Castros Kuba – eine marxistische Kritik (3. Teil)

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Das weltweite Kräfteverhältnis

Lorimer reitet voller Ironie auf unserer Formulierung „besondere Kombination von Umständen“ und versucht die Idee lächerlich zu machen, dass ein „radikaler Mittelklasse-Demokrat, dessen Ideal das demokratisch-kapitalistische Amerika war“ soziale Revolution angeführt hat. Für ihn besteht das politische Spektrum aus schwarz und weiß. Er ist daher nicht nur nicht in der Lage, die kubanische Revolution zu verstehen, sondern auch nicht die frühere chinesische Revolution, die wirklichen Triebkräfte der vietnamesischen Revolution, die Ereignisse in Angola, Mozambique und sonst auf der Welt. Diese Revolutionen waren „einzigartig“ und wiesen keine Parallelen zu früheren „klassischen“ Revolutionen auf, vor allem nicht zu der in . Sie erwuchsen aus und wurden beherrscht von der „besonderen Kombination von Umständen“.

Was waren diese Umstände? Sie waren das Produkt des weltweiten Kräfteverhältnisses der Klassen nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zu Trotzkis Erwartungen ging der Stalinismus ebenso wie der US-Imperialismus gestärkt aus dem Krieg hervor. Durch den Verrat an der revolutionären Welle von 1943 bis 1947 in Europa durch die „kommunistischen“ Parteien und die Sozialdemokratie entstanden die politischen Grundlagen für den langen Aufschwung in der gesamten kapitalistischen Welt von 1950 bis 1973. In der Mehrheit der Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas blieb die bürgerlich-demokratische Revolution jedoch unvollendet. Wie schon beschrieben, geht Trotzki in seiner Theorie der Permanenten Revolution davon aus, dass die organisierte Arbeiterklasse die einzige Klasse ist, die in der Lage ist, Mehrheit der „Nation“ – die armen Bauernmassen und das städtische Kleinbürgertum – hinter sich zu versammeln. Nach der Durchführung der Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution würde die Arbeiterklasse ihre Macht benutzen zu den sozialistischen Aufgaben der Revolution überzugehen, im nationalen Rahmen, aber auch auf internationaler Ebene.

Betrachtet man die russische Revolution nur als ein rein nationales Ereignis, hätten die Menschewiki gegen Lenin, Trotzki, die Bolschewiki und Rosa Luxemburg Recht gehabt. Russland, ein vorwiegend agrarisches, industriell rückständiges Land, mit 80 Prozent Landbevölkerung, war nicht reif für den Sozialismus. Marx erklärte, dass der Aufbau des Sozialismus einen höheren Stand von Technik und Arbeitsproduktivität erfordern würde als im höchstentwickelten kapitalistischen Land, heute die USA. Russland war weit davon entfernt. Aber Russland war, in den Worten Lenins, das „schwächste Glied in der Kette des Weltkapitalismus“, welches die Weltrevolution auslösen könnte, wenn es den Weg der Revolution gehen würde.

Lenin hatte diese Einschätzung. Selbst als er für die „demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“ eintrat (diese Parole wurde später zugunsten der „Diktatur des Proletariats“ fallengelassen, was nichts anderes bedeutet als einen demokratiArbeiterstaat oder eine Arbeiter- und Bauernregierung), ging er davon aus, dass das Bündnis der Arbeiterklasse mit den Bauern den Prozess in Gang setzen könnte, die bürgerlich-demokratische Revolution in Russland zu vervollständigen. Dies würde die sozialistische Revolution im Westen auslösen, zum Beispiel in Deutschland, was wiederum Auswirkungen auf Russland in der Form haben würde, dass auch dort die sozialistischen Aufgaben auf die Tagesordnung kämen. Es findet sich nichts von Lenins Internationalismus, nichts davon, die Revolution in einem Land als ein Teil der Weltrevolution zu sehen, nichts von der Idee, dass nur die Arbeiterklasse in der Lage ist, konsequent eine internationalistische Perspektive zu haben, in den Schriften von Lorimer und der DSP. Der entscheidende Punkt ist, dass sich in der Periode nach 1945 die klassischen Bedingungen für die permanente Revolution, wie sie zur Zeit der russischen Revolution existierten, nicht gleichermaßen in der neo-kolonialen Welt entwickeln konnten.

Einerseits sahen und sehen wir die Verkommenheit von Großgrundbesitz und Kapitalismus in der neo-kolonialen Welt. Das traf selbst auf die wirtschaftliche Aufschwungphase von 1950-73 zu, als einige der neo-kolonialen Länder Krümel abbekamen, die vom Tisch der industrialisierten Länder hinunterfielen. Die nationale Bourgeoisie dieser Länder war schwach und unfähig, die Gesellschaft weiter zu entwickeln. Die „Tigerstaaten“ in Südostasien bildeten eine Ausnahme. Ironischerweise waren es die USA – in Japan – oder das US-hörige Regime in Taiwan, welche dort von oben eine der wichtigsten Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution durchführten: die Enteignung der Großgrundbesitzer. Wegen der Bedrohung, die das neue siegreiche stalinistische Regime in China darstellte war dies notwendig geworden. Zusammen mit dem Zugang zum US-Markt war dies ein Hauptfaktor, der den Weg für die Entwicklung des Kapitalismus freimachte und die spektakulären Wachstumsraten der „Tiger“ bis in 90er Jahre ermöglichte.

