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Zur Situation der Kinder in der Welt 2005

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Auszüge aus der Zusammenfassung des Unicef-Jahresbericht
 
Weitgehend unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit wurde am 13. Dezember 2004 der Jahresbericht von UNICEF zur Situation von Kindern weltweit vorgestellt. Wir dokumentieren hier Auszüge aus diesem Bericht, die das Ausmaß des kapitalistischen Elends – nicht nur in der neokolonialen Welt – deutlich machen. Mehr als eine Milliarde Mädchen und Jungen auf der Welt leben in Armut. Ihnen fehlen grundlegende Dinge wie sauberes Trinkwasser oder ausreichende Nahrung, medizinische Versorgung, Schulunterricht oder ein Dach über dem Kopf. Aber auch in den entwickelten kapitalistischen Ländern, wie zum Beispiel Deutschland, hat sich die Situation massiv verschlechtert: Allein in Deutschland stieg zwischen 1990 und 2000 der Anteil relativ armer Kinder von 4,1 auf 9,0 Prozent. Heute leben in Deutschland über eine Million Jungen und Mädchen von Sozialhilfe.
Zwischen 40 bis 70 Milliarden US-Dollar pro Jahr wären laut UNICEF nötig, um die Kinder- und Müttersterblichkeit drastisch zu reduzieren, allen Kindern einen Schulbesuch zu ermöglichen, die Wasserversorgung zu verbessern und die Ausbreitung von AIDS zu stoppen.
Zum Vergleich: die weltweiten Rüstungsausgaben allein lagen im Jahr 2003 bei 956 Milliarden US-Dollar.

Auszug aus der Zusammenfassung von „Zur Situation der Kinder in der Welt 2005“:

Aufwachsen in Armut

Massive Armut ist heute die größte Bedrohung für das Überleben und die Entwicklung von Kindern. Arme Kinder in den Entwicklungsländern durchleben eine Kindheit voller Entbehrungen und Gefahren. Sie sind häufig schlecht ernährt und leiden an Krankheiten, gleichzeitig erhalten sie selten medizinische Hilfe. Sie leben in unzureichenden Wohnverhältnissen, gehen oft nicht zur Schule und müssen bereits in jungem Alter hart arbeiten. Viele werden wirtschaftlich und sexuell ausgebeutet. Mädchen aus armen Familien sind besonders benachteiligt. Aber auch in wohlhabenden Ländern beeinträchtigt relative Armut die Lebenschancen von immer mehr Kindern.

Geldmangel ist nur ein Aspekt von Kinderarmut. Um die schwierigen Lebensbedingungen armer Kinder besser zu verstehen, definiert Unicef Kinderarmut als „massiven Mangel“ in zentralen, für das Überleben und die Entwicklung wichtigen Bereichen: „Kinder, die in Armut leben, erfahren einen Mangel an materiellen, geistigen und emotionalen Ressourcen, die sie zum Überleben und zu ihrer Entwicklung benötigen, so dass sie ihre Rechte nicht wahrnehmen, ihr Potenzial nicht entfalten und nicht als gleichberechtigte Mitglieder an der Gesellschaft teilnehmen können.“

Diese Definition berücksichtigt, dass materielle, geistige und seelische Armut für Kinder miteinander verbunden sind. Materielle Armut – das Fehlen eines nahrhaften Frühstücks, der Zwang, schwer arbeiten zu müssen – behindert die geistige Entwicklung ebenso wie das körperliche Wachstum. Gleichzeitig kann auch ein Kind, das in relativem Wohlstand aufwächst, im Vergleich zu seinen Altersgenossen „arm“ sein – zum Beispiel, wenn es nicht gefördert wird oder keine emotionale Zuwendung erfährt.

Mehr als eine Milliarde Kinder, also über die Hälfte aller Kinder in den Entwicklungsländern, leiden gemäß dieser Definition unter mindestens einer Form „massiven Mangels“. Rund 700 Millionen Kinder leiden sogar unter massiven Entbehrungen in gleich zwei oder drei Bereichen, die sich gegenseitig verstärken.

