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Che Guevara (2. Teil)

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Das Programm der Aufständischen

Die Mehrheit waren aber nicht Mitglied einer politischen Organisation. Das Programm, für das sie eintraten, war hauptsächlich auf die radikalen Aspekte der Politik der zwar demokratischen, aber bürgerlichen Orthodoxen Partei beschränkt. Fidel Castro war keine Ausnahme. Zu dieser Zeit betrachtete er sich nicht als Sozialist und, obwohl er etwas Marx und Lenin gelesen hatte, sicher nicht als Vertreter marxistischer Ideologie. Die Grundideen, die die Aufständischen von Moncada befürworteten, gehen aus der Erklärung, die sie nach Einnahme der Radiostation verlasen, entnehmen: „Die Revolution erklärt ihre feste Absicht, Kuba nach einem Plan der Wohlfahrt und wirtschaftlichen Blüte zu errichten, die das Überleben ihres reichen Untergrunds, ihre geographische Lage, vielfältige Landwirtschaft und Industrialisierung sichert … Die Revolution erklärt ihren Respekt vor den Arbeitern … und … die Errichtung von völliger und endgültiger sozialer Gerechtigkeit auf der Grundlage von wirtschaftlichem und industriellem Fortschritt unter einem gut organisierten und zeitlich abgestimmten Nationalplan.“

Die Erklärung bekräftigte, dass sie „die Ideen von Martí anerkennt und sich auf sie stützt“ und verpflichtete sich dann, die Verfassung von 1940 wiederherzustellen. Mit anderen Worten schlug sie ein Programm zur Errichtung einer modernen, industrialisierten kapitalistischen Demokratie vor, die der ArbeiterInnenklasse und den Armen Grundrechte geben würde. Dies wurde durch Castro weiter ergänzt in der Rede, die er nach seiner Verhaftung vor Gericht hielt. Castro skizzierte fünf Gesetze, die sie einführen wollten, sobald sie an der Macht wären. Sie waren radikal und versprachen die Verstaatlichung des Telefonsystems und anderer öffentlicher Versorgungsbetriebe, eine Bodenreform und Vorschläge zur Umstrukturierung der Zuckerindustrie. Sie schlugen ein Profitteilungssystem in den Zuckerfabriken und andren nichtlandwirtschaftlichen Sektoren der Wirtschaft vor. Aber das Programm schlug nicht einmal die Verstaatlichung der Zuckerindustrie vor und hätte ausländisches Eigentum an der Wirtschaft nicht beendet. Im wesentlichen war es ein Programm liberaler kapitalistischer Reform, das, wenn es umgesetzt worden wäre, versucht hätte, die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution anzupacken.

Die historischen Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution umfassen eine Bodenreform zur Beendigung der feudalen Klassenverhältnisse, die Entwicklung der Industrie, die Vereinigung des Landes zu einem Nationalstaat, die Errichtung kapitalistischer parlamentarischer Demokratie und das Gewinnen nationaler Unabhängigkeit von der imperialistischen Vorherrschaft. Die exakte Form, die die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution annehmen, unterscheiden sich von Land zu Land. In manchen Ländern können manche der gestellten Fragen gelöst oder teilweise gelöst werden, andere bleiben zu lösen. Zum Beispiel gibt es in Argentinien auf dem Land im Unterschied zu feudalen Eigentumsverhältnissen kapitalistische Strukturen. Aber Argentinien ist immer noch durch die Vorherrschaft der Wirtschaftsmacht der führenden imperialistischen Länder gefesselt.

Seit Jahrzehnten hat die Umsetzung des Programms der bürgerlich-demokratischen Revolution in halbkolonialen oder kolonialen Ländern wie Kuba einen Konflikt mit Kapitalismus und Imperialismus bedeutet. Dies liegt daran, dass die nationale KapitalistInnenklasse zu geschwächt ist, zu sehr mit den GroßgrundbesitzerInnen verbunden und an den Imperialismus gefesselt ist, um die bürgerlich-demokratische Revolution zu vollenden. Ein weiterer Faktor ist die Furcht der nationalen Bourgeoisie, dass die ArbeiterInnenklasse die Bühne des Kampfs gegen den Imperialismus betritt. Der Schraubstock, in den der Imperialismus zusammen mit der dekadenten kubanischen herrschenden Klasse Kuba gespannt hatte, war zu stark, um auch nur ein begrenztes Programm liberaler Reformen zuzulassen. Wie in anderen nichtindustrialisierten Ländern war die nationale KapitalistInnenklasse auf Kuba zu schwach, zu korrupt und zu sehr mit dem Imperialismus verbunden, um die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution zu vollenden. Und doch müssen diese Aufgaben gelöst werden, wenn sich die Gesellschaft entwickeln soll.

Wie die Russische Revolution 1917 veranschaulicht hat, könnte dieses Dilemma selbst in einem Land, wo die ArbeiterInnenklassesie in der Minderheit ist, von ihr gelöst werden. Sie könnte es, indem sie die Leitung der Gesellschaft unter ihre Kontrolle bringt und eine ArbeiterInnendemokratie errichtet. Mit einem Programm zur Gewinnung der ärmeren Teile der BäuerInnenschaft und anderer ausgebeuteter Schichten, wie der städtischen Mittelschicht und Intellektuellen, könnten Großgrundbesitz und Kapitalismus gestürzt werden. Durch den Sieg der internationalen Revolution in den industrialisierteren kapitalistischen Ländern könnte der Aufbau des Sozialismus beginnen. Die siegreiche Revolution in diesen Ländern würde die Isolation der anderen ArbeiterInnenstaaten beenden und wegen ihrem höheren Produktivitätsniveau die Grundlage für den Aufbau des Sozialismus schaffen – das heißt einer Gesellschaft der Fülle, wo die Bedürfnisse befriedigt werden. Auf diese Weise würden die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution von der ArbeiterInnenklasse als Teil der internationalen sozialistischen Revolution verwirklicht werden.

Dies waren die klassischen Ideen der Permanenten Revolution, die aus der Erfahrung der russischen Revolutionen von 1905 und 1917 entstanden. Sie wurden besonders von Trotzki entwickelt und von Lenin übernommen. In einer verzerrten Karikatur dieser marxistischen Prognose führte die kubanische Revolution schließlich zum Sturz von Großgrundbesitz und Kapitalismus und ersetzte sie durch eine zentral geplante Wirtschaft. Die Revolution erlangte Massenunterstützung und brachte der kubanischen Bevölkerung gewaltige Vorteile. Aber das Regime, das 1959 triumphierte, beruhte nicht auf einem Regime der ArbeiterInnendemokratie.