Auf der anderen Seite wurde der Arbeiterklasse in vielen Ländern durch die falsche Politik der „kommunistischen“ Massenparteien, die unter der Vorherrschaft stalinistischer und reformistischer Führer standen, die Möglichkeit verwehrt, die gleiche Rolle wie die russische Arbeiterklasse 1917 zu spielen. Die Sackgasse, in der sich die Gesellschaft befand, hatte auch Auswirkungen auf die Mittelschichten einschließlich der kleinbürgerlichen Offizierskasten. Sie nahmen die Rückständigkeit sehr deutlich war und spürten die Unmöglichkeit des Fortschritts der Gesellschaft auf der Grundlage des überkommenen Großgrundbesitzes und des Kapitalismus. Sie suchten nach einem Ausweg.

Einige dieser radikalisierten Kleinbürger kamen aus einer stalinistischen oder exstalinistischen Tradition. So Mao-Tse-Tung und Tschu-En-Lai, die sich nach der Niederlage der chinesischen Revolution 1925-27 in ländliche Gebiete zurückgezogen und die Rote Armee gegründet hatten. Diese Armee basierte größtenteils auf der Bauernschaft, was wiederum den Horizont ihrer Führer beeinflusste, die laut Trotzki die „Ex-Führer“ einer Arbeiterpartei waren. In den Gebieten, die im Zweiten Weltkrieg unter der Kontrolle der Roten Armee standen, existierte schon ein neuer Staat und damit eine Bürokratie in embryonaler Form. Zum Ende des Krieges hin war das Großgrundbesitzer-Kapitalisten-Regime der Kuomintang unter Tschiang-Kai-Tschek komplett diskreditiert. Dadurch entstand ein Vakuum in der chinesischen Gesellschaft. Als die Rote Armee in die Städte einrückte, existierte schon das Gerüst einer Bürokratie, die der organisierten Arbeiterklasse und der Idee der Arbeiterdemokratie feindlich gegenüberstand. Allerdings gab es keinen Weg nach vorne auf der Grundlage der alten Gesellschaft. Daher enteigneten Mao und die Rote Armee Schritt für Schritt Großgrundbesitz und Kapital, führten die Verstaatlichung des Bodens und der Mehrheit der Industrie durch und schufen von Anfang an einen bürokratisch deformierten Arbeiterstaat. Sie balancierten dabei zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft, der Bauernschaft, der Arbeiterklasse und Teilen des Bürgertums. Darin zeigten sich die Haupttendenzen von Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution, allerdings in Form einer Karikatur. Ursprünglich war die bewusste Rolle der Arbeiterklasse als Führer der Revolution ein zentraler Bestandteil von Trotzkis Theorie. Das war in China und Kuba nicht der Fall. Daher bedeuten diese Ereignisse eine teilweise Widerlegung der Theorie der Permanenten Revolution. Eine soziale Revolution, die Abschaffung von Großgrundbesitz und Kapitalismus findet statt, aber ohne dass die Arbeiterklasse eine direkt führende Rolle spielt. Trotzdem – wegen der besonderen Kräfteverhältnisse national und international, vor allem wegen der Sackgasse, die der Kapitalismus für diese Gesellschaften darstellte – konnte eine bonapartistische Elite, die sich auf eine Bauernarmee stützte, zwischen den Klassen balancieren und die soziale Revolution leiten. Das Ergebnis war ein deformierter Arbeiterstaat und kein Staat, in dem die Arbeiterklasse und die armen Bauern die direkte Kontrolle und Verwaltung über Industrie und die Gesellschaft insgesamt durch demokratisch gewählte Räte ausüben.

