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AKWs: Der Ausstieg aus dem Ausstieg

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Warum die Atomkraftwerke noch lange nicht abgeschaltet sind


 

Das Kernkraft-Expertengremium des Bundeswirtschaftsministeriums hat bestätigt, was die Wirtschaft schon lange hören wollte: Atomkraft sei nicht nur billig und umweltfreundlich, sondern ihr gehöre die Zukunft. Neben längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke steht nun der Atomausstieg selbst in Frage. Ein Neubeginn der Kernkraft?

von Thorben Mager, Stuttgart

„Eine Abkehr vom Ausstieg aus der Kernenergie ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll und erforderlich“, erklärt ein von Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) eingesetztes „Expertengremium“. Dieses warnt vor steigenden Energiepreisen und vermehrter Umweltbelastung, wenn der Strom aus der Kernspaltung durch fossile Energieträger ersetzt werden sollte. Gerade im Hinblick auf die ehrgeizigen Klimaziele und der gewünschten Unabhängigkeit von Erdöl, Kohle und Gas müsse die derzeit auf 32 Jahre begrenzte Restlaufzeit auf „mindestens 40 Jahre“ angehoben werden.

Atomkraft als Alternative?

Es wird behauptet, der Betrieb von Atomkraftwerken sei ökologisch sinnvoll. Es werde zum Beispiel kein CO2 erzeugt. Das stimmt aber nur für die Kernspaltung an sich. Betrachtet man den ganzen Erzeugungsprozess, den Abbau und die Förderung des Urans, sowie dessen Anreicherung, wird – laut Öko-Institut Darmstadt – mehr CO2 frei, als bei einem Erdgas-Blockheizkraftwerk. Dazu kommt der enorme Wasserverbrauch für die Kühlkreisläufe.

Das Problem der Endlagerung ist nicht einmal im Ansatz gelöst. Bisher wurde noch kein Ort gefunden, an dem man die über eine Million Jahre radioaktiven Rückstände sicher lagern kann. Der von den Atomkraftbefürwortern immer wieder vorgeschlagene Salzstock Gorleben ist kaum erkundet. Nicht nur bundesweit, „weltweit gibt es bis jetzt kein einziges Endlager für hochradioaktive Abfälle“, erklärt der Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König.

Keine Technologie ist völlig vor menschlichem und technischem Versagen gefeit. Darum entstehen Unfälle wie 1986 in Tschernobyl. Tschernobyl wurde kurz davor als besonders sicher bezeichnet… Katastrophen wie in Tschernobyl können auch heute noch stattfinden, wie der „Zwischenfall“ im französischen AKW Tricastin zeigt, bei dem im Juli 100 Arbeiter durch radioaktive Partikel verseucht wurden.

Konzernenergie

Die Herrschenden haben – nicht nur in Deutschland – auch aufgrund der Weltmarkt-Konkurrenz und den verschärften zwischenimperialistischen Konflikten ein wachsendes Interesse an einem Festhalten an der Atompolitik. Schließlich bieten AKWs immer auch die Option der nuklearen Aufrüstung.

Diejenigen, die in der BRD ein besonderes Interesse am Ausstieg aus dem Ausstieg haben, sind die großen Stromkonzerne. An einem Kernkraftwerk verdienen die Stromgiganten jeden Tag bis zu einer Million Euro. Bei keinem anderen Kraftwerkstyp sind die Brennstoff- und Betriebskosten im Verhältnis zu den Investitions- und Entsorgungskosten so gering, das gilt besonders für ältere Kraftwerke. Schon durch eine Laufzeitverlängerung von 20 Jahren würde das 50 Milliarden Euro Mehreinnahmen bringen, so das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung.

Da noch in dieser Legislaturperiode Biblis A, Neckarwestheim I und Brunsbüttel vom Netz gehen müssten, haben die Betreiber beantragt, Strommengen von neueren auf die alten AKWs zu übertragen, um sie bis zur nächsten Bundestagswahl weiterbetreiben zu können.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat angekündigt, im Falle eines Wahlsieges der Union die Rückkehr der Kernkraft einzuläuten. Die FDP will sie dabei unterstützen. Damit würde der Atomausstieg schon wenige Jahre nach seinem Beginn gestoppt. Gerade zwei der 19 AKWs wären dann abgeschaltet. Wenn die Uranstäbe noch lange glühen sollten, hätten nur die Konzerne gewonnen.