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Marxismus und Islam

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Auszug aus dem Buch „Iran: Freiheit durch Sozialismus“ von 2009

Ein zentraler Wesenszug religiöser Fundamentalisten ist es, Worte, Regeln und Moral aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang zu reißen und für allgemein­gültig zu erklären. Die Islamisten begründen damit die Unterdrückung der Frau und die Herrschaft der Religion über das gesamte Leben. Auch fundamentalisti­sche Christen und Juden benutzen, bei allen Unterschieden, diese Methode. Kern einer wirklich kritischen Untersuchung des Islam wäre es, eben nicht diese fun­damentalistische Methode zu nutzen. Die unterschied­lichen selbst ernannten „Is­lam-KritikerInnen“ in Deutschland, von islamophoben Faschisten über SPIEGEL-Redak­teure bis zu Linken oder Ex-Linken wie dem Zentralrat der Ex-Mus­lime er­klären jedoch die reaktionären Charakterzüge, die diese Religion angeblich oder tatsächlich hat, aus den Buchstaben des Koran, aus den überlieferten Wor­ten des Religi­onsgründers Mohammed. Sie selbst analysieren die Religion dem­nach mit religiösen Methoden, nicht mit den Mitteln der Wissenschaft.

von Claus Ludwig

Wenig überraschend tritt bei solch einer Untersuchung lediglich zu Tage, dass Bü­cher, die 1.400 Jahre oder älter sind, Ideen enthalten, die heute als rückständig be­trachtet wer­den müssen; dass solch alte Schriften nicht die Idee der Gleichbe­rechtigung der Ge­schlechter enthalten, die ein Produkt der gewaltigen Entwick­lung der Produktivkräfte im Kapitalismus sowie der Arbeiter- und der Frauenbe­wegung ist. Wer aus dem Alten und Neuen Testament oder dem Koran zitiert, ohne die darin enthaltenen Verhaltensregeln, moralischen Maßstäbe und Lehr­sätze in den Zu­sammenhang der sozialen Realitäten zum Zeitpunkt ihrer Entstehung zu set­zen, hat den Erkenntnisprozess abgewürgt bevor er begonnen hat.

Religion ist eine Form von Ideologie, im Mittelalter deren nahezu ausschließliche Form, und ist nicht aus sich selbst heraus zu erklären. Sie ist ein Produkt gesell­schaftlicher Kämpfe und Kräfteverhältnisse, spiegelt die Interessen bestimmter Gruppen und Klassen in der Gesellschaft in bestimmten Zeiträumen der Ge­schichte wider. Der islamische Glau­be ist keineswegs ein unbefristet allumfassen­der Weltgeist der Frauendiskriminierung, sondern eine Ideologie, deren gesell­schaftliche Funktion heute grundlegend anders ist als zur Zeit ihrer Entstehung oder, wie es August Bebel ausdrückt, „… dass für jede Re­ligion der Zeitpunkt kommt, in dem sie mit den Kulturbedürfnissen der Menschheit in Widerspruch gerät, weil sie selbst nur ein vorübergehendes Produkt einer bestimmten Kulturperiode ist.“118

Die Frage, was der Islam ist, wie er sich durchsetzen konnte, wie es zur Entste­hung des Fundamentalismus kam, ist keine akademische Frage. Sie hat Auswir­kungen auf die Stra­tegie der revolutionären Kräfte auch im Iran. Wer das Mullah-Re­gime stürzen, die kleri­kale Herrschaft überwinden will, muss eine Massenbe­wegung der Arbeiterklasse, der Bauern und der städtischen Armen aufbauen. Nach wie vor ist der islamische Glaube je­doch in Teilen des Proletariats und der Armen im Iran tief verankert. Einen antireligi­ösen Kampf gegen den islamischen Glauben an sich können sich die „Ex-Muslime“ unter der Führung der Ex-Kom­munistin Mina Ahadi119 leisten, die in Deutschland von reaktio­nären Politikern und bürgerlichen Medien als Stich­wortgeber gegen „falsche Toleranz“ gehätschelt und von islamophoben Rassisten als brave Ausländer120 geduldet werden. Eine re­volutionäre Bewegung im Iran kann dies nicht. Sie muss das Regime bekämpfen und für die Trennung von Staat und Religion eintreten und gleichzeitig ein Ange­bot für die ArbeiterInnen und Armen machen, die mehr und mehr mit dem Regime zu­sammenprallen ohne gleich ihren Glauben aufzugeben.

SozialistInnen diskutieren mit der Arbeiterklasse nicht in erster Linie über das Him­melreich oder dessen Nicht-Existenz, denn dies ist dem Klassenkampf in dieser Welt untergeord­net. Sie diskutieren, wie das Leben im Diesseits revolutioniert werden kann oder wie Karl Marx es formuliert:

„Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirkli­chen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forde­rung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusio­nen bedarf.“121

Diesen Worten ist die berühmte Formulierung von der Religion als „Opium des Volkes“ vorangestellt:

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Vol­kes.“122

Marx geht damit über die bürgerlich-aufklärerische Religionskritik hinaus und der Reli­gion auf den Grund. Diese ist nicht einfach eine billige Droge, welche die Herr­schenden dem Volk geben, damit es sich benebelt. Natürlich wird sie auch so ge­nutzt, aber es wäre ein grobe Vereinfachung, die zur falschen Schlussfolgerung führen würde, der Kampf ge­gen die Religion müsse lediglich im Sinne bürgerli­cher Aufklä­rung betrieben werden. Die Religion ist einerseits die ideologische Form realer ge­sellschaftlicher Prozesse, anderer­seits tief im Volk verankert, weil die Realität die­se Illusionen nötig macht, um erträglich zu sein.

Lenin entwickelt Marx‘ Gedanken weiter:

„Unserem ganzen Programm liegt eine wissenschaftliche, und zwar die materialistische Weltan­schauung zugrunde. Die Erläuterung unseres Programms schließt daher notwendi­gerweise auch die Klarlegung der wahren historischen und ökonomischen Quellen des reli­giösen Nebels ein … Es wäre unsinnig, zu glauben, man könne in einer Gesellschaft, die auf schrankenloser Unterdrückung und Verrohung der Arbeitermassen aufgebaut ist, die reli­giösen Vorurteile auf rein propagandisti­schem Wege zerstreuen. Es wäre bürgerliche Be­schränktheit, zu vergessen, dass der auf der Menschheit lastende Druck der Religion nur Produkt und Spiegelbild des ökonomischen Drucks in­nerhalb der Gesellschaft ist.“123

In die­sen kurzen Sätzen stecken viele Ansätze für das Heran­gehen an religiöse Fragen auch heute. SozialistInnen aus arabischen Ländern, der Türkei und dem Iran weisen darauf hin, dass der Islam sich von den aktuellen Ausprägungen des Christentums, des Bud­dhismus und ande­rer Religionen unterscheidet und anders als diese für die Ar­beiterklasse und die Linke eine konkrete Gefahr darstellt. Auch andere funda­mentalistische Strömungen wie die evangelikalen Christen, wachsen. In Russland gewinnt die orthodoxe Kirche mehr Ein­fluss und verbindet sich mit rus­sischem Nationalismus und imperialem Denken. Die Ge­fahren dieser Entwicklun­gen sind nicht zu unterschätzen. Richtig ist allerdings, dass der Islam eine weit stärkere politische Bedeutung erreicht hat. Die fundamentalistische Interpretati­on des Islams hat Massen­charakter, der islamische Fundamentalismus ist in vie­len muslimischen Ländern die vorherrschende Strömung.

Die reaktionäre Rolle der Religion unter der Herrschaft der Fundamentalisten be­schränkt sich nicht auf Glaube, Moral, Familienleben, sondern ist eine handfeste politische Reali­tät, der auch nicht-religiöse Familien, Viertel, Städte und Re­gionen nicht entkommen können. Die Islamisten haben in Pakistan, Afghanistan, Kasch­mir, Irak, Sudan und anderen Ländern Terror gegen abweichende Meinun­gen, nicht zuletzt gegen die Linke, die Arbei­ter- und die Frauenbewegung ent­facht. Das Khomeini-Regime hat die phy­sische Vernichtung der Linken organi­siert.