Chruschtschow und die kubanische Revolution

Laut Lorimers Schema ist solch eine Entwicklung unmöglich. Wie aber entstand das stalinistische Regime in China, eine geplante, verstaatlichte Wirtschaft, beherrrscht von einem totalitären Ein-Parteien-Regime, wenn nicht durch die „besonderen Kräfteverhältnisse“ nach dem Zweiten Weltkrieg, welche so nicht von Trotzki vorhergesehen werden konnten? Mehr noch, was haben Lorimer und die DSP über die Ereignisse in Osteuropa zu sagen, wo eine ähnliche Entwicklung stattfand, in diesem Fall durch die Agentur des russischen Stalinismus, der die Enteignung der Fabriken und der Ländereien überwachte, nach dem die einheimischen Kapitalisten Feudalherren geflohen waren? Trotzki meinte: „Gegen einen Löwen benutzt man ein Gewehr, gegen eine Fliege Zeigefinger und Daumen.“ war in Osteuropa nicht nötig, um die letzten Spuren von Kapitalismus und Feudalismus hinweg zu fegen. Das führte zur Errichtung von Gesellschaften und Staaten nach dem Moskauer Modell, zu Planwirtschaften mit stalinistischen Regimen. Von Beginn an gab es kein Element von Arbeiterkontrolle- und verwaltung, denn dies wäre eine tödliche Bedrohung für das politische Monopol der Bürokratie gewesen. Die kubanische Revolution unterschied sich von dem, was in China und Osteuropa passiert war, sowohl in ihrer Entwicklung als auch in Bezug auf ihre führenden Figuren. Castro, Guevara und die anderen ührer der Bewegung 26. Juli nicht aus der stalinistischen Tradition, waren anfangs politisch offen und zeigten beispielhaften revolutionären Mut und Ausdauer im politischen und militärischen Kampf gegen das Batista-Regime und auch später. Auf andere wichtige Unterschiede zu China und Osteuropa kommen wir später noch zu sprechen. Allerdings existierten die gleichen grundlegenden Bedingungen: die Ausweglosigkeit des kubanischen Großgrundbesitzes und des Kapitalismus, die relative ähmung der Arbeiterklasse, Ergebnis der Rolle der PSP (Partido Socialista Popular = Sozialistische Volkspartei, Kubas „kommunistische“ Partei vor der Revolution) und ihrer Führung, die massive Unzufriedenheit einer zunehmend radikalisierten Mittelklasse, aus der auch Castro stammte und der Dilettantismus der Eisenhower- Regierung in den USA.

Lorimer betrachtet die Vorstellung, dass die „Fehler“ des US-Imperialismus die Radikalisierung von Castro und Kuba vorangetrieben und dazu gezwungen haben, mit Feudalismus und Großgrundbesitz zu brechen, mit Spott. Zeitzeugen, die keineswegs mit Castro sympathisierten bestätigen unsere Analyse, dass Nixon und Eisenhower mit Castro und Kuba stümperhaft umgingen und eine Reihe „Fehler“ machten. Philip W. Bonsal, zu der Zeit US-Botschafter in Havanna, berichtete später über das Frühjahr 1959: „Die massive wirtschaftliche und militärische Hilfe, die er später aus der Sowjetunion erhielt, war zu diesem Zeitpunkt nicht von Castro geplant … er orientierte sich erst Richtung Abhängigkeit von der Sowjetunion, als die USA mit ihren Aktionen im Frühjahr und Sommer 1960 den Russen keine andere Wahl ließen als Castro zu Hilfe zu eilen.“

Tad Szulc bestätigt Bonsals Eindrücke: „Man kann sicher argumentieren, dass Castro sich für eine hausgemachte marxistische Lösung entschieden hätte, ohne wirtschaftlich und militärisch von den Russen abhängig zu werden, wenn die USA keine tödliche Gefahr gewesen wären. Jugoslawien und China sind naheliegende Vergleiche. Außerdem verging mindestens ein Jahr, bevor die sowjetische Unterstützung auf der Insel ankam. In dieser Zeit hätte Washington nicht alle Wege verbauen müssen.“ Wie weit Castro Richtung „hausgemachter marxistischer Lösungen“ gegangen wäre und ob dies zur Abschaffung von Großgrundbesitz und Kapitalismus geführt hätte kann diskutiert werden. Unbestreitbar ist jedoch, dass die grobe Stümperei der USRegierung in dieser Phase die Beseitigung des Kapitalismus beschleunigt und Castro in Moskaus Arme getrieben hat. Was die russischen Stalinisten angeht, so hatten sie vorher keine Kenntnis von den wichtigen Personen der kubanischen Revolution oder eine Vorstellung davon, wohin sich die Revolution entwickelt. Wie die meisten anderen Beobachter schlussfolgerten sie, durchaus korrekt im Gegensatz zu Lorimers , dass die Führer des 26. Juli lateinamerikanische Revolutionäre waren. KGB-Agent Alexander Alexeijew war beauftragt, den Kontakt mit Castro und Guevara herzustellen. Er schrieb, dass er ursprünglich „Misstrauisch in Bezug auf Fidels wirkliche politische Ziele war, und, wie er später zugab, Kuba nicht seine volle Aufmerksamkeit gewidmet hat. ‚Ich machte mir nicht viele Gedanken über die kubanische Revolution. Ich dachte, sie wäre wie viele andere (bürgerliche) lateinamerikanische Revolutionen … und ich war mir sicher, es wäre keine sehr ernste Sache‘.“