Nahrungsmangel: Über 16 Prozent der Kinder unter fünf Jahren in den Entwicklungsländern sind stark mangelernährt. Fast die Hälfte dieser 90 Millionen Kinder lebt in Südasien. Viele leiden an Blutarmut und sind häufig krank. Fast alle wurden bereits untergewichtig geboren. Falls sie je eine Schule besuchen, werden viele aufgrund der Entwicklungsstörungen durch Mangelernährung Lernschwierigkeiten haben. Diese Kinder werden wahrscheinlich ihr Leben lang zu den Ärmsten der Armen gehören.

Wassermangel: 400 Millionen Kinder haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. In Ländern wie Äthiopien, Ruanda oder Uganda haben vier von fünf Kindern entweder nur Oberflächenwasser zur Verfügung oder müssen länger als eine Viertelstunde laufen, um zu einer halbwegs sicheren Wasserquelle zu gelangen. Auf dem Land ist die Wassernot am größten. Verschmutztes Trinkwasser ist einer der Hauptgründe für Krankheiten. Wassermangel beeinträchtigt aber auch die Bildungschancen. Kinder, die jeden Tag weite Strecken laufen müssen, um Wasser zu holen, können in der Regel nicht zur Schule gehen.

Fehlende Sanitäreinrichtungen: Mehr als 500 Millionen Kinder haben nicht einmal einfache Latrinen oder Toiletten zur Verfügung. Gerade in ländlichen Regionen, wo oft nicht einmal das Grundwissen über tägliche Hygiene und den Zusammenhang mit Krankheiten bekannt ist, leiden die Kinder besonders. Ihre Überlebenschancen sind deutlich schlechter. Millionen Schulkinder sind durch Wurmerkrankungen chronisch in ihrer Lernfähigkeit beeinträchtigt.

Fehlende Gesundheitsversorgung: Rund 270 Millionen Kinder, also mehr als 14 Prozent aller Kinder in den Entwicklungsländern, haben keinen Zugang zu Gesundheitsdiensten. In Südasien und in Afrika südlich der Sahara erhält jedes vierte Kind nicht die sechs wichtigsten Impfungen und wird nicht behandelt, wenn es an Durchfall erkrankt.

Fehlende Unterkunft: Mehr als 640 Millionen Kinder haben kein richtiges Dach über dem Kopf. Wiederum ist die Lage in Afrika südlich der Sahara am schwierigsten. Aber auch in Südasien und im Nahen Osten sowie in Nordafrika fehlt es Familien an geeignetem Wohnraum.

Mangel an Bildung: Mehr als 121 Millionen Kinder im Grundschulalter gehen nicht zur Schule, Mädchen sind dabei besonders benachteiligt. Beispielsweise gehen in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara 32 Prozent der Mädchen nicht zur Schule – gegenüber 27 Prozent der Jungen. In Nordafrika werden auf dem Land 34 Prozent der Mädchen nicht eingeschult, gegenüber 12 Prozent der Jungen. In Südasien liegt dieses Verhältnis bei 25 zu 14 Prozent.

Informationsdefizite: Über 300 Millionen Kinder in den Entwicklungsländern haben keinen Zugang zu Informationen und damit zu Bildung im weiteren Sinn. Sie können weder fernsehen noch Radio hören, haben kein Telefon und keine Zeitungen zur Verfügung. Sie können sich weder über ihre Rechte informieren, noch sich gesellschaftlich engagieren.

Relative Kinderarmut in wohlhabenden Ländern:

Kinder in wohlhabenden Ländern leiden nicht unter den gleichen Entbehrungen wie ihre Altersgenossen in den Entwicklungsländern. Trotzdem leben auch hier immer mehr Kinder in relativer Armut. In elf von 15 OECD-Staaten, für die vergleichbare Daten vorliegen, ist der Anteil der Kinder in Familien mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens im vergangenen Jahrzehnt beachtlich gestiegen. Zu Anfang dieses Jahrhunderts lag nur in Finnland, Norwegen und Schweden der Anteil der Kinder in relativer Armut unter fünf Prozent. Allein in Deutschland stieg zwischen 1990 und 2000 der Anteil relativ armer Kinder von 4,1 auf 9,0 Prozent. Heute leben in Deutschland über eine Million Jungen und Mädchen von Sozialhilfe. Viele von ihnen haben häufiger Schulprobleme als andere Kinder und schlechtere Chancen auf eine qualifizierte Ausbildung.

