Es kam zu einigen Protesten in den Städten und es gab Veränderungen in der Politik der PSP. Sie betrachtete zwar immer noch Castros militärische Kampagne als Abenteuer, aber es begann ein gewisser Kontakt zwischen den Guerillas und der PSP. Die PSP nützte diese Kontakte und versuchte Castro zu überzeugen, dass die Bedingungen für eine bewaffnete Bewegung auf Kuba nicht vorhanden seien und drängte ihn, auf einen günstigere Lage zu waren. Folglich waren die Beziehungen zwischen der PSP und Castro angespannt, aber der Kontakt wurde aufrecht erhalten. Beim 8. Kongress der PSP, der im Juli 1957 abgehalten wurde, verkündete die Führung, dass die PSP die „Würde und Aufrichtigkeit“ Castros anerkenne. Gleichzeitig machte die Partei klar, dass sie „gravierende Meinungsverschiedenheiten mit den Taktiken und Plänen“ Castros hatte. Die Partei folgerte, dass die Bewegung des 26. Juli noch keine ausreichend antiimperialistische Linie eingenommen habe. Im PSP-Jargon hieß das, dass sie noch nicht genügend anti-USA und pro-russisch sei. Die Partei forderte Wahlen und die Bildung einer „Volksfront“ unter Einbeziehung der „nationalen Bourgeoisie“. Diese Haltung blieb nicht ohne Opposition innerhalb der Partei, besonders ihrer Jugend. Die PSP spielte zwar keine wirkliche Rolle in der Bewegung, die sich entwickelte, abgesehen davon, dass sie versuchte Castro zu bremsen, aber im Verlauf von 1958 schloss sich eine wachsende Zahl von jungen Parteimitgliedern den RebellInnen in den Bergen an – besonders den Abteilungen unter der Führung von Che und Raúl Castro.

Der US-Imperialismus mischt sich ein

Der US-Imperialismus verfolgte die Entwicklung mit wachsender Sorge. Seine Hauptsorge war wie immer, seine Wirtschaftsinteressen zu sichern und Unruhe einzudämmen. Gewalt war nicht gut für den Ertrag der Investitionen. Batista wurde zur „Demokratisierung“ und zur Abhaltung von Wahlen, die eine verlässliche traditionelle Partei gewonnen hätte, angehalten. Das Auftreten von Castros Verbänden und ihre andauernde Kampagne hatte die Lage verkompliziert. Zwischen 1957 und 1958 gab es in Washington seht unterschiedliche Positionen zur Frage, wie man mit der Lage umgehen sollte. Das Außenministerium, die CIA und das Verteidigungsministerium hatten ihre eigene unabhängige Politik, die nicht immer miteinander vereinbar waren. Das Verteidigungsministerium und das US-Militär auf Kuba arbeiteten mit BRAC (dem antikommunistischen Büro) zusammen und wollten Batista unterstützen, um die Guerillabewegung zu zerschlagen.

Gleichzeitig wollte das Außenministerium, anscheinend in Übereinstimmung mit der CIA, Batista als wirksamsten Weg, die Lage unter Kontrolle zu bringen, stürzen. Es gibt sogar Hinweise, die darauf hinweisen, dass sie versuchten, mit der Bewegung des 26. Juli und Castro zusammenzuarbeiten und sie für den Fall zu kaufen , dass er den Sturz Batistas schaffte. Laut Juri Paparow, einem KGB-Beamten, wurde CIA-Geld an die Bewegung des 26. Juli geleitet. Diese Behauptung wurde von Tad Szulc, Castros Biographen bestätigt, der sagte, dass dies zwischen 1957 und 1958 geschah, nachdem Castro den „Pakt der Sierra Maestra“ unterschrieben hatte! Diese Politik änderte sich später, als klar wurde, dass sie Castro oder seine Bewegung nicht kontrollieren konnten.

Trotz der anscheinend vorhandenen Versuche von Teilen der herrschenden Klasse in den USA, Castros Bewegung die Hand entgegenzustrecken und ihren jetzt international bekannten Führer zu vereinnahmen, wirkten die Ereignisse dieser Politik entgegen. Der Schwung des stattfindenden revolutionären Prozesses machte zusammen mit Fragen des nationalen Prestiges und individuellen Interessen diese Aufgabe anfänglich schwierig und letztlich undurchführbar. Che Ansehen wuchs und er wurde zunehmend als wichtiger „kommunistischer“ Einfluss innerhalb der Guerillakräfte bekannt. Dies vergrößerte die Spannung zwischen den expliziten „Antikommunisten“ innerhalb der Bewegung des 26. Juli, besonders einem Teil der Llano-Führung, und Che. Er errichtete seine eigene Nachschublinie, die die örtliche Llano-Führung in der Oriente-Provinz umging. An ihrer Spitze stand Daniel, ein Mitglied des Direktoriums. Ches Handlungen untergruben die Autorität von Daniels Führung und führten zu einem Zusammenstoß.

Die Llano-Führung bat Castro um Schlichtung. Hinter dem Konflikt steckte eine umfassendere politische Frage, bei der es um das wachsende Misstrauen, das es zwischen Che und der Llano-Führung gab, ging. Die Dinge wurden durch eine neue politische Initiative auf die Spitze getrieben. Es gab Versuche, eine „revolutionäre“ Koalitionsregierung im Exil zu bilden. Sie würde von der Bewegung des 26. Juli zusammen mit den Auténticos unter der Führung von Pío beherrscht sein. Laut Hart, dem an den Verhandlungen beteiligten Llano-Führer, hatten an den Diskussionen auch Leute teilgenommen, die „der US-Botschaft nahestanden“.

Miami gegen die Sierra

Die USA waren sich nicht sicher, ob Batista durchhalten würde, und versuchten, eine Koalition aus Anti-Batista-Kräften zusammenzubringen, in die sie – ihrer Hoffnung nach – eine „kontrollierte“ Bewegung des 26. Juli einbeziehen könnten. In Miami kam es zu einem Treffen, an dem auf Castros Anweisung eine Delegation teilnahm. Am 1. November wurde eine „Kubanische Befreiungsjunta“ gebildet und der Vertrag von Miami unterzeichnet. Felipe Pazos hatte in der Delegation als offizieller Führer der Bewegung des 26. Juli verhandelt. Er hatte das ohne die Zustimmung Castros gemacht, der das zu recht als Versuch sah, ihn auszubooten. Bei diesem Vertrag ging es darum, nach einem Sturz Batistas ein gemäßigtstes Regime zu gewährleisten. Er enthielt keine Ablehnung von ausländischen Interventionen, sagte nichts über die Idee der Errichtung einer Militärjunta zur Ersetzung Batistas und drängte auf die Einbeziehung von Castros Guerillakräften in die kubanische Armee. Es war praktisch ein Vorschlag, eine zahme Nach-Batista-Regierung vorzubereiten und die Guerillakräfte aufzulösen.

