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Klassenkampf bei Ryanair

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Grenzenlose Ausbeutung – Grenzenlose Gegenwehr

Eine internationale Streikbewegung hat Ryanair zu Zugeständnissen gezwungen. Das erste mal in der Firmengeschichte werden Gewerkschaften anerkannt.

Von Sebastian Rave, Bremen

Am 4. November wird der letzte in Bremen stationierte Ryanair-Flieger abfliegen. Der Stützpunkt wird dauerhaft geschlossen, achtzig Beschäftigte stehen vor der Wahl, ihren Job zu verlieren oder an nicht gewünschte Standorte versetzt zu werden. Es liegt nahe, dass das eine Antwort der Geschäftsleitung auf den hohen Organisationsgrad in Bremen ist. Das ist der bisherige, traurige Höhepunkt einer sich zuspitzenden Auseinandersetzung um Arbeitnehmer*innenrechte bei Ryanair.

Trotz der Dumpingpreise macht Ryanair Milliardenprofite: vor allem dank der Ausbeutung der Beschäftigten. Zur Strategie von Ryanair gehörte von Anfang an, Gewerkschaften mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Ausbeutung an Bord

Siebzig Prozent der Beschäftigten sind bei „Personalagenturen“ angestellt, die unter der Kontrolle von Ryanair stehen. Dabei werden in Deutschland auch Regeln zur Arbeitnehmerüberlassung übergangen. Die meisten Pilot*innen sind formell selbstständig, und haben somit keinen Anspruch auf Kranken- oder Urlaubsgeld und müssen ihre Sozialversicherung selber zahlen. Bei unbotmäßigem Verhalten werden Beschäftigte auf unbeliebte Schichten verlegt, wer krank wird, muss zum Rapport nach Dublin, wo illegale Krankenakten angelegt werden. In Arbeitsverträgen werden Streiks mit der Streichung von Boni bestraft. Flugbegleiter*innen werden nur für die reine Flugzeit bezahlt (acht Euro pro Stunde bei einem Basisgehalt von 830 Euro), das Briefing oder die vorgeschriebene Reinigung von Kabine und Toilette nach der Landung zum Beispiel werden nicht vergütet. Bis zu zwei Drittel der Arbeitszeit sind unbezahlte Überstunden. Am Ende eines Monats bleibt ein Gehalt von 900 bis 1600 Euro je nach Flugaufkommen.

Beschäftigte gehen in die Luft

Angesichts dieser Bedingungen musste es irgendwann knallen. Den Anfang machten die besser organisierten Pilot*innen, die zuerst in Italien für einen Tarifvertrag in den Streik traten. Im Juni 2018 kamen spanische, portugiesische, belgische und irische Pilot*innen dazu. Auch in Deutschland kam es zu Warnstreiks. Die begrenzten Streiks waren wirksam. Ryanair war das erste mal gezwungen, mit Gewerkschaften zu verhandeln. Das hat den Flugbegleiter*innen Mut gemacht.

Im August diesen Jahres wurde dann noch eine Schippe drauf gelegt: Koordiniert durch die internationalen Logistikgewerkschaftsdachverbände ITF und ETF fanden in Portugal, Italien, Spanien, Belgien, Britannien, Deutschland, und erstmals auch in Irland Streikaktionen statt. 400 von 2400 Flügen wurden in ganz Europa lahmgelegt – mitten in der Ferienzeit bescherte Ryanair das empfindliche Verluste, die auch als Begründung für die Standortschließung in Bremen herhalten mussten.

Derweil wächst der politische Druck auf Ryanair . Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass die Praxis, Arbeitsverträge nach irischem Recht statt nach dem des Standortlandes abzuschließen, beendet werden muss. In Deutschland wird ein Gesetz abgeschafft, dass es Beschäftigten in der Luft verbietet, Betriebsräte zu gründen. Auch die Konstruktion der Ryanair-eigenen Leiharbeitsfirmen wackelt. Das sind Ergebnisse einer Streikbewegung, die auch anderen Beschäftigten nützen wird.

Die grenzüberschreitenden Streiks zeigen auf, wie man gegen international agierende Großkonzerne kämpft. Bisher haben sich nur andere Billigairlines ein Beispiel an Ryanair genommen – es ist an der Zeit, dass sich andere Arbeitnehmer*innen ein Beispiel an ihren mutigen Beschäftigten nehmen. Die schrieben in einem offenen Brief aus Bremen: „Wir sind stark, stärker als Sie sich jemals vorstellen können. Sie werden uns niemals brechen können!“