Die muslimische Welt hat keine grundlegende Säkularisierung wie Europa erlebt. Der Islam ist einerseits eine mo­notheistische Religion wie andere auch, die Wei­terentwicklung der abrahamiti­schen Religionen Juden- und Christentum. Aber seine Wirkung in der heuti­gen Welt ist anders. Den Grund dafür sucht man ver­gebens in den Suren des Koran. Im Alten und Neuen Testament, Grundlagen des Christentums, lassen sich ebenso viele For­mulierungen finden, die heute als kom­plett reaktionär angesehen werden. Geschicht­lich betrachtet sind im Namen Jesu Christi weit umfassendere Verbrechen als im Namen Al­lahs began­gen worden, über die Kreuzzüge nach Palästina und die völkermörderische Kolonialisie­rung Amerikas bis zu den Weltkriegen des 20. Jahr­hunderts, in denen die Priester die Ka­nonen segneten. Im klerikal-faschistischen, mit Nazi-Deutschland verbündeten Kroatien leiteten katholische Mönche die Konzentrationslager, in denen Oppositionelle, Juden und Serben ermordet wurden.

Die heutige Rolle des Islams ist Produkt des ökonomischen Zurückbleibens der arabi­schen und muslimischen Länder gegenüber dem europäischen und später amerikani­schen Kapitalismus; sie ist untrennbar verbunden mit dem Aufkommen des Imperialismus und der Aufteilung der Welt durch die führenden imperialisti­schen Länder. Die enorme Stärkung des rechten politischen Islam in den letzten 30 Jahren ist wiederum Ergebnis der Nie­derlagen der Linken in der Region, Er­gebnis der verpassten Chancen, den Kapitalismus zu stürzen, des Nichtumsetzens der „Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen be­darf.“

Der Aufstieg des Islam

Die arabische Halbinsel war zu Beginn des 7. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung von der Aufteilung in Stämme geprägt. In der zentralen Karawanenstadt Mekka waren die vielfäl­tigen Götter der Stämme Arabiens um die Pilgerstätte der Ka‘ba gruppiert. Die Stammes­gesellschaft bedingte das Fehlen jeder Rechtssicherheit und führte zur Rechtlosigkeit ge­rade der Armen und der Frauen.

„Verbrechen gegen Menschen außerhalb des eigenen Stammes blieben nicht nur straflos, sondern galten überhaupt nicht als Straftaten … Häufig war es der Fall, dass der Einzelne außerhalb seines Stammes, der sozialen Identität beraubt, keinerlei Schutz und keinerlei Rechte genoss.“124

Diese Rechtlosigkeit stellte ein großes Hindernis für die Entwicklung des Handels dar, denn keine Karawane konnte sicher sein. Gleichzeitig wurden die Stämme durch den wachsenden Reichtum Mekkas und die soziale Polarisierung in der Stadt von innen ausge­höhlt, ihre Werte verfielen. Mohammed, um 570 geboren, war wahrscheinlich als Waise aufgewachsen und lebte bis zur Heirat mit seiner Arbeitgeberin, der reichen Kaufmanns­witwe Chadi­dscha, als eine Art Handelsge­hilfe. Mit seinen Thesen über den einen Gott, Allah, attackierte er ab 610 nicht nur die Ka‘ba als Wallfahrtsort für allerlei Götter, son­dern forderte auch die poli­tische und wirtschaftliche Macht der herrschenden Clans in Mekka heraus. Seine Offenbarungen, die später im Koran zusammengefasst wurden, ent­hielten die Bot­schaft einer sozialen Revolte gegen die Herrschenden in Mekka. Sein einziger, mächtiger Gott, Allah, war das Symbol für die Notwendigkeit, die Zersplit­terung in Stämme zu überwinden, einheitliche moralische und rechtliche Normen für alle zu schaffen:

„Die Spannung zwischen der zivilisierenden Rolle des Handels und dem primitiven und re­aktionären Eifer der Stämme bildet die eigentlich ma­terielle, soziale Basis für den Vorstoß des Propheten Mohammed.“125

„Hierdurch wurden sie (die Ideen von Mohammed) das vorzüglichste Bindemittel, wel­ches die bis dahin zersplitterten, jedes gemeinsamen Handelns baren Stämme vereinigte.“126

In Medina, wohin Mohammed mit seinen Anhängern vor der Unterdrückung durch die Herrschenden Mekkas geflohen war, wurde der Keim einer neuen Ge­sellschaft formiert. Für den Beitritt zur Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, waren ethnische, rassische oder familiäre Herkunft unbedeutend. Alle konnten sich der Bewegung anschließen, die­se revolutionäre Regelung entfaltete in kurz­er Zeit ein enormes Potenzial. Während der Islam heute als Inbegriff der Frauen­unterdrückung gilt und dies schon den Suren des Ko­ran zugeschrieben wird, hat­ten Mohammeds Formulierun­gen eine andere Wirkung. Der barbarische Umgang mit den Frauen in den arabi­schen Stämmen wurde beendet, zum ersten Mal wur­den ihnen überhaupt Rechte zugestanden. Das altarabische Erbrecht wur­de ver­ändert, die Zahl der Ehefrauen begrenzt.

„Die Bestimmungen des Erbrechts verbesserten die Stellung der arabischen Frauen, die vordem kein Erbrecht besessen, wesentlich und machten sie dem Islam geneigt.“127

Entgegen landläufiger Vorurteile führten Mohammed und seine Nachfolger nicht die Verschleierung der Frau ein. Diese war schon vorher in Arabien bekannt. Ei­nige Histori­ker meinen, der Schleier stamme aus dem Iran, wo er ein Symbol für die vor­nehme, wohlhabende Stellung einer Frau war, der türkische Archäologe Dr. Cig führt ihn auf die Tempelpriesterinnen der sumerischen Zivilisa­tion zurück128. Auch christliche und jüdische Tra­ditionen kennen die Verschleie­rung als Symbol für den Reichtum einer Frau. Auch ist für die Zeit nach der großen Expansion des Islam in Nordafrika und ganz Arabien keine umfassende Verschleierung bekannt.129 Es wäre allerdings absurd, von ei­ner Befreiung der Frau zu reden, schließlich ging es um die Etablierung und Festigung ei­ner auf Un­gleichheit beruhenden Klassengesellschaft. Den Frauen wurde die Beziehung zu mehreren Männern verboten, das Patriarchat wurde durch die Regelungen des Koran – auf einem höheren Zivilisationsniveau als in der Stammesgesellschaft – gefestigt.

Innerhalb weniger Jahre bauten Mohammed und die ersten Muslime eine Bewe­gung auf, die von einer Gruppe von Flüchtlingen zu einer sozialen und militäri­schen Realität wur­de, erst die heidnischen Herrscher von Mekka besiegte und dann die gesamte arabische Halbinsel im Sturm nahm. Nach dem Tod Moham­meds eroberten arabische Heere große Territorien der per­sischen und byzantini­schen Großreiche. Diese hatten sich in lang an­haltenden Kriegen erschöpft, ihre Bevölkerung geplündert und terrorisiert. Sie hatten dem Ansturm der arabischen Truppen nichts entgegenzusetzen, weder militärisch noch sozial. Nur 120 Jahre nach dem Tod Mohammeds standen ganz Nordafrika, Spani­en, der gesamte Nahe Osten, Persien sowie Gebiete im heutigen Afghanistan, Pa­kistan und Indien unter muslimischer Kontrolle.

Die heutigen Islam-GegnerInnen erwähnen den Dschihad, den „Heiligen Krieg“ und füh­ren die muslimischen Eroberungen auf Gewalt- und Opferbereitschaft, auf den Fa­natismus der muslimischen Kämpfer zurück, ziehen zu allem Überfluss Ver­gleiche zwischen den ers­ten muslimischen Eroberungen und der Migration von Menschen aus muslimischen Län­dern nach Europa heute. Doch die Vorstellung, dass halbe Kontinen­te rein militärisch er­obert, Dutzende Völker lediglich durch Fanatismus unterwor­fen werden können, liegt auf dem Niveau des Geschichts­verständnisses von San­dalenfilmen aus Hollywood. Byzanz und Persien verloren ebenso wie Rom rund 200 Jahre zuvor gegen die arabischen bzw. germanischen „Barbaren“, weil ihr soziales Sys­tem, die Sklavenhalterge­sellschaft, sozial und ökonomisch verfault war. Die Pro­duktivität lag am Boden, die Land­wirtschaft brach. Die militarisierten Riesenreiche sorgten nicht für Sicherheit, sondern ver­allgemeinerten die Unsicherheit. Der An­sturm der „Barbaren“ war erfolgreich, weil große Teile der BewohnerInnen der alten Reiche diese nicht als fremde Unter­drücker sahen, sondern als Befreier vom despo­tischen Joch.