Georgi Kornenko, ein weiterer hochrangiger Sowjetfunktionär schrieb über die Haltung des Kreml nach Castros Sieg: „Ich erinnere mich, wie Chrustchow im Januar 1959 fragte, als Castro das neue Regime verkündete: ‚Was für Leute sind das? Wer sind sie?‘ Aber niemand wusste eine Antwort auf die Frage … weder die Geheimdienste noch das Außenministerium noch die Internationale Abteilung des Zentralkomitees. Wir wussten tatsächlich nicht, wer diese Leute in Havanna waren. Wir schickten Telegramme an unser Auslandsbüro, später an die Geheimdienste und andere Stellen. Einige Tage später erhielten wir ein Telegramm von einem unserer lateinamerikanischen Hauptbüros – ich glaube aus Mexiko – mit einigen Informationen über Castro und seine Leute. Es standen dort Informationen, dass wenn auch nicht Fidel selbst so doch vielleicht Raúl … sehr wahrscheinlich Che … und einige andere Leute in Fidels Umgebung marxistische Standpunkte vertraten. Ich war dabei, als Chrustchow diese Informationen mitgeteilt wurden. ‚Wenn es wirklich so ist“, sagte er, ‚dass diese Kubaner Marxisten sind und die eine sozialistische Bewegung in Kuba aufbauen, wäre das fantastisch! Es wäre der erste Ort in der westlichen Hemisphäre mit einer sozialistischen oder pro-sozialistischen Regierung. Das wäre sehr gut, sehr gut für die sozialistische Sache.“

Anderson kommentiert: „Es herrschte eine unterschwellige Skepsis über Castro Revolution im Kreml. Was dort stattfand, stand nicht in den sowjetischen Regieanweisungen … die Partei war nicht unter Kontrolle, Fidel Castro war noch immer eine unbekannte Größe. Trotz vielversprechender Anzeichen – Fidel hatte der Partei erlaubt, eine Rolle zu spielen und die Männer, die ihm am nahesten standen (sein Bruder Raúl und Che), waren Marxisten – stand das Urteil noch aus.“ Chrustchow, ein cleverer Vertreter des russischen Stalinismus, verstand, was vorging. Noch einmal Szulc: „Chrustchow sagte, die USA versuchten, Castro an die Wand fahren zu lassen anstatt normale Beziehungen mit ihm aufzubauen. Er meinte: ‚Das ist dumm, es ist das Ergebnis des Geheuls der fanatischen Antikommunisten in den Vereinigten Staaten, die überall rot sehen, auch wenn die Dinge manchmal nur rosa oder sogar weiß sind … Castro wird in unsere Richtung gezogen, wie der Eisenspan zum Magneten‘.“ In Kuba existierte ein Verlangen nach dem Sturz des Batista-Regimes und für die Lösung der angehäuften Probleme, die aus einer unvollständigen bürgerlich-demokratischen Revolution resultierten.

Castros Entwicklung

Der Guerilla-Kampf wurde ursprünglich von den Bauern und den ländlichen Massen aktiv, von der Arbeiterklasse passiv unterstützt. Er führte zum Sieg über Batista wegen der angewachsenen Feindschaft der Massen gegen alles, was dieses Regime repräsentierte und weil die kubanische Gesellschaft in einer Sackgasse gelandet war. Es gibt viele Beispiele in der Geschichte für Anführer mit ebenso viel Mut, Ausdauer und Ausstrahlung wie Castro und Guevara. Auch Mao und Tito führten wirkliche Massenkämpfe und bewiesen im Kampf gegen die alten Regime beachtliche Initiative. In diesem Sinne unterschieden sie sich von Stalin, einem mittelmäßigen Charakter, der in der russischen Revolution eine graue Maus blieb und keine unabhängige Rolle spielte. Von Mao oder Tito kann das nicht behauptet werden. Allerdings waren ihre Regime, trotz der unabhängigen Entwicklung ihrer Führer und trotz der nationalen Interessengegensätze und Auseinandersetzungen mit dem stalinistischen Russland Staaten, die von der grundlegenden Struktur her Russland sehr ähnlich waren. Trotz ihrer Feindschaft zu Stalin begannen sie dort, wo er 1937 aufgehört hatte: mit dem Aufbau stalinistischer Regime in China und Jugoslawien.

Die kubanische Revolution nahm eine etwas andere Entwicklung. Lorimer und die DSP argumentieren, dass sich die Ansichten von Castro und Guevara im Laufe des Kampfes vor der Revolution entwickelt hätten. Ja, sie haben sich entwickelt, aber sie hatten kein klares Programm und keinen Plan, die sozialistische Revolution durchzuführen. Lorimer zitiert die Schriften von Maurice Zeitlin über das Thema der Privilegien, wir kommen später darauf zurück.

Der gleiche Autor zeigt jedoch politische Grenzen in seinem Buch „Cuba – An American Tragedy“ einem Interview aus dem Jahre 1958 auf: „Lassen sie mich für das Protokoll sagen, dass wir keine Pläne für die Enteignung oder Verstaatlichung von ausländischen Investitionen haben. Tatsächlich war die Ausdehnung des staatlichen Sektors auf bestimmte öffentliche Versorgungseinrichtungen – von denen sich einige, wie die Stromerzeuger, in US-Besitz befinden – Teil unserer ersten Programme, aber wir haben kürzlich alle Planungen in diese Richtung eingestellt. Ich persönlich meine, dass Verstaatlichungen bestenfallls ein schwerfälliges Instrument sind. Es scheint den Staat nicht zu stärken, aber behindert das private Unternehmertum. Noch wichtiger, jeder Versuch umfassender Verstaatlichung würde offensichtlich die Umsetzung des zentralen Punktes unseres wirtschaftlichen Programms erschweren – schnellstmögliche Industrialisierung. Zu diesem Zweck werden ausländische Investitionen hier immer willkommen und sicher sein.“