Castro und die Bewegung des 26. Juli

Noch zur Zeit des Angriffs auf die Moncada-Kaserne verstand sich Castro als zu den Orthodoxos zugehörig. Die Parteiführung bewertete den Angriffsversuch als Abenteuer. Große Teile der Orthodoxos und der städtischen Mittelschicht hofften immer noch auf eine Übereinkunft mit der Diktatur. Batista denunzierte den Angriff als „kommunistischen Putschversuch“. Die Kommunistische Partei prangerte ihn als „bürgerlichen Putschversuch“ an. Der US-Imperialismus war in immer größerem Mass über die, wie er es sagte „kommunistischen Eingriffe“ in ganz Lateinamerika besorgt. Nach einem Besuch des CIA-Direktors Allen Dulles in Havanna stimmte Batista unter dem Druck aus Washington der Errichtung eines Buró de Represión a las Actividades Comunistas (BRAC, Büro zur Unterdrückung kommunistischer Aktivitäten) zu. Weder die CIA noch Batista hatten Castro und seine Unterstützer im Visier, als diese Sonderpolizeieinheit errichtet wurde. Dass Castro und die anderen Aufständischen nach einer, teilweise von der römisch-katholischen Kirche angeregten Kampagne für ihrer Enthaftung, als „Geste des guten Willens“ 1955 freigelassen wurden, macht deutlich, wie wenig seine Bewegung damals als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen wurde. In Kuba war Castro wegen seines Kampfes gegen Batista und besonders in Folge seiner Gefangenschaft auf der berüchtigten Pinieninsel eine Berühmtheit. Bedingung für seine Freilassung war – er musste Kuba verlassen. Er ging nach Mexiko, wo sich seit Anfang der 50er Jahre ExilkubanerInnen und ein paar seiner AnhängerInnen gesammelt hatten.

Castro hatte sich einen Ruf als kühner und charismatischer Führer geschaffen. Als „Jungtürke“ in der Bewegung konnte er das zu seinem größten Vorteil nutzen. [Die „Jungtürken“ waren eine illegale Bewegung, die durch revolutionäre Arbeit liberale Reformen und eine konstitutionelle Staatsform in der osmanischen Türkei Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts erkämpfen wollten.] Im Sommer 1955 wurde seine neue Gruppe, die Bewegung des 26. Juli formell gegründet und 1956 brach er mit den Orthodoxos. Bei der Gründung der Bewegung erklärt er, dass die „Jefferson-Philosophie immer noch gültig ist“. Jefferson war einer der Führer des US-Unabhängigkeits-kampfs gegen die britische Kolonialherrschaft im 18. Jahrhundert. Seine „Philosophie“ war daher liberaler Kapitalismus und parlamentarische Demokratie. Castro betrachtete die USA als sein Modell für Kuba. Innerhalb der Orthodoxos strebt ein Teil ihrer UnterstützerInnen Verhandlungen und einen Kompromiss mit der Diktatur an. Andere, besonders die Jugend, suchten andere, direktere Methoden, dem Regime etwas entgegenzusetzen. Durch den Selbstmord des früheren Parteiführers Eduardo Chibas 1951 hatte sich die Situation für Castro verbessert. Er stellte sich selbst als neuer Martí dar und appellierte an die Basis der Orthodoxos, ihn zu unterstützen.

Die Kommunistische Partei auf dem Rückzug

Gleichzeitig wurde das politische Vakuum das ohnehin schon existierte durch die Lage in der sich die kubanische Kommunistische Partei (Partido Socialista Popular, Sozialistische Volkspartei, PSP) befand, noch vergrössert. Hugh Thomas erklärt in seinem Buch über Kuba richtig: „Die kubanischen Kommunisten waren im allgemeinen in den meisten dieser Jahre in einem halben Rückzug und versuchten, ihre Gesundheit und Energie wiederzuerlangen…“

Die Partei hatte einen Großteil ihrer Glaubwürdigkeit als Folge ihrer früheren Politik der Unterstützung der Volksfront verloren. Diese Politik war von den lateinamerikanischen Kommunistischen Parteien nach 1935 implementiert worden. Bei einem Treffen aller Kommunistischer Parteien der Region in Moskau wurde die neue Linie jedem Land, mit wenigen Ausnahmen wie Brasilien, auferlegt. In Kuba wurde sie während einer Periode außerordentlicher sozialer Unruhe übernommen.

1933 gab es eine radikale Revolte von Unteroffizieren in der Armee. Neben anderen Maßnahmen forderten sie die Beendigung des Platt- Zusatzes, der mit den USA 1901 vereinbart worden war und der den USA das Recht auf militärische Intervention auf Kuba gab. An der Spitze dieser Bewegung stand ein junger Offizier, der aus der ArbeiterInnenklasse kam, Fulgencio Batista. Die ganze Periode war von sozialer Unruhe und Radikalisierung auf Kuba geprägt. Die Autorität der Regierung war schwer angeschlagen und die einzige Kraft, die die Dinge zusammenhalten zu können schien, war die Armee unter der Führung radikalisierter Unteroffiziere. In Batista spiegelten sich die unterschiedlichen Konflikte zwischen den verschiedenen Klassen, die es damals gab, wieder.

Er reflektierte den Druck eines Flügels der nationalen herrschenden Klasse, ihre eigenen Interessen gegen den US-Imperialismus durchzusetzen. Gleichzeitig spiegelte er den Druck der ArbeiterInnenklasse und von Teilen der radikalisierten Mittelschicht auf größere soziale Veränderung wieder. Eine Zeitlang lang manövrierte Batista zwischen den Kräften der verschiedenen Klassen, die an die Oberfläche kamen. Batista beherrschte Kuba durch eine Reihe von Marionettenpräsidenten, machte den ArbeiterInnen Zugeständnisse und setzte Schritte zu einer Bodenreformen. Ein Mindestlohn wurde eingeführt und es wurde verboten, Beschäftigte „ohne Grund“ zu entlassen. Diese Maßnahmen wurden langsam umgesetzt, aber sie stärkten das Selbstvertrauen der ArbeiterInnenklasse.

Als populistischer Führer, der aus der ArbeiterInnenklasse kam, genoss Batista für kurze Zeit große Unterstützung durch die kubanische Bevölkerung. Aber es ist eben ein Element solcher bonapartistischen Führer und Regimes – die zwischen verschiedenen Klasseninteressen manövrieren und Reformen für die Massen mit Unterdrückung verbinden – dass sie letztlich zur Verteidigung der einen oder anderen Gesellschaftsklasse handeln, in diesem Fall der Interessen des Kapitalismus. Bei Batista war es nicht anders. Gegen politische GegnerInnen wurde brutal vorgegangen und unter der Führung Batistas wurde mit Unterstützung des US-Botschafters die Armee 1935 gegen einen Generalstreik, der eine neue demokratische Verfassung forderte, eingesetzt.

Trotz seinem früheren populistischen Nationalismus beugte sich Batista vor dem Druck des Imperialismus und arbeitete letztlich voll mit ihm zusammen. Nachdem er 1940 die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte und 1944 seine Kandidatur zurückgezogen hatte, kehrte er 1952 mit einem Putsch an die Macht zurück, nachdem eine erneute Präsidentschaftswahl verloren hatte. Das neue verhasste Regime, das 1952 an die Macht kam, setzte Unterdrückung und Terror ein. Die KommunistInnen betrieben in dieser ganzen Periode eine Politik der Unterstützung Batistas, indem sie sklavisch die Entscheidungen der Moskauer Konferenz 1935 befolgten. Auf ihrem Kongress 1939 stimmte die PSP zu, dass sie „eine positivere Haltung gegenüber Oberst Batista einnehmen“ sollte. Von dem Punkt an war Batista in den Parteizeitungen nicht mehr der „Brennpunkt der Reaktion, sondern der Brennpunkt der Demokratie“. (New Yorker Daily Worker, 1. Oktober 1939).

