Interview mit einem Mitarbeiter bei Mercedes Bremen: Mehr Arbeit, weniger Kolleg*innen

Die deutsche Autoindustrie steckt in einer tiefen Krise. Bei Mercedes und VW zeigt sich bereits, wer die Folgen der Krise tragen soll. Bei Volkswagen stehen massive Stellenstreichungen und die Zukunft mehrerer deutscher Werke auf der Tagesordnung. Bei Mercedes will die Chefetage die Arbeitszeit massiv verlängern und setzt auf „freiwilligen Stellenabbau” über Abfindungen.

Von Alex, Bremen

Die Leier der Konzernführungen ist im Wesentlichen dieselbe: Um Kosten zu senken, produktiver zu werden und sich im internationalen Wettbewerb zu halten führe kein Weg an längeren Arbeitszeiten und Stellenabbau vorbei. Sie wollen auf dem Rücken der Beschäftigten ihre Profite sichern.

Bei Mercedes will die Geschäftsführung die derzeitige 35-Stunden-Woche in bestimmten Bereichen auf bis zu 40 Stunden ausweiten, ohne die zusätzliche Arbeitszeit zu bezahlen. Der Stundenlohn soll also mal eben um 12,5% gesenkt werden, bei deutlich mehr Arbeit. Dagegen gingen im Juli mehrere Zehntausend Beschäftigte von Mercedes-Standorten auf die Straße..

Ausbeutung intensiviert

Auch bei Volkswagen sieht sich die Belegschaft mit immer dreisteren Angriffen konfrontiert. Die IG Metall hatte Ende 2024 bereits dem vermeintlich „sozialverträglichen” Abbau von Zehntausenden Arbeitsplätzen zugestimmt. Nun sollen  weitere 50.000 Arbeitsplätze gestrichen werden und die Zukunft mehrerer Werke steht auf dem Spiel. 

Dabei fällt ein Widerspruch besonders auf: Wenn von weniger Menschen erwartet wird, mehr Arbeit zu leisten, handelt es sich nicht um eine abstrakte „Produktivitätssteigerung”. Für die Beschäftigten bedeutet dies ganz konkret längere Arbeitszeiten und eine höhere Arbeitsbelastung. Gleichzeitig werden Arbeitsplätze abgebaut, es handelt sich um eine Intensivierung der Ausbeutung zu Gunsten der Anteilseigner*innen..

Die Krise in der deutschen Automobilindustrie ist real und größtenteils hausgemacht. Der Umstieg auf E-Fahrzeuge wurde jahrelang verpennt, die Konkurrenz aus China unterschätzt, sich wandelnde Märkte und politische Handelskonflikte setzen das deutsche Exportmodell unter Druck. Die Konzernbosse, unterstützt von der Regierung, wollen die selbst verursachten Krisen immer wieder auf Kosten der Beschäftigten lösen und sind unfähig den eigentlich notwendigen Umbau des Verkehrswesens zu gestalten. Doch es gibt Alternativen, wie mit dieser Krise umgegangen werden kann: Die Produktion könnte aus sinnvolle zivile Produkte, z.B. für den ÖPNV umgestellt werden, mit Beteiligung und demokratischer Kontrolle der Beschäftigten. 

Wir verlassen uns nicht auf die Aussagen von Vorständen und sogenannten Wirtschaftsexpert*innen, sondern befragen diejenigen, die diese Veränderungen tagtäglich erleben: die Beschäftigten selbst. Wie verändert sich die Arbeit in der Produktion? Was bedeutet die Forderung nach längeren Arbeitszeiten im Alltag? Und wie werden diese Themen in der Belegschaft diskutiert?

Lukas Schmidt (Name geändert) ist seit Ende März 2026 über eine Zeitarbeitsfirma bei Mercedes in Bremen angestellt.

Wie sind momentan die Arbeitsbedingungen bei Mercedes? Hat sich der Arbeitsdruck in letzter Zeit verändert?

Wir arbeiten in großen Hallen, dort hat man die Hitzewelle sehr gespürt. Die Hallen werden sehr heiß, vor allem in Kombination mit viel körperlicher Bewegung. An einigen Bändern stehen Ventilatoren an den Seiten, aber nicht in allen und in unregelmäßigen Abständen. An einem der Bänder, an dem kein Ventilator steht, wurde einer vom Band nebenan „geklaut“, da es allen viel zu warm wurde. An einem über 35°C heißen Tag kam es zu einem Zusammenbruch eines Kollegen. Es gab nur kurz einen Halt, bevor das Band dann weiterlief. Gleichzeitig bekommt man aber von den Einsparungen mit und die erhöhen den Druck massiv. Dazu wird dauerhaft gesagt, dass sich die Qualität verbessern bzw. weniger Fehler beim Arbeiten gemacht werden sollen. Die ständige Kontrolle in Kombination mit den drohenden Sparmaßnahmen trägt nicht gerade dazu bei, dass man sich am Arbeitsplatz wohl fühlt.  