Das Zögern, das Fehlen einer bewussten Vorausschau und die Verwirrung darüber, wo sie eigentlich hin wollen, findet sich in der ersten Periode selbst in den Äußerungen des tapfersten Führers. In einer Diskussion mit Jean-Paul Sartre erklärte Che Guevara 1960: „Sie fragen uns nach Ideen, einer Doktrin, Vorhersagen. Aber sie vergessen, dass unsere Revolution nur eine Reaktion ist.“ einem Interview mit Laura Berquist von der Zeitschrift Look November 1960 meinte er: „Was passiert, hängt vor allem von den USA ab. Mit der Ausnahme der Landreform, die das kubanische Volk selbst verlangt und begonnen hat, sind sämtliche unserer radikalen Maßnahmen direkte Reaktionen auf direkte Aggressionen der mächtigen Monopole, deren wichtigster Verfechter ihr Land ist. Der US-amerikanische Druck auf Kuba hat die ‚Radikalisierung‘ der Revolution erforderlich gemacht. Um zu wissen, wie weit Kuba gehen wird, wäre es einfacher, die US-Regierung zu fragen, wie weit ihre Pläne gehen.“

Lorimer meint auf der Grundlage von Castros Gefängnis-Tagebüchern und darauf, dass Castro Lenin gelesen hat, dass dieser zum bewussten Marxisten geworden sei, der im Geheimen die sozialistische Revolution vorbereitete. Wie wir schon beschrieben haben, widersprechen wichtige Zeitzeugen und Kommentatoren dieser These der DSP. Jon Lee Anderson berichtet über eine Unterhaltung zwischen Che Guevara und David Mitrani (einem Freund und Kollegen Guevaras in Mexiko, bevor er zur mit der Granma aufbrach). Er kommentiert: „Schließlich sprach Che freimütig über die Revolution und sagte ihm: ‚Anfang August wandeln wir das Land in einen sozialistischen Staat um’ Zumindest war es das, was er erhoffte und erwartete, sagte Che und erklärte, dass Fidel davon noch nicht ganz überzeugt sei, weil er selbst kein Sozialist sei. Che versuche immer noch ihn zu überzeugen.

Das war nicht vor der Revolution, sondern 1960, als die Enteignung des in- und ausländischen Kapitals schon begonnen hatte. Guevara war eindeutig ein Held mit sozialistischen und kommunistischen Bestrebungen, aber ohne klare marxistische Perspektiven und Programm. Von Castro kann nicht das gleiche gesagt werden. Er wurde durch seine Erfahrungen im Kampf gegen das Batista-Regime und die in der Revolution geweckten Hoffnungen der Massen geprägt und nach vorne geschoben. Ja, und auch die „Fehler“ des US-Imperialismus trugen dazu bei, der mit Drohungen, Erpressung und schließlich mit der bewaffneten konterrevolutionären Invasion in der Schweinebucht versuchte, das Castro-Regime zu stürzen. Die Ausflüchte Castros und sein Zögern welchen Weg man beschreiten soll, werden von denen bestätigt, die nach dem Sturz Batistas eng mit ihm zusammenarbeiteten.

Zum Beispiel meinte damals einer der kubanischen Delegierten, der 1959 an einer Interamerikanischen Konferenz in Argentinien teilnahm: „Mein Eindruck ist, dass er die Möglichkeit erwog, auf der amerikanischen Seite des Zaunes zu bleiben … als ein Führer einer Revolution im Stile eines kubanischen und lateinamerikanischen

Nasser.“ Richtig kommentiert dieser Zeitzeuge: „Meiner Meinung nach sind die USA zur Zeit nicht bereit, den Preis dafür zu bezahlen … Tatsächlich weiß das kubanische Volk noch immer nicht, über welche Art sozialer Revolution Washington bereit wäre zu verhandeln, wenn überhaupt.“ Tatsächlich dachte Washington, dass Castro mit einer Kombination aus Druck, Unterstützung für militärische Unternehmungen, Drohungen mit einer Wirtschaftsblockade, das ganze verstärkt mit der Drohung einer Invasion, in die Knie gezwungen werden könnte. Dies hatte zuvor funktioniert, so im Falle Guatemalas und das Weiße Haus unter Eisenhower und Nixon dachte, dies würde auch diesmal funktionieren. Aber sie trieben lediglich Castro zu einer immer stärkeren radikalen Haltung, provozierten in der kubanischen Bevölkerung massenhafte Opposition gegen den US-Imperialismus allgemein und zwangen Castro damit, sich nach anderen Möglichkeiten militärischer und finanzieller Unterstützung umzusehen. Diese fand er bei Chruschtschows stalinistischem Regime. Wir haben in unserer Broschüre bereits beschrieben, wie sich die Entwicklung hin zum Bruch mit dem Kapitalismus vollzog, daher wiederholen wir es an dieser Stelle nicht.

