Offensive der “Huthis” im Jemen: Schwere Niederlage für Saudi-Arabien

Fotos: Creative Commons CC BY-SA 4.0., Ali Zifan

Die Truppen der Miliz Ansar Allah (“Helfer Gottes”) haben die Stellungen der mit Saudi-Arabien verbündeten jemenitischen Regierungstruppen im Eiltempo überrannt und die gesamte Küste des Roten Meers sowie Inseln vor und in der Meerenge Bal-al-Mandab erobert. Der westasiatische Krieg zwischen Iran, USA, Israel und den Golfstaaten hat damit erneut eine dramatische Wendung genommen. Die Folgen für die Weltwirtschaft und vor allem die Rohstoff-Preise sind noch nicht absehbar, eine Eskalation ist möglich.

Von Claus Ludwig, Köln

In Westen wird die Bewegung Ansar Allah als “Huthis” bezeichnet, nach ihrem Begründer al-Huthi. In den Medien hierzulande werden sie als “Sandalen-Miliz” bezeichnet und ihre militärische Leistungsfähigkeit wird verwundert zur Kenntnis genommen. Faktisch ist die Miliz besser als so manche staatliche Armee ausgestattet. Sie verfügt 200.000 Kämpfer, teilweise ausgebildet von iranischen Militärs sowie über Raketen und Marschflugkörper, mit denen sie andere Länder erreichen kann. Die Miliz hat auch eine Marine, u.a. mit Schnellbooten, Seeminen und Unterwasser-Drohnen.

Ansar Allah hat die Unterstützung großer Teile der schiitischen Bevölkerung des Jemen, möglicherweise darüber hinaus und kontrolliert die bevölkerungsreichen Gebiete des Landes, darunter die Hauptstadt Sanaa. Ihre Kämpfer scheinen hoch motiviert.

Ihr militärischer Siegeszug ist ein weiterer schwerer Schlag für die Regionalmacht Saudi-Arabien und deren Schutzmacht USA. Der Durchbruch gelang der Miliz am 11. September, genau 25 Jahre nach dem Anschlag auf die Twin Towers, als wäre es ihnen ein Anliegen, die USA zu demütigen. Die jemenitischen Regierungstruppen, die weitgehend aus Söldnern bestehen, sind scheinbar ohne nennenswerte Gegenwehr auseinandergefallen. Das hochgerüstete Saudi-Arabien war nicht in der Lage, eine Gegenoffensive zu organisieren oder effektive Luftschläge durchzuführen. Der blutige Prinz Salman soll zweimal bei Trump US-Luftunterstützung erbettelt haben, die jedoch abgelehnt wurde. Die “Huthis” haben hingegen eine saudische F-15 abgeschossen und Raketen gegen Stellungen in Saudi-Arabien eingesetzt.

Welthandel im Würgegriff

Gleichzeitig mit der Offensive wurde die saudi-arabische Ost-West-Pipeline aus dem Irak mit Drohnen angegriffen. Eine Pumpstation wurde schwer beschädigt, die gesamte Pipeline wurde außer Betrieb genommen. Diese ist für die Saudi-Arabien jedoch zentral, um die Sperrung der Straße von Hormuz zu umgehen. Die Folgen sind massiv:

Ansar Allah hat damit den Zugriff auf die Meerenge Bab-al-Mandab und kann den Schiffsverkehr stoppen. Durch das Rote Meer zwischen dieser Straße und dem Suez-Kanal laufen 10-12% des weltweiten Seehandels, vor allem zwischen Ostasien und Europa. Zusammen mit der iranischen Kontrolle über Hormuz hat die von Teheran dominierte “Achse des Widerstandes” damit die Hand an der Kehle des Welthandels. Ansar Allah hat angekündigt, den Schiffsverkehr laufen zu lassen und nur saudi-arabische Schiffe anzugreifen.

Das Geschäftsmodell der saudischen Diktatur bröckelt. Der Ölexport stockt. Die Armee hat sich als zahnlos erwiesen.

Der US-Schutzschirm für die Golfstaaten ist Geschichte. Ein Bündnis mit den USA bietet keine Sicherheit, sondern bringt Länder in akute Gefahr, diese Erkenntnis verbreitet sich in der Region. Der US-Armee mangelt es an Raketen und Munition. Viele Stützpunkte der USA sind schon in der ersten Kriegsphase durch iranische Angriffe schwer beschädigt oder gar zerstört worden. Die US-Armee in Westasien ist damit beschäftigt, sich selbst zu schützen. Neue Angriffe auf den Iran werden zu iranischen Reaktionen führen, welche die Probleme der US-Truppen verschärfen würden.

