Am 14. Februar haben die Bundestarifkommissionen von ver.di, GEW und weiteren Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes das Angebot der LĂ€nder akzeptiert. Bei den Löhnen wurde der schwache Abschluss von Bund und Kommunen 2025 (TVöD) ĂŒbernommen â mit zusĂ€tzlichen Nullmonaten und spĂ€ten, gestĂŒckelten Erhöhungen. Die Gewerkschaften hatten 7% bei einem Jahr Laufzeit gefordert, herausgekommen sind umgerechnet ca. 2,6% pro Jahr.
Alle Medien berichten ĂŒber â5,8% mehr Lohnâ â auch die Websites und Social Media der DGB-Gewerkschaften. Das klingt erst einmal nicht weit weg von den geforderten 7%. Mit GlĂŒck steht dahinter noch der Hinweis âĂŒber 27 Monateâ. Und ja, eines Tages werden die Tabellenentgelte der LandesbeschĂ€ftigten um 5,8% höher sein als jetzt â im Januar 2028, dem allerletzten Monat der Laufzeit, wenn die Einkommen um 1% erhöht werden. Davor gibt es zwei Erhöhungen: 2,8%, mindestens 100 Euro, im April 2026 und 2% im MĂ€rz 2027.
Der neue Tarifvertrag beginnt allerdings mit fĂŒnf Null-Monaten von November 2025 bis MĂ€rz 2026. Im ersten Jahr der Laufzeit bis Oktober 2026 – fĂŒr das die 7% ursprĂŒnglich gefordert wurden – haben die BeschĂ€ftigten dadurch lediglich 1,63% effektiv mehr auf dem Konto.
Azubis und Dualstudierende bekommen zu den gleichen Zeitpunkten Erhöhungen um 60 bzw. 30 Euro mehr. Studentische HilfskrĂ€fte an Unis, die seit vielen Jahren um einen eigenen Tarifvertrag Studierende (TVStud) kĂ€mpfen, bekommen kleine Erhöhungen, aber keinen Tarifvertrag, fĂŒr studentische BeschĂ€ftigte in Berlin ist es sogar eine komplette Nullrunde.
KĂ€mpfen lohnt sich
Es gibt in der Tarifeinigung auch einige Verbesserungen, von denen allerdings nur eine Minderheit der BeschĂ€ftigten profitiert. Die Zulagen fĂŒr Schichtarbeit und Wechselschicht werden erhöht. Die KĂŒndigungsschutz-Regelungen sollen nach Jahrzehnten nun auch fĂŒr Kolleg*innen in Ostdeutschland gelten und in den drei verbleibenden Unikliniken in Ostdeutschland (Rostock, Greifswald, Jena) wurde eine ArbeitszeitverkĂŒrzung von 40 auf 38,5 Stunden erstreikt, auch das eine Angleichung an den Westen. Diese wird allerdings schrittweise umgesetzt, die 38,5 Stunden werden erst im Januar 2029 erreicht.
In Hamburg wird es fĂŒr âbĂŒrgernahe Dienstleistungenâ 100 Euro monatliche Zulage geben, fĂŒr den Sozial- und Erziehungsdienst 50 Euro. Diese Zulagen waren in einer eigenen Tarifauseinandersetzung mit Streiks der Hamburger Kolleg*innen schon im Herbst erkĂ€mpft, dann aber vom Finanzsenator und LĂ€nder-VerhandlungsfĂŒhrer Andreas Dressel (SPD) wieder kassiert worden. Auch jetzt gab es in Hamburg wieder einige groĂe Warnstreiks und mehrere Tage âSchwerpunktstreiksâ in einzelnen Bereichen, zum Beispiel bei Schleusen und in BĂŒrgerbĂŒros. Politisch waren die Aussagen dort klarer als bei ver.di ĂŒblich â auf Streikdemos wurde vom Lautsprecherwagen erklĂ€rt, wie die Milliarden fĂŒr die AufrĂŒstung mit Unterfinanzierung und Ăberlastung im öffentlichen Dienst zusammenhĂ€ngen.