Die rasche Ausdehnung des Islam ist laut Bebel unter anderem dem Umstand zu­zuschreiben,

„dass die unterworfenen Ungläubigen mit einer im Orient bis dahin unbekannten Milde behandelt wurden und mit verhältnismäßiger Leichtigkeit sich ein gewisses Maß an Frei­heit und Unabhän­gigkeit erkaufen konnten … In scharfem Gegensatz zu den heute in Eu­ropa noch weit verbreiteten Anschauungen, als sei der Mohamedanismus von fanatischer Unduldsamkeit gegen Andersgläubi­ge beseelt gewesen, muss das Gegenteil konstatiert werden.“130.

Der ehemalige Vorsitzende der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans), Abdullah Öcalan, fasst in seinem historischen Überblick „Gilgameschs Erben“ zusammen:

„Für den Islam ist es nicht schwer, nicht nur für die Wüstenstämme, sondern für alle Völ­ker der Imperien dieser Zeit zu einer Inspiration der Erlösung zu werden. Ein wenig Ge­rechtigkeit und Re­spekt vor ihren Kulturen reicht schon aus, um sich Akzeptanz zu ver­schaffen.“131

Errungenschaften des frühen Islam

Der Islam vollendete die geschichtliche Aufgabe, die das Christentum begon­nen hatte, schuf mit der Mobilisie­rung der Menschen aus den Randgebieten der Wüs­te, die bis dahin nicht den großen Reichen unterworfen waren, die militärische und soziale Kraft, welche die Reste der Sklavenhaltergesellschaf zertrümmerte:

„Der Islam erschließt weniger neue Gebiete der Zivilisation, als dass er bis­her von der Zivi­lisation ausgeschlossenen Wüstenaraber und in ähnlicher Position befind­liche Gruppen anderer Völker als frisches Blut der Zivilisation benutzt, die unter seiner ei­genen ideologi­schen Identität erneuert wird. Im Kern der psychologischen Überlegenheit des Islam liegt das Zerbrechen der erniedrigen­den mentalen und moralischen Struktur des Sklaventums und die Etablierung einer neuen Identi­tät, die dem Menschen Ehre, Respekt und Gerech­tigkeit verspricht. Ohne Zweifel hat der Islam die hervorstechendsten militäri­schen und politischen Aufgaben der feudalen Revolution übernom­men.“132

Der Koran formulierte die Interessen der aufsteigenden Händlerklasse. Allah war der ein­zige Gott für alle Stämme und Völker, weil der Handel einen allgegenwär­tigen Gott brauchte, der nicht willkürlich handelt, son­dern allgemein verbindli­che Regeln festlegt. Die Schari‘a war in dieser Phase der sozialen Entwicklung keine Ansammlung grausamer Bestrafungen sondern ein in sich geschlossenes Rechtssystem mit, soweit dies in einer Klassengesell­schaft möglich ist, rechtli­chen Garantien für Alle.133 Große Teile der Stämme und Völker in Nordafrika und dem Nahen Osten schlossen sich der muslimischen Ge­meinschaft freiwillig an. Is­lamische Regierung und Rechtssystem erschienen als Garantie für Handel, öko­nomischen Aufschwung und sozialen Aufstieg.

„Durch die Etablierung verlässlicher Staaten zwischen den großen Produktionszentren wird der Is­lam von Atlantik zum Pazifik, vom Indischen Ozean bis in die Steppen Sibiri­ens zu einer unabding­baren Kraft der Entwicklung der Zivilisation.“134

Die Ausbreitung des Islams schuf stabile Regierungen und ermöglichte eine ge­waltige Ausdehnung des Handels. Wissenschaften wie Medizin, Literatur und Ma­thematik entwi­ckelten sich in den muslimischen Zentren im Übergang zum Hochmittelalter weiter als in Europa. Nichts könnte falscher sein, als den Islam als eine Ideologie zu bezeichnen, die von Beginn an rückständig und zerstöre­risch gewesen sei. Das Kalifenreich war ein hoch organisierter Staat, im gesamten Reich gab es ein entwickeltes Post-, Münz- und Gewichtswesen. Es gab, anders als im zersplitterten Europa, keine Zoll- oder Handelschranken. Mit Staatsgeldern wurden umfangreiche Bewässerungssysteme vor allem an Euphrat und Tigris ge­baut. Die Karawanseraien waren staatlich finanzierte Unterkünfte für Menschen und Tiere, um auch Mittellosen das Reisen zu ermöglichen. Auf dem Gebiet der Land­wirtschaft und Gartenkultur war das islamische Reich weit fortgeschritten, die AraberInnen kultivierten Obstbäume und Gemüsearten wie zum Beispiel den Spargel und machten große Fortschritte bei der Konservierung von Obst und Gemüse.

Ebenfalls wurde eine Kultur der Debatte und der geistigen Auseinandersetzung geför­dert und beeinflusste so die geistige Entwicklung Europas. Dissidenten und Oppo­sitionelle wurden nicht auf den Scheiterhaufen geworfen, sondern durften ihre Ideen öffentlich vorstellen, zumindest während der Blütezeit des Kalifats, bevor das Regime immer despotischer wurde. Es gab verschiedene Sekten und religiöse Gruppen, einige wie die Motaziliten gin­gen so weit, allein die menschliche Ver­nunft zum Maßstab zu erheben und beschrieben den Koran lediglich als das Werk eines von Gott begeisterten Menschen, sahen darin keine göttliche Offenbarung. Die Zahiriten vertraten eine rein materialistische Auffassung, lehnten die Vor­stellung eines Schöpfers ab und sahen im Lauf der Geschichte nur die Umgestal­tung von Materie.135

Es besteht kein Zweifel, dass die europäische Renaissance, das Anknüpfen an den antiken Wissenschaften durch die entstehende bürgerliche Klasse, in jeder Hin­sicht durch die Er­rungenschaften der arabisch-islamischen Wissenschaft, Tech­nik und Kultur entschei­dend befördert wurden. Islamische Expansion und das Kalifat retteten die Kenntnisse der antiken Kultur ins Mittelalter hinüber und trugen dazu bei, die Grundlagen der kapitalis­tischen Entwicklung Europas zu schaffen. Warum aber geriet diese weit entwickelte Regi­on so sehr ins Hintertref­fen, warum erfasste die Aufklärung nicht Persien, das Osmani­sche Reich und Ara­bien? Warum durchlief der Islam keine Reformation, die Region keine grundle­gende Befreiung von der Dominanz der Religion, keine Säkularisierung?

Die Bourgeoisie in Europa

Keineswegs war die starre Ideologie des Islam die Ursache. Dieser war im Hoch­mittelalter weit flexibler als das Christentum. Auch die banale eurozentrische Sicht, das die heute armen Regionen schon immer arm waren, ihre Unterent­wicklung demnach gar nicht er­klärt werden müsse, haben wir oben widerlegt. Aufklärung und Modernisierung in Euro­pa sind nicht vom Himmel gefallen, wa­ren nicht die Erkenntnis schlauer Menschen. Neue Ideen brauchen einen Träger, eine soziale Klasse, welche die Ideen entwickelt und sie in materielle Realität um­setzt. Aufklärung und Säkularisierung sind Ausdruck der Interessen der Klasse der Kapitalisten, der Bourgeoisie. Sie sind ihre Waffen im Kampf ge­gen die Herrschaft von Adel und Feudalherren, zur Herausbildung kapitalistischer Pro­duktionsverhältnisse, von Nationalstaaten und kolonialer Expansion.

Kein islamisches Land hat diese bürgerliche Klasse hervorgebracht. Während das rück­ständige, bornierte, karge, zersplitterte Europa vom 13. bis zum 19. Jahrhun­dert Umwäl­zungen und Bürgerkriege erlebte, sich in den Städten neue Schichten und Klassen for­mierten und um die Macht kämpften, sich Produktion und Vertei­lung änderten, hatten die Machtkämpfe, Kriege und Eroberungen in Persien und dem Osmanischen Reich kei­ne größeren Folgen für die Produktions- und Herr­schaftsverhältnisse. Bauernaufstände entwickelten sich nicht zu machtvollen Klassenkämpfen – ihnen fehlten sowohl der ver­armte Landadel als auch die städ­tischen Bürger als Bündnispartner – sondern blieben re­gional begrenzt und scheiterten an der Repression der mächtigen Zentralreiche. Statt zu Revolutio­nen kam es lediglich zu kläglichen Palastrevolten und der Ablösung der einen Dy­nastie durch die nächste:

„Die … Epoche vom 15. bis zum 20. Jahrhundert lässt sich für die islamischen Gesellschaf­ten als eine undurchdringliche Finsternis beschreiben. Nirgendwo lässt sich ein Anzeichen von Entwicklung ausmachen.“136

Die islamische Ausdehnung leistete zwar einen wichtigen Beitrag zur Beseitigung der Sklavenhaltergesellschaft und zur Durchsetzung feudaler Verhältnisse, doch die Produk­tionsverhältnisse im Kalifat und seinen Nachfolgereichen waren ge­nau genommen nicht feudalistisch. Stattdessen herrschte in den islamischen Staaten die von Karl Marx so ge­nannte „asiatische Produktionsweise“.