Die damals bestehende internationale Organisation der Kommunistischen Parteien, die Kommunistische Internationale, erklärte in ihrer Zeitschrift: „Batista … stellt nicht länger das Zentrum der Reaktion dar … die Leute, die für den Sturz von Batista arbeiten handeln nicht länger im Interesse des kubanischen Volkes.“ (World News and Views, Nr. 60, 1938) 1952 erklärte die PSP, das neue Regime sei „nicht anders“ als das vorhergehende! Als der bonapartistische Diktator die Macht übernahm, waren die „KommunistInnen“ mehr als ein Jahrzehnt lang seine loyalen UnterstützerInnen gewesen. Wie Thomas in seinem Buch kommentiert, hatten die katholischen LaiInnenorganisationen mehr Konflikte mit dem Regime gehabt als die Kommunistischen FührerInnen. Trotzdem behielt die PSP einen beachtlichen Einfluss unter wichtigen Teilen der ArbeiterInnen.

Aber im Verlauf der Ereignisse zahlte die Partei einen Preis für die Zusammenarbeit in Form des Verlustes an Unterstützung in der ArbeiterInnenklasse und der Jugend. Den höchsten Preis jedoch zahlten die kubanischen Massen, die unter einem Regime litten, das sich schnell als Marionette des US-Imperialismus erwies. Historisch war Kuba ein Spielplatz für die „Gringos“ nördlich des Rio Grande. Havanna entwickelte sich zum Bordell und Spielkasino für die US-Bankiers und -Industriellen. Batista war letztlich nur ein regionaler Zuhälter.

Vor diesem historischen Hintergrund fand Che Guevara schließlich seinen Weg in die Reihen der Bewegung des 26. Juli. Castro und seine AnhängerInnen erschienen zweifellos als attraktivere und kämpferischere Kraft als die damaligen Kommunistischen Parteien. Che stand schon vor Castros Ankunft in Mexiko in Kontakt mit einigen seiner AnhängerInnen. Es wurden bereits Pläne für den Beginn eines bewaffneten Kampfes gegen Batista geschmiedet. 1954 hatte Che auch Kontakt zu Mitgliedern der Kommunistischen Parteien aus ganz Lateinamerika, besonders Exil-GuatemaltekInnen. Anfänglich sah er seine Zukunft innerhalb der Kommunistischen Partei und schrieb seiner Mutter, dass er wohl schließlich diesen Weg einschlagen werde. Aber er zögerte damals noch, zum Großteil, weil der Bohemien in ihm noch stark war.

Che meinte von sich selbst, dass er zwar einerseits „wohldefinierte Überzeugungen“ hatte, aber andererseits auch zum „Vagabundieren“ und zu „wiederholte Unverbindlichkeit“ neigte. Wie er in einem Brief an seine Mutter erklärte, sehnte er sich immer noch nach Reisen, besonders durch Europa. Er schreib: „ich könnte das nicht machen, wenn ich eiserner Disziplin unterworfen wäre“. Castro traf er erst 1955. Die unmittelbare Aussicht auf Kampf, die ihm Castro und seine Bewegung anboten, führten zusammen mit seinen „wohldefinierten Überzeugungen“ schließlich dazu, dass Che die „eiserne Disziplin“ akzeptierte, die er früher abgelehnt hatte. Nun allerdings nicht in den Reihen der Kommunistischen Partei.

Ein revolutionärer Geist

Ches Beitritt zur Bewegung das 26. Juli war nicht ohne Probleme. Einige der Mitglieder waren aufgrund ihres Hintergrundes, der in der Mittelschicht lag, von seinem politische Auftreten irritiert. Trotz seinen Schwächen bei formellen Verpflichtungen gegenüber der Bewegung, traten jene Aspekte seines Charakters hervor, die sich während des Rests seines revolutionären Lebens sehr deutlich zeigen würden. Er war genügsam und, sobald er sich entschieden hatte, sich dem revolutionären Kampf zu widmen, sehr opferbereit. Ein paar der Leute, die ihn trafen, waren etwas „aufgebracht“ über seine „Selbstgerechtigkeit“. Wie Jon Anderson in seiner Biographie berichtet, war Melba Hernández, eine Moncada-Veteranin, in Mexiko angekommen, um ihren Mann zu treffen. Sie trug immer noch vornehme Kleider und Schmuck, als sie Che vorgestellt wurde. Er schaute sie an und erklärte, sie könne keine ernsthafte Revolutionärin sein, wenn sie so gekleidet ist. „Wirkliche Revolutionäre schmücken sich innen, nicht an der Oberfläche“, erklärte er. Nachdem er sich der Bewegung des 26. Juli angeschlossen hatte, widmete er sich mit Leib und Seele den Vorbereitungen für die Landung auf Kuba und den Beginn der „Revolution“ 1956. Er verstärkte seine politischen Studien, trainierte immer härter und hielt Diät, um fit zu werden. Da er immer noch unter Asthma litt, musste er doppelt so gesund sein wie die anderen KämpferInnen. Durch Willenskraft und Entschlossenheit überwand Che die Schranken, die seine Gesundheit ihm auferlegte. In der Gruppe, die laut Castro nicht mehr als zwanzig oder dreißig zählte, bekam Che schnell eine herausragende Stellung. Die Gruppe wurde in Mexiko verhaftet und wieder freigelassen. Aus dem Gefängnis schrieb Che an seine Eltern: „Meine Zukunft ist mit jener der kubanischen Revolution verbunden. Ich werde mit ihr entweder siegen oder sterben. Von jetzt an würde ich meinen Tod nicht als Enttäuschung betrachten, ich würde nur wie (die türkische Dichterin) Hikmet ‚in mein Grab die Trauer eines unvollendeten Liedes mitnehmen“.“

Er widmete jetzt sein gesamtes Leben der Sache der Revolution. Diese Haltung ist unverzichtbar, um den Kapitalismus zu besiegen und damit die Revolution siegt. Es sind diese Qualitäten von Che, an denen sich jene, die heute für die Befreiung der ArbeiterInnenklasse und der ausgebeuteten Klassen kämpfen, ein Vorbild nehmen sollten. Bei der unmittelbaren Teilnahme am revolutionären Kampf wurden seine Kühnheit und Opferbereitschaft deutlich. Gleichzeitig entwickelten aber sich seine Ideen sehr einseitig. Er stützte sich auf die BäuerInnenschaft und den Guerillakampf.

Dies ist aber nur ein wichtiger Aspekt der marxistischen Politik, der für die ländlichen Gebiete gilt, wo es eine BäuerInnenklasse gibt. Entscheidend für die Umsetzung einer richtigen marxistischen Politik ist aber auch die Frage der Rolle der ArbeiterInnenklasse und der städtischen Zentren. Wie in dieser Broschüre noch erklärt werden wird, gilt dies auch für Länder, in denen die ArbeiterInnenklasse einen verhältnismäßig kleinen Teil der Bevölkerung ausmacht. Leider war es wegen der ungleichmäßigen Entwicklung der Ideen Ches für ihn nicht möglich, eine Politik und ein Programm zu entwickeln, das den Sieg der Revolution in Ländern mit einer starken ArbeiterInnenkassen, wie Argentinien, Brasilien oder Chile herbeiführen könnte.

Guerillataktik und Marxismus

KeinE RevolutionärIn entwickelt Ideen in einem sozialen Vakuum oder in völliger Isolierung. In dieser Hinsicht waren die Ideen, die Che entwickelte und unterstützte, keine Ausnahme. Bei der Betrachtung von Ches Leben kann niemand, der sich als RevolutionärIn betrachtet und gegen Ausbeutung und Unterdrückung kämpft, seinen Heroismus, seine Entschlossenheit und Opferbereitschaft in Zweifel ziehen. Als er auf Kuba ankam, vertrat er die Auffassung, dass der Sozialismus in ganz Lateinamerika aufgebaut werden müsse, um die Massen von Ausbeutung zu befreien und den Kontinent von imperialistischer Vorherrschaft zu befreien.

