Gendergap bei Wahlen: Junge Frauen wählen links

Bei Wahlen in vielen Ländern gibt es den Trend, dass junge Menschen sich von den etablierten Parteien abwenden. Auffällig ist  der große Unterschied im Wahlverhalten von Frauen und Männern, der sich besonders stark in der Generation der 18- bis 24 jährigen zeigt. Frauen unterstützen eher linke Parteien während junge Männer oft rechts wählen.

Von Antje Zander, Berlin

Auch bei der Bundestagswahl  2025 gab es eine starke Polarisierung unter den jungen Wähler*innen. Von den jungen Männern im Alter von 18 bis 24 Jahren wählten 25% die AfD, während bei den jungen Frauen mit  37% Die Linke die stärkste Kraft wurde. Parteien wie Die Linke, Grüne und SPD werden häufiger von Frauen gewählt, während bei FDP, CDU/CSU und der AfD Männer den größeren Anteil stellen. Eine Europäische Wahlstudie von 2024 aus 27 Ländern zeigt, das rechtsextreme Parteien von 21% aller jungen Männer gewählt wurden, der Anteil bei den jungen Frauen lag bei 14%.

Das war nicht immer so. In Deutschland, wo das Wahlrecht für  Frauen erst durch die Novemberrevolution erkämpft wurde, wählten Frauen damals im Durchschnitt konservativer als Männer. Oft wurde das mit einer stärkeren religiösen Bindung von Frauen begründet. Vor allem lag es daran, dass zu dieser Zeit ein geringer Teil der Frauen einer Lohnarbeit nachging. Von den erwerbstätigen Männern waren viele in Gewerkschaften organisiert und hatten darüber eine Verbindung zu den Arbeiter*innenparteien wie SPD und KPD. Auch in Westdeutschland wählten bis  in die späten 1980iger Frauen eher konservativ.

Frauen in der Arbeitswelt 

Eine zentrale Ursache für die Veränderung im Wahlverhalten liegt darin, dass  heute viel mehr Frauen erwerbstätig sind.  Waren es 1991 noch 57% – mit großen Unterschieden zwischen Ost und West – sind es heute 74%, eine der höchsten Erwerbsquoten in Europa. Gleichzeitig verdienen Frauen immer noch 18% weniger pro Stunde als Männer und sind überproportional im Niedriglohnsektor beschäftigt. Die Hälfte arbeitet Teilzeit, um Care- und Erwerbsarbeit unter einen Hut zu bringen, wobei der größte Teil der unbezahlten Care-Arbeit auch heute noch von Frauen erledigt wird.

Das Thema sexualisierte Gewalt spielt spätestens seit „Me too“ eine immer größere Rolle. Vor allem junge Frauen sind nicht länger bereit, die alltägliche patriarchale Gewalt, mit der fast jede Frau in ihrem Leben konfrontiert ist, als privates Schicksal hinzunehmen. Es ist ein strukturelles Problem des Kapitalismus und immer mehr von Ihnen wollen dagegen kämpfen. Da geht es auch darum, dass  Täter durch Polizei und Justiz immer noch geschützt werden und z.B. durch Wohnungsnot viele Frauen keine  Chance haben, aus gewalttätigen Beziehungen zu fliehen. Auch existieren heute noch Gesetze wie §218, der es Frauen nicht erlaubt, eigenständig über ihren Körper zu entscheiden.

Diese Entwicklung hat auf Wahlebene dazu geführt, dass sich immer mehr Frauen von den Parteien abwenden, die diese Politik mittragen und verantworten und nach Alternativen suchen. Deshalb konnte sich Die Linke von einer Partei der männlichen Wähler (2005) zu der Partei mit der größten weiblichen Wähler*innenschaft wandeln. Grade bei Frauen unter 25 wird die Linke  als die Partei wahrgenommen, die sich am stärksten für soziale Gerechtigkeit einsetzt und als die Partei mit dem stärksten feministischen Profil.

Auch Männer sind von Wirtschaftskrise, Sozialabbau, Umweltkatastrophen und Kriegsgefahr betroffen. Die Ursachen dafür liegen im kapitalistischen System, in dem den Profitinteressen einer kleinen Minderheit die Interessen der Mehrheit untergeordnet  sind. Um von ihrer Verantwortung abzulenken versuchen die Herrschenden, eine Gruppe der Arbeiter*innenklasse gegen die andere auszuspielen. So behauptet Bundeskanzler Merz, das Migranten für sexuelle Gewalt verantwortlich sind-  und nicht das patriarchale System oder dass die „Faulheit” von uns Arbeitenden die Ursache für die Wirtschaftskrise ist.

Rechtsextreme Parteien

Mit dieser Propaganda wird der Boden für rechtsextreme Parteien wie die AfD bereitet,  die diese Ideen auf die Spitze treiben. Auch international gibt es den Trend, dass von jungen Männern bis 25 Jahre immer mehr rechte und rechtsradikale Parteien auf Wahlebene unterstützt werden.

Die AfD wird vor allem von Menschen mit Abstiegsängsten gewählt, die sich durch die etablierten Parteien nicht vertreten fühlen. Und es ist kein Zufall, dass in den ostdeutschen Bundesländern, in denen die Linke in Regierungsverantwortung die unsoziale Politik mitgetragen hat, die AfD stärker geworden ist.

Die AfD vertritt extrem frauenfeindliche Positionen. Sie ist gegen das Recht auf Abtreibungen, gegen die Rechte von LGBTQ+ und tritt für ein traditionelles Familienbild aus Vater, Mutter und Kind ein, bei dem der Mann arbeitet und die Frau zu Hause bleibt und Kind(er) und Haushalt versorgt. Vor allem beschreibt sie Schritte in Richtung Gleichstellung bisher unterdrückter Gruppen als Diskriminierung von Jungen und Männern. So sei „der Feminismus” und das „Drängen” von Frauen auf den Arbeitsmarkt dafür verantwortlich, dass es immer weniger gut bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie und dafür mehr und schlecht bezahlte Arbeitsplätze in der Dienstleistungsbranche gibt.

Den Rechten  gelingt es, diese Botschaften massiv über ihre Social-Media-Kanäle zu transportieren. Dabei nutzen sie Unterschiede in den Social-Media-Inhalten junger Frauen und Männer, um ein extrem patriarchales Bild von Männlichkeit zu verbreiten und die Idee, dass es Männern so schlecht gehe, weil Frauen oder Migrant*innen ihnen etwas wegnehmen.

Das ist allerdings keine neue Idee der AfD, sondern ein uraltes Mittel der Herrschenden, um gemeinsames Handeln der Unterdrückten zu verhindern und sie gegeneinander auszuspielen. Diese Antworten der AfD auf  Zukunftsängste junger Menschen durch die vielfältigen Krisen können deshalb bei jungen Männern auf fruchtbaren Boden fallen, weil die Linke noch zu schwach ist. Um so dringender ist der Aufbau einer konsequenten Kraft, die gemeinsam gegen Sozialabbau und Kürzungen kämpft, für gleiche Rechte für alle und eine Alternative zum Kapitalismus und Patriarchat.

Grafik: Milosav, Ð., Dickson, Z., Hobolt, S. B., Klüver, H., Kuhn, T., & Rodon, T. (2026). The youth gender gap in support for the far right. Journal of European Public Policy, 33(2), 444–468. https://doi.org/10.1080/13501763.2025.2481181 (CC-BY 4.0)