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War Lenin „eine Art Osama bin Laden“?

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Zum Jahrestag der Russischen Revolution

Antje Vollmer (ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen) bezeichnete Lenin in einem kürzlich in der Frankfurter Rundschau veröffentlichten Artikel als „eine Art Osama bin Laden“. Dieser Vergleich gehört zu den groteskeren Behauptungen von vielen, die anlässlich des hundertsten Jahrestags der Revolution, die Lenin zum Regierungsoberhaupt des ersten Arbeiterstaats der Menschheitsgeschichte machte, über den russischen Revolutionär, die Bolschewiki und die Oktoberrevolution publiziert werden.

Von Sascha Staničić

Warum? Weil eine ehrliche und ernsthafte Auseinandersetzung mit Lenin und der Russischen Revolution den Finger in alle Wunden der unterschiedlichsten VerfechterInnen der kapitalistischen Marktwirtschaft legen würde – von linksliberalen Grünen, über ordoliberale ReformsozialistInnen bis hin zu den Demokratie und Individualismus predigenden offenen VertreterInnen des Kapitalismus.

Denn Ergebnis einer solchen Auseinandersetzung, wie sie zum Beispiel der Historiker Alexander Rabinowitch in seinen Büchern geführt hat, wäre, dass die Oktoberrevolution ein zutiefst demokratischer von den russischen Massen selbst getragener Prozess war. Und dass sich dieser Prozess durch den Versuch einer gewaltsamen Konterrevolution nicht vollständig und frei entfalten konnte. Einer gewaltsamen Konterrevolution übrigens, die von den kapitalistisch-demokratischen Mächten des Westens mit vorangetrieben wurde.

Die Erinnerung an die Oktoberrevolution soll getrübt werden durch die Behauptung, die stalinistische Diktatur sei eine logische Folge der Revolution, des Bolschewismus und von Lenins Denken gewesen. Nichts könnte falscher sein. Vor allem aber soll die wichtigste Lehre des Roten Oktober unter den Teppich gekehrt werden: Es ist möglich! Es ist möglich, nicht nur die Herrschaft von Zaren und Diktatoren zu beenden, sondern auch die der Kapitalisten und Bänker! Es ist möglich, dass sich Millionen von ArbeiterInnen, Bauern und Bäuerinnen und (angesichts des Ersten Weltkriegs) einfacher Soldaten organisieren und sich demokratische Vertretungsorgane (Räte) schaffen. Es ist möglich, dass diese Räte die Staatsmacht übernehmen und eine gesellschaftliche Ordnung aufbauen, die nicht auf Profitmaximierung für die Macht Weniger basiert, sondern auf direkter Demokratie, Wähl- und Abwählbarkeit von FunktionärInnen, sozialer Gleichheit und einem Ende von Diskriminierung und Unterdrückung. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Oktoberrevolution führt zu der Frage: Wenn es damals möglich war, warum sollte es heute nicht möglich sein?

Rolle der Bolschewiki

Die Suche nach Antworten auf diese Frage führt unweigerlich zu Lenin und der bolschewistischen Partei. Denn so sehr die Revolution von den Massen selbst getragen wurde, so sehr war doch auch die Führung, das taktische und strategische Denken, die Koordinierung der Aktionen durch die Bolschewiki von entscheidender Bedeutung für ihren Erfolg.

Die Oktoberrevolution war das bedeutendste Ereignis der Menschheitsgeschichte und hat den Verlauf des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt. Sie hat auf dem Gebiet von Arbeiterrechten, der Gleichstellung von Mann und Frau, des Selbstbestimmungsrechts unterdrückter Nationen, dem Ende von Diskriminierung, Gigantisches vollbracht. Und doch konnte sie von innen heraus zerstört und ihrer Prinzipien beraubt werden, durch die Konzentration von Macht und Privilegien in den Händen einer Funktionärsschicht, einer bürokratischen Kaste, die sich der Partei und des Staates bemächtigte. Diese stalinistische Entgleisung war keine zwangsläufige Entwicklung, sondern Folge konkreter Umstände, die sich auch anders hätten entwickeln können. Dies, genauso wie die Revolution selbst, zu studieren, wird für künftige Versuche die Gesellschaft zu verändern wichtig sein. Die SAV bietet dazu eine Reihe von Veröffentlichungen und Veranstaltungen an.