Als die Nachrichten von der Vereinbarung die Sierra Maestra erreichten, reifen sie Empörung hervor. Raúl Castro forderte, dass die Vertreter der Bewegung des 26. Juli erschossen würden. Fidel Castro reagierte nicht sofort. Che explodierte. Er stellte eine Verbindung zwischen dem Akzeptieren des Miami-Vertrages durch das Direktorium mit seinem eigenen Konflikt mit ihm in militärischen Fragen her. Er beschuldigte sie der „Sabotage“. Che stand damals mitten in einer militärischen Aktion. Er musste sich zu einem Ort namens El Hombrito zurückziehen und wurde später in Altos de Conrado verwundet. Beide Rückschläge waren damit verbunden, dass das Direktorium ihm keinen Nachschub lieferte. Jetzt stellte er in einem Brief, den er am 9. Dezember an Castro sandte, ein Ultimatum, ihm harte Maßnahmen gegen das Direktorium zu erlauben oder er werde zurücktreten. Castros Antwort bestimmte nicht nur seine Beziehungen zu Che, sondern beeinflusste auch den Rest der Durchführung der Guerillakampagne. Er stand unter dem Druck der Leute, die in den Bergen kämpften, und wurde unausgesprochen von Pazos bedroht, der sich nicht nur um die Führung der Bewegung des 26. Juli, sondern auch um die Präsidentschaft in einem Nach-Batista-Kuba bemühte. Castro ging hart gegen das Direktorium und den Vertrag von Miami vor. „Die Führung des Kampfs gegen die Tyrannei ist in Kuba und in den Händen der revolutionären Kämpfer und wird da bleiben“.

Das Nationale Direktorium wurde beschuldigt, „lauen Patriotismus und Feigheit“ zu zeigen. Um Pazos Bewerbung für die Präsidentschaft zu durchkreuzen, schlug er selbst einen Kandidaten für die Führung der Übergangsregierung vor, den alten Juristen Manuel Urruitia. Die neugeschaffene Junta brach zusammen, Pazos zog sich aus der Bewegung zurück und der neue Führer des Direktoriums, Chomón, griff Castro für seine Handlungen an. Castro machte durch seine Vorgehensweise klar, dass er und seine Kräfte die vorherrschende Führungsalternative zu Batista waren. Um seine Stellung zu festigen, musste er sich auf Che und den „linken Flügel“ der Bewegung des 26. Juli stützen, um dem „rechten“ Direktorium entgegenzutreten. In den folgenden Monaten fand ein völliger Bruch mit dem Direktorium statt, der durch den Fortgang der Ereignisse und der Revolution vorangetrieben wurde.

Che kam bei dieser Weggabelung an der Castro in seiner politischen Entwicklung damals stand, in der Bewegung des 26. Juli und der kubanischen Revolution eine wichtige Rolle zu. Che schrieb an Daniel und verteidigte seinen „Marxismus“, griff das „rechte Direktorium“ an, weil es zuließ, dass sich die Bewegung durch den Vertrag von Miami in den „Arsch ficken“ lässt und pries Castro als „einen authentischen Führer der linken Bourgeoisie“. Selbst in diesem Stadium sah Che offensichtlich Castro nicht als glühenden Verteidiger des Sozialismus, sondern als Vertreter der radikalen Bourgeoisie. Daniel antwortete und drückte Zweifel bezüglich des Miamivertrages aus, drängte aber, dass die Bewegung des 26. Juli entscheide, welchen Pfad sie einschlagen wolle und sich frage, wohin sie gehe. Dieser Meinungsaustausch war ein Wiederhall eines harten ideologischen Kampfes, der innerhalb der Anti-Batista-Kräfte, auch innerhalb der Bewegung des 26. Juli, stattfand.

Mit Vertiefung der Krise wurde das schwankende Kleinbürgertum, das in dieser Bewegung gruppiert war, zunehmend in getrennte und einander entgegengesetzte Lager gespalten. Auf der einen Seite stand die rechte Führung des Direktoriums, zunehmend unter dem Einfluss des US-Imperialismus und seiner Versuche, ein günstigstes Ergebnis für sich selbst zu erlangen. Auf der anderen Seite wurde ein kämpferischerer Flügel durch eine Verbindung der Auswirkungen des Krieges, des revolutionären Prozesses und der Notwendigkeit zur Verteidigung der eigenen Interessen und Bestrebungen zunehmend links radikalisiert.

Castro sass jetzt als der Führer dieses Flügels fest im Sattel – El Jefe Máximo, als der er bekannt wurde. Innerhalb dieses Prozesses war Che mit seiner Unterstützung für internationalen Sozialismus der politisch bewussteste. Ihm fehlte zwar die notwendige Klarheit der Ideen und des Programms, um dieses Ziel zu erreichen, aber der Zusammenstoß mit dem Direktorium zeigte, dass er wahrscheinlich in kritischen Augenblicken zunehmenden Einfluss auf Castro hatte und ihm „half“, einen oder mehrere Schritte weiter nach links zu gehen.

Im März 1958 verschlechterte sich die Lage in Batistas Lager. An allen Fronten nahmen die Schwierigkeiten zu und der Staatsapparat begann, um in herum zu zerbrechen. In einem beispiellosen Schritt stimmten die Behörden von Havanna zu, einen Polizeioberst und den Chef des Marinegeheimdienstes, Laurent, für den Mord an vier Jugendlichen anzuklagen. Alle Schulen waren geschlossen, weil 75.000 SchülerInnen im Streik waren. Batista hob alle Bürgerrechte auf und verhängte Radio- und Pressezensur.

Der Generalstreik – ein Rückschlag

Es hatte viel Spekulation und Diskussion unter den Anti-Batista-Kräften über die Ausrufung eines Generalstreiks gegeben. Die Bewegung des 26. Juli hatte zwar Gruppen von UnterstützerInnen in den Städten organisiert, aber ihre organisatorische Basis unter der ArbeiterInnenklasse war schwach. Die hauptsächliche, strukturierte und zusammenhängende politische Kraft unter den IndustriearbeiterInnen war die PSP. Die Llano-Führung weigerte sich, die PSP in die Generalstreikspläne einzubeziehen. Formell unterstützte die PSP die Idee eines Generalstreiks, auch wenn ihre FührerInnen nichts taten, ihn vorzubereiten und gegen die Bewegung des 26. Juli arbeiteten. Die Führung des offiziellen Gewerkschaftsdachverbandes CTC (Kubanischer ArbeiterInnenkonföderation) war korrupt und durch ihre Beziehungen zu Batista diskreditiert. Sie war zwar stark durch die PSP beinflusst, aber weder unterstützte sie den Streik noch mobilisierte sie dafür. Die Llano-Führung rief für 9. April zu einem Generalstreik auf. Er wurde ohne Vorbereitung unter den ArbeiterInnen und ohne konkrete Pläne und Strategie durchgeführt. Nicht einmal geheime Streikkomitees von AktivistInnen und bekannten KämpferInnen wurden in den Betrieben zur Vorbereitung des Streiks errichtet.

Ein Generalstreik kann entstehen, Gestalt annehmen und unterschiedliche Rollen in der ArbeiterInnenbewegung spielen. Wenn die sozialen und politischen Bedingungen stimmen, kann er direkt das herrschende System und die herrschende Klasse in der Gesellschaft herausfordern. Als Ergebnis kann die Frage gestellt werden, welche Klasse die Gesellschaft führen soll – die KapitalistInnen und GroßgrundbesitzerInnen oder die ArbeiterInnenklasse mit Unterstützung der anderen ausgebeuteten Gesellschaftsschichten. Mit einer weitsichtigen marxistischen Führung kann sich so ein Konflikt in der Gesellschaft zu einer revolutionären Situation und dem Sieg des Proletariats entwickeln. Diese Lage entsteht gewöhnlich, wenn die herrschende Klasse gespalten und uneinig ist, die Zwischenschichten – die städtische Mittelschicht und die BäuerInnenschaft – politisch schwanken und nach einer Alternative suchen und die ArbeiterInnenklasse bereit ist, mit einer erprobten revolutionären Führung an ihrer Spitze für die Übernahme der Kontrolle über die Gesellschaft zu kämpfen.