Wie sieht dein Alltag als Zeitarbeitskraft bei Mercedes im Verhältnis zu deinen festangestellten Kolleg*innen aus?

Ich stehe bei Weitem unter mehr Druck. Mercedes könnte mich jederzeit abmelden, z.B. bei Fehlern oder wenn sie keinen Bedarf mehr für mich haben. Festangestellte verdienen mehr, und mein Gehalt setzt sich aus meinem Lohn von der Zeitarbeitsfirma und einem Mercedes-Zuschlag zusammen, der nun ins Visier genommen wird – was bedeuten würde, dass unsere Gehälter fast auf den Mindestlohn sinken würden. Bei spontanen Protesten und Aktionen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man als Zeitarbeitskraft sofort gekündigt wird. Das macht es mir so gut wie unmöglich, gemeinsam mit meinen Kolleg*innen zu kämpfen.

Aber das große Thema unter den Leiharbeitern gerade ist das mit der Streichung des „Mercedes-Zuschlags”. Da sagen eigentlich alle, dass sie unter den neuen Bedingungen da nicht weiter tätig wären. Das würde aber die Festangestellten nicht betreffen.

Gleichzeitig wird über eine Verlängerung der Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden gesprochen. Wie wirkt das auf dich und deine Kolleg*innen?

Die Stimmung wird sich auf jeden Fall verschlechtern, denn es würde für 108.000 Beschäftigte in Deutschland bedeuten, eine Stunde mehr am Tag zu arbeiten und das mit demselben Gehalt. Das sind dann mal eben insgesamt zwanzig geschenkte Stunden im Monat für die Chefetage. Du kannst mir nicht erzählen, dass das nicht einfach der einfachste Weg ist Stellen abzubauen, ohne dabei so auffällig vorzugehen wie VW. Entweder werden die Leute das Werk verlassen, um sich eine anderen Job zu suchen oder sie müssen sich mit dem mickrigen Gehalt abfinden – beides kommt Mercedes derzeit gerade recht. Vor ein paar Monaten wurde der ganzen Belegschaft ein Video vorgespielt, in dem uns erzählt wurde, dass die wirtschaftliche Lage wegen der E-Autos aus China immer mehr leidet, dass wir als Unternehmen zusammenhalten müssen. Worauf sie dabei anspielen wollten ist, dass sich unsere Arbeitsbedingungen verschlechtern, aber die Qualität der Produktion sich verbessern soll. Das Unternehmen leidet gerade, aber will, dass wir die Kosten dafür tragen. Das ganze finde ich schon sehr ungerecht. 

Was tut die IG Metall gegen diese Entwicklung? 

Soweit ich das einschätzen kann, sorgen sie ziemlich gut für uns, wenn man die Grenzen bedenkt, die bestehen, wenn ständig Leute bei der Zeitarbeitsfirma ein- und ausgehen. Die Festangestellten sind dort natürlich besser vertreten. 

Wir haben vor kurzem die Info bekommen, dass die Verhandlungen wohl noch länger gehen, da Mercedes mit seinem „Kompromiss” so weit von der Vorstellung der IG Metall entfernt ist. Bei den Verhandlungen bin ich mir nicht sicher, wer sich wie weit für uns einsetzt, da dort natürlich nicht nur IG Metall vorhanden ist, sondern eventuell auch ver.di. Ich würde mir wünschen, dass Infos etwas klarer und schneller fließen würden und dass die IGM selbstbewusster in die Offensive geht. Mehrere Zehntausend sind schon auf die Straße gegangen, das ist schon mal geschafft. Da kann man jetzt weiter aufbauen und sich darauf stützen, um Druck aufzubauen.

Wenn du selbst über die Zukunft des Werks entscheiden könntest: Was müsste sich ändern? 

Ich kenne mich wirtschaftlich nicht gut aus aber in erste Linie würde ich nicht verlangen, dass sich die Qualität verbessert und die Arbeitsbedingungen gleichzeitig verschlechtert werden und somit Angestellte weniger Motivation und Geld in der Tasche haben. 

Wenn Mercedes nicht mit dem Markt mithalten kann, muss das Unternehmen entweder intern nach besseren Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten suchen, damit Produktivität und Qualität steigen, oder sich überlegen, etwas anderes zu produzieren und die Beschäftigten behalten. Die Überlegung, Teile von Mercedes für die Rüstungsindustrie umzustellen, ist genau das, was sie nicht machen sollten, denn zwar würden sie damit sicherlich für kurze Zeit mehr Geld verdienen, aber auf Kosten von Menschenleben in der Zukunft und geringeren Investitionen in sozial positive Infrastruktur.

Bild IGM: Frank Mattern – CC BY-SA 4.0
Bild Mercedes: Baden de – CC-BY-SA 3.0