Dieser Sommer mit seinen Hitzewellen, Waldbränden und ausgetrockneten Flüssen ist nicht die neue Normalität – er ist erst der Anfang. Da die Temperaturen weiter steigen, kommt die Klimaforschung zu dem Schluss, dass Hitzewellen früher, häufiger, intensiver und länger sein werden. Dieser alarmierenden Aussicht steht eine komplette klimapolitische Apathie gegenüber. Womit müssen wir rechnen und was tun?
Von Linda Fischer, Hamburg
Wir sind mittendrin im Klimakollaps. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) berichtet, dass die globale Erwärmung weltweit eine zunehmende Anzahl extremer Wetterereignisse auslöst. Mit einem drei- bis viermal schnelleren Temperaturanstieg als in anderen Regionen der Nordhalbkugel ist Europa Spitzenreiter.
Sommer des Desasters
Dieser Sommer hat bis jetzt (KW 33) zu mindestens 15.800 hitzebedingten Sterbefällen in Deutschland geführt. Krankenhäuser waren überhitzt, Notaufnahmen überlastet. Beschäftigte im Krankenhaus, bei der Feuerwehr und im Rettungsdienst kamen an den Rand ihrer Kräfte. Der Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa geht davon aus, dass die Hitzewellen in Europa in den vergangenen vier Jahren 200.000 Menschenleben gefordert haben.
Die Menschen, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, sind am stärksten betroffen. Diejenigen ohne Gärten oder Wohnungen mit guter Isolierung, Belüftung und bezahlbarer Energie sind am wenigsten in der Lage, der Hitze zu entkommen.
Die Pegel der großen Flüsse der EU sind durch die anhaltende Dürrephase und den Wasserstress ( Nachfrage nach sauberem Wasser übersteigt das verfügbare Angebot) auf Rekordtiefs gefallen. Langfristige Klimamodelle gehen davon aus, dass das Wasser in Südeuropa knapp wird. Der Norden bekommt im Durchschnitt häufigere und heftigere Niederschläge, was wiederum zu weiteren Extremereignissen führen wird.
In Ungarn, Rumänien und Frankreich mussten Kernkraftwerke ihre Stromproduktion drosseln oder sogar abschalten, weil für die Kühlung und den Turbinenbetrieb nicht genug Wasser zur Verfügung stand.
Weltweit sind Waldbrände in den letzten 20 Jahren heftiger geworden. Eine im August erschienene Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) rechnet damit, dass sich die jährlich von Waldbränden betroffene Fläche in Europa bis zum Ende des Jahrhunderts aufgrund des Klimawandels fast verdreifachen könnte. Waldbrände verursachen schon heute jährlich mehr CO2 als der globale Verkehr – sie wirken zunehmend als Treiber und nicht nur Folge der Klimaerwärmung. Massive Investitionen in ein Waldbrandmanagement könnten die Folgen deutlich abschwächen, aber auch hier gibt es ein Zeitfenster: Wenn die Bedingungen und Brände noch extremer werden, wird man irgendwann an Grenzen stoßen, was noch machbar ist, um Brände zu verhindern und zu bekämpfen.
Kampf um Ressourcen
Stagnation, Mangel und das Ringen um lebenswichtige Ressourcen wie Nahrung, Wasser und Energie werden zur neuen Normalität. Gleichzeitig wächst die Gefahr, dass die Gesundheits-, Sozial- und Verkehrsinfrastruktur-Systeme kollabieren. Aktuell gehen Forschende für Europa zwar nicht davon aus, dass es in den kommenden Jahrzehnten zu einem absoluten Mangel an lebenswichtigen Nahrungsmitteln kommt. Doch deutliche Preissteigerungen, spürbare Knappheiten und daraus folgende Verteilungskämpfe sind zu erwarten. Die Investmentbank Goldman Sachs prognostiziert, dass die weltweiten Lebensmittelpreise bis 2028 um 16% steigen werden.