In anderen Situationen, wo die ArbeiterInnenklasse jünger, zu schwach und unerfahren, mit zu wenig Selbstvertrauen und Klassenbewusstsein ist, kann ein Generalstreik eine andere Rolle spielen. Unter diesen Bedingungen können die oben skizzierten Elemente zwar vorhanden sein, sie sind aber noch zu wenig ausgereift als dass die Frage, welche Klasse die Gesellschaft leitet, sich unmittelbar stellen würde. Ein Streik unter diesen Bedingungen kann eine wichtige Rolle spielen, indem die ArbeiterInnenklasse Erfahrung gewinnt, ihre Organisationen aufbaut und größeres Bewusstsein und Selbstvertrauen als Klasse erlangt. Am 9. April 1958 existierte keine von beiden Situationen.

Der Generalstreik wurde nicht zur Wirklichkeit und war ein völliger Flop. In Havanna wurde im Hafen und im Transportsystem gearbeitet und auch die meisten Geschäfte und Fabriken blieben offen. Der Streik wurde über die Köpfe der ArbeiterInnen hinweg beschlossen und wurde von ihnen ignoriert. Die Zusammensetzung des Streikkomitees von Havanna spiegelt das Fehlen von ArbeiterInnen wider. Abgesehen von zwei Mitgliedern des Direktoriums der Bewegung des 26. Juli bestand es aus einem Chefingenieur, einem Journalisten der Orthodoxen Partei, einem Führer der kubanischen protestantischen Kirchen und einem philanthropischen Arzt. Castro hatte den Streik unterstützt, aber die Llano-Führung kritisiert, weil sie zuvor die PSP ausgeschlossen hatte. Die PSP gab mit einer gewissen Berechtigung dem „nicht koordinierten Aufruf“ der Bewegung des 26. Juli zum Generalstreik die Schuld an dessen Scheitern.

Vorübergehend und zu Unrecht stieg das Sicherheitsgefühl des Batista-Regimes als Ergebnis des Scheiterns des Streiks. Innerhalb der Bewegung des 26. Juli hatte dies tiefgehende Konsequenzen. Die Brüche zwischen Llano und Sierra nahmen zu, da Castro das geschwächte Prestige der städtischen Führung zu seinem eigenen Vorteil nutzte. Die volle Bedeutung dieser Ereignisse wurde erst Jahre später enthüllt. Che schrieb 1964 einen Artikel mit dem Titel „Eine entscheidende Versammlung“ für Verde Olivo, die Zeitung der Nach-Batista-Armee. Hier wurden die Folgen der Ereignisse um den April-„Streik“ klar. Am 3. Mai 1958 fand ein Treffen statt, in dem ein offener Kampf zwischen den UnterstützerInnen des Llano und Castro stattfand. Als Ergebnis dieses Treffens wurde Castro erstmalig Mal zum Generalsekretär der Bewegung des 26. Juli ernannt. Dies diente zur Festigung von Castros Stellung als Führer der Bewegung.

Wie Che in seinen Artikel kommentierte: „Auf jener Versammlung wurden … Konsequenzen gezogen, bei denen die moralische Autorität Fidels, sein unbestreitbares Ansehen … ausschlaggebend waren.“ Er fuhr fort: „Fidels ansehen und Autorität wurden gefestigt, und er selbst wurde zum Oberbefehlshaber aller Streitkräfte, einschließlich der Miliz – die bis zu jenem Zeitpunkt der Leitung in den Städten unterstellt war – und zum Generalsekretär der Bewegung ernannt.“ (Verde Olivo, 22. November 1964, nach Ernesto Che Guevara, ausgewählte Werke in Einzelausgaben, Band 2: Kubanisches Tagebuch, Köln 1987, S. 273-281, hier S. 273f.)

Politisch verstärkte die Niederlage des Streiks die Skepsis der Sierra gegenüber den Bewegung in den Städten. Dies zeigte sich auch in dem Konflikt, der auf der Versammlung am 3. Mai stattfand. Die herausragende Rolle des Guerillakampfes in den Bergen wurde nach einer erhitzt stattfindenden Debatte bekräftigt. Che schrieb: „Doch das Wichtigste ist, dass zwei Konzeptionen analysiert und beurteilt wurden, die während der gesamten vorhergegangenen Etappe der Kriegführung im Widerspruch gestanden hatten. Die Konzeption des Guerillakrieges sollte aus jener Versammlung siegreich hervorgehen…“ (a.a.O., s. 274) Er fuhr fort: „und so war es vorbei mit einigen naiven Illusionen über vermeintliche revolutionäre Generalstreiks, die man auslösen wollte, solange die Situation nicht die ausreichende Reife erlangt hatte, um eine derartige Explosion zu ermöglichen, und ohne dass die Vorarbeiten einer angemessenen Vorbereitung für eine Aktion von solcher Größen anzusehen wären … Es wurde bekräftigt das unsere Zweifel berechtigt waren, als wir den Gedanken äußerten, dass das Scheitern der Kräfte der Bewegung beim Versuch eines revolutionären Generalstreiks möglich sei…“ (a.a.O., S. 279)

Che schränkt seine Schlussfolgerungen über den revolutionären Generalstreik mit Hinweisen auf zentrale subjektive und objektive Fragen von „Vorarbeiten“ und Bedingungen, die nicht genügende „Reife erlangt“ hatten, ein. Dies sind entscheidende Fragen, die für MarxistInnen Grundlagen und zentral für die Einschätzung eines bestehenden Kräfteverhältnisses sind. Ches Betrachtung des Generalstreiks als „naiver Illusion“ und seine Gegenüberstellung der „Konzeption des Guerillakampfes“ enthüllt, das er und die Führung der Sierra nicht die aktive und bewusste Beteiligung der Massen, besonders des Proletariats, an der Revolution als zentral sahen. Dies war nicht einfach eine Frage von einem Artikel, sondern ein Ansatz, der in seiner Methode enthalten war.

Wenn die „Vorarbeiten“ für einen Generalstreik nicht gemacht waren, war es die Aufgabe von MarxistInnen, sie zu machen. Wenn die objektiven Bedingungen nicht „die ausreichende Reife erlangt“ haben, dann nehmen MarxistInnen geduldig und zugleich energisch an den Kämpen der ArbeiterInnen teil und betreiben Propaganda und Agitation, um dabei zu helfen. Es gab keine Einschätzung der Niederlage des Generalstreiks aus einem marxistischen Blickwinkel durch die Führung des Llano. Ihre FührerInnen standen nicht hinter dem Sozialismus, vom revolutionären Marxismus und seinen Kampfmethoden, die der ArbeiterInnenklasse die Kontrolle über die Gesellschaft sichern sollen, ganz zu schweigen.

Das Scheitern des Generalstreiks im April spiegelte eine gewisse Lähmung der ArbeiterInnenklasse in den Städten wieder, hauptsächlich weil es keine Führung gab, die einen Weg vorwärts anbot. Die Bewegung des 26. Juli genoss zwar, weil sie gegen Batista kämpfte, viel Sympathie in der Bevölkerung, war aber nicht im Proletariat verwurzelt und konnte wegen ihrem unklaren radikaldemokratischen Programm nicht dessen Vertrauen gewinnen. Das Programm der Bewegung des 26. Juli reflektierte immer noch eher die Bestrebungen des radikalen Klein-bürgertums als die der ArbeiterInnenklasse, auch wenn es zur Aktion gegen das Regime aufrief. Aber das vergrößerte nur das Vakuum, das es in der kubanischen Gesellschaft gab. Das Scheitern des Generalstreiks war kein Ausdruck für eine Etwaige Unterstützung für Batista. Es war ein Ausdruck des Fehlens einer Führung innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Castros Guerillaarmee wurde als kämpferisch und radikal wahrgenommen. Durch ihren heroischen militärischen Kampf und ihre scheinbar kompromißlose Haltung gegenüber dem Regime und dem US-Imperialismus konnte sie zunehmend die bestehende Lücke füllen.