Der europäische Feudalismus war gekennzeichnet durch die abhängige Bauern­schaft, welche gegenüber den einzelnen Feudalherren zu Abgaben verpflichtet und an den Boden ge­bunden war. Die Zentralmacht war schwach entwickelt, es gab kei­ne einheitliche Recht­sprechung oder Währung. Die Städte waren keine Verwal­tungszentren großer Reiche, keine großzügig angelegten architektonischen Wunder wie in den islamischen Staaten, waren viel kleiner als Bagdad, Córdoba oder Isfahan. Aber sie hatten ein höheres Maß an Unabhängigkeit. In ihnen ent­wickelten sich Formen der Produktion, die sich von der agrarischen Wirtschaft lösten, entwickelten sich über Handwerk und Handel neue Klas­sen, die mehr und mehr in offenen Interessengegensatz zu Feudalherren, Königen und Kirche gerie­ten. Die Bourgeoisie, die sich zuerst in den norditalienischen Stadtstaaten zu ei­ner neuen Klasse formierte, wurde zum Gegengewicht gegen Kirchen und König­tum und beschränkte zunehmend deren Macht.

Die asiatische Produktionsweise ist im Gegensatz zum europäischen Feudalismus von ei­ner starken Zentralmacht geprägt, die während des historischen Aufstiegs eines Landes in der Lage ist, große Infrastrukturmaßnahmen auf den Weg zu bringen. Oftmals, aller­dings nicht im Fall des Iran, ist die im großen Maßstab or­ganisierte Bewässerung ein Kennzeichen der asiatischen Produktionsweise. Statt unabhängiger und vielfältiger Zwi­schenklassen existieren große Bürokratien oder Aristokratien, welche in den Provinzen die Zentralmacht vertreten und für die Eintreibung von Steuern zuständig sind. Die bäu­erlichen Massen sind nicht gegenüber den einzelnen Feudalherren tributpflichtig, son­dern gegenüber dem Reich. Ein Teil des bäuerlichen Mehrprodukts wird direkt durch die bürokrati­schen Vertreter der Zentralmacht angeeignet. Das führt dazu, dass sich der Klas­senkampf zwischen den Bauern und den Herrschenden als Kampf um die Höhe der Steuern entwickelt.

In der Phase der islamischen Expansion wuchsen auch die Staatsfinanzen. Durch das Sys­tem, Steuern zuerst nur von tributpflichtigen Nicht-Muslimen zu kassie­ren und diesen dafür ihre religiösen und kulturellen Freiheiten zu belassen, floss reichlich Geld in die staatlichen Kassen. Doch daraus resultierte auch eine hohe Bereitschaft, zum Islam zu konvertieren. Zur Finanzierung des umfangreichen staatlichen Apparates mussten schon bald indirekte Steuern von allen erhoben werden:

„Früher waren im Kalifenreich Konsumsteuern unbekannt, diese wurden jetzt in ausge­dehntem Maße erhoben … es kam vor, dass die verschiedenen Steuern mehr als die Hälfte des Bodenertrages oder des Einkommens verschlangen.“137

Viele islamische Städte waren prächtig, aber zu groß. Der Aufwand zu ihrer Er­nährung und Finanzierung war enorm, zu große Anteile des Mehrprodukts wur­den für die Auf­rechterhaltung von Staatsapparat, Bürokratie und – vor allem während des lang dauern­den Niedergangs des Osmanischen Reiches – für den Hof, den Luxus einer kleinen Schicht von Herrschenden verbraucht:

„Als die Produktivität stagniert, wird es immer schwerer, die Existenz der in Anzahl und jeweiliger Größe rapide gewachsenen Städte aufrechtzuerhalten. Übermäßige Verstädte­rung und hohe Le­benshaltungskosten sind einer der zentralen Faktoren des Zerfalls.“138

Dieses System führte dazu, dass die Anreize, die Produktivität zu steigern, sehr gering waren. Die Bauern litten unter der Belastung durch Abgaben. Die Provinz-Bürokratien trieben das Geld für den Zentralstaat ein, behielten aber immer mehr für sich selbst. Die Macht des Kalifats und seiner Nachfolger verfiel fak­tisch. Nominell war das Osmanische Reich während seiner Stagnation ein hoch zentralisierter Staat, faktisch schwand die Kontrolle über die Provinzen. Die örtli­chen Bürokratien konnten sich nicht zu einer un­abhängigen Klasse entwickeln. In Europa existierte ein Landadel, der auf der Grundlage der Kleinstaaterei den Spielraum besaß durch Raub und Betrug seinen Besitz zu vergrö­ßern. Die Büro­kraten in den Osmanischen und Persischen Reichen zogen ihre Vorteile aus der Bewahrung des status quo. Natürlich gab es auch in Persien und Arabien Klassen­kämpfe. Aber diese führten nicht zu Durchbrüchen. Die Städte konsumierten, es entwi­ckelte sich dort keine unabhängige Klasse von Handwerkern und Händ­lern, welche den Kampf mit der Zentralmacht führen konnten. Die Rebellion der Bauern kehrte periodisch wieder, erschütterte die Gesellschaft jedoch nicht.

Die Dynamik des kulturell primitiven europäischen Feudalismus wird am Beispiel der iberischen Halbinsel besonders deutlich. Ohne Zweifel hatte die islamische Eroberung der Region einen großen kulturellen Aufschwung verschafft. Bebel er­wähnt die Hygiene, die Architektur, den hohen Bildungsgrad, die Stellung der Frau im arabischen Reich auf spanischem Boden und die Lage der Juden:

„Am wohlsten befanden sich in Spanien die Juden im Gegensatz zu den Zeiten ihrer Ver­folgung und Unterdrückung durch die Christen; sie erwiesen sich den Arabern sehr dank­bar und wurden die eifrigsten Verfechter der neuen Ordnung der Dinge.“139

Den christlichen spanischen Feudalherren und der Kirche gelang jedoch über Jahrhun­derte eine Mobilisierung vor allem der armen christlichen Massen gegen die maurisch-is­lamische Besetzung. Ab dem 8. Jahrhundert bis 1492 lief die Re­conquista, die christliche Rückeroberung Spaniens. Das Bildungs- und Kulturni­veau des christlichen Widerstandes lag weit unter dem der Mauren. So wurde Ba­den von den Christen als heidnische Sitte be­trachtet, öffentliche Bäder daher zerstört. Bei der Eroberung islamischer Städte wurden Hochschulen und Biblio­theken gebrandschatzt, allein Kardinal Ximenes rühmte sich, die Vernichtung von einer Million Bücher angeordnet zu haben.140 Muslime und Juden, die am Besten ausgebilde­ten und fähigsten BewohnerInnen, wurden ausgeraubt und außer Landes gewiesen. Vor allem Juden waren mörderischen Verfolgungen ausgesetzt. Die Vernich­tung von Kultur und Wissen und die Vertreibung der Muslime und Juden führte zum schnellen Verfall Spaniens, seiner Wirtschaft, seiner Städte.

Und doch war die Reconquista ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung des Kapita­lismus. Die spanischen Ritter waren oft analphabetische Lumpen, auf niedrigem kulturellen Ni­veau, getrieben von der Aussicht, bei der Plünderung reiche Beute zu machen. Doch sie bildeten eine enorm dynamische soziale Schicht, waren Abenteurer und Raubritter. Die Beute aus der Plünderung des eroberten islami­schen Kalifats schwand schnell, doch die spanischen Ritter entwickelten sich zu Konquistadoren, zu den Eroberern und Plünde­rern Lateinamerikas.

Abenteurer wie Pizarro und Hernandez mordeten sich durch das Reich der Inka, der Azteken und andere in Teilbereichen hoch entwickelten Imperien, die auf einer sehr starren Variante der asiatischen Produktionsweise basierten und führten deren schnellen Zusammenbruch herbei. Sie wurden da­mit zu wichtigen Exekutoren der ursprünglichen kapitalistischen Akkumulation, der Anhäufung von – meist durch Raub zusammengerafftem – Kapital in den Händen der Unternehmer und Bankiers in Europa. Spanien und Portugal selbst verarmten in kurzer Zeit und sanken zurück in mittelalterli­che Dumpfheit. Aber das Silber, was die spanischen Eroberer durch die Sklavenarbeit von Millionen In­digenen den Anden entrissen, bildete den Grundstock für die Herausbildung großer kapitalistischer Unternehmen zuerst in England und Holland, den wahren Profi­teuren der Eroberung Lateinamerikas.