Die Folgen des Klimakollaps wirken sich direkt auf die Wirtschaft aus. Es wird davon ausgegangen, dass die Kosten dieses Hitzesommers das EUweite BIP-Wachstum von 1 Prozent zunichte machen werden. Frankreich, so die Prognose, wird gar in eine klimabedingte Rezession abrutschen. Auch wirtschaftspolitische Prestigeprojekte stehen auf dem Prüfstand. So ist z.B. völlig unklar, wie Deutschland und die EU den geplanten Ausbau von Rechenzentren, die viel Wasser und Energie verschlingen, mit dem notwendigen Schutz von Wasservorräten in Einklang bringen wollen.
In einer Welt, die in diesem Jahrhundert auf eine Erwärmung um 2,7 Grad über dem vorindustriellen Durchschnitt zusteuert, werden bis 2050 ein Drittel der Weltbevölkerung in Gebieten leben, die zu heiß oder zu trocken sind, um bewohnt zu werden. Die “Nationale interdisziplinäre Klimarisikobewertung” von 2025 warnt eindringlich vor massiver Destabilisierung und politischen Konflikten auch in Europa – und wird von der bürgerlichen Politik ignoriert.
Das große Schweigen
Während Deutschland im Hitzesommer 2026 keucht, gönnt sich Friedrich Merz Work-Life-Balance. Wochenlang kein Wort zur Klimakatastrophe. Dafür ist längst klar: Deutschland wird 2030 die meisten Klimaziele nicht erreichen. 2025 stagnierten die Treibhausgasemissionen, 2026 sanken sie bisher nur minimal durch die fossile Energiepreiskrise wegen der Blockade der Straße von Hormuz seit März 2026.
Weltweit wurden in den letzten zwölf Monaten 45 Klimaschutzmaßnahmen zurückgenommen, vor allem in Europa. In Deutschland wurden mitten in der Hitze- und Dürrekrise mit CDU- und SPD-Stimmen Gesetze wie die EEG-Novelle und das Netzpaket auf den Weg gebracht, die den Klimaschutz weiter ausbremsen. 2027 soll es weitere Kürzungen bei Klimaprogrammen geben. Hitzeschutz? “Nicht Bundesangelegenheit” – das sollen die längst totgesparten Kommunen regeln. Selbst auf der Kabinettsklausur der Bundesregierung gab es keinen Beschluss dazu. Merz’ zynisches Fazit: “Es gab wichtige Impulse.”
Der Kapitalismus und seine Vertreter*innen in der Regierung haben auf den Klimakollaps nur eine Antwort: Den reaktionären Umbau des Staates, mehr Repression, Autoritarismus und Nationalismus. Statt die Ursachen des Klimakollaps zu bekämpfen und Folgen abzumildern, wird der imperialistische Konkurrenzkampf aufgeheizt und massiv aufgerüstet, um wirtschaftliche Interessen sowie den Zugang zu Ressourcen und Land zunehmend mit militärischen Mitteln durchzusetzen. Die sozialen Folgen des Klimakollaps werden der Arbeiter*innenklasse aufgezwungen – über steigende Preise, prekäre Lebensbedingungen und die Gefährdung unserer Gesundheit und unserer Leben.
Dass selbst Maßnahmen, die aus kapitalistischer Sicht sinnvoll wären, um Profite zu sichern, weitgehend ausbleiben, zeigt die Schwäche und tiefe Krise kapitalistischer Institutionen: Ihre Machtbasis ist ausgehöhlt, ihre Legitimität bröckelt. Der ideologische Rollback, den AfD und Konsorten vorantreiben und den die CDU zum Teil mitträgt, verstärkt dieses zögerliche Agieren.
Was ist nötig?
Ein rascher, massiver und demokratisch geplanter Wandel ist unverzichtbar – global, national und lokal. Er muss alles erfassen: was wir produzieren, wie wir produzieren, wie wir arbeiten, reisen und im Einklang mit der Natur leben. Dasselbe gilt für die Anpassung an immer unsicherere und extremere Klimabedingungen.
Klimaanpassung: Sofort und umfassend
Es braucht ein komplettes Paket von Maßnahmen: Brandschutz, kühlere Wohnungen, schattige Straßen und Parks, lokal produzierte Lebensmittel, hitzebeständige Krankenhäuser, verlässliche Wasserversorgungen, öffentliche Kühlzentren, Arbeitnehmer*innenschutz (angepasste Arbeitszeiten, hitzebedingte Arbeitsunterbrechungen bei vollem Lohnausgleich), Aufklärung und Frühwarnsysteme.
