Werften vor dem Aus?

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Kurzarbeit, Insolvenzen und Entlassungen im Norden und Nordosten


 

Die tiefste Krise seit 80 Jahren hat nun auch die deutschen Werften erreicht. Nach mehreren Boomjahren sank die Nachfrage nach neuen Schiffen zwischen Oktober 2008 und März 2009 weltweit um 90 Prozent.

von Thorben Mahlstedt und Patrik Schulte, Bremerhaven

Aufträge werden storniert, Banken geben keine Kredite mehr für Neubauten. Besonders stark ist der Einbruch bei den Containerschiffen. Auf Jahre ist absehbar, dass der Absatz auf niedrigem Niveau und die Gewinne der Kapitalisten mager sein werden. Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik, Werner Lundt, spricht von einer „Delle“, die drei bis vier Jahre andauern könne.

Diverse Schiffbau-Unternehmen entlang der norddeutschen Küste streichen Stellen, schicken ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit oder haben Insolvenz angemeldet.

In den Bundesländern Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg waren im ersten Halbjahr 2009 noch über 20.000 Menschen im Schiffbau beschäftigt, dazu Zehntausende in den Zulieferbetrieben. Die jüngsten Insolvenzen haben jedoch bereits zu deutlichem Arbeitsplatzabbau geführt. Für viele Beschäftigte ist die Arbeitslosigkeit nur aufgeschoben – durch Kurzarbeit und Auffanggesellschaften. Die Hoffnung auf neue Investoren bei Betrieben, die vor der Insolvenz stehen, sind jedoch illusorisch. Denn momentan werden keine neuen Schiffe nachgefragt und daher winken auch keine Profite.

– In Bremerhaven ist die Schichau Seebeck Shipyard (SSW) im Juni in Insolvenz gegangen. Dabei verloren 200 KollegInnen ihre Arbeitsplätze. Die Geschäftsführung rühmt sich nun, 114 KollegInnen mit veränderten Lohnbezügen weiter zu beschäftigen.

– Bei der Bremerhavener Lloyd-Werft kündigte die Geschäftsführung bereits Ende letzten Jahres den Abbau von 100 Arbeitsplätzen an. IG Metall und DGB haben hier, wie bei der SSW, keinen Versuch unternommen, um den Erhalt aller Arbeitsplätze zu kämpfen.

– Im September 2008 meldete die Kieler Lindenau-Werft Insolvenz an. Ein Kredit über 28 Millionen Euro sicherte vorerst den Fortbestand des Unternehmens und die 520 Arbeitsplätze.

– Thyssen Krupp Marine Systems will das Unternehmen umstrukturieren. Zudem will man sich von der Hamburger Werft Blohm+Voss trennen. Betroffen wären hier 1.700 Arbeiter. Am 11. Juni 2009 demonstrieren 2.500 Arbeiter in Emden und Kiel gegen den Umbau des Konzerns und den drohenden Abbau von Arbeitsplätzen.

– Die Wadan-Werften in Wismar und Warnemünde meldeten im Juni Insolvenz an – trotz 60-Millionen-Euro-Soforthilfe, weiteren Millionenkrediten über 20,5 Millionen Euro durch das Land Mecklenburg-Vorpommern sowie eines vom Bund verbürgten 180-Millionen-Kredits. Am 16. Juli besetzten Hunderte Arbeiter für kurze Zeit das Betriebsgelände in Wismar, um für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu demonstrieren. Mit dem Verkauf des Unternehmens an einen russischen Investor im August sollen 800 der ursprünglich 2.500 Beschäftigten nicht übernommen werden. Die Frage der tariflichen Bezahlung ist offen. Zudem meldete DER SPIEGEL kurz darauf, dass die Schiffbaubetriebe in Wismar und Rostock-Warnemünde wenig Aussichten auf neue Aufträge aus Russland hätten. Anders als von der russischen Seite bei den Regierungsgesprächen im Juli dargestellt, wollten weder die Gazprom-Tochter Gazflot noch der Edelmetallkonzern Norilsk Nickel neue Schiffe in Mecklenburg-Vorpommern bestellen. Das hätten beide Unternehmen dem Magazin erklärt.

– Im Juli gab die Hamburger Sietas-Werft die Streichung von rund einem Drittel der 880 Stellen bekannt, trotz Bürgschaft in Höhe von 75 Milionen Euro durch Bund und die Stadt Hamburg.