Batistas letzte Monate

Ermutigt durch die Niederlage des Aprilstreiks und mit gestiegnen Selbstvertrauen begann Batista im Mai eine militärische Offensive gegen die RebellInnen. Aber diese brach schließlich aufgrund der schlechten Moral innerhalb der Streitkräfte zusammen. Im Juli gab es einen endgültigen Wandel. Zunehmend liefen Teile von Batistas Armee, einschließlich der Offiziere, auf die Seite der RebellInnen über. In den letzten Monaten 1958 fuhren die RebellInnen auf dem Schlachtfeld einen Erfolg nach dem anderen ein. Andere politische und militärische Oppositionsgruppen schlossen sich Castros Kräften an. Che führte seine eigene Abteilung und leitete eine Hauptoffensive gegen Kubas viertgrößte Stadt, Santa Clara, die Batistas Hauptverteidigungslinie war. Die Schlacht war entscheidend und dauerte etwa drei Tage, in denen Che eine heroische Rolle spielte und bei der seine Einheiten einmal sogar einen gepanzerten Zug einnahmen.

Als Teile der Stadtbevölkerung mit Molotowcocktails auf die Straße gingen und gegen die Armee kämpften, rief Che dazu auf, sich zu bewaffnen. Indem sich die Stellung der RebellInnen stärkte, änderten sowohl CIA als auch US-Außenministerium ihre ursprüngliche Haltung und betrachteten Castro jetzt als zu „unzuverlässig“, um mit ihm ins Geschäft zu kommen. Bevor sie aufgaben starteten sie noch einen letzten Versuch: Ein Plan zur Ersetzung Batistas wurde zusammengebastelt, aber die Verbindung von Verrat und der Dynamik der stattfindenden Revolution lies ihn scheitern.

Das Regime zerfiel und Batista flog am Neujahrstag 1959 mit einem Luftwaffenjet außer Landes. In der Nacht vom 1. auf den 2. Januar kam Che in Havanna an, während Castro die Kontrolle über Santiago übernahm. Am 2. Januar berichtete Radio Rebelde den Fall von Batista und die Bewegung des 26. Juli rief zu einem Generalstreik auf, um das Ende des alten Regimes zu manifestieren. Diesmal wurde der Streik verfolgt. Die RebellInnen hatten gewonnen als sie in der Hauptstadt ankammen bereitete ihnen die Bevölkerung auf die Straße einen begeisterten Empfang. Die verhasste Batista-Diktatur war gefallen. Die Revolution sollte weitergehen und die Folgen waren überall auf dem Erdball zu fühlen.

Kuba gegen „die Gringos“

Der Fall der Batista-Diktatur beendete den revolutionären Prozess nicht, der sich auf Kuba entwickelt hatte. Castros triumphaler Einzug in Havanna stellte den Abschluss von Kapitel eins dar. Eine Kombination von verschiedenen Einflüssen stieß die Revolution viel weiter als es viele ihre FührerInnen anfänglich beabsichtigten.

Eine Provisorische Regierung unter der Präsidentschaft von Richter Manuel Urruitia, unter der Beteiligung von Pazos, einem der Unterzeichner des Vertrages von Miami, wurde ernannt. Alle waren unter dem Dach der Bewegung des 26. Juli und Castros leitendem Einfluss. Sie war, was der Name erklärte – eine Bewegung und keine disziplinierte politische Partei mit einer klaren Ideologie oder Politik. Die Lähmung des „liberalen“ kapitalistischen Kubas spiegelte sich im Akzeptieren dieser „Provisorischen Regierung“ wieder. Rasch kündigte die Regierung an, dass Wahlen um achtzehn Monate verschoben statt finden würden. Diesen erklärten „liberalen“ kapitalistischen VertreterInnen fehlten die Visionen und Initiativen, um kühn in den politischen Kampf zu ziehen. Sie hatten keine andere Wahl, als Castro die Fäden ziehen zu lassen.

Anfang Januar machte Castro einen typisch bonapartistischen Balanceakt. Auf der einen Seite nahm er Teile der „liberalen“ kubanischen KapitalistInnenklasse in die Regierung auf und versuchte in Worten, sie und in gewissem Umfang den US-Imperialismus zu beruhigen, dass sie durch die Revolution gegen Batista nicht gefährdet seien. Er war immer noch mehr von den radikalen Ideen eines Martí als durch irgendetwas anderes beieinflusst. Er versprach, dass die Revolution wirklich „kubanisch, national und demokratisch“ sei. Am 16. Januar sprach er am Grab von Eduard Chibas (dem früheren Führer der Orthodoxen Partei) – er bestritt, dass er Kommunist sei und pries Chibas. Chibas war immer ein erbitterter Gegner sozialistischer Ideen gewesen. Ende Januar, als Castro in Venezuela war, versprach er innerhalb von zwei Jahren Wahlen zu einem „Kongress“ abzuhalten.

Gleichzeitig waren die ArbeiterInnen, die BäuerInnen, die Jugend und sogar die Mittelschicht durch den Sturz Batistas radikalisiert worden. Castro stützte sich auf diese Massenbewegung, um Maßnamen zur Sicherung von Kubas Unabhängigkeit einzuführen. Er war seinerseits aber auch durch sie beeinflusst und drängte in eine radikalere Richtung. Die Kombination dieser Prozesse in Kuba und die Reaktion des US-Imperialismus auf die Ereignisse führten dazu, dass die Revolution viel weiter und schneller voran ging als ihre Hauptakteure ursprünglich beabsichtigt hatten. Der US-Imperialismus war über die Ereignisse entsetzt, die sich auf seiner früheren Spielwiese zu entwickeln begannen. Die verbleibenden US-TouristInnen, die im Havanna Hilton ausharrten, waren zweifellos etwas verstimmt, weil dieses Luxushotel in den inoffiziellen aber faktischen Regierungssitz umgewandelt wurde. Als sie den Urlaub vorzeitig abbrachen, mussten sie „schmutzigen“, bärtigen bewaffneten Guerillas, ArbeiterInnen und Jugendlichen begegnen, die jetzt über die Gänge liefen. Unter ihnen war die Gestalt, die zunehmend ihr Buhmann wurde – Che Guevara.

eine Million Geschworener

Im Januar begann Castro, weitgehend unter Ches Anleitung, Maßnahmen zu ergreifen, die den Zorn des US-Imperialismus heraufbeschwor. Um sich vor der Gefahr einer Konterrevolution durch die Reste von Batistas Regime zu schützen, begann eine Säuberung des alten unterdrückerischen Staatsapparats. Bekannte SympathisantInnen und UnterstützerInnen von Batista wurden verhaftet, bekannte Folterer und Killer wurden hingerichtet. Im Zeitraum von mehreren Monaten wurden Hunderte getötet. Che hatte entscheidenden Einfluss bei der Umsetzung dieser zum Schutz der Revolution berechtigten Maßnahmen.