Dass die Zulage nur fĂŒr eine Stadt gilt und nicht alle Hamburger Kolleg*innen sie bekommen, ist problematisch. Die Forderung war vor Ort aber breit getragen und hat stark zur Mobilisierung beigetragen.
Spaltungsinstrument TV-L
Der TV-L wurde von den Landesregierungen vor 20 Jahren geschaffen, um ihre BeschĂ€ftigten von den kampfstarken Kolleg*innen bei den Kommunen wie bei der MĂŒllabfuhr und im Nahverkehr abzuspalten. Die absurde Trennung der öffentlich BeschĂ€ftigten in Bund und Kommunen einerseits und LĂ€nder andererseits war ein Gefallen der sozialdemokratischen GewerkschaftsfĂŒhrung an die öffentlichen Arbeitgeber*innen. Die wichtigste Forderung in jeder TV-L-Runde mĂŒsste sein, ihn faktisch zu beseitigen, indem die Laufzeit mit dem TVĂD synchronisiert wird.
Der Organisationsgrad bei den LĂ€ndern ist niedriger als bei den Kommunen, viele BeschĂ€ftigte sitzen nicht an Positionen, bei denen ein Streik sofort öffentlich sichtbar und spĂŒrbar wird. Dazu kommt der hohe Anteil an Beamt*innen, denen das Streikrecht verwehrt wird. An den Schulen ist dadurch jeder Streik die Aktion einer Minderheit. Doch die verbeamteten BeschĂ€ftigten sind ebenso von den schwachen AbschlĂŒssen betroffen.
Diese strategisch schwierige Situation wird seitens der FĂŒhrungen von ver.di und GEW immer wieder intern angefĂŒhrt, um zu begrĂŒnden, warum ânicht mehr drinâ war. Das klingt fĂŒr viele Mitglieder zunĂ€chst nachvollziehbar. Sie sehen, dass die LĂ€nder es gar nicht nötig haben, in den ersten Runden ein Angebot zu machen. Sie warten die Warnstreiks einfach ab und prĂ€sentieren dann etwas âAlternativlosesâ.
Diesmal war die Beteiligung an den Warnstreiks niedriger als 2023, als die hohe Inflation und die hohen Forderungen viele Kolleg*innen auf die StraĂe brachten. Viele Kolleg*innen Ă€uĂerten sich enttĂ€uscht ĂŒber die geringe Beteiligung. Es gab auch Berichte ĂŒber eine schlechte Vorbereitung oder viel zu kurzfristige Streikaufrufe.
Die FĂŒhrungen von ver.di und GEW haben keine Strategie, um aus dieser Situation herauszukommen. Das DĂ€mpfen der Erwartungen im Vorfeld fĂŒhrt dazu, dass kein Enthusiasmus aufkommt. Die Kolleg*innen ahnen schon, dass am Ende der Warnstreiks ein eher lauer Kompromiss wartet. So wird das Trittbrettfahren ermutigt – viele warten einfach ab. Durch das Ergebnis und on top durch die schlicht falsche Darstellung von â5,8% mehr Geldâ fĂŒhlen sie sich in ihrer PassivitĂ€t bestĂ€tigt. Der Organisationsgrad bleibt schwach oder sinkt sogar.
Um das zu durchbrechen, mĂŒssen die Gewerkschaften ihre NĂŒtzlichkeit beweisen. Sie mĂŒssen testen, ob die LĂ€nder wirklich stur bleiben, wenn Streiks lĂ€nger gehen als einige Stunden oder einen Tag. Ohne Kampf lĂ€sst sich eine Gewerkschaft nicht aufbauen.
Die lange Laufzeit tut das Ăbrige, um die AktivitĂ€t der Mitglieder zu deckeln. Angesichts der wirtschaftlichen Risiken und der unsicheren Lage in der Welt ist es absurd, so lange Laufzeiten mit niedrigen Erhöhungen abzuschlieĂen. Zölle und Handelskriege können die Inflation jederzeit eskalieren lassen. Die Gewerkschaften mĂŒssten jĂ€hrlich bereit sein, die Forderungen an die Situation anzupassen.