Die wissenschaftlichen und künstlerischen Errungenschaften der islamischen Mauren in Spanien verschwanden in kurzer Zeit, zu starr war ihre Gesellschaft. Die kulturlosen Zer­störer der Reichtümer von Granada und Córdoba, der arme Landadel Spaniens hingegen, spielten ihre Rolle als Geburtshelfer des Kapitalis­mus und damit einer weiter entwickelten Stufe der Kultur.

Säkularisierung von oben

In den früh entwickelten kapitalistischen Ländern, in denen eine revolutionäre Bourgeoisie entstand, waren und sind die Ideen der bürgerlichen Gleichheit und der Trennung von Staat und Kirche in den Massen tief verankert. In der ersten großen bür­gerlichen Revolution Mitte des 17. Jahrhunderts in England mobilisierte die Bourgeoisie noch mit religiösen, protestantischen Parolen. Doch die New Model Army des Kriegsherrn des Parlaments, Oliver Cromwell, war in ihrem Kern kei­ne religiös-sektiererische Truppe, sondern eine po­litische Armee, eine Klassenar­mee, zur Durchsetzung bürgerlicher Normen und der kapi­talistischen Produkti­onsweise. Die Heere der französischen Revolution ab 1789 brauchten die Sprache der Religion nicht mehr, sie kämpften offen unter den bürgerlichen Parolen von Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit.

Es dauerte bis tief ins 20. Jahrhundert, bis auch in den rückständigen europäisch-christli­chen Ländern die Macht der Kirchen entscheidend eingeschränkt wurde, zuletzt im nach-frankistischen Spanien, in der die Kirche während der faschisti­schen Diktatur von 1936 bis 1975 eine wichtige Rolle bei der Herrschaftssiche­rung spielte. Auch in Europa existieren heute viele Formen von religiösem Ob­skurantismus, in rückständigen Regionen übt die Kirche weiterhin ihre Macht aus, gehört auch immer noch zu den größten Grund­besitzern. Im ökonomisch mächtigsten Staat Europas, Deutschland, ist bis heute nicht die vollständige Trennung von Staat und Kirche vollzogen, dort kassiert der Staat die Kirchen­steuer und in staatlichen Schulen werden christliche Lehren im Unterricht ver­breitet. Doch ohne Zweifel gibt es zur Zeit kein Land christlicher Tradition, in der die Errich­tung einer klerikalen Diktatur durch eine fundamentalistisch-christli­che Strömung droht.

Dies hat jedoch nichts, aber auch gar nichts mit dem Charakter der christlichen Religion zu tun. Der mittelalterliche Katholizismus war totalitär, hat eine geistige Schre­ckensherrschaft über die Bauernmassen ausgeübt. Der frühe Protestantismus hat keineswegs die Philoso­phie bereichert, sondern war intellektuell vernagelt. Sein Verdienst besteht vor allem darin, die Tür geöffnet und die Allmacht der katholi­schen Kirche gebrochen zu haben. Die umfassende und tief gehende Säkularisie­rung der Massen in Europa ist Produkt des revolutionären Wirkens der Bourgeoi­sie und des Anknüpfens der Arbeiterbewegung an den Ideen der Aufklärung. Die europäischen Länder durchliefen daher mindestens zwei Wellen der Säkularisie­rung, erst unter der aufstrebenden Kapitalistenklasse, dann, gründlicher, bewuss­ter, mit dem Aufstieg der Arbeiterbewegung. In der islamischen Welt fehlte jede revolutionäre Bourgeoisie und damit deren Ideenwelt.

Aufklärung, Säkularisierung und bürgerliche Ideologie traten den islamischen Ländern von außen entgegen, in Form des kolonial-imperialistischen Strebens der weiter entwi­ckelten kapitalistischen Staaten, und später in Form von büro­kratischen, teils repressi­ven Maßnahmen der eigenen herrschenden Elite. Der daraus resultierende Widerstand gegen die imperialistische Ausbeutung entwi­ckelte eine widersprüchliche Form. So nahm im Iran die schiitische Geistlichkeit an diesem Widerstand teil. Anstatt immer unwichti­ger zu werden, wurde ihre po­litische Rolle in der Gesellschaft gestärkt. Als 1890 die schwache und korrupte iranische Herrscherfamilie der Kadscharen der britischen Imperial Tobacco Corpo­ration of Persia das Tabakmonopol für 50 Jahre übergab, führte das zur ersten Massenbewegung im modernen Iran, zu einem erfolgreichen Tabakboykott. Da­bei verbündete sich das kleine städtische Bürgertum mit der schiitischen Geist­lichkeit. In Abwesenheit einer starken nationalen Bourgeosie „fiel der schiitischen Geistlichkeit eine gewissermaßen ,nationale‘ Rolle zu: die des Hüters der Be­lange der iranischen Bevölkerung gegen ausländische Einflüsse einerseits, gegen die Konzessions­vergabe und Modernisierungsversuche der Kadscharenschahs andererseits.“141

Im Iran und der Türkei wurde versucht, eine Modernisierung von oben durchzu­setzen. Mit den Atatürkschen Reformen der 20er Jahre wurden europäische Rechtsnormen und das lateinische Alphabet eingeführt. Die Trennung von Staat und Religion wurde formal sehr scharf durchgesetzt, bis hin zum Verbot für Stu­dierende und Beamte, in öffentli­chen Gebäuden das Kopftuch oder osmanische Kopfbedeckungen wie den Fez zu tragen. Der Kemalismus, die türkisch-nationa­listischen, laizistischen Ideen des Präsidenten Mustafa Kemal Pascha, genannt Ata­türk, wurden zur offiziellen Ideologie des militärisch-bürokra­tisch geprägten Einparteienstaates. Doch tiefe Wurzeln schlugen diese Reformen bei den Bauern­massen nicht. Lediglich die dünne städtische Schicht, die eng mit dem kemalisti­schen Staatsapparat verbunden war, fühlte sich mit diesen Ideen eng verbunden. Erst die großen Klassenkämpfe der jungen und dynamischen Arbeiterbewegung der Türkei ab Mitte der 1960er Jahre führten dazu, die Vorherrschaft traditioneller is­lamischer Ideen bei den Massen zurück zu drängen und moderne Werte und Ide­en bei den Bauern und Arbeitern zu verankern. Die Säkularisierung in der Türkei hatte die Form bürgerlich-demokratischer Ideen überwunden, Aufklärung und Modernisierung erschie­nen den Massen in Form sozialistischer Ideen.

Im Iran versuchte der neue, selbst ernannte Schah Reza Khan eine kapitalistische Mo­dernisierung des Landes ab 1925 durchzusetzen. Er verbot den Schleier und schränkte die Tätigkeit der Geistlichen ein. Doch er und ab 1941 sein Sohn stütz­ten sich nicht auf eine breite soziale Basis, sondern auf eine dünne Schicht von Unternehmern, einen großen Beamten- und Militärapparat und – bis Anfang der 1960er Jahre – auf die Großgrundbesit­zer. Sie traten den armen Massen als Beauf­tragte der imperialistischen Ausbeutung des Landes entgegen. Das Verbot des Schleiers ließ sich nicht durchhalten, vor allem Frauen aus ärmeren Schichten trugen diesen weiter. Der erste ernsthafte Versuch, die Verhält­nisse auf dem Land zu verändern, die Weiße Revolution der frühen 60er Jahre, führte zu er­bittertem Widerstand der schiitischen Geistlichkeit. Diese bekämpfte die Agrare­form zwar aus reaktionären Gründen, konnte aber wegen ihres Widerstandes ge­gen das verhasste Pahlavi-Regime auch bei den armen Schichten an Ansehen ge­winnen.

Auch im Iran war es vor allem die Entwicklung der Arbeiterbewegung, das Wachstum der Tudeh-Partei nach dem 2. Weltkrieg und die Entwicklung der Fe­dayin sowie der studenti­schen Gruppen in den 1970er Jahren, welches die Ideen­welt von Teilen der Arbeiterklasse und der Bauern sowie der städtischen Intellek­tuellen grundlegend und tiefgehend modernisierten und säkularisierten. Nicht der Schah, seine modernen Technokraten und die schwache, vom Imperialismus abhängige Bourgeoisie waren in der Lage, das Denken der Volksmassen entschei­dend zu modernisieren, nur die Arbeiterbewegung hatte diese geistige Kraft.

