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Berliner Schulstreik: "Wir dürfen uns nicht blind auf die Politik verlassen.“

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Interview mit Maike D., Schülerin und aktiv in der SchülerInnenInitiative „Bildungsblockaden einreißen“.
 

Am 24. April ist ein Schulstreik in Berlin geplant, was sind für dich die wesentlichen Gründe, um daran teilzunehmen?

Ich bin Schülerin in Berlin und will meinen Bildungsweg nicht mehr allein in die Hände der Berliner Politiker legen. Die Berliner Bildungspolitik schreibt viele Dinge wie zum Beispiel das dreigliedrige Schulsystem und Studiengebühren vor, die ungerecht sind und nicht einfach von der Gesellschaft akzeptiert werden dürfen. Es werden besonders sozial Schwächere benachteiligt und eine kleine, ausgewählte Elite gefördert. Bildung sollte aber selbstbestimmt und für jede/n zugänglich, also auch kostenfrei und nicht von der sozialen Herkunft abhängig sein.

Außerdem wird Tag für Tag Leistungsdruck durch Noten, Zeugnisse und ständigen Konkurrenzkampf auf uns ausgeübt. Klassen sind zu groß, Schulen werden geschlossen. Ausbildungsplätze werden befristet vergeben oder gestrichen. Wir sind von Zuständen wie „Generation Praktikum“ betroffen.

Ich glaube schon lange nicht mehr, dass der Senat ein stabiles, gesellschaftlich-gerechtes System schafft. Wir Schülerinnen und Schüler wollen aber eine Zukunft, die nicht von Perspektivlosigkeit, Prekarisierung und Armut gezeichnet ist. Deshalb ist es wichtig, die Stimme zu erheben und für die eigene Zukunft zu kämpfen, auf der Straße zu demonstrieren und nicht nur müde Unterschriftensammlungen und Gesprächsaufnahmen zu versuchen. Und genau diesen Widerstand werde ich auch leisten.

Wie viele Leute erwartest Du zum Schulstreik?

Da die Vorbereitungszeit ziemlich kurz war – nur ein Monat, an dem für den Streik SchülerInnen in ganz Berlin mobilisiert werden konnten – erwarte ich weniger als beim letzten Schulstreik. Aber ich merke immer wieder, dass der Aufruf sich doch schon rumgesprochen hat. Die SchülerInnenInitiative hat seit dem 13. September 2006 bei SchülerInnen und LehrerInnen einen Eindruck hinterlassen. Es wird von Seiten des Senats wieder starke Repression geben, doch die SchülerInnen werden wieder für ihre Rechte und Forderungen demonstrieren und zu den tollen Bands tanzen. Ich glaube, dieser Schulstreik wird von kleineren Mengen von SchülerInnen getragen, aber trotzdem eine große Wirkung erzielen.

Nach dem letzten Schulstreik am 13. September 06 wurden mehrere SchülerInnen von der Polizei festgenommen, ein Schüler wurde für mehrere Monate eingeknastet – obwohl die Demonstration einen sehr friedlichen Charakter hatte. Bei der Anmeldung des jetzigen Schulstreiks hat die Polizei bereits angekündigt "keine gewalttätigen Ausschreitungen" zu dulden… Wie bewertest Du diese Ankündigung?

Die Polizei versucht mit allen Mitteln Demonstrationen – gerade von Minderjährigen – egal was für einen sozialen Charakter sie haben, zu unterbinden bzw. möglichst klein zu halten. Die Polizeikontrollen werden bei diesem Schulstreik viel härter als beim letzten sein. Es dürfen keine Nietengürtel und Stahlkappenschuhe getragen werden, wir dürfen nicht mehr alles sagen, was wir ausrufen wollen, damit es nicht zu einem "Aufgebot an Gewalt" kommt. Somit müssen wir leider vorsichtiger sein. Die Art und Weise, wie die Polizei mit dem Streik und uns SchülerInnen umgeht, finde ich nicht richtig. Wir nehmen unsere Grundrechte wahr, gehen auf die Straße, kämpfen ohne Fäuste für eine bessere Zukunft. Es geht um Bildung, nicht um gewaltbereite Provokation. Trotzdem wird der Streik als unkontrollierter Aufstand einer „Minderheit“ gesehen und die Behörden und Polizei versuchen dies zu verhindern. Aber wir werden friedlich streiken, laut für eine bessere Bildungspolitik demonstrieren und Stärke zeigen. Denn wir lassen uns nicht provozieren.

Gibt es noch etwas, was Du den SchülerInnen zum Streik auf den Weg geben willst?

Egal, was uns von LehrerInnen und der Schulleitung gesagt wird, wir nehmen bei dem Streik in Form einer Demonstration nur unsere demokratischen Grundrechte wahr. All das, wofür wir stehen, sollte eigentlich auch im Interesse der LehrerInnen, Schulleitungen oder Politiker sein. Dennoch werden uns von ihnen Steine als Blockaden in den Weg gelegt.

Wenn wir eine bessere (Aus)Bildung wollen, dann müssen wir für sie einstehen und für sie auf die Straße gehen. Wir dürfen uns nicht blind auf die Politik verlassen, sondern müssen die Verbesserungen selbst in die Hand nehmen und ein Zeichen setzen.

Das Interview führte Viktor Sersch aus Berlin