Mitte Januar errichtet Che die Academia Militar-Cultural, um in La Cabaña Schulungsmaßnahmen innerhalb der Armee durchzuführen. Von hier gingen zwei wichtige Aufgaben aus. Ein politisches Schulungsprogramm unter Armeeangehörigen wurde begonnen. Etwa 1.000 Kriegsgefangene aus Batistas besiegten Streitkräften wurden festgehalten. Che versuchte dadurch, die Armee wiederaufzubauen und dadurch eine feste Basis für die Revolution zu schaffen. Die Guerillaeinheiten und ihre FührerInnen wurden in sie integriert, zunehmend auch Mitglieder der PSP, zu der Che engere Verbindungen aufnahm.

Von La Cabaña aus beaufsichtigte er die Revolutionstribunale, die als Mittel zur Säuberung der Armee von ihren batistafreundlichsten Elementen eingesetzt wurden. Im Mittelpunkt der Prozesse standen jene, die unter der Batista-Diktatur Folter und Mord begangen hatten. Im Großteil der kubanischen Bevölkerung herrschte die Stimmung vor, jene, die mit der Diktatur in Verbindung gestanden hatte, zu lynchen. Die Tribunale riefen massive Angriffe durch den US-Imperialismus hervor, der solche Maßnahmen als kriminell anprangerte. Die Zwangsmaßnahmen hatten aber die Unterstützung der Masse der KubanerInnen, besonders der Armen, die durch Batistas Banden schreckliche Verbrechen erlitten hatten. Die Tribunale waren keine gewählten Komitees der ArbeiterInnen, Soldaten und VertreterInnen der Gemeinden, wie es MarxistInnen unter solchen revolutionären Bedingungen befürwortet hätten. Aber die von den Tribunalen ergriffenen Maßnahmen sollten die Revolution verteidigen und den Opfern von Batistas sadistischen Folterern etwas Gerechtigkeit verschaffen. Die Angeklagten erhielten Verteidiger und das Recht, Entlastungsmaterial vorzubringen oder ihre Handlungen zu rechtfertigen. Laut denen, die dort teilnahmen, wurde niemand erschossen, weil er einen Gefangenen des früheren Regimes geschlagen hatte. Nur in Fällen von brutaler Folter oder Tod, und das waren Hunderte von Fällen, lautete das Urteil auf Hinrichtung. Frühere Gefangene und die Familien der Toten oder „Verschwundenen“ sollten aussagen und die Narben zeigen, die sie ihr Leben lang tragen mussten.

Diese elementaren Rechte stehen in deutlichem Kontrast zu der „Gerechtigkeit“, die es in den 80er Jahren in Lateinamerika gab, als auf dem ganzen Kontinent ein Militärregime nach dem anderen fiel. Anders als in Kuba nach dem Fall von Batista haben die neuen prokapitalistischen Regime eine Verschwörung des Schweigens zugelassen, um Militär und Polizei in ihren Ländern zu schützen. Obwohl Hunderttausende Folter und Tod erlitten hatten, gab es nur wenige Verfahren gegen die Verantwortlichen für solche Verbrechen in Argentinien, Chile, Brasilien, Peru und anderen Ländern. Den Opfern wurde selbst die Möglichkeit offen Auszusprechen was war verweigert. Die Freunde und Familien der „desapparacidos“ (Verschwundenen) bekommen immer noch keine Anwort auf die einfache Frage, die sie auf dem ganzen Kontinent auf Plakaten hochhalten: „¿Donde estan?“ (Wo sind sie?). In Argentinien stellen nach mehr als einem Jahrzehnt wöchentlicher Proteste vor dem Präsidentenpalast die Mütter der Verschwundenen immer noch dieselbe Frage und erhalten keine Antwort. Selbst die Leichen wurden den Angehörigen nicht zur Beerdigung und Betrauerung zurückgegeben.

Das Schweigen des US-Imperialismus zu diesen Verbrechen, an denen seine Agenturen wie die CIA direkt beteiligt waren, war ohrenbetäubend. Es stand in krassem Gegensatz zu seiner Reaktion auf die Tribunale unter dem Vorsitz von Che auf Kuba. Der US-Imperialismus zeichnete ein schauerliches Bild dessen, was in Havanna stattfand. Der „Terror“ des neuen Regimes wurde heuchlerisch angeprangert und Che wurde als Staatsfeind Nummer eins dargestellt. Der Zorn des US-Imperialismus wurde jetzt entfesselt, da die Revolution Vergeltung an den bezahlten Lakaien Washingtons nahm.

Che war entschlossen, seine Politik durchzuführen. Die Wunde der jüngsten Geschichte war immer noch offen und durch seine Erfahrung im Verlauf des Krieges vertieft worden. Che wiederholte in dieser Periode ständig vor seinen GenossInnen, dass Arbenz in Guatemala gescheitert war, weil er die Streitkräfte nicht gesäubert hatte und der CIA erlaubt hatte, seine Regierung zu unterwandern und zu stürzen. Er war entschlossen, keine Wiederholung der Geschichte auf Kuba zuzulassen. Am 22. Januar wurde in Havanna eine Massenkundgebung zur Unterstützung der „Kriegsprozesse“ der Regierung einberufen. Die Schätzungen schwanken, aber zwischen einer halben und einer Million nahmen an dieser Massendemonstration teil. Sie war größer als die Kundgebung, die Castro bei seiner Ankunft in Havanna am 8. Januar empfing. Die Revolution bekam Schwung. Transparente griffen den US-Imperialismus an, weil er mit zweierlei Maß vorging, verglichen die Verfahren gegen Batistas Mörder mit den Nürnberger Prozessen gegen Nazi-Kriegsverbrecher nach dem 2. Weltkrieg und forderten „revolutionäre Justiz“. Castro forderte alle, die der revolutionären Justiz zustimmten, ihre Hände zu heben. Bis zu einer Million Hände wurden gehoben, verbunden mit dem Ausruf „si“. Castro dazu: „Meine Herren vom diplomatischen Korps, meine Herren von der Presse, das Geschworenengericht aus einer Million Kubaner aller Ideen und aller sozialen Klassen hat geurteilt.“

Die Unterstützung für die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen war enorm. Castro stützte sich darauf und mobilisierte sie jetzt als Antwort auf die Angriffe und Bedrohungen durch die „imperialistischen Gringos“ in den USA. Er wurde seinerseits auch durch den Druck der Massenbewegung, die von revolutionärer Begeisterung erfasst war, vorwärtsgestossen. Verstärkt wurde dieser Prozess durch die arroganten Reaktionen und Forderungen der USA. Innerhalb weniger Monate war die Revolution viel weiter gegangen als es irgend einer ihrer Hauptakteure geahnt hatte. Selbst Che hatte 1958 geschrieben: „Ich begann den Kampf in diesem Geist: Ehrlichkeit ohne jede Hoffnung, über die Befreiung des Landes hinauszugehen; und völlig bereit, zu gehen, wenn die Bedingungen des Kampfes alle Maßnahmen der Regierung nach rechts (hin zu dem, was Sie darstellen) drehen.“ (Brief an den Koordinator der Bewegung des 26. Juli in Oriente, „Daniel“)