Kinder im Krieg

In 16 der 20 ärmsten Länder der Erde fanden in den vergangenen 15 Jahren kriegerische Auseinandersetzungen statt. Diese verschärften die Armut der Bevölkerung und beschleunigten die Ausbreitung von Aids. Zwischen 1990 und 2003 gab es 59 größere bewaffnete Konflikte. Die große Mehrzahl waren Bürgerkriege, nur vier fanden zwischen Staaten statt.

Der neuartige Charakter der heutigen Kriege, bei denen statt Armeen meist Milizen- und Rebellengruppen gegen andere bewaffnete Einheiten kämpfen, hat dazu geführt, dass heute 90 Prozent der Kriegsopfer Zivilisten sind. Seit 1990 wurden schätzungsweise 1,6 Millionen Kinder in Kriegen getötet. Minen, Blindgänger und nicht explodierte Streumunition gefährden auch nach Kriegsende die Bevölkerung. Allein in der irakischen Hauptstadt Bagdad gibt es über 800 mit Sprengstoffen verseuchte Gebiete.

Durch Kriegshandlungen und anschließende Plünderungen wird vielfach mit den Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen im Kriegsgebiet die soziale und medizinische Infrastruktur zerstört. Und Kinder werden selbst zur Zielscheibe von Terroraktionen, wie die Geiselnahme in der Stadt Beslan in Nord-Ossetien im September 2004 zeigt. In Aceh, Indonesien, wurden während der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen im Mai 2003 allein 460 Schulen bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

Flucht und Vertreibung: Allein zwischen 1990 und 2000 wurden rund 20 Millionen Kinder aus ihrer Heimat vertrieben. Auf der Flucht werden Familien oft auseinander gerissen. Auf sich allein gestellt, sind Kinder schutzlos sexuellen Übergriffen ausgesetzt oder können leicht als Soldaten rekrutiert werden. Aber auch wenn die Familien zusammenbleiben, sind die Lebensbedingungen in vielen Flüchtlingslagern so schlecht, dass Eltern ihre Kinder nicht vor Mangelernährung und Krankheiten bewahren können. Viele Familien bleiben für Jahre oder Jahrzehnte im Exil. Manche Kinder verleben ihre ganze Kindheit in Lagern. Im Süden des Sudan und in Angola zum Beispiel haben ganze Generationen von Kindern nie ihre Heimat gesehen.

Missbrauch als Kindersoldaten: Weltweit werden Hunderttausende Kinder als Soldaten missbraucht, die meisten davon in Afrika und Asien. Trotz internationaler Ächtung kommt es weiter zu Rekrutierungen durch Milizen und Regierungsarmeen. Manche Kinder melden sich auch freiwillig, weil sie sich bei den Soldaten Schutz und Nahrung erhoffen. Häufig dienen sie als Köche, Dienstboten oder Kuriere. Mädchen werden sexuell ausgebeutet, sei es als „Kriegsbraut“ eines Kommandanten oder durch mehrere Soldaten. Als Kämpfer sind Kinder für Kriegsherren attraktiv, weil sie sich leichter manipulieren und zum Töten zwingen lassen. Die massenhafte Verbreitung von leicht zu bedienenden Kleinwaffen fördert diese Entwicklung.