Was Che aber fehlte war ein klares Verständnis, wie dies getan werden könne und welche Klasse dabei die führende Rolle spielen müsse. Aus einem marxistischen Blickwinkel war das entscheidende Defizit von Ches Ideen seine Unterschätzung der Rolle der ArbeiterInnenklasse beim Sturz des Kapitalismus und beim Aufbau des Sozialismus. Wegen der besonderen Bedingungen, die es auf Kuba gab, verhinderte dieses Defizit den Sturz Batistas und die Machtübernahme der Guerillaarmee, in der Che kämpfte, zwar nicht. Aufgrund von internationalen Faktoren und dem Schwung der Revolution wurde dadurch auch nicht der Sturz des Kapitalismus auf Kuba verhindert (der in späteren Kapiteln diskutiert wird).

Aber es formte den Charakter des neuen Regimes, das sich nach dem Triumph der Revolution herausbildete. Darüber hinaus scheiterten Ches Ideen später, als sie auf andere Länder in Lateinamerika, wo die objektiven Bedingungen sich unterschieden, angewandt wurden. Viele heroische und wirkliche RevolutonärInnen setzten ihre Energien für die Umsetzung seiner unvollständigen Ideen ein und nicht wenige gaben dabei ihr Leben. Was Che bei seinem Studium der marxistischen Literatur nicht in sich aufnahm, waren die Erfahrungen der Russischen Revolution 1917 und die Ideen der Permanenten Revolution.

Vor allem erfasste er die Rolle nicht, die die ArbeiterInnenklasse selbst in einem Land spielt, in dem sie eine Minderheit in der Gesellschaft darstellt. Leider war die Revolution in den industrialisierten Ländern nicht erfolgreich, nachdem die russische ArbeiterInnenklasse an die Macht kam (verantwortlich dafür waren v.a. die Führungen der sozialdemokratischen Parteien in Europa, Anm. Übers.). Der bolschewistische Sieg blieb isoliert. Die Interventionen durch die Armeen des westlichen Imperialismus kombiniert mit dem BürgerInnenkrieg erschöpfte die russische ArbeiterInnenbewegung. Der Kapitalismus blieb zwar in Russland für eine lange Periode, bis zur kapitalistischen Restauration 1989- 92, besiegt, die ArbeiterInnenklasse wurde aber politisch ihrer Kontrolle über die Gesellschaft beraubt. Eine sich herausbildende brutale privilegierte bürokratische Elite riss diese an sich.

Che zog aber nicht die Lehren der Revolution von 1917 oder späterer Ereignisse. Aber eben diese Lehren zu ziehen und sie auf die besonderen Bedingungen, die sich in Mittel- und Lateinamerika herausgebildet hatten, anzuwenden, hätte einen riesigen und kühnen Sprung im politischen Verständnis und der Vorstellungskraft erfordert. Isoliert und unter dem Einfluss von Ereignissen und konkurrierenden Ideen konnte Che diesen Sprung nicht machen, der zur Anwendung der Methoden des Marxismus auf die besonderen Bedingungen auf seinem Kontinent erforderlich war und ist. Unter dem Kapitalismus ist die ArbeiterInnenklasse zum kollektiven Kampf durch Streiks, Demonstrationen und Betriebsbesetzungen usw. gezwungen, um Zugeständnisse zu erlangen und ihre Interessen zu verteidigen. Natürlich muss die ArbeiterInnenbewegung wenn nötig auch ihre eigene Verteidigung organisieren, gegen bewaffnete Angriffe durch die ArbeitgeberInnen und die, die deren Interessen vertreten.

Die entscheidende Rolle der ArbeiterInnenklasse in der sozialistischen Revolution ergibt sich aus ihrem kollektiven Klassenbewusstsein, das sie in den Betrieben entwickelt und das ihr erlaubt, den Boden für die kollektive demokratische Kontrolle und Verwaltung der Gesellschaft zu bereiten. Dies schafft die Grundlage für die Errichtung einer ArbeiterInnendemokratie, um die Aufgabe des Aufbaus des Sozialismus zu beginnen. Die ArbeiterInnenklasse kann die Unterstützung anderer ausgebeuteter Schichten der Gesellschaft gewinnen, indem sie deren Interessen in ihr sozialistisches Programm aufnimmt, und so die Revolution durchführen und Großgrundbesitz und Kapitalismus stürzen. Daher kommt der ArbeiterInnenklasse die führende Rolle in der Revolution und beim Aufbau des Sozialismus zu.

Der Kampf auf dem Land und der Marxismus

Die ärmeren BäuerInnen können zwar eine wichtige Rolle im Kampf spielen, ihnen fehlt aber das kollektive Klassenbewusstsein, das unter der ArbeiterInnenklasse vorherrscht. Die BäuerInnenschaft kann wegen ihrer Isolation in ländlichen Gebieten und den wirtschaftlichen Verhältnissen auf dem Land mit ihrer engen, auf die Gemeinde fixierten und individualistischen Erscheinung nicht die selbe Rolle in der Revolution spielen wie die ArbeiterInnen in den Städten. Der Marxismus verteidigt zwar die führende Rolle der ArbeiterInnenklasse in der sozialistischen Revolution, erkennt aber auch die Bedeutung des Kampfes auf dem Land an, besonders unter den LandarbeiterInnen und den ärmeren Teilen der Bäuerinnenschaft. Selbst heute – nach der massiven Verstädterung der Gesellschaft – gibt es in Südamerika viele wichtige Verbindungen zwischen den ländlichen Gebieten und der städtischen Bevölkerung, besonders der ArbeiterInnenklasse. Das gilt besonders für Mittelamerika.

ArbeiterInnen aus den Städten kehren immer wieder auf das Land zur Arbeit oder zur Unterstützung ihrer noch dort befindlichen Familien zurück. Teile der Armen in den Städten, die in Slums am Rand der großen Städte „wohnen“, leben fast wie BäuerInnen am Rand der industriellen Zentren. Diese Teile der Bevölkerung werden zwangsläufig durch die Bewegungen auf dem Land beeinflusst und übernehmen häufig die Kampfmethoden, die hauptsächlich von BäuerInnen und ländlichen ArbeiterInnen verwendet werden. Diese Kampfmethoden beinhalten Landbesetzungen sowie die Bildung bewaffneter Gruppen zum Kampf gegen Militär, Polizei und die von GroßgrundbesitzerInnen zum Schutz ihrer Interessen eingesetzten bewaffneten Schläger.

Unter gewissen Bedingungen können diese Bewegungen auf dem Land vor den Bewegungen in den Städten beginnen und das Selbstvertrauen der städtischen ArbeiterInnen erhöhen. Diesen Prozess sah man kürzlich im Aufstand der Zapatistas (einer radikalen, überwiegend ländlichen Miliz) in Mexiko und der explosiven Bewegung der in der MST (Movimiento Sem Tiera) organisierten Landlosen in Brasilien. Ein revolutionäres marxistisches Programm würde solche Kämpfe auf dem Land unterstützen und jeden Schritt unternehmen, um sie mit den Kämpfen der ArbeiterInnenbewegung in den Städten zu verbinden. Trotzdem wären sie aber v.a. eine Unterstützung für die Bewegung in den Städten.