Der Untergang des kapitalistischen Kuba

Castro stützte sich zwar auf die Massen und verteidigte die „revolutionären Prozesse“, vertrat aber immer noch nicht die Idee einer „sozialistischen Revolution“. Alles Eigentum, das Batista und seinen Günstlingen gehörte, wurde in den ersten Tagen der Revolution vom Staat übernommen. Aber Castro wies immer noch alle „kommunistischen“ Ziele zurück und erklärte seine Unterstützung für die Errichtung einer kapitalistischen „Demokratie“ auf Kuba. Der US-Imperialismus war über die Ereignisse entsetzt, die sich nur 100 Meilen vor seiner Küste abspielten. Diese Ängste waren zwar berechtigt, aber viele seiner VertreterInnen litten auch unter einem „KommunistInnen-Verfolgungswahn“ und sahen in jeder radikalen politischen Bewegung südlich des Rio Grande, die sie nicht direkt kontrollierten oder beeinflussten, eine „kommunistische Verschwörung“. Sie vertrauten Castro nicht, der eine weitgehend unbekannte Größe blieb. Er wurde von einer Gruppe Zeitungsherausgeber in die USA eingeladen, um ihn „auf Herz und Nieren zu prüfen“. Sein Besuch fand im April statt und sollte offensichtlich auch Druck auf ihn ausüben, US-Wünschen zu folgen. Während er in Washington war, traf Castro unter anderem Vizepräsident Nixon zu „Diskussionen“. Nixon forderte das Ende von Hinrichtungen durch „Revolutions“tribunale und den Abbruch der Beziehungen zu „KommunistInnen“. Er gab Castro eine Liste „bekannter KommunistInnen“ in der Regierung und ihrem Umfeld. Obendrein wurden diese Forderungen mit der Frage der Wirtschaftshilfe verbunden. Nach dem Treffen folgerte Nixon, Castro sei entweder „…unglaublich naiv gegenüber dem Kommunismus oder steht unter kommunistischer Disziplin, und wir müssen ihn entsprechend behandeln.“ „Entsprechend“ unterstützte er dann den Chef des Federal Bureau of Investigation (FBI), J. Edgar Hoover bei seinem Drängen, die USA sollten sofort kubanische EmigrantInnen bewaffnen, um Castro zu stürzen.

Die zwangsweise Entfernung von Castro wurde eine Prestigefrage für die herrschende Klasse in den USA und hat ihre Politik seitdem ständig bestimmt. Castro versuchte, Nixon zu erklären, dass alle Maßnahmen, die seine Regierung gegen die Interessen der USA ergriff, gerecht seien, und argumentierte auf seiner Rundreise, dass er kein Kommunist sei, dass ausländische Interessen respektiert würden und dass sein Herz „im Westen“ liege. Drei Stunden lang traf er den CIA- „Experten“ für Kommunismus in Lateinamerika, der folgerte, dass „Castro nicht nur kein Kommunist, sondern ein starker Antikommunist ist“. Aber der US-Imperialismus war nicht breit, eine Herausforderung seiner Interessen auf Kuba oder in der Region insgesamt zu akzeptieren. Er war nicht bereit, eine Lockerung seines Zugriffs auf seine frühere Spielwiese durch die Entstehung eines unabhängigeren, „nationalen“ und „liberale“ Reformen anstrebenden Regimes in Havanna hinzunehmen. Das Ergebnis war, dass Castro, auch unter dem Druck der Revolution auf Kuba, in einen Konflikt mit den USA und dem Kapitalismus geriet.

Che drängte während dieser Prozesse in jeder Phase Castro, weiter gegen den Kapitalismus vor zu gehen. Die Revolution schlug immer tiefere Wurzeln und bekam Schwung. Die Schläge, die ihr der US-Imperialismus versetzte, stärkten sie nur und stießen sie noch weiter nach links in eine sozialistische Richtung. In seinem Artikel von 1963 Aufbau einer Partei der ArbeiterInnenklasse schrieb Che: „Der Imperialismus war ein sehr wichtiger Faktor in der Entwicklung und Vertiefung unserer Ideologie. Jeder durch den Imperialismus versetzte Schlag schrie nach einer Antwort. Jedes Mal handelten die Yankees mit ihrer gewohnten Arroganz, indem sie Maßnahmen gegen Kuba ergriffen und wir ergriffen die notwendigen Gegenmaßnahmen und vertieften dadurch die Revolution.“ Nachdem Castro von seinem Amerikabesuch zurückkehrte, wurde ein Programm der Bodenreform von der Regierung angekündigt. Es war unter Ches Einfluss entworfen worden und sein erster Artikel verbot Landgüter über 1.000 Morgen (405 Hektar) und unterstützte die Errichtung von Genossenschaften. Ausnahmen waren möglich und auch ausländische Firmen konnten Land besitzen, wenn die Regierung fand, dass das im nationalen Interesse sei. In Wirklichkeit ging das Gesetz wenig über die Verfassung von 1940 hinaus, aber es erlaubte der Regierung, Land zu beschlagnahmen und die neue Gesetzgebung wirkte sich auf etwa 40 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche aus.

Das Bodenreformprogramm sollte durch das Institut für Bodenreform INRA umgesetzt werden, das Farmmanager ernannte und ArbeiterInnen das ganze Jahr über täglich 2,50 Dollar bezahlte. Obwohl die vorgeschlagene Bodenreform sich wenig von der Verfassung von 1940 unterschied, reichte sie aus, die Opposition von Kubas Grundeigentümern und ihren Freunden in den USA wachzurufen, die das Gespenst des „Kommunismus auf Kuba“ an die Wand malten. Der Preis des kubanischen Zuckers an der New Yorker Börse fiel. US-Firmen mit Investitionen auf Kuba fingen an, sich in Panik zu fragen, ob sie eine Entschädigung erhalten würden, wenn die neue Regierung ihr Vermögen beschlagnahmen würde.

Die USA inszenierten eine Kampagne, mit dem Ziel, Castro durch die Forderung, er solle Wahlen durchführen, zu stürzen. Die Reaktion war eine riesige Demonstration von hunderttausenden am 1. Mai, bei der bewaffnete KubanerInnen riefen „Revolution- ja, Wahlen – nein.“ Innerhalb Kubas selbst fand eine massive Radikalisierung der ArbeiterInnen, armen BäuerInnen und Jugendlichen und auch eine Polarisierung innerhalb der Regierung statt. VerkäuferInnen verkauften Saft auf den Straßen, um Geld für den Staat und die Revolution zu bekommen. Im Sommer 1959 schwankte Castro immer noch und sprach von einer „humanistischen“ nationalen Revolution, die weder „kapitalistisch“ noch „kommunistisch“ sei. Die offen prokapitalistischen „Liberalen“ in der Regierung hatten keine ernstzunehmende Person, um die sie ihre begrenzten Kräfte sammeln konnten. Sie protestierten aber zunehmend gegen die Maßnahmen Ches in den Streitkräften und die Beförderung bekannter SozialistInnen und PSP-UnterstützerInnen. Sie lehnten die radikaleren Maßnahmen ab, deren Einführung Castro zustimmte, wie einem Erlass, der die Mieten um 50 % senkte, der im März verkündet wurde. Eine zunehmende Polarisierung entwickelte sich innerhalb der herrschenden Kreise, die sowohl den Druck der sich entwickelnden Revolution widerspiegelte, als auch die Reihe der Schläge und Gegenschläge zwischen den USA und Kuba. Präsident Urruitia musste im Juli nach massiven Protesten wegen seiner Opposition gegen die Einführung radikaler Schritte durch die Regierung zurücktreten. Bis November waren die liberalen Minister entlassen oder zum Rücktritt gezwungen worden, weil sie sich dem Chor Washingtons gegen die „kommunistische“ Politik der kubanischen Regierung anschlossen. Che forderte in diesen Monaten noch radikalere Maßnahmen. Seit Januar hatte er eine Politik schneller Industrialisierung der Wirtschaft auf der Grundlage der Verstaatlichung der Rohstoffe, Elektrizität, der Telefongesellschaft (eine Tochterfirma des US-Multis ITT) und anderer Wirtschaftszweige gefordert.

