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1968: Die Bremer Straßenbahnunruhen

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Vor 41 Jahren schlugen Bremer Jugendliche mit Blockaden und Protesten eine Fahrpreiserhöhung zurück.


 

Die .megafon beleuchtet die Ereignisse, um Anregungen für zukünftige Bewegung zu geben.

von Anna

Mitte Dezember 1967 gab die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) eine Fahrpreiserhöhung von 15Prozent bekannt. Die SPD, die die Interessen der Arbeitenden, Lehrlinge, SchülerInnen und Studierenden vertreten sollte, winkte die Preiserhöhung durch. Daraufhin entflammte vom 15. bis zum 22. Januar 1968 eine SchülerInnenbewegung, wie sie Bremen bisher nicht wieder gesehen hat: Trotz heftiger Polizeigewalt demonstrierten und blockierten eine Woche lang SchülerInnen Straßenbahnen an den Hauptverkehrsstellen. Die Zahl der DemoteilnehmerInnen stieg innerhalb von fünf Tagen von 50 auf 5000 und als Teile der Bevölkerung sich solidarisierten, auf 20 000.

Die Frage nach dem „Wozu?“ …

Organisiert hat die Aktionen hauptsächlich der Unabhängige Schülerbund (USB), der damals die entscheidende außerparlamentarische Opposition in Bremen stellte. Die SPD war bundesweit in die Große Koalition eingetreten und es gab keine parlamentarische Opposition mehr. Die Menschen mussten selbst für ihre Interessen in Schulen, Betrieben und Unis einstehen, wenn sie beachtet werden wollten.

Der USB wandte sich nicht nur gegen Fahrpreiserhöhungen. Es ging auch um den Vietnamkrieg, in dem Kinder durch Napalmbomben verbrannten, während die deutsche Gesellschaft sich um Anstand und Ordnung sorgte. Um den nicht aufgearbeiteten Nationalsozialismus. Darum, dass LehrerInnen Werte und Inhalte vermittelten, die mehr zu diktatorischen Ideen passten als zu demokratischen. Um Reformen des autoritären und als stumpfsinnig und verlogen betrachteten Bildungssystems.

…und dem „Wie?“

Die Protestierenden blockierten über Tage –von morgens acht bis abends zehn – den Straßenbahnverkehr mit Sitzblockaden und Demos. Am ersten Tag trug die Polizei Demonstrierende von den Schienen und drohte Gewalt an. Das führte in den folgenden zwei Tagen zu Ausschreitungen, bei denen Straßenbahnen und Busse beschädigt wurden. Darauf ordnete Polizeipräsident von Bock und Polach an: „Draufhauen, draufhauen, nachsetzen!“, und die Mannschaften reagierten mit Wasserwerfer und Schlagstock und nahmen über 130 Menschen fest. Das setzte sich in den folgenden Tagen fort, obwohl keine Zerstörungen mehr vorkamen, und stieß auf Unmut in Presse und Bevölkerung. Ein Polizeioffizier sagte laut Spiegel: „Der Bruch zwischen uns und der Bevölkerung ist bedrohlich.“

Das Ende – Widerstand ist erfolgreich!

Am Freitag, den 22. Januar 1968, fand ein Treffen zwischen VertreterInnen der Proteste und dem Vorstand der BSAG sowie Bürgermeisterin Mevissen statt. Dort wurde als Kompromiss eine teilweise Rücknahme der Erhöhungen ausgehandelt: Ein Erfolg der SchülerInnenbewegung. Möglich wurde er durch die Größe der Proteste und den politischen Druck der Arbeiterklasse. Die Betriebsräte von Klöckner Stahl und der AG Weser, der damals größten Arbeitgeber Bremens, hatten sich mit den Forderungen der SchülerInnen solidarisiert und sich ausdrücklich gegen die Polizeigewalt ausgesprochen. Um die Bevölkerung nicht weiter zu verärgern, lenkte die Regierung ein.

Widerstand ist nötig!

Trotzdem war das nur ein Teilerfolg: Tatsächlich erklärte die Stadt Bremen sich bereit, eine Wegnutzungsgebühr von 650 000 DM entfallen zu lassen und der BSAG höhere Zuschüsse zu zahlen. Sie bekam so den entgangenen Gewinn aus der Stadtkasse zugeschoben. Die Proteste flauten schnell ab, aber sie ließen eine Schicht politisierter Jugendlicher zurück und gaben der politischen Bewegung in Bremen einen neuen Schub. Wegen der breiten Stimmung gegen die Polizeieinsätze wurden die meisten Verfahren gegen Aktivistinnen und Aktivisten eingestellt.

Beispiel für heute?

Letztes Jahr gab es vor dem Hintergrund der Krise bereits Hörsaalbesetzungen, symbolische Banküberfälle und Autobahnbesetzungen im Rahmen des Bildungsstreiks. Wenn es gelingt, Beschäftigte und Arbeitslose einzubeziehen und eine starke, gut organisierte Bewegung aufzubauen, ist dieses Mal auch mehr drin als ein fauler Kompromiss.