Rettet individueller Verzicht unseren Planeten?

Die aktuelle Klimakrise ist die größte Herausforderung für die gesamte Menschheit. Angesichts des Versagens der Regierungen ist es verständlich und gut, dass einzelne Menschen das Bedürfnis verspüren, selbst tätig zu werden und bei der Lösung dieses Problems mit zu arbeiten. Hier tauchen u.a. folgende Fragen auf: Was kann ich als Einzelne*r tun? Weniger Fleisch und Milchprodukte essen? Weniger fliegen? Worauf kann ich verzichten, um das Klima zu schonen?

von Alex, Köln

Auffällig ist dabei, dass bei aller Konsumkritik, die in der Diskussion um individuellen Konsum Platz findet, grundsätzlich marktwirtschaftliche Mechanismen nicht oder zu wenig kritisch hinterfragt werden. Denn der einzelne Mensch wird als Konsument verstanden. Die Stellschraube, an der er drehen kann, an der er seine „Macht“ ausüben kann, beschränkt sich auf seinen individuellen Konsum. Schließlich ist der Konsum Teil unseres Alltags und scheint somit eine reale Möglichkeit für Einflussnahme zu sein. Den (teil-)politisierten, bewussten, individuellen Konsum als Mittel gegen die drohende Krise zu verstehen, weist jedoch mindestens zwei grundsätzliche, miteinander verwobene Probleme auf.

Das erste Problem besteht in der Verantwortung von politischen Akteuren. Eine Oxfam-Studie von 2015 konnte zeigen, dass die reichsten 10 % der Bevölkerung für 50  % der CO2-Emissionen verantwortlich sind, während die 3,5 Milliarden Menschen, die zum ärmeren Teil der Menschheit zählen, für 10  % der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sind.

Ungleiche Emissionen

Diese extreme Kohlenstoffungleichheit ist ein Aspekt von Klima(un-)gerechtigkeit. Das Beispiel zeigt, dass Verantwortung und Effektivität an dieser Stelle Hand in Hand gehen. Vereinfacht ausgedrückt: Wer viel emittieren kann und dies auch tut, hat die Möglichkeit, dies zu ändern, mit dem Ergebnis eines merkbaren Unterschieds. Danach muss sich die Verantwortung bemessen. Einkommensschwache Haushalte können sich nicht in gleichem Maße für teilweise neuartige, teure „Alternativen“ zum „Schutze des Klimas“ entscheiden, da ihnen einerseits die Kaufkraft, andererseits die Zeit für eine ernsthafte Auseinandersetzung fehlt. Für große Teile der Bevölkerung existiert die Frage eines „bewussten Konsums“ überhaupt nicht. Die Arbeiterinnen und Bäuerinnen in großen Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas haben ohnehin einen sehr geringen CO2-Ausstoß. Sie können daran so gut wie nichts ändern und wenn, wäre der Effekt extrem begrenzt.

Das zweite grundsätzliche Problem: Die Klimakatastrophe ist eine systematische Katastrophe. Sie ist ein Produkt des aktuellen Wirtschaftssystems. Der Carbon Majors Report zeigt: 100 Unternehmen produzieren rund 71 % der Treibhausgase. Spätestens hier werden Grenzen des individuellen Konsums sichtbar, da jeder Konsumentin immer am Ende der Produktionskette steht und somit nur über den Markt agieren kann.

Unternehmen reagieren auf Änderungen im Konsumverhalten und erschließen neue, grüne Märkte. Ein beliebtes Mittel ist das sogenannte Greenwashing. Dabei handelt sich um eine PR-Strategie, die das ökologische Ansehen eines Produktes verbessert, wodurch es ökologisch bewusste Konsumierende erreicht. Es lassen sich etliche Beispiele finden. Der fuzetea von Nestlé oder der Honest Tea, der seit 2011 zu Coca Cola gehört. Doch auch RWE schreckt nicht davor zurück. Neben Werbekampagnen lassen sich innogy, eprimo & Co. als vermeintlich grüne Stromanbieter finden, die zum RWE Konzern gehören.

Dass grüne PR-Strategien aufgehen zeigt nicht zuletzt, dass vermeintlich nachhaltige Unternehmen von der letzten Wirtschaftskrise weniger hart getroffen wurden. Es ändert nichts am bestehenden Wettbewerbssystem und an der Zielsetzung von Unternehmen in diesem System. Einen Vorteil im Wettbewerb vorzuweisen bedeutet letztlich kurzfristige Profite zu erwirtschaften. Hier wird ein prinzipieller Widerspruch deutlich. Ein grüner Kapitalismus bleibt ein Kapitalismus. Der „freie“ Markt und der Wettbewerb, sowie stetiger Wachstum sind unvereinbar mit dem Erhalt des Planeten. Änderungen des individuellen Konsums ändern nichts an diesem System.

Diese Beispiele dienen keineswegs dem Zweck, die Auseinandersetzung mit dem individuellen Konsum als unwichtig abzutun. Individuelle Änderungen können sehr wohl einen kleinen Einfluss haben, abgesehen von Vorbildfunktionen im Freundes- und Bekanntenkreis, sowie in der Familie. Die häufigere Nutzung von Fahrrad, Bus und Bahn, der Verzicht auf unnötige Flüge und die Reduktion tierischer Nahrung bilden einigermaßen realisierbare Verhaltensänderungen bei messbarer Verringerung des Ausstoßes von CO² oder anderen Treibhausgasen.

Sündenböcke

Darüber hinaus kann diese Auseinandersetzung auf die Konfrontation mit Problemen systematischer Natur hinauslaufen. Mit Blick auf die Verantwortung und Klimagerechtigkeit wird klar, dass individueller Verzicht als angebliche Lösung der Krise sogar unsozial ist.

Seitens der wirtschaftlich Herrschenden und vieler Medien wird die starke Betonung des Konsumverhaltens auch genutzt, um Gruppen von „Schuldigen“ – die Autofahrer*innen! Die Fleischfans! Die Mallorca-Touris! Die Kreuzfahrten-Kund*innen! – in den Mittelpunkt der Diskussion zu rücken und von der zentralen Verantwortung der Konzerne abzulenken.

Die Entscheidung, seinen individuellen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren ist zwar positiv, jedoch unzureichend. Alle sollten sich organisieren – bei Fridays for Future, in Klimabündnissen, in Gewerkschaften, mit dem Ziel, die derzeitige Produktionsweise durch eine demokratische und ökologische zu ersetzen. Nur so kann die Klimakatastrophe transparent und demokratisch abgewendet werden.

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