Der Kapitalismus am Ende

Che entsetzte mit seinen Lehren die USA jetzt mehr als irgend jemand sonst auf Kuba. Er sah den Angriff durch die US-Regierung voraus, der der Übernahme radikalerer Politik folgen würde. Am 27. Januar hielt er eine Rede „Soziale Aussichten für die RebellInnenarmee“. Che verkündete: „Unsere Revolution ist aufs engste verbunden mit allen unterentwikkelten Ländern Lateinamerikas. Die Revolution ist nicht auf die kubanische Nation beschränkt, weil sie das Gewissen (Latein-) Amerikas berührt hat und die Feinde unseres Volkes ernsthaft alarmiert hat. Die Revolution hat die lateinamerikanischen Tyrannen wachsam gemacht, weil sie die Feinde populärer Regime sind, genauso wie die monopolistischen ausländischen Konzerne … Heute ist das ganze Volk von Kuba kriegsbereit und sollte es bleiben, damit der Sieg über die Diktatur nicht vorübergehend sondern der erste Schritt zum Sieg von (Latein-)Amerika ist.“ Es war ein Weckruf für die RevolutionärInnen in ganz Lateinamerika und eine Kriegserklärung gegen die US-Interessen. Die USA begannen eine Politik, die die von dem neuen Regime ergriffenen Maßnahmen abwürgen sollten. Der Import von Zucker aus Kuba wurde wegen der Bodenreform und der Verstaatlichung der ausländischen Ölgesellschaften im Juni zusammengestrichen. Dies war seinerseits die Reaktion auf den Import von russischem Öl, dessen Raffinierung die US-Firmen verweigert hatten. Die kubanische Regierung ernannte VerwalterInnen für alle Raffinerien im Eigentum von Texaco, Esso und Shell und verstaatlichte sie dann. Castro reagierte auf die Kürzung der Zuckerimporte mit einem Erlass, der die Verstaatlichung aller ausländischen Vermögen legalisierte. Im Oktober wurden 383 große kubanische Industrieunternehmen und die Banken vom Staat übernommen. Der Kapitalismus war dahin. Im April 1960 verkündete Castro zum ersten Mal, die Revolution auf Kuba sei „sozialistisch“.

Ein neues Kuba

Während der US-Imperialismus, durch die Ereignisse in Havanna, entsetzt war, beobachtete die bürokratische Diktatur, die in Moskau im Namen des „Sozialismus“ herrschte, die Ereignisse anfangs aus der Entfernung. Die Herren im Kreml waren durch die Wendung, der Ereignisse bestenfalls überrascht. Es ist sicher falsch zu behaupten, dass die kubanische Revolution von Anfang an mit der Unterstützung der UdSSR durchgeführt worden wäre und dass Castro mit ihnen zusammengearbeitet hätte, wie das manche Schönfärber des Moskauer Regimes behauptet haben.

Vor der Granma-Expedition kam es in Mexiko zu begrenzten Kontakten zwischen einzelnen Mitgliedern der Bewegung des 26. Juli und Vertretern der Sowjetunion. Abgesehen von Raúl Castros Mitgliedschaft in der Kommunistischen Jugend hatte auch Che Diskussionen mit sowjetischen FunktionärInnen. Bei den Kontakten, die stattfanden, ging es bestenfalls um Erkundung. Che sah die Sowjetunion zu der Zeit, als er in Mexiko war, als Verkörperung des „Sozialismus“. Obendrein wurde die Sowjetunion wie von vielen anderen in der kolonialen und halbkolonialen Welt auch als attraktives Gegengewicht zum Imperialismus – in Lateinamerika besonders dem US-Imperialismus – gesehen. In einem Brief an „Daniel“ von 1958, erklärte Che, dass er „zu denen gehörte, die glauben, dass die Lösung der Weltprobleme hinter dem sogenannten eisernen Vorhang liegt…“ Später wurde Che, je mehr er in Russland mit eigenen Augen sah, um so kritischer und ablehnender in seiner Haltung gegenüber der privilegierten Bürokratie, die dort im Namen des „Sozialismus“ herrschte – ohne seinen Hass auf Kapitalismus und Imperialismus zu verlieren. Wenn es eine Verschwörung von Castro und der Bürokratie im Kreml zur Übernahme Kubas gab, dann wussten die Führer der Sowjetunion nichts davon. Als im Januar 1959 die Nachrichten von den turbulenten Ereignissen in Havanna in Moskau einlangte, fand gerade ein Führungstreffen der der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) statt. Anderson schildert die Ereignisse in seiner Che-Biographie im Detail, wie sie ihm von Giorgi Kornienko, einem führenden Funktionär, der in der Informationsabteilung der KPdSU arbeitete, berichtet wurden. „Chruschtschow fragte: ‘Was für Leute sind das? Wer sind sie?“ Aber niemand wusste die Antwort auf seine Frage … In Wirklichkeit wussten wir nicht, wer diese Leute in Havanna waren.“

Sobald aber die Moskauer Bürokratie mit der sozialen Revolution konfrontiert war, war sie bereit, einzugreifen und die Chance zu nutzen, die sich ihr bot. Chruschtschow konnte den internationalen Einfluss und das Prestige der Bürokratie vergrößern, indem er das kubanische Regime unter Castro umarmte. Dies war während der Kuba-Raketenkrise offensichtlich, als die Kubaner eine US-Intervention befürchteten und um militärische Hilfe baten. Die Sowjetbürokratie stimmte zu und stellte Waffen auf, die mit atomaren Sprengköpfe bestückt werden konnten. Dies hatte vor allem das Ziel, das Prestige der Bürokratie international zu steigern und „auf gleicher Stufe“ wie die USA gesehen zu werden. Grund war auch eine Auge-um-Auge-Politik gegen frühere Aktionen der USA. Chruschtschow argumentierte zur Aufstellung der Atomwaffen auf Kuba: „Wir können ihnen dieselbe Medizin geben, die sie uns in der Türkei gegeben haben (die USA hatten Atomraketen installiert, die auf die UdSSR zielten) … es soll ihnen bloß ein bißchen Angst einjagen … sie sollen sich so fühlen wie wir … sie müssen die Pille schlucken, wie wir die türkische schlucken mussten.“ Die russische Bürokratie nutzte nicht nur die Lage, um ihr internationales Prestige zu steigern, sondern nutzte auch ihren Einfluss und wirtschaftliche Kraft, um die kubanische Führung zu kontrollieren, die als unberechenbar betrachtet wurden. Die Bürokratie, die 1960 in der UdSSR herrschte, war zuversichtlich und anmaßend im Weltmaßstab, sehr im Unterschied zu der demoralisierten Clique, die 1989-92 die Restauration des Kapitalismus durchführte.

Soziale Errungenschaften

Das revolutionäre Kuba errichtete sehr günstige Handelsbeziehungen mit der UdSSR und Osteuropa. 85 % des kubanischen Zuckers Handels wurde hinter dem „eisernen Vorhang“ abgewickelt, wo kubanischer Zucker zum drei- und sogar vierfachen Weltmarktpreis gekauft wurde. 95 % des kubanischen Öls kam aus der UdSSR. Die russische Wirtschaftshilfe lag bei über einer Million US-Dollar pro Tag. Ohne solche Unterstützung wäre die kubanische Wirtschaft und die Revolution zusammengebrochen. Wie es im Sprichwort heißt, gilt: „Wes Brot ich ess“, des Lied ich sing“. Mit dieser Abhängigkeit hatte der Kreml das Castro-Regime fest im Griff. Investitionen in der Industrie wurden unternommen und TechnikerInnen nach Havanna geschickt. Auf der Grundlage des Sturzes des Kapitalismus und der Schaffung einer geplanten Wirtschaft mit wirtschaftlicher Unterstützung durch die UdSSR wurde das Leben der kubanischen Massen umgestaltet.