Che zog unter dem Einfluss verschiedener Faktoren andere Schlussfolgerungen, die die Rolle der ArbeiteInnenrklasse unterschätzten. Seine Ideen entwickelten sich über einen längeren Zeitraum und wurden durch seine Beobachtungen, Diskussionen und dann seine Teilnahme an der kubanischen Bewegung gebildet. Seine Ideen wurden am klarsten in Artikeln und Veröffentlichungen nach der Machteroberung durch die Bewegung des 26. Juli im Jahre 1959 ausgedrückt. Eine der vollständigsten Erklärungen seiner Politik findet sich in seinem Buch Guerillakrieg, das erst 1960 veröffentlicht wurde.

Ein anderes Konzept

Teils als Ergebnis von Ches eigenem Klassenhintergrund und des Umstands, dass er kein aktives Mitglied irgendeiner Organisation der ArbeiterInnenbewegung war, nahm er nie an tatsächlichen Kämpfen des Proletariats teil. Abgesehen von gewissen Aktivitäten in Guatemala war seine einzige aktive Teilnahme an der revolutionären Linken die Bewegung des 26. Juli und der Guerillakampf auf Kuba. Das Ergebnis davon war, dass er das revolutionäre Potenzial und die Stärke, die die ArbeiterInnen als Klasse besitzen, nicht erfasste. Andere politische Ideen und Erfahrungen, denen er ausgesetzt war, hatten unausweichlich eine wichtige Wirkung auf die Formulierung seiner Hypothesen. Zwangsläufig stand er unter dem Einfluss der mächtigen Traditionen der historischen Kämpfe auf dem ganzen lateinamerikanischen Kontinent.

Die von Simón Bolívar geführten Unabhängigkeitskriege, die sogar die Idee der Vereinigung des ganzen Kontinents aufwarfen, Sandinos Kampf in Nicaragua, Martí auf Kuba, andere Kämpfe im 19. Jahrhundert, die mexikanische Revolution (1910-18) und die BäuerInnenarmee von Zapata und Pancho Villa – dies alles bildet einen Teil einer starken Tradition auf dem Kontinent und ist in die Sichtweise politischer AktivistInnen eingeflossen. Diese Kämpfe fanden zu einer Zeit statt, als das Proletariat und die ArbeiterInnenbewegung erst in den allerersten Entstehungsstadien waren.

Seit dieser Periode hat sich die ArbeiterInnenbewegung in der Region ungeheuer entwickelt. In Kuba waren 1953 lauf Hugh Thomas nur 42 % der arbeitenden Bevölkerung auf dem Land beschäftigt. Ende der 50er Jahre gab es etwa 200.000 BäuerInnenfamilien und 600.000 LandarbeiterInnen. In den Städten gab es 400.000 Familien des städtischen Proletariats und 200.000 Familien von als KellnerInnen, DienstbotInnen und StraßenhändlerInnen beschäftigten. Das soziale Gewicht der kubanischen ArbeiterInnenklasse war Ende der 50er Jahre viel größer als das der russischen ArbeiterInnenklasse 1917.

Che war nicht nur durch das Gewicht der historischen Tradition beeinflusst, sondern in einer frühen Phase auch durch die Ideen des Peruaners Pesce. Pesce veröffentlichte jene Ideen, die er und Maríategui während der 20er Jahre entwickelt hatte. Sie revidierten die klassische Analyse des Marxismus bezüglich der Rolle der ArbeiterInnenklasse und der BäuerInnennschaft und gaben letzterer in der sozialistischen Revolution viel mehr Bedeutung. Che wurde auch durch den Sieg von Mao Tsetungs Bäuerinnenarmee in China 1949 angezogen und ebenso durch den sich hinziehenden Befreiungskampf in Vietnam. Zweifellos war er durch ein paar von Maos Schriften beeinflusst.

Die lateinamerikanischen Kommunistischen Parteien stützten sich zwar formell auf die ArbeiterInnenklasse in den Städten, verfolgten aber die Politik der Unterstützung von Volksfronten. Diese Politik versuchte, die Kämpfe der Massen zu begrenzen, nicht über die Interessen des Kapitalismus hinauszugehen. Che betrachtete diese Politik zusammen mit einer breiteren Schicht von jungen Menschen in Lateinamerika als zu „dogmatisch“ und suchte nach etwas „radikalerem“. Was Che betraf, waren die Ideen, die er unterstützte, ein Versuch, einen frischen „marxistischen“ Ansatz auf die besonderen Bedingungen Lateinamerikas anzuwenden. Er schaffte es nicht, eine andere Alternative zur kleinmütigen Rolle der Kommunistischen Parteien zu formulieren als die Verteidigung des Guerillakampfs als Triebkraft für die Revolution auf dem ganzen Kontinent.

Als Ergebnis war die führende Klasse in der Revolution die „BäuerInnenschaft mit proletarischer Ideologie“. So formulierte er es in einer Rede, die im Juni 1960 mit dem Titel „Die Verantwortlichkeiten der ArbeiterInnenklasse in unserer Revolution“ veröffentlichte: „Es ist kein Geheimnis, dass die Stärke der revolutionären Bewegung in erster Linie unter den BäuerInnen und an zweiter stelle unter der ArbeiterInnenklasse war … Kuba hat wie alle unterentwickelten Länder kein mächtiges Proletariat.“ Che fuhr in der selben Rede mit den Worten fort: „der Arbeiter wird manchmal ein privilegiertes Individuum“. In Wirklichkeit stutzte die „primäre“ Stellung der BäuerInnennschaft in der Revolution die ArbeiterInnenklasse auf eine Hilfsrolle zurück. Das exakte Gegenteil dessen, wer nach der Erklärung des Marxismus die Klasse ist, die die führende Rolle in der Revolution und im Aufbau des Sozialismus spielen kann. Es war wahr, dass die ArbeiterInnen in den Städten in Kuba damals einen höheren Lebensstandard als die BäuerInnen auf dem Lande genossen. Hinter der Idee einer „privilegierten“ ArbeiterInnenklasse lag die Idee, dass jede soziale Gruppe nur durch die Tiefe ihrer Armut bestimmt sei. Was Che übersah war die potenzielle Rolle der ArbeiterInnenklasse aufgrund ihrer Stellung als Klasse.

Ein Faktor, der dazu beitrug, dass Che zu diesen Schlussfolgerungen kam, war die ängstliche Rolle der Kommunistischen Führer. In seinem Buch „Guerillakrieg“ spielt Che wieder die potenzielle Rolle herunter, die die ArbeiterInnenklasse spielen kann. Mit Bezug auf die „drei Beiträge“, die Kuba zur revolutionären Strategie gemacht hat, argumentiert Che: „Der dritte grundlegende Beitrag hat einen strategischen Charakter und ist eine Zurückweisung derjenigen, die dogmatisch behaupten, dass der Kampf der Massen in der städtischen Bewegungen sein Zentrum hat und völlig die ungeheure Beteiligung der Völker vom Lande im Leben aller unterentwickelten Länder Lateinamerikas vergessen.“

Er fuhr mit dem Argument fort, dass es die Bedingungen der Unterdrückung, die es in den Städten gab, für die organisierte ArbeiterInnenbewegung schwerer machen würden. Er argumentierte, die Lage sei auf dem Land leichter wo die BewohnerInnen „durch bewaffnete Guerillas unterstützt“ werden können. Che übersieht wieder die zentrale Rolle der ArbeiterInnen als Klasse beim Aufbau des Sozialismus und reduziert die Frage der Revolution auf ein (zwar wichtiges) Thema, die Logistik. Die Frage ist, wie die Schwierigkeiten, vor denen die Bewegung in den Städten steht, angegangen werden können. Che flieht leider vor dieser Frage in die Berge, wo die Guerilla die örtlichen BewohnerInnen „unterstützen“ kann.

