Home / Themen / Internationales / Mittel- & Südamerika / Erdbeben in Chile zeigt die krasse Unfähigkeit des Kapitalismus

Erdbeben in Chile zeigt die krasse Unfähigkeit des Kapitalismus

Print Friendly, PDF & Email

.Erklärung von Socialismo Revolucionario, Schwesterorganisation der SAV in Chile


 

Das Erdbeben vom Samstag, den 27. Februar zeigt ungeschminkt, wie ineffizient und unfähig der chilenische Staat ist. Es scheint nicht mal ein alternatives Kommunikationsnetz zu geben, um bspw. von den Satelliten- und Mobilfunktelefonen unabhängig zu sein – all die Arroganz der herrschenden Eliten und ihr Stolz auf das im Land vorherrschende neoliberale Wirtschaftssystem haben keinerlei Bezug zur Realität.

Ihre Vorschläge für eine Lösung oder Eindämmung der dringendsten Probleme weiter Teile der Bevölkerung sind extrem langsam und uneffektiv gewesen. Die ärmsten Bevölkerungsschichten haben heute keine Lebensmittel – im Unterschied zu den am besten verdienenden Schichten, die Vorratskeller mit Essen und Wein in ihren Häusern haben. Die Mehrheit der ärmeren Bevölkerungsschichten lebt von der Hand in den Mund und hat nur Lebensmittel für ein oder zwei Tage.

Dies ist nur eins von vielen Beispielen für die schlechte Einkommensverteilung in diesem Land, wo sehr wenige im Überfluss schwelgen, die große Mehrheit aber in absolutem Elend lebt und von Schuldenbergen erdrückt wird.

Der Wasser- und Strommangel ist eine weitere Seite der Ineffizienz des Systems – die Wasserunternehmer tun nichts, um dieses lebenswichtige Element mittels ihrer Tankwagen zu verteilen, denn dann könnten sie seine Verteilung ja nicht mehr kontrollieren und den Menschen trotz ihrer bedauerlichen Lage Geld dafür abknöpfen

Der Lebensmittel- und Wassermangel hat die Menschen in eine verzweifelte Lage gebracht – niemand will seine Kinder vor Hunger oder Durst weinen sehen! Der Grund für die gewaltsame Öffnung von Supermärkten ist der Bedarf an Grundnahrungsmitteln für die Familien.

Gesellschaftliche Verwahrlosung

Die Verzweifelung der Erdbebenopfer angesichts des Mangels an Wasser, geschlossener Supermärkte und des Fehlens von Bargeld (man muss bedenken, dass vielerorts auch Familien mit Sparguthaben diese nicht abheben können), aber eben auch die Ausschreitungen wie Angriffe und Plünderungen von Häuschen und Tante-Emma-Läden in Arbeitervierteln, zeigen die Tiefe der sozialen Zersplitterung im heutigen Chile. Es gab auch viele bewegende Solidaritätsaktionen, aber angesichts der extrem großen Schere zwischen arm und reich im Land – einer der höchsten Unterschiede weltweit – und des Einflusses des chilenischen Turbokapitalismus wachsen die soziale Verwahrlosung und der Individualismus.

Die Regierungsvertreter sorgen sich mehr um Kameraauftritte als um Lösungen

Es ist klar, dass auch Kriminelle die Lage nutzen, um Plünderungen oder den Diebstahl von Elektronikartikeln und Haushaltsgeräten durchzuführen – was wiederum die Regierungsvertreter nutzen, um ihre Unfähigkeit zu verschleiern, wirkliche und konkrete Lösungen für die Bevölkerung zu geben. Sie beschimpfen uns einfach alle als kriminell und veranlassen Repressionsmaßnahmen.

Keiner der oben beschriebenen Vorfälle hätte sich ereignet, wenn die Behördenvertreter und die Supermarktketten Lebensmittel in geordneter Weise an alle, die ihrer bedürfen, abgegeben hätten. Leider streben die Kapitalisten nach höherem und wollen die Preise noch weiter steigern, weshalb sie zur Verschärfung der Ausweglosigkeit der Lage beitragen.

Laut Bachelet hätte es keinen Tsunami gegeben

Die Fischerhütten und Touristenanlagen der Küstengebiete sind verwüstet. Auf das Erdbeben folgte der Tsunami. Präsidentin Bachelet sagte im Radio unmittelbar nach dem Erdbeben, dass laut den Spezialisten des Armee-Überwachungsdienstes keine Tsunamigefahr bestünde.