Niederlagen der Arbeiterbewegung

In der Periode nach dem 2. Weltkrieg entstanden im Nahen Osten kommunisti­sche Mas­senparteien, meist moskau-stalinistischer Prägung. Linke Ideen domi­nierten die öffentli­che Diskusssion, der politische Islam spielte nur eine Neben­rolle. In einer Reihe von Ländern ergaben sich Möglich­keiten für die Arbei­terklasse, den Kapitalismus zu stürzen. Diese Möglichkeiten wurden nicht genutzt, weil die KPen sich nur als Hilfstruppe ihrer bürgerlichen Bündnispart­ner sahen. Die starke Kommunistische Partei des Irak sah ab 1958 den nationalis­tischen General Qa­sim als Repräsentanten des bürgerlichen Fortschritts, als „al­leinigen Führer“ und blieb politisch in seinem Schlepptau. Sie verschob, „in einem Kniefall vor Moskau, das den Irak nur als Handelsmasse im Kalten Krieg ansah“, die Ver­staatlichung der Ölindustrie. Bis 1963 verlor sie ihre Basis und konnte nach dem Putsch der Baath-Partei blutig unter­drückt werden.142 Im Iran versagten Tudeh-Partei und Fedayin 1978/79 dabei, die Khomeini-Bewegung korrekt zu analysie­ren und ein unabhängiges Programm für eine Machteroberung der Arbeiterklas­se zu entwickeln.

Der sogenannte „arabische Sozialismus“ der bürokratischen und Militär-Eliten um Nasser in Ägypten oder die Baath-Parteien in Irak und Syrien war kein Sozialis­mus, sondern Na­tionalismus. Die Regime dieser Prägung waren nicht willens, den Kapitalismus zu stür­zen, in der Folge blieb auch ihr Panarabismus, die Idee, Ara­bien politisch und ökono­misch zu einigen, wirkungslos, weil alle Regime sich auf ihren eigenen Staatsapparat und ihre nationale Kapitalistenklasse stützten. Irak, Ägypten und Syrien entwickelten sich zu Diktaturen gegen das einfache Volk; Saddam Hussein organisierte im Irak eine brutale national-religiöse Unter­drückung von Kurden und Schiiten bis hin zum Massenmord. Die Enttäuschung mit dem für links gehaltenen Panarabismus führte dazu, dass der Wider­stand ge­gen die Regime z.B. in Ägypten, Algerien und Teilen des Irak sich auf islamisti­sche Ideen beruft.

In Palästina erwies sich die weltlich orientierte, bürgerlich-nationale Führung um Ara­fats PLO als korrupt und unfähig, die Befreiung der besetzten Gebiete und überhaupt ir­gendeinen Fortschritt zu erreichen. Die linken Organisationen wie die PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas), die Anfang der 1970er Jahre noch über einen großen Einfluss ver­fügten, hatten kein von der PLO unabhängiges Programm. Sie blieben im Rahmen des Na­tionalismus, waren nur „radikaler“ in ihren Kampfmethoden und trieben den indivi­duellen Terrorismus auf die Spitze. Dieser politische Bankrott führte dazu, dass in Palästina islamistische Gruppen wie die Hamas einen Massenanhang gewannen.

Die islamischen Länder waren nicht immer von fundamentalistischen Strömun­gen domi­niert. Während des Aufschwungs der Arbeiterbewegung wurden religi­öse Ideen in den Hintergrund gedrängt, blieben aber vor allem in der Landbevöl­kerung, den Mittelschich­ten sowie bei den städtischen Armen verankert. Die verpassten Chancen der Arbei­terbewegung, der Niedergang der arabisch-natio­nalen Regime sowie die Unfähigkeit der bürgerlich-nationalen und linken Orga­nisationen, bezüglich der Befreiung vom Imperia­lismus Fortschritte zu machen, führten zu einer Diskreditierung bürgerlich-demokrati­scher und sozialistischer Ideen. Der Zusammenbruch der stalinistischen Staaten Osteuro­pas vertiefte diese ideologische Krise. In dieses Vakuum stießen die Islamisten. Das führte zu einer religiösen Durchdringung auch in Ländern, in denen die Stärke linker Ideen die Dominanz weltlicher Ideen ermöglicht hatte, wie im Irak und in Palästina.

Verstärkt wurde dieser Prozess durch die weltweite Durchsetzung neoliberaler Verhält­nisse. Der Abbau staatlicher Dienste und Subventionen vertiefte erneute die massenhafte Armut im Nahen Osten. Dies nutzen islamistische Organisatio­nen, finanziert von reichen Hintermännern z.B. in Saudi-Arabien und den Golf­staaten. Sie boten gut ausgestattete Koranschulen als Alternative zu qualitativ schlechten staatlichen Schulen an, organisier­ten Hilfen für die Armen, als die Staaten ihre Sozialleistungen und Subventionen kürz­ten. Diese Methoden setzen Islamisten auch in Europa ein, im Nahen Osten entfalteten sie eine größere Wir­kung.

Die westlichen Staaten, vor allem der US-Imperialismus, sahen die Islamisten als kleine­res Übel und setzten sie ab Mitte der 1970er Jahre bewusst gegen die Linke und den Sowjet­block ein. In Afghanistan wurden die reaktionären Mudschahedin vom CIA ausbildet und fi­nanziert, um das mit der Sowjetunion verbündete stali­nistische Regime zu zerschlagen. Dieses hatte erstmals Freiheitsrechte für die af­ghanischen Frauen eingeführt – wenn auch mit komplett falschen, stalinistischen Methoden. Frankreich ließ Khomeini wäh­rend des revolutionären Aufstandes 1979 in den Iran reisen, seine Reden wurden auf per­sisch in den Iran hinein ge­sendet. Für den Imperialismus war der Ayatollah das kleinere Übel verglichen mit einer erfolgreichen Arbeiterrevolution im Iran. Die türkischen Putschgenerä­le von 1980 zerschlugen die Linke gewaltsam und gaben islamistischen Gruppen den Spielraum, das geistige Vakuum zu füllen, was die Linke hinterließ. Sie schwächten das staatliche Bildungswesen und erweiterten die Möglichkeiten für Koran-Schulen.

In den islamischen Ländern fehlt die ökonomische und Klassenbasis für eine Auf­klärung bürgerlichen Typs. Nur eine neu aufzubauende sozialistische Arbeiterbe­wegung wird in der Lage sein, eine geistige Modernisierung dieser Länder herbei­zuführen. Der afghani­sche Intellektuelle Nadschim ud-Din Bammat schrieb 1959:

„Der heutige Islam muss eine Reihe von Revolutionen gleichzeitig durchleben: eine religi­öse Revo­lution wie die Reformation; eine intellektuelle und moralische Revolution wie die Aufklärung des 18. Jahrhunderts; eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Revolution wie die europäische indus­trielle Revolution des 19. Jahrhunderts.“143

Hinzugefügt werden muss, dass all diese Aufgaben heute zusammenwachsen in der Auf­gabe der Arbeiterklasse, den Kapitalismus abzuschaffen. Ohne diesen Kampf werden die islamischen Länder Horte der Rückständigkeit bleiben.

Massenreligiosität im Iran

Teile der iranischen Bevölkerung, vor allem Frauen und Jugendliche, hassen das islamis­tische Regime aus tiefem Herzen. Die Grausamkeiten, die Lügen, die Bor­niertheit sind für viele kaum auszuhalten. Die weite Verbreitung moderner Kom­munikation und das rela­tiv hohe Bildungsniveau machen den Widerspruch zum Regime des mittelalterlichen Stumpfsinns nur schärfer. Das Mullah-Regime weist in seiner totalitären Ausprägung Ele­mente auf, die denen des Faschismus ähnlich sind. Die Basidschi-Schläger, rekrutiert aus är­meren Schichten, finanziell vom Re­gime unterstützt, erinnern an die SA, Pasdaran und andere „Sittenwächter“ be­spitzeln die Bevölkerung wie Blockwarte.

