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Vogelgrippe: Profitstreben behindert Schutzmaßnahmen

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Epidemien könnten heute schnell eingedämmt werden. Voraussetzung ist eine demokratische Planung – auf internationaler Ebene
 

Als das Vogelgrippevirus in Deutschland auftrat, wirkten die verantwortlichen Politiker planlos. Tagelang wurden Sicherheitsmaßnahmen auf der Insel Rügen verschleppt. Zu groß war der Druck der Tourismusunternehmen, die wirtschaftliche Einbußen befürchteten. Ausreichende Vorsorge für eine eventuelle Übertragung des Virus auf den Menschen gibt es bis heute nicht.

von Doreen Ullrich, Aachen

Das als „Vogelgrippe“ bekannte Virus H5N1 ist kein unbekannter Erreger. 1997 trat der Erreger zum ersten Mal in Hongkong auf. 18 Menschen steckten sich mit dem Virus an, sechs von ihnen starben. 2003 kam es zum nächsten Ausbruch, diesmal breitete sich die Vogelgrippe in verschiedenen Ländern Südostasiens aus. Seit dem vergangenen Jahr jagt der Erreger um die Welt.

Schnell wurde bekannt, dass Menschen, die mit erkrankten Tieren auf sehr engem Raum zusammenleben, Gefahr laufen, an dem Virus zu erkranken und daran zu sterben. In der osttürkischen Provinz Van starben zu Beginn diesen Jahres Kinder an dem Virus. Insgesamt erlagen weltweit bisher rund hundert Menschen dem Virus. Die Vorsorge ist bis heute mehr als mangelhaft.

Droht eine neue Pandemie?

Bisher sind keine Fälle bekannt, in denen das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wurde. Trotzdem ist es möglich, dass das Virus mutiert und dann übertragen werden könnte. Oder es kommt zu einer „Kreuzung“ des Erregers mit einem den Menschen befallenden Grippevirus. Ein solcher Erreger könnte theoretisch Menschen überall auf dem Globus treffen – eine neue Pandemie ist möglich. Eine Mutation mit anschließender Pandemie hat es in der Geschichte schon häufiger gegeben. So zum Beispiel 1957 bei der Asiatischen Grippe oder beim letzten Fall großen Ausmaßes 1968 bei der Hongkong-Grippe (mit 800.000 Toten).

Tamiflu und der Konzern Roche

Beim heutigen Stand von Wissenschaft und Technik wäre es möglich, bei Auftreten eines neuen Pandemie-Erregers in relativ kurzer Zeit (drei bis sechs Monate) einen entsprechenden Impfstoff zu entwickeln. Bis dahin könnten Medikamente bereitgestellt werden. Für die Pharmaindustrie ist es jedoch nicht lohnend, sich auf den Ernstfall vorzubereiten. Zu gering sind die Gewinnaussichten.

Bereits heute gibt es ein Medikament mit dem Handelsnamen Tamiflu, welches den Ausbruch einer Pandemie durch den Virus des Typs H5N1 zumindest verzögern könnte. Dieses Medikament jedoch liegt unter Patentschutz. Der einzige Konzern, der Tamiflu produzieren darf, ist die Schweizer Firma Roche. Diese weigert sich aber, auf das Monopol zur Herstellung von Tamiflu zu verzichten. Günstigere ähnliche Präperate – so genannte Generika – können folglich nicht produziert werden. Den Preis für Tamiflu und die Menge der produzierten Medikamente bestimmt Roche allein. So beunruhigend das für viele Menschen ist, so beruhigend sind für Roche die gestiegenen Umsätze. Von Januar bis September 2005 sind neun Mal mehr Packungen Tamiflu verkauft worden als im Vorjahr.

Auf Grund von Roches Monopol ist der Preis für Tamiflu nicht nur völlig überteuert. Daraus resultieren auch unzureichende Produktionskapazitäten. Die Folge: In großen Teilen Afrikas oder Asiens, wo die Vogelgrippe grassiert, kann von nennenswerten Vorräten überhaupt keine Rede sein. Abgesehen von einer kleinen, reichen Minderheit sind dort die meisten ohne jeden Schutz.

Arbeitslose und die Kadaver

Trotz der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Tamiflu-Reserven für mindestens 20 Prozent der Bevölkerung haben viele Landesregierungen diesen Vorschlag weit unterlaufen: So stellt Sachsen-Anhalt einen Vorrat für nur 4,5 Prozent bereit.

Gefährdet ist man als ArbeitsloseR schon jetzt, mit dem Virus infiziert zu werden. Nachdem auf der Insel Rügen die ersten Fälle von toten Vögeln bekannt wurden, ließ man auch Ein-Euro-Jobber für die Bergung der Kadaver einsetzen.

Plan statt Profitwahn

Der konkrete Verlauf der Epidemie ist mit ganz bestimmten sozialen Verhältnissen verknüpft: Von der Entstehung in Südostasien über die Verbreitung und Einnistung in Europa. Basis dafür war sowohl in Asien als auch in den türkischen und kurdischen Bergdörfern bittere Armut. Menschen und Geflügel sind in engstem Kontakt zu einander. Aus Mangel an Geld für Stallbehausungen werden die Tiere im Winter zum Beispiel oft ins Haus genommen. Nachrichten werden kaum weiter gegeben.

Aus Profitgründen vernachlässigt man Forschung und Produktion in Medikamente und Impfstoffe. Während der Vogelgrippevirus nicht an Ländergrenzen halt macht, „schützen“ die Nationalstaaten nur die Interessen der Konzerne im eigenen Land. Behörden verharmlosen vielerorts die Situation, wie auf Rügen, wo sie den Tourismus bedroht sahen. Konkurrenz und nationalstaatliche Grenzen machen den Zugang zu allen nötigen Informationen und eine länderübergreifende Zusammenarbeit unmöglich.

Nur in einer Welt, in der die großen Banken und Konzerne in Gemeineigentum überführt sind und nicht mehr der Profit zählt, kann die Seuchengefahr deutlich reduziert werden. In einer sozialistischen Gesellschaft könnten sicherlich nicht alle Krankheiten verhindert werden, aber es gäbe die Möglichkeit, auf das Know-How aller WissenschaftlerInnen und auf die modernsten Techniken zurückzugreifen – ohne Beschränkungen durch Patente, Profitinteressen und Politiker, die dem Kapital verpflichtet sind.