Foco-Theorie

Im selben Buch argumentiert er, dass „das Kampffeld des bewaffneten Kampfes grundlegend das Land sein muss.“ Die Guerillazentren würden auf der Unterstützung durch die BäuerInnenschaft ruhen und würden eine Bewegung zum Sturz des etablierten Regimes entfachen – die „Foco“-Theorie. Che befürwortete diese These, aber Regis Debray, der französische Intellektuelle, entwickelte sie zu einer ausgearbeiteten Politik und verallgemeinerte sie für den Kontinent und darüber hinaus. Che wiederholte Debray 1963 in einem Artikel mit dem Titel „Aufbau einer Partei der ArbeiterInnenklasse“: „Wir gingen vom Land in die Stadt, vom Kleineren zum Größeren und schufen eine revolutionäre Bewegung, die in Havanna gipfelte“. Die Guerillas „schufen“ aber nicht die revolutionäre Bewegung, sondern konnten in ein politisches Vakuum vorstoßen und die Initiative ergreifen.

Dies war aufgrund der besonderen objektiven Lage möglich, die sich auf Kuba entwickelte. Als Che versuchte, diese Idee auf andere Länder in Lateinamerika anzuwenden, scheiterte dies. MarxistInnen erkennen an, dass es der Guerillakampf auf dem Land, bei dem die ArbeiterInnenklasse keine führende Rolle spielt, unter gewissen besonderen Bedingungen ein bestehendes Regime stürzen kann. Aber wenn die ArbeiterInnenklasse nicht bewusst an der Spitze des revolutionären Prozesses steht, wird es nicht möglich sein, ein neues Regime auf der Grundlage von ArbeiterInnendemokratie zu errichten, das mit der großen Aufgabe des Aufbaus des Sozialismus beginnen kann.

Trotz Ches falschem Herangehen an diese Fragen hatte die Tatsache, dass er die Idee des Sozialismus unterstützte tiefgreifende Wirkung auf die Entwicklungen innerhalb der Bewegung des 26. Juli und die Richtung des revolutionären Prozesses auf Kuba.

Die Bewegung des 26. Juli

Am 2. Dezember 1956 landeten zweiundachtzig Männer an der kubanischen Küste, wohin sie mit einem heruntergekommenen Schiff, der Granma, von Mexiko aus gefahren waren. Die Reise und die Landung gingen nur Haarscharf an einer Katastrophe vorbei. Die Reise, die nach Planung fünf Tage hätte dauern sollen, dauerte sieben. Manchmal war die Reise fest eine Farce. Als sie sich der kubanischen Küste näherten, fiel der Lotse über Bord.

Die Landung sollte mit einem bewaffneten Aufstand in der Stadt Santiago zusammenfallen, nach dem 100 Aufständische die Ankunft der Granma mit LKWs und Vorräten hätten erwarten sollen. Frank Pais, ein Führer der Bewegung des 26. Juli in der Provinz Oriente sollte dies koordinieren. Später organisierte er den Nachschub für die RebellInnenarmee durch ein städtischen Untergrundnetzwerk, den Llano, das aufgebaut wurde. Nachdem die Granma Anker geworfen hatte, lautete der Plan, einen Angriff auf die Städte Niquero und Manzanillo zu machen und dann in die Bergkette der Sierra Maestra weiterzugehen, von wo aus Castro den Krieg gegen Batista ernsthaft beginnen wollte. Batista hatte zusätzliche Truppen in der Provinz Oriente stationiert und unterdrückte den Aufstand in Santiago, während Marine- und Luftwaffenpatrouillen die Ankunft von Castro und seiner Abteilung erwarteten.

Der Aufstand fing schlecht an und wurde nur noch schlechter. Die RebellInnen gingen bei Tageslicht an Land. Sie waren eine Meile vor ihrem geplanten Treffpunkt und ließen die meisten Vorräte zurück. Ihr Empfangskomitee hatte aufgegeben und war die Nacht vorher abgezogen, nachdem es zwei Tage gewartet hatte. Obendrein entdeckte sie ein Aufklärungsflugzeug der Luftwaffe. Die Gruppe spaltete sich in zwei Teile und irrte verloren zwei Tage umher. Wie Che später in seinem Tagebuch beschrieb, waren sie „desorientiert und liefen im Kreis, eine Armee von Schatten, von Phantomen, die liefen, als würden sie von einem seltsamen psychischen Mechanismus bewegt.“ Schließlich formierten sie sich neu und gingen geführt von einem örtlichen Bauern nach Osten in die Berge der Sierra. Sie erlebten den ersten Angriff durch die kubanische Armee, bei dem Che eine leichte Nackenwunde erlitt.

Guerillakrieg

Dies war die Eröffnungsphase eines Guerillakrieges der zwei Jahre dauern sollte. Er endete im Januar 1959, nachdem Batista am Neujahrstag aus dem Land geflohen war. Die Kräfte der Bewegung des 26. Juli marschierten nach Havanna und wurden von den ArbeiterInnen mit einem Generalstreik willkommen geheißen. Von den zweiundachtzig, die mit der Granma landeten, sammelten sich schließlich gerade zwanzig wieder in der Sierra Maestra. Noch weniger erlebten Neujahr 1959 und den Triumph der Revolution. Wie war es möglich, dass so eine kleine Gruppe in zwei kurzen, wenn auch blutigen und turbulenten Jahren, siegte? Die Antwort liegt in einer Verbindung von politischen und sozialen Faktoren. Zuerst zerbrösselte die soziale Unterstützung für Batista. Die Opposition gegen die Diktatur nahm zu und das Regime war 1959 am Zusammenbrechen. Selbst die Armee war zunehmend betroffen und zunehmend demoralisiert. Gleichzeitig konnte keine der Oppositionsparteien die Wut der Bevölkerung kanalisieren. Die fügsame PSP war immer noch durch ihre frühere Unterstützung für Batista weitgehend diskreditiert. Die Partei hatte zwar immer noch eine gewisse Autorität unter wichtigen Teilen der IndustriearbeiterInnen in den Städten, aber ihre AnführerInnen nutzten die Autorität, die sie hatten, weitgehend, um die ArbeiterInnenbewegung zurückzuhalten. In Folge hatte sich auf Kuba ein politisches Vakuum gebildet. Castro und seine Kräfte waren zwar verhältnismäßig klein, konnten aber nach einem zweijährigen Kampf, den sie von der Sierra Maestra aus führten, dieses Vakuum füllen.

Ende 1958 hatte Castro nicht mehr als 3.000 in seiner Armee und dies umfasste eine große Anzahl von NichtkämpferInnen, die in den Lagern stationiert waren. Betrachtet man den Krieg, der zwischen 1956 und 1958 geführt wurde, von einem rein militärischen Blickwinkel aus, dann erzielte Castro einen bemerkenswerten Sieg. Der preußische General und Schriftsteller Clausewitz meinte: „Krieg ist nicht nur eine politische Handlung, sondern auch ein wirklich politisches Instrument, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, seine Durchführung mit anderen Mitteln.“ Die objektive politische Lage und soziale Faktoren, die sich auf Kuba entwickelt hatten, erlaubten Castro, in nur zwei Jahren einen so dramatischen Sieg einzufahren.