Es sind vor allem diese Frauen und Jugendlichen, welche eine Speerspitze des Kampfes gegen das Ahmadinedschad-Regime bilden. Sie waren am Beginn auf der Straße, sie haben geholfen, die Proteste zu radikalisieren, sie haben geholfen, dass nicht nur der Ruf „Wo ist meine Stimme?“ durch die Straßen von Teheran, Täbris und Isfahan schallt, sondern dass auch gerufen wird „Nieder mit der islami­schen Republik“ oder „Tod dem Diktator“. Viele von ihnen hassen nicht nur das Re­gime, sondern auch die islamische Religion. Das ist verständlich und die Forde­rung nach Trennung von Staat und Religion ist zentral. Al­lerdings müssen wir davon ausgehen, dass breite Schichten der iranischen Bevölkerung – gerade der Landbevölkerung und der städtischen Armen – sich als islamisch sehen. Ahmadinedschad ist nicht der Schah. Auch er stützt sich in erster Linie auf Repression und Angst, aber gleichzeitig verfügt er über eine breitere gesellschaftliche Basis als der Schah 1978.

Den politisch bewussten Schichten der Jugend, der Frauen und der ArbeiterInnen fällt daher eine besondere Verantwortung zu: Während sie entschlossen gegen die klerikale Dikta­tur kämpfen, sollten sie nicht der Versuchung erliegen, einen Kampf gegen die Gläubigen selbst zu führen. Während es wichtig ist, dass Frauen das Kopftuch ab­legen, um ihre Unabhängigkeit von der Diktatur zu demonstrie­ren, sollte das Ablegen des Kopftuches nicht als Bedingung definiert werden, um als Verbündete im Kampf akzep­tiert zu werden. Das führt uns zurück an den An­fang des Kapitels, zu Lenins For­mulierungen. In seinem schon oben zitierten Text „Sozialismus und Religion“ heißt es weiter:

„… Die Einheit dieses wirklich revolutionären Kampfes der unterdrückten Klasse für ein Paradies auf Erden ist uns wichtiger als die Einheit der Meinungen der Proletarier über das Paradies im Himmel …“

Nach Lenin dürfe nicht zugelassen werden, dass der revolutionäre Kampf ge­schwächt werde „… um drittrangiger Meinungen oder Hirngespinste willen (…), die rasch jede politische Be­deutung verlieren und durch den ganzen Gang der ökonomischen Entwicklung bald in die Rumpel­kammer geworfen werden …“144

Rukhsana Manzoor vom Socialist Movement Pakistan, der pakistanischen Sektion des CWI, konkretisiert dies in Bezug auf die im Iran und in Europa viel diskutierte Frage des Schleiers:

„Medien, Politiker und religiöse Führer versuchen den Eindruck zu vermitteln, dass (der Schlei­er) die zentrale Sache für die Frauen ist …. Aber das Entscheidende für die Frauen ist nicht der Schleier sondern die Notwendigkeit sich von Ausbeutung und entsetzlichen Lebensbedingun­gen zu befreien … Häusliche Gewalt, soziale, politische und wirtschaftliche Diskriminierung, Arbeitslosigkeit, Ar­mut, Hunger, Bildung, Gesundheit und geschlechtliche Diskriminierung sind die zentralen Proble­me, denen sich die Frauen aus der Arbeiterklasse gegenüber sehen – mit Schleier und ohne.“145

Dies ändert nichts daran, dass jeder Kampf der Frauen gegen den Schleier- und Kopftuch­zwang unterstützt werden muss, dass dieser Kampf gerade im Iran zu einem wichtigen Symbol werden kann. Aber aus dieser Analyse folgt, dass Sozia­listInnen es nicht zur Bedin­gung eines gemeinsamen Kampfes machen, die Ver­schleierung als Problem zu sehen, dass sie dafür streiten, dass diese Frage nicht die Klassenfrage überdeckt. Die Wirt­schaftskrise, Kürzungen und Privatisierun­gen werden zu Angriffen auf die Arbeiterklasse und zu Möglichkeiten des Wider­standes führen, auch religiöse Schichten geraten mehr und mehr in Gegensatz zum Regime. Es ist die Aufgabe der sozialistischen Kräfte in der Bewegung, Lo­sungen und Strategien vorzuschlagen, welche die zentralen demokrati­schen For­derungen mit den sozialen Interessen der Arbeiterklasse verbinden. Entschei­dend bleibt, die Gemeinsamkeiten der Klasse zu betonen, über religiöse Grenzen hinaus.

Islamophobie in Europa

Die Frage des Islams ist nicht nur für den Kampf im Iran wichtig. Für iranische ExilantInnen hierzulande aber auch für die Linke insgesamt stellt sich die Frage, wie mit dem Islam in Europa umzugehen ist. Während der Fundamentalismus im Iran, Mittelasien und Arabien eine reale Ge­fahr für die Arbeiterbewegung und die Linke ist, basieren die Warnungen vor ei­ner „Islamisierung Europas“ auf Hysterie oder dem Kalkül, dieses spaltende The­ma in den Vordergrund zu schieben.

Das offensichtlich Reaktionäre am Fundamentalismus wird von bürgerlichen Po­litikern und vielen Medien gezielt benutzt, um damit die ganze Religion, deren An­hängerInnen und die EinwanderInnen aus vorwiegend muslimischen Ländern, ungeach­tet ihres persönlichen Glaubens, zu diskreditieren. Dem Islam insgesamt werden Phänomene zugeschrieben, die wie Terroranschläge nur von extremen Funda­mentalisten gutgeheißen werden. Dem Is­lam zuge­schriebene frauenfeindliche Elemente wie die Verschleierung, die Ab­schottung der Töchter, die aggressive Diskrimierung Homosexueller, die soge­nannten „Ehrenmorde“, sind hingegen keine originär islamischen Regeln, sondern sind – in unter­schiedlicher Ausprä­gung – Elemente vieler feudaler, patriarchali­scher Gesellschaften.

Die meisten rassistischen und faschistischen Gruppen sind in Richtung des Kamp­fes ge­gen den Islam umgeschwenkt. Angesichts der unleugbaren Realität der mul­tiethnischen Gesellschaften und der strukturellen Schwäche des klassischen Ras­sismus nutzen die Rechten das Thema, um breitere Schichten zu erreichen. Die Feindschaft gegen den Islam ist die freundlich-liberale Maske, hinter der die Frat­ze des Rassismus steckt.

Einige der unzähligen „Islam-Gegner“, welche das Internet bevölkern, mögen es ernst meinen mit Liberalität, Gleichberechtigung von Frauen und Ablehnung von Antisemitis­mus. Doch wer glaubt, eine Form von Diskriminierung fördern zu kön­nen und die ande­ren dabei zurückzudrängen, der täuscht sich. Die „Islam-Kri­tikerInnen“ aus dem liberalen oder ex-liberalen Lager wie Ralph Giordano oder Necla Kelek machen einen Denkfehler. Sie denken, sie könnten gnadenlos auf die islamische Reli­gion eindreschen und am Ende würde damit nur die „Islam-Kritik“ gestärkt. Tatsäch­lich führt die aggressive „Islam-Kri­tik“ zur Ethnisierung der gesamten politischen De­batte und trägt Antisemitismus und Rassismus im Huckepack. Sie sagen „Islam“, aber bei denjenigen, die offen dafür sind, na­tionale oder religiöse Gruppen für soziale und politische Missstände verantwortlich zu machen, kommt was anderes an. Diese ma­chen nicht den feinen Unterschied zwischen Arabern und Juden, für sie ist die Agita­tion gegen Muslime eine Bestätigung ihrer Abnei­gung gegen „Ausländer“, „die Tür­ken“ oder „die Verrückten aus dem Nahen Osten“. Gruppen wie ProNRW und das Islamhasser-Blog Politically Incorrect machen sich dies bewusst zu Nutze. Sie sehen die Propaganda gegen Moscheen, Minarette und den Is­lam als Einfallstor, um grundlegend rassistische Ideen zu verbreiten und den Hass gegen Nicht-Deut­sche zu steigern. „Antideutsche“ und bürgerliche „Islam-KritikerInnen“ hingegen be­fördern dumpf-deutsche Ideen zumeist durch ihre Ignoranz.

Die Gleichsetzung der Fundamentalisten mit dem Islam ist von bürgerlichen Poli­tikern und Medien nach 9/11 vorangetrieben worden, um die Kriege in Afghanis­tan, Irak und anderswo ideologisch abzusichern. In Deutschland spielt die Anti-Islam-Propaganda auch bei der Debatte um Bil­dungschancen und Arbeitslosigkeit eine Rolle. So sollen „Bildungs­ferne“ und „mangelnde Integration“ junger Men­schen aus muslimischen Ländern angeb­lich für deren schlechten Ausbildungs­stand verantwortlich sein, nicht etwa die Unterfi­nanzierung des Bildungswesens, die frühe Auslese in den deutschen Schulen, die Arme und MigrantInnen benachtei­ligt, die Diskriminierung bei der Jobsuche. Die Hetzreden des ehemaligen Berliner Finanzsenators Sarrazin (SPD) gegen Ara­ber und Türken146 verbinden Islamopho­bie mit offenem Klassenhass eines Kapital­vertreters gegen die Armen und ha­ben seitens vieler Zeitungskommentatoren und bürgerlicher Politiker Zustimmung be­kommen.

