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Präzedenzfall: Berlin, Ecke Rütli-Straße

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Die LehrerInnen und die Schulleitung der Rütli-Schule sahen sich nicht mehr in der Lage ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden, und entschloßen sich einen verzweifelten Hilferuf zu verfaßen.
 

Die etablierten Parteien und bürgerlichen Medien haben das Thema aufgegriffen: „Multi-Kulti ist gescheitert“ titelte z.B. die Bild, der CDU-Spitzenkandidat Pflüger forderte erneut die Abschiebung „ausländischer Intensivstraftäter“ als „letztes Mittel“ – Die sozialen Probleme, die die Rütli-Schule zu einem Präzedenzfall machen, wurden jedoch gekonnt totgeschwiegen…

von Viktor Sersch, Berlin

Deutschland ist laut PISA das Industrieland, in dem Herkunft und Geld am deutlichsten über die Bildungschancen – und damit über die Perspektive von Jugendlichen – entscheidet. Die Gründe dafür sind verschieden. Im Vergleich zu Ländern, die weitaus besser abgeschnitten haben, fallen aber zwei Hauptunterschiede auf: In Deutschland gibt es ein dreigliedriges Schulsystem und faktisch keine Lernmittelfreiheit (auf dem Papier existiert diese in den meisten Bundesländern, viele Unterrichtsmaterialen werden in der Praxis aber nicht von der Schule gestellt. In Berlin gilt – dank SPD-PDS-Senat – eine Beteiligung der Eltern an den Lernmittel von bis zu 100 Euro pro Kind und Jahr.)

Knallharte Selektion…

Das dreigliedrige Schulsystem sorgt dafür, dass bereits nach der vierten Klasse selektiert wird. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass die soziale Herkunft – vor allem in diesem Alter – einen enormen Einfluß auf die Schulleistungen hat – Familien aus der Mittel- und Oberschicht schaffen es in den meisten Fällen ihren Kindern bei den Aufgaben zu helfen, oder Nachhilfeunterricht zu finanzieren. Dies ist ein enormer Vorteil, da aufgrund der Klassenstärken die individuelle Betreuung durch Lehrkräfte nur in Ausnahmefällen funktioniert. Kinder mit Migrationshintergrund sind hier besonders benachteiligt, da die Eltern oftmals die Sprache nicht richtig beherrschen – was wiederum auf die mangelhaften Angebote zur "Integration" zurückzuführen ist. Für die Herrschenden lohnt sich diese Politik im jetzigen Stadium sehr, da nur eine begrenzte Zahl von Fachkräften gebraucht wird, und durch die frühe Selektion die Mühe und Kosten für eine gute Bildung gespart werden.

…und ihre Wirkung

Wenn man dann erst einmal in eine Schulform gezwängt wurde, sind die Aufstiegschancen verschwindend gering. Ist man auf der Realschule gelandet, kann man sich den Gedanken an ein etwaiges aufsteigen in den gymnasialen Zweig, und damit zu einem Studium, fast abschminken. Wenn man das Pech hatte auf einer Hauptschule zu landen, dann kann man sich mit dem Gedanken anfreunden gleich nach der Schule arbeitslos zu sein. Die ehemalige Leiterin der Rütli-Schule berichtet, dass letztes Jahr kein einziger Schulabgänger dort einen Ausbildungsplatz erhalten hat. Dies ist bei weitem kein Einzellfall, z.B. berichtete das ZDF im Dezember 2004 von der Kepler-Hauptschule in Neukölln: „Von 60 Schulabgängern hier bekamen (…) gerade mal drei einen Ausbildungsplatz“.
Durch diese extreme Auslese und Perspektivlosigkeit ergibt sich Wut, Hass und Gewalt. Das ist kein Problem von ImmigrantInnen, sondern ein soziales Problem.

Das Problem an der Wurzel packen

Die ehemalige Schulleiterin „Brigitte Pick“ der Rückli-Schule sagte in einem Interview mit der taz (05.04.06), dass die „Klassenfrage zu einer Rassenfrage“ gemacht wird. Dies geschieht vor dem Hintergrund massiver Angriffe auf die Rechte und den Lebensstandard der Arbeiterklasse. Die gesamte Hetze gegen „Multikulti-Gesellschaft“ hat einzig und alleine das Ziel, die Bevölkerung von den sozialen Problemen abzulenken und in weiße und schwarze, deutsche und türkische usw. zu spalten. SozialistInnen stehen in der Pflicht die rassistische Hetze zu bekämpfen und die soziale Frage verstärkt aufzugreifen. Es müssen Alternativen zur jetzigen Organisation der Gesellschaft aufgezeigt werden, bei denen nicht die Verwertbarkeit für die herrschende Klasse, sondern die Bedürfnisse der Menschen entscheidend sind. Beispielweise muß im Bildungsbereich eine integrative Gesamtschule – die diesen Namen auch wirklich verdient – als Alternative propagiert werden.