Angesichts der folgenden öffentlichen Empörung hat der Verteidigungsminister die Armee öffentlich der Fehleinschätzung bezichtigt, aber die Beschuldigten veröffentlichten ihr Warn-Dossier, in welchem sie auf die Gefahr von Seebeben hingewiesen hatten.

Es gibt zahlreiche Berichte, aus denen hervor geht, dass es vor allem Nachbarn, lokale Polizisten und Feuerwehrleute waren, die zur Evakuierung aus den Küstenregionen in höher gelegene Gebiete aufriefen. Sie verließen sich eher auf ihren gesunden Menschenverstand als auf die Regierung (letztere hatte keine offizielle Warnung verschickt) und retteten so tausende Leben. Es scheint, dass die Regierung mehr darum besorgt war, Ruhe auszustrahlen und die Schwere des Ereignisses herunterzuspielen. Dies wiegt um so schwerer, als es wahrscheinlich für viele Tote verantwortlich ist.

Präsidentin Michelle Bachelet und der zukünftige Präsident Sebastian Piñera haben sich ihren Helikopterrundflügen gewidmet und publikumswirksame Fernsehbilder produziert, aber an konkreten Aktionen machen sie nichts. So mussten Feuerwehrleute und Rettungsspezialkräfte mit schwerem Räumgerät länger als 24 Stunden darauf warten, in die am stärksten betroffenen Zonen verlegt zu werden und Menschen aus zusammengestürzten Häusern retten zu können.

Zahlreiche Regierungen anderer Länder boten rasch an, Material und Rettungsdienste mit Spezialärzten zu entsenden, aber die chilenische Regierung antwortete arrogant, dass sie ausreichend eigene Ressourcen habe. Es verstrichen viele kostbare Stunden, in denen eingeklemmte Personen nicht gerettet und eingestürzte Krankenhäuser nicht ersetzt werden konnten, ehe die Regierung angesichts der offensichtlichen Unzulänglichkeit der eigenen Mittel die Annahme externer Hilfe akzeptierte.

Aber selbst die vorhandenen Ressourcen werden nicht so eingesetzt, wie es möglich und nötig wäre – die Rettungsteams der Minenbetriebe aus dem nicht betroffenen Norden warten z.B. immer noch auf Anweisungen der Regierung, um in die Katastrophenzonen aufzubrechen.

Die skrupellosen Bauunternehmer sind wirkliche Kriminelle

Die Menge der eingestürzten Gebäude beweist ebenfalls, welch schlimme Folgen das oft thematisierte Fehlen von Kontrollen und das Überlassen des Bausektors an „die Marktgesetze“ hat. Der Präsident der Architektenschule Colegio de Arquitectos, Patricio Gross, hat zurecht gesagt: „Kein gut konstruiertes Gebäude in Chile sollte bei einem Erdbeben der Stufe 8 einstürzen oder schwere Schäden davon tragen, denn solche Werte kommen hier ziemlich häufig vor.“

Das Fehlen der Kontrolle hat dazu geführt, dass skrupellose und kriminelle Unternehmer Gebäude mit weit unter den geltenden Bauvorschriften liegenden Standards haben bauen lassen, und das in einem Land, welches regelmäßig von seismischen Schwankungen betroffen ist. Julio Alegría, Wissenschaftler an der Universität von Talca, drückte sich sehr klar aus: „Das liegt an der Aufweichung der Qualitätskontrollen. Wir hatten das angesprochen, es war vorhersehbar, und nun sehen wir die Ergebnisse. Chile hat den Test nicht bestanden.“

Das wenigste, das wir fordern können, sind Gefängnisstrafen für alle diese skrupellosen Unternehmer. Außerdem sollten sie mindestens das zurück zahlen, was sie durch ihre Gaunereien erbeutet haben, und weitere Geldstrafen kriegen.

Nötig sind Solidaritäts- und Aktionskomitees in allen betroffenen Orten

Wir müssen uns in unseren Stadtteilen und Nachbarschaften organisieren, um wirkliche Lösungen für die aktuelle Notlage zu fordern und uns darüber zu verständigen, was unsere langfristigen Forderungen sein sollen. Eine der ersten Forderungen müsste die Streichung aller Hypothekenschulden der schwer beschädigten oder unbewohnbar gewordenen Häuser in Wohnvierteln sein. Der Staat muss den Wiederaufbau subventionieren, und der ganze Prozess muss von den betroffenen NachbarInnen und Arbeiterorganisationen demokratisch kontrolliert werden.

Diese Komitees müssen uns zunächst als Schutz- und Solidaritätsorganisation aller NachbarInnen der Arbeiterbezirke dienen – natürlich müssen wir uns angesichts des Notfalls organisieren, um auf unsere Stadtviertel aufzupassen.