Sobald der US-Kapitalismus mit dem Embargo begann, erschien Chruschtschow als Vertreter des russischen Stalinismus auf der Bühne. Er bot einen Markt für den kubanischen Zucker und lieferte das Öl, was die kubanische Wirtschaft in Gang hielt ebenso wie einige Waffen, die im Falle einer erwarteten US-finanzierten Invasion zum Einsatz kommen sollten. Die Massen bewaffneten sich und wurden von Castro und seinem Regime dazu ermutigt. Lorimer behauptet, dass dies ein schlüssiger Beweis für die demokratische Beteiligung der Massen und das echte sozialistische und marxistische Bewusstsein Castros sei. Er behauptet auch, dass dies ein Anzeichen dafür sei, dass Kuba ein relativ gesunder Arbeiterstaat war, wie auch die , dass Castro am 28. September 1960 die Gründung der Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR) ß und ermutigte. Diese Komitees sollten ein „Netzwerk von Volksorganisationen sein, indem die Bewohner jeden Häuserblocks und jeder Stadt Kubas ein Komitee bilden, um die Umsetzung der revolutionären Dekrete zu garantieren und Bürgerwehren für den Staatsicherheit-Apparat von unten her aufbauen.“ Aber es war nicht das erste Mal in der Geschichte, dass die Massen oder zumindest ein Teil von ihnen bewaffnet wurden, um Großgrundbesitz und Kapitalismus abzuschaffen ohne dass dies in irgendeiner Weise sozialistisch oder demokratisch gewesen wäre. Die Stalinisten in der Tschechoslowakei schufen 1948 „Milizen“, riefen den Generalstreik aus und stützten sich so, zumindest formal, auf die Arbeiterklasse. Das reichte, um die schwachen Überreste des Kapitalismus in der Tschechoslowakei zu beseitigen. Allerdings wurden die Massen direkt danach entwaffnet. Im Folgenden wurde nahezu alle unabhängig denkenden Menschen, ganz zu schweigen von bewussten Marxisten oder Revolutionären, von den Stalinisten in der Tschechoslowakei verhaftet oder gar liquidiert.

Die Entwicklung in Kuba verlief anders. Die Castro-Regierung musste sich ihren Weg nach vorne geradezu ertasten, in einer Phase extremer sozialer und politischer Bewegung. Sie hatte eine größere Basis im Volk als die „kommunistischen“ Parteien in Osteuropa Ende der 40er Jahre. Allerdings gab es keine bewusste Kontrolle und Verwaltung von Staat und Gesellschaft. So sprach Castro am 1. Mai 1960 auf dem Plaza de la Revolución zu den Massen bewaffneter Kubaner, die an ihm vorbeimarschierten. Laut Jon Lee Anderson lobte er die neuen Milizen, warnte vor der bevorstehenden US-Invasion, aber er „nutzte auch die Gelegenheit, zwei wichtige Dinge klarzustellen: sollte er sterben, würde Raúl [Castros Bruder] seine Stelle als Ministerpräsident einnehmen. Außerdem sollte es keine Wahlen geben. Da das ‚Volk‘ Kuba ohnehin schon regieren würde, mache es keinen Sinn, die Stimme abzugeben. Die Masse jubelte, wiederholte das Schlagwort ‚Revolución Si, Elecciones No!‘ und die neue Parole ‚Cuba Si! Yanqui No!’

Unter den Umständen, wie sie 1960 herrschten, war es richtig von Castro und seiner Regierung schnell gegen das nationale und ausländische Kapital vorzugehen. Aber diese Episode wirft ein Schlaglicht auf das Fehlen von bewusster kollektiver Kontrolle und Verwaltung durch demokratische Organisationen der Massen. Es weist auch auf den plebiszitären Charakter des Regimes hin. Plebiszite (=Volksbefragungen) sind gewöhnlich eine Methode bonapartistischer Regimes. Die Massen dürfen „Ja“ oder „Nein“ rufen, aber nicht debattieren, diskutieren und vor allem nicht über die von der Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen entscheiden oder die Funktionäre auf allen Ebenen wählen und kontrollieren.

Carlos Franqui macht über die Bildung der Milizen eine aufschlussreiche Bemerkung: „Am 1. Mai 1959 paradierten in allen Straßen Kubas die Milizen. Ein neues Instrument der Revolution hatte sein Debüt: die blauen Hemden und Hosen der Miliz, diese Uniform – einst die der gewöhnlichen Arbeiter – wurde das Symbol der neuen Revolutionäre. Sie waren Freiwillige, sie waren hart arbeitende Leute, irgendwo zwischen Soldaten und Zivilisten. Sie repräsentierten Spontaneität und Organisiertheit. Der Milizionär war der dritte Held von 1959. Er war der kolllektive Held, die wahre ‚Partei der Revolution‘. Männer, Frauen, Junge, Alte, Schwarze, Mulatten, Arbeiter, Bauern, Studenten, Freiberufler, Intellektuelle, Angehörige der Mittelklasse, die Armen. Die Miliz war die neue Revolution, die allen eine Identität gab, ohne Vorurteile. Sie fragte nur nach Freiwilligen, sie bot militärisches Training, sie stellte Hilfen für die Fabriken und schenkte allen politisches und menschliches Bewusstsein. Sie war die bewaffnete Demokratie und hatte eine Million Mitglieder.

