Pierre Bourdieu

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von Stephan Kimmerle (Oktober 2000)

 
Was heute auf dem Spiel steht, ist die Wiedereroberung der Demokratie gegen die Technokratie. Es muss Schluss sein mit der Sachverst?ndigen Tyrannei vom Typ Weltbank, die ohne Widerrede die Entscheidungen des neuen Leviathan, genannt ?Finanzmarkt?, aufzwingen, und die statt zu verhandeln, zu ?erkl?ren? gedenken.?

Mit diesen S?tzen trat Pierre Bourdieu, franz?sischer Soziologe und Sozialphilosoph, im Dezember 1995 vor die streikenden Eisenbahner im ?Gare de Lyon?. Sein Einsatz f?r die protestierenden und rebellierenden Jugendlichen in Frankreich in den Jahren zuvor und sein Einsatz gegen Neoliberalismus und das ?Tietmeyer-Denken? f?hrten dazu, dass es heute kaum einen linken Intellektuellen gibt, der europaweit so viel Aufmerksamkeit erregt wie Bourdieu.
1996 gr?ndete er die Gruppe ?raison d?agir?, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine Art Netzwerk sozialer Bewegungen in Europa ins Leben zu rufen. Ohne Illusionen in die sozialdemokratischen Regierungen Europas – sie betrieben die Politik der Rechten, nur mit mehr Erfolg – fordert er eine neue ?Linke der Linken?.

Bourdieus Ideen

Vor allem seit Beginn der 90er Jahre wehrt sich Bourdieu gegen die Macht der ideologischen Offensive der Unternehmer. Er legt offen, wie Wissenschaft sich in den Dienst dieser Offensive stellt: Die Macht der Finanzm?rkte wird als gottgegebene Grundlage akzeptiert, politische Entscheidungen von Politikern als Folgen davon, als wissenschaftliche Zwangsl?ufigkeiten und Notwendigkeiten durch ?Experten? er- und verkl?rt. Als vor allem jugendliche MigrantInnen in Frankreich gegen die herrschenden Verh?ltnisse in den Vororten rebellieren oder in der Streikwelle 1995 meldet er sich zu Wort. Dabei versucht er, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. In seinem Buch ?Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen des allt?glichen Leidens an der Gesellschaft? (1993) kommen in verschiedenen Interviews Menschen aus den untersten Schichten der franz?sischen Gesellschaft zu Wort. Andere aktuelle Werke (zum Beispiel ?Gegenfeuer. Argumente im Dienst des Widerstandes gegen die neoliberale Invasion? (1998)) machen deutlich, welche Rolle er sich selbst und den Intellektuellen heute zu weist: Es geht ihm darum, soziale Bewegungen gegen die einheitliche und mit dem Anspruch auf Alleinherrschaft versehene herrschende Ideologie mit Ideen zu bewaffnen und eine Bresche in dieses Bollwerk zu schlagen.
Dabei lehnt Bourdieu ?Ideologien?, speziell auch marxistische Analysen, ab. Bourdieu beschreibt die gesellschaftliche Wirklichkeit als Feld, das sich aus der Verteilung von ?konomischem Kapital (Eigentumsrechte, Geld), ?kulturellem Kapital? (Bildung, Wissen, Macht aufgrund von Bildung und Wissen) und ?sozialem Kapital? (Prestige, Ansehen) ergibt. In diesem Feld erkennt der Wissenschaftler Bourdieu Menschen mit ?hnlichen Bedingungen (einer N?he in diesem Feld), die er f?r politisch am ehesten gemeinsam mobilisierbar h?lt. Dem Marxismus wirft Bourdieu vor, diese wissenschaftlich untersuchbare soziale N?he in objektiv vorhandene soziale Klassen umzudeuten.