Die Offensive von Ansar Allah treibt die Energiepreise weltweit, dafür braucht die Miliz die Meerenge nicht einmal zu schließen. Es reichen die Verringerung der saudischen Exporte und die pure Möglichkeit der Schließung. In Deutschland warnen Tankstellen-Verbände vor einem Spritpreis von 3 Euro. Die jetzt hektisch von der Regierung diskutierten Maßnahmen – Senkung der Mehrwertsteuer auf Kraftstoff und Ausgleichszahlungen für Geringverdiener*innen – kommen zu spät, reichen nicht und wären trotzdem eine Belastung für den Bundeshaushalt. Wir stehen erst am Anfang globaler Verwerfungen durch den Iran-Krieg. In Deutschland sind die steigenden Energiepreise ein Faktor, der den Sturz von Merz beschleunigen kann.

Zwischen TACO und Eskalation

Der US-Imperialismus steht vor den Trümmern seines wahnsinnigen Krieges gegen, den Iran, der auf der Illusion eines schnellen Sieges basierte. Das Kräfteverhältnis hat sich zu Gunsten des Iran verschoben. Wenn Trump den Krieg auf dem bisherigen Level weiterführt – als Wechselbad zwischen realen oder eingebildeten Verhandlungen einerseits und Militärschlägen andererseits – wird das den Iran weiter stärken. Für die USA ist der Krieg teuer, die eigenen Stützpunkte und Schiffe sind jederzeit gefährdet, jede iranische Attacke kostet wertvolle Abwehrraketen.

Ein “weiter so” würde immer wieder zu TACO führen (“Trump always chickens out” – “Trump macht immer einen Rückzieher”). So reagierten die USA auf den Vormarsch der “Huthi”, indem sie ihren Verbündeten Saudi-Arabien vor den Bus stießen – US-Diplomaten eilten, um mit Ansar Allah zu verhandeln, dass US-Schiffe das Rote Meer passieren dürfen.

Doch eine umfassende Kapitulation ist keine Option für den US-Imperialismus. Ein Eingeständnis der Niederlage würde die US-Allianzen im arabischen Raum endgültig Richtung Kollaps treiben und würde die Konkurrenten der USA – allen voran China – stärken und zu offensiverem Vorgehen ermutigen.

Die Demütigungen und die Schwäche steigern das Risiko, dass sich der US-Imperialismus wie ein in die Ecke getriebenes Raubtier verhält und mit gesteigerter Aggression reagiert. Denkbar wären umfassende Luftangriffe, um die zivile Infrastruktur des Iran zu zerstören oder Flächenbombardements gegen die iranische Bevölkerung. Sehr wahrscheinlich wurde das US-Militär erneut beauftragt, Bodenoperationen im Iran zu prüfen. Ob die US-Armee dazu logistisch in der Lage ist und ob Trump das politisch durchsetzen kann ist offen, doch die Gefahr einer weiteren Verschärfung des Krieges wächst. Wie riskant die Eskalation des Bombenterrors oder Bodentruppen auch immer sein mögen – ein “weiter so” würde die Probleme des US-Imperialismus vertiefen.

Eine taumelnde Regierung vor den Kongress- und Senatswahlen im November schreit geradezu nach einem Paukenschlag, der die Aufmerksamkeit von den wirtschaftlichen Folgen ihrer Politik ablenkt. Ein Terroranschlag käme gelegen – oder eine äußerst blutige Eskalation im Iran-Krieg.

Sicher ist, dass es kein schnelles Ende des Krieges in Westasien geben wird, sondern die Tendenz in Richtung Ausweitung geht. Wir befinden uns noch immer im frühen Stadium dieses Regionalkrieges. Die Krise des Geschäftsmodells der Golfstaaten, das auf Öl, internationalem Kapital und US-Militär beruht, wird sich verschärfen. Auch der Preisanstieg bei Treibstoff in der ganzen Welt – und in der Folge bei den Preisen der meisten Produkte – hat noch Luft nach oben.

Große Teile der unterdrückten Massen weltweit, der Jugend und der Arbeiter*innenbewegung freuen sich über die Demütigungen des US-Imperialismus und seiner verbündeten diktatorischen Regimes sowie des israelischen Genozid-Staates. Doch weder das iranische Regime noch Ansar Allah vertreten die Perspektive der Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung. Das iranische Regime unterdrückt die Arbeiter*innen, Frauen und nationale Minderheiten. Geostrategisch gesehen sind sie die Vorhut des gegnerischen imperialistischen Blocks um China. Eine Perspektive, die ewigen Kriege zu beenden und die Befreiung von nationaler und sozialer Unterdrückung zu erreichen, kann nur aus einer Bewegung der Arbeiter*innenklasse entstehen, die sich unabhängig von allen imperialistischen und Regionalmächten formiert und für eine sozialistische Demokratie kämpft, über religiöse und ethnische Grenzen hinweg.

Fotos: Creative Commons CC BY-SA 4.0., Ali Zifan