Gewerkschaftliche Demokratie
Bei ver.di können die Kolleg*innen bis zum 9. MĂ€rz ĂŒber den Abschluss abstimmen. Wir rufen dazu auf, mit âNeinâ zu stimmen. Zur Meinungsbildung sollten in möglichst vielen Dienststellen Diskussionen und Versammlungen abgehalten werden. Dabei sollte der Abschluss offen bilanziert werden, aber auch eine strategische Diskussion darĂŒber, wie die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes aus der Defensive kommen können, ist nötig.
Die erste Forderung an ver.di mĂŒsste sein, den Abschluss wahrheitsgemÀà darzustellen. Von â5,8%â zu sprechen, wenn 7% auf ein Jahr Laufzeit gefordert waren, ist eine glatte LĂŒge. Das fĂŒhrt zu Vertrauensverlust und möglicherweise dazu, dass Kolleg*innen die Gewerkschaft verlassen.
Die GEW hat bisher ĂŒberhaupt keine Befragungen nach einer Tarifrunde durchgefĂŒhrt. Das MindestmaĂ innergewerkschaftlicher Demokratie wĂ€re es, eine entsprechende Befragung durchzufĂŒhren.
AufrĂŒstung thematisieren
Auch unabhĂ€ngig von den TarifvertrĂ€gen mĂŒssen sich die Gewerkschaften auf kommende Auseinandersetzungen vorbereiten. Die öffentlichen Arbeitgeber*innen gehen per Gesetzen und Dienstanweisungen an die Arbeitszeiten und die Entgelte ran. So wurde in Nordrhein-Westfalen quasi ĂŒber Nacht eingefĂŒhrt, dass Teilzeit-LehrkrĂ€fte die Mehrarbeit wie z.B. Vertretungsunterricht erst dann bezahlt bekommen, wenn sie pro Monat mindestens 15,7% ihrer Soll-Stunden an Mehrarbeit geleistet haben. Bis dahin machen sie die Mehrstunden fĂŒr lau.
Die Regierenden in Bund, Land und Kommunen haben beschlossen, Hunderte Milliarden Euro in die AufrĂŒstung zu stecken. Sie haben dafĂŒr riesige Kredite aufgenommen, fĂŒr die der Staat Zinsen an die Banken bezahlen muss. Auf allen Ebenen wird dadurch der Druck Richtung SozialkĂŒrzungen verstĂ€rkt. Sozialleistungen wie das BĂŒrgergeld werden gekappt, in den Kommunen werden Einrichtungen geschlossen und freie TrĂ€ger unter Druck gesetzt. Integrationskurse werden rasiert. Die Leistungen der Kranken- und Rentenversicherung werden medial unter Dauerbeschuss genommen.
Die Gewerkschaften sollten diesen Zusammenhang deutlich machen: die Einkommen der BeschĂ€ftigten sollen nicht steigen, weil dieser Staat Gelder zu den Reichen umverteilt und das gröĂte AufrĂŒstungsprogramm der Nachkriegsgeschichte betreibt. Unsere Butter wird zu ihren Bomben. Vielen SpitzenfunktionĂ€r*innen fĂ€llt eine klare Positionierung schwer, denn sie haben das Parteibuch der SPD und tragen deren Kurs mit. Daher muss eine Position gegen die AufrĂŒstung und Umverteilung von der Basis her durchgesetzt werden.
Die Partei Die Linke kann eine Hilfe in dieser Auseinandersetzung sein. Anders als zur Zeit der Tarifrunde 2023 ist Die Linke wieder eine relevante Kraft mit vielen aktiven Mitgliedern und politischem Einfluss auf Millionen Arbeiter*innen. Linke-Aktive und Abgeordnete haben in einigen Orten Streikende besucht und ihre SolidaritĂ€t gezeigt. Die Linke sollte das intensivieren und könnte zum Beispiel Plakate aufhĂ€ngen, die die Forderungen der Kolleg*innen mit dem Kampf fĂŒr Umverteilung, gegen Militarisierung und fĂŒr Bildung und Gesundheit verbinden.