Wer schuf die Miliz? Es lag in der Luft, aber es waren die Gewerkschaften und die Bewegung des 26. Juli, welche den Anstoß gaben. Aber sie wurde schnell von denen übernommen, von denen, dafür am richtigen Platz saßen: von der Armee, mit Raúl und den Kommunisten63 . Von Beginn an gab es Konflikte, da die Miliz Gleichheit und Freiheit repräsentierte, aber die Armee Gehorsam gegenüber den Autoritäten verlangte. Ein bewaffnetes Volk ist etwas anderes als eine Armee. Und dieser Geist des Volkes zeigte in der Zuckerrohr-Kampagne, wozu er in der Lage war, bei der Alphabetisierungs-Kampagne und bei den Kämpfen gegen die Anti-Castro-Rebelllen im Escambray-Gebirge. Die Miliz hatte niemals den repressiven Charakter der Sicherheitspolizei, der Verteidigungskomitees oder der Armee. Die Miliz war ein Instrument der revolutionären Demokratie, der freiheitlichen Phase der kubanischen Revolution.

Die Miliz wurde eingesetzt, aber niemand [in der Regierung] hatte Vertrauen in sie. Denn dazu hätten die Machthaber bereit sein müssen, die Macht mit einer revolutionären Institution auf der Ebene der Volksmassen zu teilen. Das erwies sich als das zweite Mal in der kubanischen Revolution, dass eine Möglichkeit verpasst wurde, eine Volksorganisation aufzubauen. Zuerst wurde die Bewegung des 26. Juli fallengelassen, später war es die Miliz. Das Konzept von Castro und den Russen nahm Form an, unter ihrer Kontrolle wurde eine elitäre Machtstruktur geschaffen. Das Volk wurde mit Kadern durchorganisiert, beobachtet und verwaltet von der Staatssicherheit, der Armee und der Bürokratie. Es gab nur einen Chef, der alle Macht in seinen Händen konzentrierte.“

Die Rolle des Stalinismus und die „Trotzkisten„

Es kommt Lorimer nicht einmal in den Sinn zu fragen, warum Chruschtschows stalinistisches Regime bereit war, das Castro-Regime politisch und materiell zu unter stützen während es im Fall der ungarischen Revolution 1956 keinen Kompromiss gab. Die Stalinisten hatten von ihrem Standpunkt damals keine andere Wahl als die politische Revolution, die ungarische Kommune, in Blut zu ertränken. Zwischen 1936 und 1938 agierten die Stalinisten in Spanien als die entschlossenste konterrevolutionäre Kraft bei der Unterdrückung und Zerstörung der spanischen Revolution. Trotzki erklärte, dass das lodernde Feuer der spanischen Revolution, die bewusste Organisierung und Mobilisierung der Arbeiterklasse, das stalinistische Regime in Angst und Schrecken versetzte. Das war einer der Faktoren, die zu den Stalin’schen Schauprozessen führten. Diese waren nichts anderes als ein einseitiger Bürgerkrieg gegen die letzten Überbleibsel der bolschewistischen Partei. Es war ein Präventivschlag Stalins und der Bürokratie, um eine politische Revolution in Russland zu verhindern, welche die Folge einer erfolgreichen sozialistischen Revolution in Spanien gewesen wäre. Wie konnten Chruschtschow und das stalinistische Regime in Russland sich mit Castro einigen, wenn sein Regime tatsächlich ein gesunder oder relativ gesunder Arbeiterstaat mit kleineren bürokratischen Makeln war, wie die DSP behauptet? Sie sahen Castro, seine Regierung und seinen Staat nicht als große Bedrohung, nicht einmal Guevara. Aus allen Berichten von damals wird deutlich, dass sie den Aufbau eines „sozialistischen“ Kuba im Machtbereich des US-Imperialismus als eine Stärkung ihrer Macht und ihres Prestiges ansahen.

Später gab es Auseinandersetzungen zwischen Castro und den Vertretern des russischen Stalinismus. Aber das war grundlegend ein Streit zwischen den verschiedenen nationalen bürokratischen Regimes, auf die sie sich stützten, eines in Russland, welches seine Macht schon lange gefestigt hatte und das andere noch im Entstehen begriffen. Ein sozialistisches Kuba, gestützt auf Arbeiter- und Bauernräte, mit der Möglichkeit der Abwahl aller Funktionäre, klaren Begrenzungen von Einkommensunterschieden und der Macht in den Händen der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten wäre eine große Gefahr für die stalinistische Bürokratie gewesen. Es hätte in dieser Situation keine Möglichkeit für einen Kompromiss gegeben. Aber es gab zu Beginn die Möglichkeit, solch ein demokratisches Regime in Kuba aufzubauen. Che Guevara suchte nach Mitteln gegen den aufkommenden Bürokratismus aber verließ am Ende Kuba, nachdem sein Kampf fehlgeschlagen war. Es war eine Tragödie, dass es in Kuba keine echte trotzkistische Organisation gab, welche den kubanischen Revolutionären wie Guevara dabei hätte helfen können, die Ideen von Leo Trotzki zu entdecken, vor allem seine Analyse und sein Programm, wie der Bürokratismus in einem Arbeiterstaat bekämpft werden kann. Die größte „trotzkistische“ ation, die Revolutionäre Arbeiterpartei (Posadisten) eine vollkommen ultralinke Haltung zur kubanischen Revolution und zur Regierung. Während die DSP eine opportunistische Anpassung an die kubanische Revolution und ihre Führer vertritt, repräsentierte sie die andere Seite der selben Medaille.

