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Profite auf Kosten der Gesundheit

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3.Qualitätsbericht zeigt trotz gewisser Verbesserungen weiterhin gravierende Mängel in der Pflege auf

Der Medizinische Dienst des GKV-Spitzenverbandes (MDS) meldet, dass sich die Qualität der Pflege in Pflegeheimen verbessert habe. Vor allem bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung sowie im Umgang mit Menschen mit Demenz habe es Fortschritte im Vergleich zum Bericht aus dem Jahr 2007 gegeben. Allerdings beständen bei anderen Pflegeproblemen – etwa, wenn es darum gehe, ein Druckgeschwür zu vermeiden – noch Schwächen. Für den ambulanten Bereich wären die Ergebnisse ähnlich. Was besagt der Bericht genau und wie sind die Zahlen zu bewerten?
von Julia Blum, Aachen
Für den aktuellen Bericht wurden 8.101 stationäre Einrichtungen (79 % der zugelassenen stationären Pflegeeinrichtungen) mit 61.985 in die Prüfung einbezogenen BewohnerInnen und 7.782 ambulante Einrichtungen (60% der zugelassenen Pflegedienste) mit 44.889 in die Prüfung einbezogenen Pflegebedürftigen kontrolliert.

Verbesserungen ausgehend von niedrigem Niveau

Wie der MDS meldet sind tatsächlich gewisse Verbesserungen im Vergleich zum letzten Berichtszeitraum erreicht worden. Beispiel Ernährung und Flüssigkeitsversorgung: Wurde beim letzten Bericht bei nur 64% der geprüften Personen in Pflegeheimen eine sachgerechte Ernährung und Flüssigkeitsversorgung festgestellt, so wurden im aktuellen Berichtszeitraum bei immerhin 79.5% der einbezogenen Personen mit Einschränkungen bei der selbständigen Ernährung und bei immerhin 82.4% der Personen mit Einschränkungen bei der selbständigen Flüssigkeitsversorgung die notwendigen Maßnahmen in erforderlichen Umfang durchgeführt. Das heißt aber, dass bei ca. jedem fünften bzw. sechsten die erforderlichen Maßnahmen immer noch nicht ausreichend durchgeführt wurden.
Beispiel Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz, vor allem Demenzkranke: 76,3% der Betroffenen wurden im aktuellen Berichtszeitraum ihrer Erkrankung entsprechende Angebote unterbreitet, was im Gegensatz zu 66,7% im letzten Berichtszeitraum eine erhebliche Verbesserung darstellt, aber trotzdem bedeutet, dass ca. jedem fünften Demenzkranken in Pflegeheimen keine entsprechenden Angebote gemacht wurden.

In manchen Bereichen sogar Verschlechterungen

In anderen Bereichen hat es dagegen sogar noch leichte Verschlechterungen gegeben. Beispiel Vorbeugung von Druckgeschwüren: Eine angemessene Dekubitusprophylaxe fand nur bei 59,3% (2007: 64,5%) derjenigen PflegeheimbewohnerInnen statt, die zum Beispiel aufgrund von Bettlägerigkeit ein erhöhtes Risiko haben, ein Druckgeschwür zu entwickeln.
Beispiel Medikamente: Im aktuellen Berichtszeitraum entsprach die Medikamentenversorgung bei 18,5% der BewohnerInnen, die Medikamente erhalten sollten, nicht der ärztlichen Anordnung und bei 18,2% war kein sachgerechter Umgang mit den Medikamenten vorhanden. Vor dem Hintergrund welche gravierenden Auswirkungen Fehler besonders in der Medikamentenversorgung für den Gesundheitszustand der BewohnerInnen haben können, sieht selbst der MDS dringenden Handlungsbedarf
Beispiel freiheitsentziehende Maßnahmen wie Bettgitter, Gurtfixierungen oder Abschließen von Zimmertüren: Bei 11,2% (2007: 9%) der eingesetzten freiheitsentziehenden Maßnahmen lag keine Einwilligung oder richterliche Genehmigung vor und bei 21,6% wurde die Notwendigkeit der Maßnahmen nicht regelmäßig überprüft. Allein diese Tatsache, dass bei ca. jedem zehnten Bewohner, der freiheitsentziehenden Maßnahmen unterlag, diese unbegründet durchgeführt wurden, ist schon einen Skandal wert.

Verbesserungen durch Einführung Niedriglohngruppe

Die Verfasser des Berichts weisen selbst darauf hin, dass manche Zahlen aufgrund einer Veränderung des Fragenzuschnitts nicht ohne weiteres vergleichbar sind, die Verbesserungen seien zum Teil aber sicherlich auch auf die Qualitätsbemühungen der Pflegeeinrichtungen zurückzuführen. Defacto sind die Verbesserungen aber wohl vor allem dem Einsatz von Alltagsbegleitern, den sogenannten §87b-Kräften, zu verdanken. Arbeitskräfte, die innerhalb von 3 Monaten mit den wichtigsten Grundlagen „qualifiziert“ werden und dann zum Niedriglohn im Pflegeheim eingesetzt werden.
Insgesamt zeigen die Zahlen, dass insbesondere in eben den Bereichen, in denen qualifiziertes Personal zur Erfüllung der Anforderungen von Nöten ist, sich nichts an der Pflegesituation verändert hat. Kein Wunder, besteht ja schon seit Jahren in der Altenpflege ein eklatanter Personalmangel, vor allem an qualifiziertem Personal. So meldete die Zeitschrift Altenheim im Jahre 2010, dass mehr als jede 4. Einrichtung die geforderte Fachkraftquote von 50% nicht erfüllen kann. Dem könnte Abhilfe geschaffen werden, würde man das Arbeitsfeld der Altenpflege zum Beispiel durch bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne attraktiver gestalten.

Kosten zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung

Um den kommenden Herausforderungen zunehmender Pflegebedürftigkeit Herr zu werden, soll in 2013 der Beitrag zur Pflegeversicherung um 0,1% steigen und eine private Zusatzversicherung, die sogenannte Pflege-Bahr, soll steuerlich gefördert werden. Abgesehen davon, dass damit der Einstieg in die Privatisierung der Pflegeversicherung vollzogen werden soll, sind solche Maßnahmen allein schon deshalb abzulehnen, weil sie die steigenden Kosten wieder mal nur den Beschäftigten aufbürden. Außerdem bedeutet es auch nicht, dass das zusätzliche Geld tatsächlich den Pflegebedürftigen zu Gute kommt.

Pflege vom Profitprinzip befreien

Solange mit der Pflege von alten Menschen Profit und damit Menschen zu Waren gemacht werden, solange wird es nicht um gute Pflege gehen können und sich an den beschriebenen Zuständen auch nicht grundlegend etwas verändern, sondern das Geld wird nur in die Taschen der Aktienbesitzer der privaten „Gesundheits“konzerne wandern. Auch wenn der MDK jetzt jährliche Prüfungen durchführt, kontrollieren kann man nur, was einem gehört. Deshalb ist es nötig, die Pflegeheime aber auch die ambulanten Pflegedienste zu vergesellschaften und unter demokratische Kontrolle und Verwaltung der arbeitenden Bevölkerung zu stellen. Nur wenn nicht der Profit, sondern die Bedürfnisse der Menschen entscheidend sind, kann eine menschliche Pflege gewährleistet werden.