Beim Erreichen dieses Sieges spielten subjektive Fragen, besonders der Zusammenbruch der Moral der kubanischen Armee und die Willensstärke und Entschlossenheit der KämpferInnen der Bewegung des 26. Juli eine entscheidende Rolle. Aufgrund des Hasses der Masse der kubanischen Bevölkerung auf Batista, konnten sich die Guerillas auf die Unterstützung verlassen, die sie unter der BäuerInnenschaft und der städtischen Bevölkerung genossen. Es gab keine andere politische Kraft, die den Eindruck erweckte, einen wirksamen oder ernsthaften Kampf gegen das Regime zu führen. Diese Unterstützung nahm im Verlauf des Krieges zu und die Brutalität des Regimes stand in immer krasserem Gegensatz zum Heroismus von Castros KämpferInnen. Obendrein wurden Batistas Soldaten, wenn sie im Kampf gefangengenommen wurden, nicht wie Gefangene Guerilleros hingerichtet. Mit ihnen wurde diskutiert und dann wurden sie unversehrt freigelassen. Das hatte Auswirkungen auf die Moral der Soldaten in Batistas Armee. Castro versäumte keine Gelegenheit, sich als moderner José Martí darzustellen – ein neuer Befreier Kubas.

Che Guevara wurde zu einem der obersten politischen und militärischen Führer. Er hatte sich ursprünglich als medizinischer Experte angeschlossen. Die Ereignisse zwangen ihn in eine andere Richtung, als er in der Hitze des Gefechts andere herausragende Eigenschaften zeigte. Schon am Anfang des Konflikts überschritt seine charakterliche Entwicklung eine weitere Schwelle. In einem Schusswechsel zwischen Guerillas und Armee musste er sich in einem Sekundenbruchteil entscheiden, ob er seine medizinische Ausrüstung oder ein Maschinengewehr und Munition nehmen sollte. Er entschied sich für letzteres und es wurde klar, dass Che trotz seines medizinischen Wissens und seiner Erfahrung nicht die Rolle des Arztes spielen würde.

Mit dem Fortschritt des Krieges nahm Ches Ansehen in den Augen seiner MitrebellInnen zu. Er nahm an Kämpfen gegen die Armee teil und unternahm gelegentlich ziemlich verwegene Einsätze. Während eines Luftangriffs, als andere RebellInnen einschließlich Castro flohen, blieb er, um zurückgebliebenen KämpferInnen zu helfen. Er wurde schließlich zusammen mit Castros Bruder Raúl zum Kommandant einer eigenen Abteilung ernannt. Ches allgemeiner Leitsatz war, durch Vorbild zu führen, nie von denen unter seinem Kommando etwas zu fordern, was er nicht selbst auch machen würde. Er lehnte auch alle Privilegien ab – so gering sie auch für die, die in der Sierra Maestra kämpften, waren. Ches eigene Bedingungen waren in vielerlei Hinsicht schlechter als die der SoldatInnen, mit denen er zusammen kämpfte. Die Wirkungen der lähmenden Asthmaanfälle im Dschungel hätten viele mit weniger Entschlossenheit vom Kampfplatz vertrieben.

Selbstmordkommando

Die Kampfabteilung, die er führte, gehörte zweifellos zu den entschlossensten und heroischsten. Sie wurden durch sein kühnes Vorbild und seine Entschlossenheit, einen Sieg der Revolution zu erreichen, angespornt. Sie wurden gestählt, den Kampf gegen Hindernisse fortzusetzen, die manchmal unüberwindlich schienen. Das „Selbstmordkommando“, das in seiner Abteilung eingerichtet wurde, um besonders gefährliche Einsätze durchzuführen, erlangte für seine Disziplin und seinen Heroismus einen schon fast furchteinflößenden Ruf. Es war für andere RebellInnenkämpferInnen ein Vorbild, dem sie nacheinferten. Wie Che in seinem Kriegstagebuch notiert: „Das „Selbstmordkommando“ war ein Vorbild an revolutionärer Moral und nur ausgewählte Freiwillige traten bei. Aber immer wenn ein Mann starb – und das passierte in jedem Gefecht – und ein neuer Kandidat bestimmt wurde, waren die nicht auserwählten traurig und weinten sogar. Die Verzweiflungstränen dieser erfahrenen und edlen KämpferInnen, weil sie nicht die Ehre hatten, an vorderster Front von Kampf und Tod zu stehen, zeigten auf merkwürdige Weise ihre Jugend.“

Einen weiterer Grund dafür, warum seine Abteilung zu den kämpferischsten gehörte war, dass Che begann, ein politisches Schulungsprogramm für einige Mitglieder zu organisieren. Seine sozialistischen Ideen vielen bei vielen seiner Guerilleros auf fruchtbaren Boden und sein Ansehen wuchs. Inmitten des militärischen Konfliktes entwickelte sich aber auch eine politische Auseinandersetzung innerhalb der Bewegung des 26. Juli. Sie spiegelte einen Machtkampfs zwischen der Guerillabewegung in den Bergen und dem städtischen Untergrundwiderstand, dem Llano wieder, stellte aber auch die Frage, wofür die Bewegung des 26. Juli eigentlich stand. Ches ausdrückliche Verteidigung sozialistischer Ideen war innerhalb der Debatte eine Minderheitenposition.

Charakter der Bewegung des 26. Juli

Ideologie und Programm der Bewegung des 26. Juli spiegelten die soziale Zusammensetzung eines Großteils der Mitglieder und UnterstützerInnen wieder. Die meisten der FührerInnen kam aus der städtischen Mittelschicht, manche aus der oberen Mittelschicht. Die Bewegung hatte zwar eine Schicht von Mitgliedern aus der unteren Mittelschicht und der ArbeiterInnenklasse – was sich an der sozialen Zusammensetzung der TeilnehmerInnen des Angriffs auf die Moncada-Kaserne widerspiegelte – sie war aber keine politische Strömung, die aus der ArbeiterInnenklasse hervorgegangen war. Castro hatte einen inneren Kern von FührerInnen auf der Grundlage des von ihm im Sommer 1955 geschaffenen Koordinierungskomitees geschaffen. Dies spiegelte stark die damalige Bewegung wieder. Die meisten waren frühere StudentInnen aus der städtischen oberen Mittelschicht. Das Nationale Direktorium (in dem Castro kein Mitglied war) bestand aus solchen Leuten und war für alle Untergrundtätigkeit in den städtischen Zentren zuständig, das heißt für die Lieferung des Waffennachschubs, die Kommunikation usw. Viele waren opferbereit und waren von Batistas Polizei verhaftet und gefoltert worden. Aber was sie politisch vereinigte, war der Kampf zum Sturz Batistas und wenig darüber hinaus.

Das Programm und die Ideologie der Bewegung des 26. Juli spiegelte die Schwankungen und die Formlosigkeit wieder, die politische Kennzeichen des städtischen Kleinbürgertums sind. Die meisten ihrer Mitglieder wollten wahrscheinlich wenig mehr als die Errichtung einer kapitalistischen parlamentarischen Demokratie und die Durchführung eines radikalen demokratischen Reformprogramms. Che hatte viele böse Vorahnungen bezüglich Castros KollegInnen aus den städtischen Zentren im Nationalen Direktorium. Er schrieb in seinem Tagebuch: „Durch vereinzelte Gespräche entdeckte ich die offensichtlichen antikommunistischen Neigungen der meisten von ihnen.“ Es gab einen radikaleren Flügel in der Bewegung, den in vielerlei Hinsicht Castro vertrat.