Sofortmaßnahmen sind möglich, zum Beispiel:
- Kostenlose Öffnung von Bibliotheken, Gemeindezentren, Schwimmbädern und anderen öffentlichen Gebäuden als “Kühlzentren” mit verlängerten Öffnungszeiten und kostenlosem Wasser.
- Klimatisierte Bürogebäude abends für die öffentliche Nutzung öffnen.
- Mobile “Kühlbusse” oder beschattete Trink- und Rastzonen – besonders in dicht bebauten Stadtteilen mit wenig Grün und niedriger Klimatisierungsrate.
- Klimatische Nachrüstung von Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Schulen und Kitas.
Klimagerechte Stadtentwicklung und Verkehr
Die Stadtplanung muss sofort an den Erfordernissen des Klimawandels ausgerichtet werden. Die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse muss demokratisch erfolgen – Bevölkerung, Stadtplaner*innen und Klimaforscher*innen gemeinsam.
Mögliche Schritte:
- Schattige, kühle Aufenthaltsorte schaffen – zunächst mit Markisen und Sonnensegeln.
- Straßenzüge, Dächer und Plätze begrünen.
- Häuser und Straßen heller anstreichen.
- Vermieter*innen verpflichten, außenliegenden Sonnenschutz an Fenstern anzubringen, Gebäude klimatisch zu dämmen sowie Dächer und Fassaden zu begrünen.
- Energetische Sanierung und klimatische Anpassungsmaßnahmen vor Neubau
- Ein massiver Ausbau des öffentlichen Verkehrs zum Nulltarif könnte den PKW-Verkehr in Städten auf ein Minimum reduzieren. Parkplätze – in deutschen Städten oft 10 bis 20% der Gesamtfläche, in manchen Ballungsräumen noch mehr – sollten zu neuen Grünanlagen umgewidmet werden.
- Entsiegelung und Schwammstadt: städtische Gebiete flächendeckend so umgestalten, dass sie Regenwasser aufnehmen, zwischenspeichern und verzögert wieder abgeben.
Stadtteile mit hoher Bebauungsdichte und wenig Grün müssen Priorität haben. Energetische und klimatische Sanierungen dürfen die Mieten nicht erhöhen – sie sind aus den Profiten der großen Wohnungskonzerne zu finanzieren.
Waldbrände durch besseres Management eindämmen
Durch ein besseres Brandmanagement könnte die Fläche künftiger Waldbrände in einer wärmeren Welt deutlich verringert werden – im günstigen Klimaszenario um bis zu 92%, im ungünstigen Szenario immer noch um 72%.
Produktion umbauen: Sozial, ökologisch und demokratisch
Neben Anpassungsmaßnahmen braucht es einen kompletten Wandel der Produktion:
- Sofortiger, konsequenter Ausbau von Wind- und Solarkraft für eine CO₂-neutrale Stromversorgung – technisch seit Jahren möglich.
- Einsparpotenziale durch Abschaffung gesellschaftlich nicht sinnvoller Arbeitsbereiche.
- Massive Einschränkung fossiler Produktion und des Individualverkehrs.
- Weg von Wegwerf- und Überproduktion, hin zu Planung und Kreislaufwirtschaft.
- Umbau der Landwirtschaft hin zu einer Kreislaufwirtschaft und Reduktion der Fleischproduktion.
Revolution für Klima und Mensch
Um dies zu erreichen, bedarf es des Widerstands gegen das zerstörerische kapitalistische System, das sowohl die Arbeiter*innenklasse weltweit als auch die Natur ausbeutet und uns in Krieg und Klimakollaps treibt. Die DNA des Kapitalismus – Produktion zur Profitmaximierung und Wachstumzwang – ist unvereinbar mit einer nachhaltigen Produktion für Mensch und Umwelt. Notwendig ist die Enteignung privater Konzerne und deren demokratische Vergesellschaftung – als Grundlage für eine demokratisch geplante, sozialistische Wirtschaft und Gesellschaft.

