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Phoenix muss in Harburg bleiben!

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Erfolge müssen erkämpft werden!
 
Im Hamburger Stadtteil Harburg wurde vor drei Monaten ein großes, modernes Einkaufszentrum eröffnet: das Phoenix-Center. Es steht dort, wo vor fünf Jahren ein Teil des Geländes von Phoenix, einer Autozulieferungsfirma, verkauft wurde. Dafür sollten Teile des Unternehmens verlagert und Arbeitsplätze abgebaut werden. Den HarburgerInnen nützen keine Einkaufszentren, in denen sie nichts mehr einkaufen können, weil das nötige Kleingeld fehlt!
Die Phoenix AG ist einer der größten Arbeitgeber in Hamburg. Vor 20 Jahren umfasste die gesamte Mitarbeiterzahl ca. 10.000. Seit den siebziger Jahren ist die Belegschaft Stück für Stück abgebaut worden. Dies hatte sehr gravierende Folgen für den Stadtteil Harburg, in dem das Stammwerk der Phoenix AG liegt. Dort liegt die Arbeitslosenquote bei ca. 15 %. Die Phoenix AG gliederte aus Hamburg immer mehr Produktionsbereiche in eigenständige GmbHs aus. In Thüringen und Ungarn gibt es Investitionsvorhaben, die den Verlust von Arbeitsplätzen in Hamburg mit sich bringen. Die Vorteile liegen für die Kapitalseite auf der Hand: In Thüringen sind es die Subventionen, die abkassiert werden können und in Ungarn sind es die billigen Arbeitskräfte. Diese Vorteile werden auch als Druckmittel gegen die Hamburger Beschäftigten ins Feld geführt.
Aber auch vor fünf Jahren bestand schon die Gefahr, dass es nicht nur bei ein paar abgebauten Arbeitsplätzen bleiben würde. Ganze Bereiche sollten ins Ausland verlagert werden. Auf Initiative von SAV-Mitgliedern in Harburg, kam es zu einer Demonstration von 300 KollegInnen der Phoenix AG. Daraufhin wurde das Komitee zur Solidarität mit den von Arbeitsplatzabbau bedrohten Kolleginnen und Kollegen bei Phoenix gegründet. Das Komitee hat sich die Unterstützung von Aktivitäten der Phoenix-Beschäftigten gegen die Pläne des Vorstandes zur Aufgabe gemacht. Hätten nicht viele KollegInnen Ihren Mund aufgemacht, hätten nicht über 1500 Leuten demonstriert und mehrfach bis zu 100 Beschäftigten den Betriebsrat „besucht“, hätten nicht KollegInnen auf den Betriebsversammlungen das Wort ergriffen, hätte sich nichts geändert, außer dass der Betriebsrat sich dafür eingesetzt hätte, die Stellen „sozialverträglich“ abzubauen. Noch mehr Bereiche wären verlagert worden, einen Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen zumindest bis Ende 2005 hätte es auch nie gegeben. Dies ist aber nicht passiert. Die KollegInnen haben die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt zu kämpfen.
Leider müssen sie nun die Erfahrung machen, dass Erfolge nicht von Dauer sind und immer wieder verteidigt werden müssen: Continental hat Anfang dieses Jahres Phoenix übernommen und plant mindestens 700 von 2.700 Stellen abzubauen. Und das auf eine unerhört dreiste Weise: klammheimlich haben sie eine der drei wichtigsten Maschinen demontiert und wollten sie abtransportieren lassen. Dies konnte in letzter Minute verhindert werden, dennoch bleibt sie verpackt und die KollegInnen können nicht arbeiten. Das geschah trotz der Standortsicherungsvereinbarung von 1999, die vorsah, dass täglich 35.000 Krümmer (Autoteile) produziert werden müssen. Durch den Abtransport der Maschine wäre diese Vereinbarung ad absurdum geführt worden. Denn mit dann nur noch zwei Maschinen hätte man so viele Krümmer gar nicht mehr herstellen können. Dies zeigt deutlich, wie viel wert die Geschäftsführung auf so genannte Standortsicherungsvereinbarungen legt.
Heute ist die Situation ernster. Dennoch können wir uns das nicht bieten lassen: erst ein paar Arbeitsplätze, dann ganze Bereiche und schließlich wird das komplette Unternehmen verlagert. Widerstand ist nötig. Wir dürfen uns nicht gegen unsere KollegInnen im Ausland ausspielen lassen. In Deutschland heißt es: die Produktion in Ungarn sei billiger, in Ungarn heißt es: die Produktion in China sei billiger, usw. Das sind Druckmittel, um die Belegschaft dazu zu bringen, schlechtere Arbeitsbedingungen und weniger Lohn zu akzeptieren. Auch Abkommen wie die Standortsicherungsvereinbarung sind nicht ausreichend: nach Ablauf der Frist kann nach Belieben weiter gekündigt werden, wenn sich die Geschäftsführung überhaupt an die Fristen hält. Die Bedrohung von damals wurde nicht abgewehrt, sondern nur unterbrochen. Wichtig ist nun, dass sich die KollegInnen zusammensetzen, diskutieren und austauschen, dass sie dem Betriebsrat Druck machen Betriebsversammlungen einzuberufen. Wichtig ist auch, dass Vertrauensleute in den Abteilungen sind, die die Interessen der Belegschaft vertreten. Und dazu gehört, dass Gewerkschaftsfunktionäre sich nicht für eine Auffanggesellschaft einsetzen, denn das bedeutet nur Arbeitsplatzabbau auf Raten.
Vor fünf Jahren haben die KollegInnen die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt zu kämpfen. Diese Kämpfe wieder aufzunehmen wäre ein großer Fortschritt für alle Beschäftigten.

von Julia Altenburger, Hamburg