Er schrieb einen „Appell an das kubanische Volk“, der sehr kämpferisch war. Zur Verteidigung des Aufrufs der Guerilla, Zuckerrohr zu verbrennen, schrieb er: „die, die sich im Kampf gegen diese Maßnahme auf den Lebensunterhalt der ArbeiterInnen berufen, fragen wir: Warum verteidigen sie die ArbeiterInnen nicht … wenn sie ihre Löhne aussaugen, wenn sie sie um ihre Pensionen betrügen, wenn sie sie mit Anweisungen bezahlen und acht Monate lang vor Hunger sterben lassen? Warum vergießen wir unser Blut, wenn nicht für die Armen Kubas? Was zählt ein bißchen Hunger heute, wenn wir Brot und Freiheit morgen gewinnen können?“

Die Idee, dass kleine Gruppen von Guerilleros Zuckerrohr verbrennen und einen Kampf im Namen der ZuckerrohrarbeiterInnen anfangen, statt sie in den Kampf einzubeziehen, ist zwar von einem marxistischen Standpunkt aus falsch, aber die radikalen Gefühle hinter solchen Erklärungen bekamen unter Kubas Armen ein Echo. Jedoch selbst das Programm, das Castro in den frühen Stadien des Krieges befürwortete, hatte zwar ein soziales Gewissen, ging aber nicht über die Grenzen des Kapitalismus hinaus. Während der ersten paar Monate von 1957 konnte ein führender Korrespondent der New York Times, Herbert Matthews, der auch aus dem spanischen Bürgerkrieg berichtet hatte, einen Besuch bei Castro und ein Interview mit ihm machen. Als es im Februar veröffentlicht wurde, schlug es wie eine Bombe ein und war ein Mediencoup für Castro, da Batista behauptete, der Guerillaführer sei im Kampf getötet worden.

Das Interview war aber nicht nur ein großer Propagandaerfolg für Castro, sondern enthüllte auch viel über seine damaligen politischen Ideen. Matthews schrieb: „Es ist eine revolutionäre Bewegung, die sich selbst sozialistisch nennt. Sie ist auch nationalistisch, was allgemein yankee-feindlich bedeutet. Das Programm ist unbestimmt und in allgemeinen Aussagen verpackt, aber es läuft auf einen New Deal für Kuba hinaus, radikal, demokratisch und daher antikommunistisch. Der wirkliche Kern seiner Stärke liegt darin, dass es gegen die Militärdiktatur von Präsident Batista kämpft. … [Castro] hat entschiedene Ansichten über Freiheit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, die Notwendigkeit der Wiederherstellung der Verfassung, das Abhalten von Wahlen.“

Castro sagte Mathews: „Sie können sicher sein, dass wir keine Feindseligkeit gegenüber den Vereinigten Staaten und dem amerikanischen Volk haben … wir kämpfen für ein demokratisches Kuba und ein Ende der Diktatur. Wir sind nicht gegen das Militär … denn wir wissen, dass die Soldaten gut sind und auch viele der Offiziere.“ Während dem Interview schaffte es Castro, Matthews den Eindruck zu vermitteln, dass er mehr Kräfte um sich hätte als es der Fall war. Unter Kriegsbedingungen war das legitim – warum sollte man dem Feind Batista die eigene Schwäche zeigen.

Matthews berichtet, dass zweiundachtzig, die ursprünglich mit der Granma gelandet waren, bei Castro waren und dass seine Kräfte die ganze Zeit Zulauf aus der Jugend hätten. Wie Hugh Thomas berichtet, lief tatsächlich Castros Bruder die ganze Zeit mit derselben Gruppe Männer an Matthews vorbei, die sich immer anders anzogen. Castro hatte nicht mehr als achtzehn Leute im Lager und eine Armee von insgesamt zwanzig! Es ist wahrscheinlich, dass Castro damals keine ausgearbeitete politische Philosophie hatte. Nach einem Bericht unterstützte Castro selbst 1960 den „Sozialismus“ noch nicht. Che erklärte in einem Gespräch mit einem Freund aus Mexiko, Dr. David Mitrani, dass er hoffe, Kuba in einen sozialistischen Staat zu verwandeln, dass aber Castro noch nicht überzeugt sei (siehe Jon Andersons Biographie).

Seit dem Sieg der kubanischen Revolution ist argumentiert worden, dass Castro den Sturz des Kapitalismus geplant und sogar in Zusammenarbeit mit der damals in Moskau herrschenden Bürokratie vorbereitet habe. Diese Analyse überschätzt die politische Klarheit, mit der die FührerInnen der Bewegung des 26. Juli an die Lage auf Kuba herangingen. Sie stellt auch die Rolle der Bürokratie in Moskau beim Sturz von Kapitalismus und Großgrundbesitz auf Kuba falsch und übertrieben dar. Der Prozess der Revolution zwang zusammen mit einer Verbindung von nationalen und internationalen Faktoren die Hauptakteure bei diesen Ereignissen an einen politischen und sozialen Platz, den sie bei ihrer Ankunft nicht beabsichtigten. Wie Che 1960 erklärte: „Die Hauptakteure dieser Revolution hatten keine zusammenhängende Sichtweise.“ (Notizen für das Studium der Ideologie der Kubanischen Revolution).

Die politische Sichtweise von vielen Menschen wird durch die Wirkung großer sozialer Ereignisse, besonders von Kriegen und dem Kampf zwischen den verschiedenen Klassen in der Gesellschaft, beinflusst. Che war aufgrund von empirischen Erfahrungen beim Guerillakampf angekommen, den er jetzt gegen die Batista-Diktatur führte. Die Wirkungen des Guerillakrieges hatten ihrerseits wieder Auswirkung bei der Radikalisierung seiner Hauptführung. Wie Che an Ernesto Sábato, einen bekannten argentinischen Romancier, in einem Brief im April 1960 schrieb: „Der Krieg revolutionierte uns … auf diese Weise wurde unsere Revolution geboren. Auf diese Weise wurden ihre Parolen geschaffen und auf diese Weise begannen wir nach und nach, in der Hitze dieser Ereignisse theoretische Schlussfolgerungen zu ziehen und unsre eigenen Ideen zu schaffen.“

Che war der politisch entwickeltste der führenden Guerillakämpfer in dem Sinne, dass er eine alternative Ideologie befürwortete. Vom Standpunkt einer marxistischen Analyse aus waren die Schlussfolgerungen, die er schließlich zog, falsch und in vielerlei Hinsicht ziemlich platt. Aber er bekam im Verlauf der Ereignisse und des Kampfes wachsenden Einfluss auf Castro. Beide wurden durch den Rhythmus der Ereignisse und die konkrete Lage, in der sie sich befanden, vorwärts getrieben. Che erstrebte zwar eine sozialistische Revolution mit internationalistischem Charakter, hatte aber keine ausgearbeitete Perspektive und auch kein Programm, wie das zu erreichen war. Wie er selbst zugab, entwickelten sich seine Ideen empirisch und wurden mehr durch seine eigenen subjektiven Erfahrungen als durch eine ausgiebige Anwendung historischer Lehren der internationalen ArbeiterInnenbewegung geformt.

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