Che Guevara hatte sich oberflächlich mit dem Trotzkismus beschäftigt und einige von Trotzkis Werken gelesen. In einem Interview mit Maurice Zeitlin ließ er seine Feindschaft zu den kubanischen „Trotzkisten“ wegen ihrer Haltung erkennen. Zeitlin fragte Guevara: „Was ist zum Beispiel mit den Trotzkisten? Carleton Beals wies kürzlich darauf hin, dass ihre Druckmaschine zerstört wurde und sie daher nicht Trotzkis ‚Permanente Revolution‘ fertig stellen konnten.“

Die Partido Socialista Popular, die stalinistische Partei Kubas, hatte die Druckerei, welche die trotzkistische Zeitung Voz Proletaria herstellt, im April 1961 angegriffen und ört. Danach erschienen nur noch per Handmaschine vervielfältigte Ausgaben. Guevara anwortete: „Das passierte. Es war ein Fehler, der von einem zweitrangigen Funktionär zu verantworten ist. Sie zerschlugen die Druckplatten. Es hätte nicht getan werden sollen. Allerdings meinen wir, dass die trotzkistische Partei gegen die Revolution arbeitet. Zum Beispiel haben sie den Standpunkt bezogen, dass die revolutionäre Regierung kleinbürgerlich sei und riefen das Proletariat dazu auf, Druck auf die Regierung auszuüben und traten sogar für eine zweite Revolution ein, welche das Proletariat an die Macht bringen würde. Dies hat disziplinarische Maßnahmen herausgefordert.“

Allgemein nach seiner Haltung zu Trotzkisten befragt, antwortete Guevara: „Hier in Kuba – lassen sie mich ein Beispiel geben. Eine ihrer Hochburgen ist in der Stadt Guantanamo nahe der US-Basis. Und dort agitierten sie das Volk für einen Marsch gegen die Basis – so etwas kann nicht erlaubt werden. Noch etwas. Vor einiger Zeit hatten wir die Technischen Arbeiterkomitees eingeführt. Die Trotzkisten bezeichneten sie als ein Brotkrumen für die Arbeiter, weil die Arbeiter angeblich die Leitung der Fabriken fordern.“ Antwort auf weitere Fragen meinte Guevara: „Verurteilenswert ist, wenn nach freier Diskussion und Mehrheitsentscheidung eine Minderheit außerhalb und gegen die Partei arbeitet – wie Trotzki es zum Beispiel tat. Das ist konterrevolutionär.“

Che Guevara irrte sich vollkommen in Bezug auf Trotzki, der so lange es ging in der russischen Kommunistischen Partei bleiben, aber ausgeschlossen wurde, weil er die beginnende Opposition der Arbeiter gegen den Aufstieg und die Formierung der Bürokratie symbolisierte. Obiger Dialog macht einiges deutlich. Einerseits die vollkommen ultralinke Position der „Trotzkisten“, die für den Sturz von Castro und Guevara eintraten, als diese die massenhafte Unterstützung der Arbeiter und Bauern in Kuba hatten. Zu keinem Zeitpunkt haben wir eine solche grobe Position vertreten, wie Lorimer bei seinem Angriff auf uns unterstellt. Wir hatten eine positive Einstellung zur Revolution und ihren Führern. Wir schlugen 1959 und in den frühen 60ern die Einrichtung von Arbeiter- und Bauernkomitees und das Programm der Arbeiterdemokratie vor. Die korrekte marxistische Haltung war, alle fortschrittlichen Maßnahmen von Castro und Guevara zu unterstützen und gleichzeitig konstruktive Vorschläge zu machen, wie eine Arbeiterdemokratie aufgebaut werden kann, um die Errungenschaften und das Fortschreiten der Revolution abzusichern. Einen Marsch gegen die Basis in Guantanamo vorzuschlagen, wie es die kubanischen „Trotzkisten“ taten, wäre als Provokation wahrgenommen worden und hätte dem US-Imperialismus einen Vorwand geliefert, gegen die Revolution zu intervenieren. Die Grenzen Guevaras eigener Ideologie zu diesem Zeitpunkt und der negative Eindruck, den er durch die kubanischen „Trotzkisten“ bekommen hatte, waren Faktoren, die es ihm verwehrten, eine schlüssige Analyse des Prozesses der Bürokratisierung zu machen, der in Kuba stattfand und gegen den er sich instinktiv wehrte. Sein Bewusstwerden über die zunehmende Bürokratisierung der Revolution war zweifellos ein wichtiger Grund für seinen Weggang aus Kuba 1965.

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