Sexuelle Gewalt wird in vielen heutigen Kriegen als Waffe eingesetzt. Insbesondere Mädchen werden Opfer von Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Ausbeutung und Missbrauch. Aus der Demokratischen Republik Kongo, Liberia, Sierra Leone und dem Sudan gibt es zahlreiche Berichte über Mädchen, die von Milizen entführt und versklavt wurden. In Kolumbien wurden zwölfjährige Mädchen bewaffneten Milizen übergeben, damit diese ihre Familien verschonen. Armut und Hunger fördern die Prostitution auch abseits der Kampfzonen. Und überfüllte Flüchtlingslager bieten kaum Schutz vor Missbrauch und Ausbeutung. Die verbreitete Hoffnungslosigkeit in Kriegsgebieten unterstützt ein riskantes Sexualverhalten von jungen Menschen. Brechen Kriege in Regionen aus, in denen das HIVirus bereits stark verbreitet ist, führt dies meist zu einem rapiden Anstieg der Infektionsraten. Zudem glauben viele Männer, dass das Risiko einer HIV-Infektion bei jungen Mädchen geringer ist.

Wie Aids die Kindheit zerstört

Aids ist vor allem eine Krankheit der Armen. 90 Prozent der Infizierten leben in den Entwicklungsländern. Eindringlich weist Unicef auf die dramatischen Auswirkungen der Epidemie auf Kinder hin. Allein zwischen 2001 und 2003 stieg die Zahl der Kinder, die einen oder beide Elternteile durch AIDS verloren haben, von 11,5 auf 15 Millionen. Da vor allem im südlichen Afrika Millionen Kinder in Haushalten mit kranken oder sterbenden Familienangehörigen leben, wird dort das Waisenproblem selbst dann weiter wachsen, wenn es gelingt, die Epidemie endlich einzudämmen.

Wenn Eltern an AIDS erkranken verändert dies das Leben der Kinder völlig. Meist müssen die Mädchen die Schule abbrechen, um sie zu pflegen und für die jüngeren Geschwister zu sorgen. Hinzu kommt die materielle Not. In Haushalten, in denen ein Elternteil an AIDS erkrankt ist, sinkt der Nahrungskonsum um bis zu 40 Prozent. Die Folge sind Mangelernährung und Wachstumsstörungen. Kinder von kranken oder verstorbenen Eltern leiden oft doppelt, weil sie ausgegrenzt werden. Immer wieder behaupten Nachbarn, sie seien selbst infiziert. Der Tod der Eltern hinterlässt die Kinder in tiefer Trauer, Armut und Schutzlosigkeit.

Risse im Sicherheitsnetz: Bis heute werden im südlichen Afrika 90 Prozent der Waisen von der erweiterten Großfamilie aufgenommen. Aber ihre riesige Zahl überfordert zusehends dieses traditionelle Sicherheitsnetz. Dies gilt besonders in den am stärksten betroffenen Ländern Botsuana, Lesotho, Swasiland und Simbabwe. Familien, die Waisen aufnehmen, haben oft große materielle Nachteile. In Uganda zum Beispiel verfügt ein Haushalt mit Waisen im Schnitt nur über 77 Prozent des Pro-Kopf-Einkommens von Familien, die keine Waisen aufgenommen haben.

Kinderhaushalte: Der Anteil der reinen Kinderhaushalte ist noch gering – in den meisten Ländern liegt er unter einem Prozent. Aber auch wenn ein Haushalt offiziell noch von einem kranken Elternteil geführt wird, ruht die Last der Verantwortung bereits auf den Schultern der Kinder. Und wenn Kinder bei den Großeltern oder anderen Verwandten unterkommen, müssen sie arbeiten, statt zur Schule zu gehen. Damit sinken ihre Chancen auf einen qualifizierten Beruf. Und sie lernen nicht, wie sie sich vor AIDS schützen können.

Ausbeutung: Waisen sind besonders in Gefahr, in der Landwirtschaft, als Straßenverkäufer, als Dienstmädchen oder in der Prostitution ausgebeutet zu werden. In Sambia beispielsweise sind 47 Prozent der minderjährigen Prostituierten Waisen. Rund 38 Prozent der Kinderarbeiter in den Minen in Tansania haben keine Eltern mehr. Drei Viertel der Dienstmädchen in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba sind Waisen. (…)