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Kampf gegen Nazis – gestern und heute

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Ein Gespräch mit dem 91-jährigen Theodor Bergmann über seine Einschätzung sowie seine Erfahrungen im antifaschistischen Kampf.
 

Am 15. März diesen Jahres setzte sich der ver.di-Sekretär Angelo Lucifero in Thüringen mit einer Schreckschusspistole gegen einen Nazi-Angriff zur Wehr. Von Polizei, Politikern und bürgerlicher Presse wurde Lucifero vom Opfer zum Täter gestempelt. Leider geht die Gewerkschaftsspitze ebenfalls auf Distanz zu ihm. Aus diesem Anlass sprachen Stuttgarter SAV-Mitglieder mit Theodor Bergmann über seine Erfahrungen.

Wie können wir die Nazis bekämpfen?

Wir müssen ihre Argumente kennen und gute Gegenargumente haben.

Zweitens: Die Linke muss ein Aktionsprogramm schaffen, das ausgeht von den Bedürfnissen, die wir heute haben und das die Menschen ansprechen kann – die Frage der Arbeitszeitverkürzung, die Frage der kapitalistischen Ausplünderung, die großen Skandale. Es sind ja nicht Skandale von einzelnen Personen, es ist ja ein ganzes System der Zerstörung von Fabriken und der Bereicherung von den so genannten Investoren, den großen Finanzkapitalisten. Das muss gleichzeitig verbunden sein mit der Vision einer sozialistischen Gesellschaft.

Was soll die Linke gegen die Nazis tun?

Ich denke, die Linke muss eine andere Politik machen als die der Sozialdemokraten. Diese weichen den Nazis aus. Das haben die Sozialdemokraten vor 1933 auch gemacht. Da haben sie gesagt: Die Nazis demonstrieren dort, wir gehen woanders hin. Wir müssen denen das Recht verwehren, die Straße zu benutzen.

Wie siehst du die Rolle des Staates?

Es zeigt sich, dass der Staatsapparat nicht neutral ist. Eine Gemeinde verbietet einen Aufmarsch. Die Nazis gehen zum nächsten Gericht und bekommen ihn erlaubt mit der Begründung, es gäbe Demonstrationsfreiheit für jedermann.

Da muss es eine aktivere Gegenwehr geben, mit Massenmobilisierungen und eigenen Parolen gegen die Nazis. Man muss ihnen wirklich entgegentreten und zeigen, dass wir mehr sind.

Ist Gewalt ein legitimes Mittel?

Wenn die anderen Gewalt anwenden, dann muss man sich wehren können. Man kann nicht wie Jesus Christus die rechte Backe hinhalten, wenn einem einer auf die linke Backe haut. Ich glaube, das ist unwirksam. Dieser christliche Gedanke wirkt auf die Nazis nicht, auf die Rechtsextremen. Und deshalb brauchen wir eine aktivere Gegenwehr.

Wenn dann Bürgerliche und Christen mitmachen wollen, dann habe ich nichts dagegen. Aber die Führung, die Vorschläge, die Ideen, die Wege, die wir zu beschreiten haben, das muss von Sozialisten ausgearbeitet werden.

Wie sieht es mit Selbstschutz gegen Nazi-Terror aus?

Es hat Fälle gegeben in letzter Zeit, wo Versammlungen aufgelöst werden mussten, weil die Nazis kamen und wo die Nazis so stark waren, dass man nicht in Ruhe debattieren konnte. Das erste, was wir machen müssen, ist, unsere eigenen Versammlungen zu schützen. Dazu genügen eigene Ordner. Wenn wir eine Demonstration machen am 1. Mai, dann sollten Nazis nicht mitdemonstrieren dürfen. Die gehören abgedrängt.

Und dann die Frage des direkten Personenschutzes: Ich glaube, eine Schreckschusspistole ist nicht verboten. Die Nazis haben ganz andere Waffen. Sie haben schon Brandsätze geworfen, sie haben schon Leute erschlagen, in Ostdeutschland und anderswo. Sie haben mal ein ganzes Haus abgebrannt in Solingen.

Also die anderen haben ihre Waffen und ihre Methoden, ihre Molotow-Cocktails und manchmal riesige Waffenlager.

Ich glaube, ein gewisser Selbstschutz der Linken ist vernünftig. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht in anarchistische Aktionen verfallen, dass wir nicht da auftreten, wo wir nicht stark sind, sondern da, wo wir genügend Kräfte hinter uns und bei uns haben.

Gewerkschaftsfunktionäre argumentierten in Bezug auf den Kollegen Lucifero, dass wir nicht 1933 hätten.

Wir haben nicht 1933. Aber es gibt analoge Entwicklungen und ähnliche Gefahren. Wir müssen aus der Geschichte lernen und sehen, was es an Gleichem und was es an Unterschieden gibt.

Natürlich haben wir heute nicht 1932. Wir haben nicht die offizielle Unterstützung aller Kapitalisten, des ganzen Staatsapparates für die Nazis. Aber es gibt gewisse Dinge: Die Weichheit unserer Gewerkschaften, die Zurückhaltung, das Nichtstun, das sind alles Dinge, die ähnlich sind. Und da können wir nicht sagen: „Wir dürfen nicht mal eine Schreckschusswaffe haben.“ Wir dürfen auch nicht zulassen, dass Gewerkschaftssekretäre, die sich wehren, zu Schuldigen von tätlichen Auseinandersetzungen gemacht werden. Das ist doch absurd.

Wie siehst du den konkreten Fall Angelo Lucifero?

Das ist schamlos. Ich sehe, dass manche Gewerkschaftsführer nichts gelernt haben und auch nichts lernen werden. Vielleicht wird die ganze Sache angesprochen auf der Konferenz der Gewerkschaftslinken [30. Juni und 1. Juli in Stuttgart]. Das wäre gut. Solche Sachen gehören behandelt. Wir könnten eine Resolution verabschieden.

Theodor Bergmann, geboren 1916 in Berlin, trat 1929 der Kommunistischen Jugendopposition bei, der Jugendorganisation der KPO. Die KPO war eine der Strömungen in der kommunistischen Bewegung, welche die Politik der Stalinisten bekämpfte. 1933 emigrierte Bergmann und kehrte 1946 nach Deutschland zurück. Er bezeichnet sich als „kritischen Kommunisten“ und engagiert sich heute unter anderem in der Vernetzung der Gewerkschaftslinken. Theodor Bergmann lebt in Stuttgart.