Die Errungenschaften der Revolution standen in Kontrast zum Elends in dem der Rest der Bevölkerung des Kontinents in der „freien Marktwirtschaft“ weiter versank. Innerhalb von zwei Jahren wurde der Analphabetismus beseitigt. Vor 1959 erhielten 50% der Kinder im Grundschulalter überhaupt keinen Unterricht; nach der Revolution war er für alle zugänglich. LehrerInnen und Studierende wurden ausgesandt, um in Fabriken und landwirtschaftlichen Betrieben Kurse zu organisieren. Wenn am Arbeitsplatz alle lesen und schreiben konnten, wurde am Eingang eine rote Fahne gehißt. Die Gesundheitsversorgung wurde ausgebaut und allen frei zugänglich gemacht. Schließlich sollte sie zu den weltbesten gehören. Arbeit, Nahrung und Wohnung waren für alle vorhanden. Die Kindersterblichkeit sank auf 10,6 Promille und die Lebenserwartung stieg bis Ende der 70er Jahre auf 74 Jahre. Ein Wert, der im Vergleich zu den führenden imperialistischen Ländern gut abschneidet. Im Vergleich dazu lag sie damals in Bolivien bei 45 Jahre, in Brasilien bei 60 Jahren und 58 in Kolumbien.

Castros Regierung war die erste auf dem Kontinent, die offen ihre Unterstützung für „Sozialismus“ verkündete. Bis dahin hatte die Aufnahme Sozialistischer oder Kommunistischer Parteien in Regierungen in Lateinamerika in Form von Koalitionen mit einer Vielzahl kapitalistischer Parteien stattgefunden. Jede Unterstützung für sozialistischen Aufbau verblasst schnell und wurde fallengelassen. Erst mit Allendes Wahl in Chile verkündete wieder eine lateinamerikanische Regierung ihre Absicht, den Sozialismus aufzubauen. Obendrein wurde der Sieg auf Kuba sichtbar durch eine Revolution erreicht. Die Wirkung auf dem ganzen Kontinent war elektrisierend. ArbeiterInnen, BäuerInnen und Jugendliche in ganz Lateinamerika begannen Kuba als Beispiel zu sehen, das es nachzuahmen galt. Kuba war ein Vorbild für die ausgebeuteten Massen. Der Begeisterung, die die Ereignisse in Havanna im Süden erzeugten, kam nur das Entsetzen gleich, mit dem sie die kapitalistischen Herrschenden nördlich des Rio Grande beobachtet.

Schweinebucht

Im „Innern der Bestie“, wie José Martí den US-Imperialismus genannt hatte, wurden Pläne für den Sturz von Castros „kommunistischer Bedrohung“ geschmiedet. Im April 1961 bombardierten Flugzeuge aus den USA Santiago de Cuba. Als Antwort auf diesen Angriff verkündete Castro den „sozialistischen Charakter“ der Revolution. Dieser Angriff war ein Vorspiel auf eine Invasion im selben Monat in Playa Girón (Schweinebucht) durch eine von den USA organisierte Söldnereinheit. Der Angriff kollabierte zu einer Farce, da die USA vor einem allgemeinen Angriff zurückschreckten und sie von bewaffneten Milizen zurückgeschlagen wurden. Jeder Angriffsversuch des US-Imperialismus führte nur zur Stärkung der Unterstützung für die Revolution und Castros Regime. Che schickte zu Recht nach der Invasion in Playa Girón eine schriftliche Botschaft an Präsident Kennedy: „Danke für Playa Girón. Vor der Invasion war die Revolution zerbrechlich. Jetzt ist sie stärker denn je.“ Dem Scheitern der Invasion folgte dann der Versuch einer Kampagne, um Kuba international zu isolieren. Am 31. Januar 1962 wurde der Ausschluss Kubas aus der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) durchgeführt. Dem folgte ein totales US-Handelsembargo, das bis heute besteht. Am 4. Februar schlug Castro in einer langen Rede zurück, der Zweiten Erklärung von Havanna. Sie wurde vor einer Million ZuhörerInnen verkündet – einem Siebtel der ganzen Bevölkerung. Sie war eine herausragende Zusammenfassung der Geschichte Lateinamerikas, griff den Kapitalismus und Imperialismus an und forderte Revolution und Sozialismus auf dem ganzen Kontinent. Castro hatte alles Recht zu erklären: „Kuba, das mehr als hunderttausend armen BäuerInnen Grund und Boden gab und allen LandarbeiterInnenn das ganze Jahr über Arbeit und Verdienst in Volksgütern und Genossenschaften garantiert; Kuba, das aus Kasernen Schulen machte und über 60.000 HochschulstudentInnen, OberschülerInnen und FachschülerInnen Stipendien gewährt; Kuba, das Schulen für alle Kinder baut und das Analphabetentum Vergangenheit werden ließ; Kuba, das die medizinischen Einrichtungen um das Vierfache erweiterte; Kuba, das die Unternehmen der Monopole nationalisierte und den Mietwucher unterband, der die Wohnungen zu einem Objekt der Ausbeutung machte; Kuba, das die Arbeitslosigkeit beseitigte, die Diskriminierung der Rassen beseitigte und die Gleichberechtigung der Frau herstellte; Kuba, das die Spielhöllen schloss, Laster und Korruption ausradierte und das Volk bewaffnete … – dieses Kuba wird aus der Organisation der Amerikanischen Staaten ausgestoßen von Regierungen, die ihren Völkern bisher auch nicht eine einzige dieser Errungenschaften gegeben haben.“

Und bezüglich des Zorns, der unter den Verteidigern des Kapitalismus aufgekommenen war: „Die Angst erklärt alles. Nicht die Angst vor der kubanischen Revolution, sondern die Angst vor der lateinamerikanischen Revolution … die Angst davor, dass die ArbeiterInnen, BäuerInnen und Studenten, die Intellektuellen und fortschrittlichen Angehörigen des Mittelstandes in den von den amerikanischen Monopolen und der einheimischen reaktionären Oligarchie ausgehungerten und ausgebeuteten Ländern Lateinamerikas auf dem Weg der Revolution ebenfalls die Macht übernehmen könnten. Die Angst der Ausbeuter und Unterdrücker davor, dass die ausgeplünderten Völker des amerikanischen Kontinents ihnen die Waffen zur Niederhaltung der Volksmassen entreißen und sich, ebenso wie Kuba, zu freien Territorien in Amerika erklären könnten.“ (Zweite Deklaration von Havanna, in Dr. Fidel Castro Ruz, Fanal Kuba. Reden und Schriften 1960-62. Berlin 1963, S. 377- 398, hier S. 385f. und 377)

Die Errungenschaften der kubanischen Revolution zusammen mit solchen Erklärungen stellten sicher, dass sie zu Hause und im Ausland massive Unterstützung gewann. Aber trotz der Popularität des neuen Regimes und der gewaltigen Errungenschaften durch die Revolution führte es nicht zur Errichtung eines wirklichen Systems von ArbeiterInnendemokratie.

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