Klassenfrage

SozialistInnen gehen davon aus, dass die heutige Gesellschaft davon gepr?gt ist, dass eine Minderheit von Kapitalisten ?ber die Produktionsmittel (Fabriken, Maschinen, usw.) verf?gt und eine Mehrheit der Gesellschaft davon lebt, Lohn bzw. Gehalt aus dem Verkauf der eigenen Arbeitskraft zu erhalten. Um dies f?r diejenigen aufrechtzuerhalten, die von diesen Verh?ltnissen profitieren, ist eine ganze Kette von politischen Ma?nahmen notwendig. Die Unterteilung in eine Kapitalistenklasse und die Arbeiterklasse ergibt sich also aus der ?konomischen Funktion der Menschen in der Gesellschaft. Daraus entstehen – trotz aller Unterschiede, die dies zeitweilig ?berlagern k?nnen – gemeinsame wirtschaftliche und politische Interessen.
Bourdieu kratzt mit seiner Analyse an der Oberfl?che der sozialen Erscheinungen dieser Machtverh?ltnisse – und legt dabei einiges frei, zum Beispiel wie sich Spaltungen innerhalb einer Klasse erhalten, Unterschiede kultiviert werden usw. Der Blick auf die gesellschaftlichen Klassen- und Machtverh?ltnisse geht aber in einem Wust von Schichten unter.
So ist es kein Zufall, dass er bei seinen Forderungen beim Wunsch nach einem europ?ischen Sozialstaat, ?hnlich dem Modell des Wohlfahrtsstaats, h?ngen bleibt ohne seine kapitalistische Basis in Frage zu stellen: Er nimmt den Staat nicht als Interessenvertreter der herrschenden Klasse wahr, die einen Staat ben?tigt um das Funktionieren der Gesellschaft inklusive der Herrschaft einer Minderheit ?ber eine Mehrheit zu sichern. Nachdem er keine Klassen im marxistischen Sinn mehr kennt, ist auch der Staat f?r ihn an sich neutral.
Eine grundlegend antikapitalistische Perspektive ist damit unsichtbar. Dass Sozialismus nicht nur ein netter Wunsch sondern reale M?glichkeit ist, verdankt er den heutigen wirtschaftlichen M?glichkeiten (der M?glichkeit weltweit genug f?r alle zu produzieren) und der Macht der Arbeiterklasse: Sie produziert heute schon den Wohlstand, der die Gesellschaft tr?gt. Sie ist – in ihren Schwergewichten – in Betrieben zusammen, kollektiv organisiert. Daraus ergibt sich ihre wirtschaftliche und politische Macht, sich solidarisch, gemeinsam zu wehren und die Gesellschaft von Grund auf umzuorganisieren. Die Arbeiterklasse als politische Grundlage kennt Bourdieu nicht, auch wenn er immer wieder zum Beispiel die Gewerkschaften als B?ndnispartner sucht.

?Raison d?agir?

Um Bourdieu bildet sich 1996 die Gruppe ?raison d?agir? (?Gr?nde zu Handeln?), die am 1. Mai dieses Jahres mit der Charta 2000 auftritt, um ?neue Generalst?nde der sozialen Bewegungen? Europas einzuberufen (die Forderung nach Einberufung der Generalst?nde war der Beginn der Franz?sischen Revolution 1789). Da die neoliberale Offensive international auftritt, geht es der Charta 2000 darum eine internationale Zusammenarbeit von ?Gewerkschaften, der Bewegung der Arbeitslosen, Obdachlosen oder Staatenlosen, Frauengruppen, Homosexuellen, Umweltvereinigungen und vielen anderen? zu erm?glichen, die sich unter anderem an den Formen des Widerstands in Seattle orientiert. ?Denn diese Bewegungen haben trotz all ihrer Unterschiede, trotz der manchmal bestehenden Meinungsverschiedenheiten, zumindest eines gemeinsam: sie verteidigen jene, die heute von der neoliberalen Politik immer mehr einem ungewissen Schicksal preisgegeben werden, und greifen gleichzeitig all die gesellschaftlichen Probleme auf, die diese Politik dabei zur?ckgelassen hat.?
Sie kritisiert die sozialdemokratischen Regierungen Europas, die ?sich gegenw?rtig vor allem darum bem?hen, die bestehende Wirtschaftsordnung zu verwalten und hinter einem letzten Rest staatlicher Handlungsfreiheit verschanzen, und sich dabei immer bedenkenloser mit den wachsenden gesellschaftlichen Ungleichheiten, mit allgemeiner Arbeitslosigkeit und der Prekarisierung ganzer Bev?lkerungsgruppen abgefunden haben. Gerade deshalb brauchen wir eine wirkliche kritische Gegenmacht.?
Kritisiert wird, wie diese Regierungen versuchen, mit repressiven Mitteln der ?inneren Sicherheit? gegen die betroffenen Menschen statt gegen die Ursachen vorzugehen. Als Ausweg bietet die Charta 2000 den Kampf um die Verteidigung der Wohlfahrtsstaaten, ?wirksame Ma?nahmen f?r eine Kontrolle der Finanzm?rkte? und ?eine gerechtere Verteilung des Reichtums der Nationen, in ihnen und zwischen ihnen?.

Bedeutung Bourdieus

Die Kritik Bourdieus an der vermeintlichen Zwangsl?ufigkeit der kapitalistischen Sparzw?nge ist sicherlich richtig. Trotzdem scheinen sich die Hoffnungen der Charta 2000 auf eine Neugestaltung der Verh?ltnisse zu richten, wie dies auf Grundlage des Nachkriegsaufschwungs m?glich war: Zugest?ndnisse an die Arbeiterbewegung vor dem Hintergrund trotzdem wachsender Profite. Diese Zeiten sind mit der grundlegenden Krise des Kapitalismus heute vorbei. Auch die Perspektive der Charta 2000 bleibt im Rahmen der kapitalistischen Verh?ltnisse und greift damit zu kurz.
Der Zusammenbruch der stalinistischen Staaten Osteuropas und die Verb?rgerlichung der sozialdemokratischen Parteien erm?glichte dem neoliberalen Feldzug der Banken und Konzerne weitere Erfolge. Zum eingeschlagenen Weg der Deregulierung, Flexibilisierung und Privatisierungen kam eine enorme ideologische Offensive von der ?berlegenheit des Marktes. In der kapitalistischen Gesellschaft orientieren sich die Zwischenschichten zwischen den Polen der Kapitalisten und der Arbeiterbewegung. Die neoliberale Offensive und die zeitweilige Defensive der Arbeiterbewegung dr?ngten auch viele WissenschaftlerInnen an die Seite des Kapitals: Der Eindruck der St?rke des Marktsystems und ein Fehlen jeglicher Alternative wurde von ihnen reproduziert (das hei?t nachgeahmt und weiterverbreitet). Nicht umsonst wurde der Wirtschaftsteil der meisten Zeitungen ausgebaut, Betriebswirtschaftslehre popul?r wie nie und die wissenschaftliche Lehre eingeengt auf die Vermittlung von Sachzw?ngen innerhalb dieses Systems.

Radikalisierung

Die Arbeiterbewegung ist dabei, sich von diesen R?ckschl?gen zu erholen. Gerade die K?mpfe in Frankreich in den 90ern, die wachsende Radikalisierung von Jugendlichen gegen die Institutionen des globalen Kapitalismus – begonnen in Seattle – sind Zeichen dieser Entwicklung. Verallgemeinerte Bewegungen der Arbeiterbewegung sind aber noch Zukunftsmusik. Dies f?hrt dazu, dass sich intellektuelle Zwischenschichten, die sich an der neoliberalen Realit?t die Finger verbrannt haben, neu orientieren und einen Ausweg suchen – und verh?ltnism??ig viel Geh?r finden.
Bourdieu dr?ckt diese Entwicklung aus. Er leistet mit seiner Kritik des Neoliberalismus eine wertvolle Hilfe f?r die Arbeiterbewegung, indem er den einheitlichen Block des ideologischen Drucks der Kapitalisten aufzubrechen hilft. Damit verschafft er zuk?nftigen Bewegungen Ansatzpunkte und mehr Spielraum. Gleichzeitig bleiben seine Vorschl?ge sehr begrenzt. Bourdieu weist selbst immer wieder darauf hin, er k?nne kein politisches Programm bieten, er setze sich nur f?r den Rahmen einer neuen Internationale der sozialen Bewegungen ein. Seine Orientierung zum Beispiel auf einen europ?ischen Sozialstaat auf der Grundlage eines sozialeren Kapitalismus stellt ein Hindernis f?r die zuk?nftige Entwicklung dieser Bewegungen dar. Die Wiederbewaffnung der internationalen Arbeiterbewegung mit Theorie bekommt etwas mehr Platz zum Atmen durch Bourdieu – sozialistische Luft ben?tigt sie von anderswo.