MarxistInnen fordern von den MigrantInnen nicht die „Integration“ in die deutsche Ge­sellschaft. Sie fordern gleiche Rechte, gleiche Freiheiten, gleichen Respekt für alle. Und argumentieren für die gegenseitige Integration deutscher und migran­tischer Arbeiter und Ju­gendlicher im Kampf für ihre Klasseninteressen. Die Hin­dernisse für diesen gemeinsamen Kampf müssen aus dem Weg geräumt werden. Auch hier gilt, dass der Streit über die verschiedenen Auffassungen über das Himmelreich und die dazugehörigen Traditionen die Frage des gemeinsamen Klassenkampfes nicht überlagern darf. Eine abstrakte anti-religiöse Haltung, die religiösen Menschen den Respekt verweigert, beinhaltet jedoch die Gefahr, dass dieses Ziel nicht erreicht wird. Die Trennung von Staat und Religion ist eine notwendige Maßnahme, die Subven­tionierung der katholischen und evangelischen Kirchen mit Steuergeldern und konfessioneller Unterricht an staatlichen Schulen gehören abgeschafft. Die Kehrseite dieser Forderung ist allerdings, dass die Linke Religion als Privatsache betrachten und für deren Freiheit eintreten muss. MarxistInnen sind nicht dafür, dass Moscheen gebaut werden. Aber wir lehnen es ab, dass der deutsche Staat das Recht einschränkt, mit privaten Geldern Moscheen zu errichten, wir verteidigen das Recht auf den Bau von Moscheen, nach eigenen Vor­stellungen und Bauplänen.

Wir kämpfen in den islamischen Ländern gegen den Zwang zum Kopftuch oder Schleier. Wir lehnen es ab, dass ein Staat Menschen vorschreibt, welche Kleidung sie tragen, was sie denken sollen, wie sie ihre Sexualität ausleben. Das heißt aller­dings auch, dass wir in Deutschland und anderen Ländern das Recht von Frauen verteidigen, Kopftuch, Schleier oder auch Burka zu tragen. In vielen Fällen ist das Tragen des Kopftuches ein Ausdruck patriarchali­scher Herrschaft über oder Aus­druck der Akzeptanz patriarchali­scher Ideo­logie durch die Frau. Viele Muslima in Deutschland und Europa sehen jedoch das Kopf­tuch auch als Symbol des Stol­zes, der Selbstbehauptung gegenüber einer Gesellschaft, von der sie sich zuneh­mend entfremdet fühlen. Auffällig ist, dass es oftmals gut gebildete junge Frauen sind, die bewusst das Kopftuch tragen.

MarxistInnen stehen in dieser Auseinandersetzung auf der Seite der Frau. Wenn eine Frau ­ausbrechen will aus patriarchaler Unterdrückung, sich von Mann und Fami­lie trennen oder den Schleier ablegen will, dann unterstützen wir sie. Wir unterstützen homosexuelle MigrantInnen, die sich gegen die Homophobie in vielen Migranten-Communities zur Wehr setzen. Wir lehnen es allerdings ab, dass euro­päische Staaten eine Kleiderordnung erlassen. Es wäre absurd zu glauben, dass der deutsche Staat, der den MigrantInnen seit Jahrzehnten Rechte vorenthält und sie in den letzten Jahren zu Sündenbö­cken gemacht hat, Schritte zur Be­freiung der Frau unternehmen will oder kann. Staat und Politiker, die angeblich für die Rechte der Frauen eintreten, handeln tatsächlich entgegengesetzt. Sie haben durch Än­derungen im Ausländerrecht die Frauen stärker an ihre Ehemän­ner gefesselt, auch wenn diese ge­walttätig sind147.

Wir können es nachvollziehen, wenn Linke aus dem Iran oder der Türkei auf Grundlage ihrer Erfahrungen mit dem Islamismus auch in Deutschland ungedul­dig sind und Repres­sionen des deutschen Staates gegen die Ausübung des Islams gutheißen und beispielswei­se den Bau von Moscheen ablehnen. Aber dieser Weg führt in die Irre. Der Kampf für de­mokratische Rechte ist unteilbar. Die Unter­drückung einer Religion, auch wenn sie in der milden Form von Ablehnung von Bauanträgen für Moscheen oder per Kopftuchverbot für Lehrerinnen erfolgt, treibt den Keil tiefer in die Arbeiterklasse hinein, spaltet entlang religiöser und nationa­ler Linien, führt dazu, dass die öffentliche Diskussion ethnisiert und kul­turalisiert wird, dass von den sozialen Widersprüchen und Interessen abgelenkt wird.

Die Arbeiterbewegung und die Linke in Deutschland müssen den MigrantInnen, vor allem der Jugend, beweisen, dass sich ein gemeinsamer Kampf lohnt, dass durch die Einheit der Lohnabhängigen und der Armen das Leben für Alle verbessert wer­den kann. So kann die Entfremdung junger MigrantInnen von der deutschen Ge­sellschaft gestoppt, eine Integrati­on in die gemeinsame Arbeiterklasse befördert wer­den, denn die „… Einheit dieses wirklich revolutionären Kampfes der unterdrückten Klasse für ein Para­dies auf Erden ist uns wichtiger als die Einheit der Meinungen der Proletarier über das Paradies im Himmel …“148

118 August Bebel, Die Mohamedanisch-Arabische Kulturperiode, S. 61. August Bebel war einer der Begründer der Arbei­terbewegung in Deutschland und bis zu seinem Tod 1913 Vorsit­zender der SPD. Als führender Marxist verfasste er viele wichtige und bekannte Schriften, so z.B. „Die Frau und der Sozialismus“. Die hier zitierte Schrift über die Geschich­te des Islams, die zu seinen unbekannteren Werken gehört, ist vor allem eine Polemik gegen die christlich-eurozentri­sche Sicht, welche das Abendland als einzigen Träger der Kultur beschreibt. Heute wird der Begriff mohammeda­nisch im Deutschen nicht mehr ver­wendet, stattdessen wird muslimisch bzw. islamisch verwendet.

119 www.ex-muslime.de/indexVerein.html.

120 Das Islamhasser-Blog Politically Incorrect erwähnt Mina Ahadi lobend und interviewt sie. Unbekannt ist, ob Ahadi wusste, von wem sie interviewt wird; www.pi-news.net/2009/11/video-interview-mina-ahadi/.

121 Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW Bd. 1, S. 378ff.

122 Ebd.

123 W.I. Lenin, Sozialismus und Religion, in Nowaja Schisn Nr. 28., 3. Dezember 1905, nach: Lenin, Werke, Band 10, S. 70-75.

124 Reza Aslan, Kein Gott außer Gott, S. 50-51, Mün­chen, 2008.

125 Abdullah Öcalan, Gilgameschs Erben, Bd. I, S. 229, Bremen 2003.

126 August Bebel, Die Mohamedanisch-Arabische Kulturperiode, S. 79.

127 Ebd., S. 133.

128 Rukhsana Manzoor, The veil and Muslim Women, www.socialistworld.net/z/bin/kw.cgi/show?id=2436.

129 Ebd.

130 August Bebel, Die Mohamedanisch-Arabische Kulturperiode, S. 79.

131 Abdullah Öcalan, Gilgameschs Erben, S. 255.

132 Ebd., S. 256.

133 „Es genügt hervorzuheben, dass die Araber das einziger Volk im ganzen Mittelalter waren, die ein wissenschaftlich bearbei­tetes Rechtssystem besaßen. Wie ihre Gelehrten sich bemühten, die Über­lieferungen Mohammeds und seiner ersten Nach­folger gewis­senhaft zu sammeln und zu ordnen und kritisch zu beleuchten, so fuhren sie fort, alle Gebiete des Staats- und öffentlichen Lebens ge­wissenhaft zu untersuchen und überall Rechtsnormen aufzustellen. Dadurch bildeten sich sehr früh­zeitig juristische Schulen und Lehrsysteme …“, August Bebel, Die Mohamedanisch-Arabi­sche Kulturperiode, S. 131.

134 Abdullah Öcalan, Gilgameschs Erben, Bd. I, S. 258

135 August Bebel, Die Mohamedanisch-Arabische Kulturperiode, S. 145

136 Abdullah Öcalan, Gilgameschs Erben, Bd. I, S. 280

137 August Bebel, Die Mohamedanisch-Arabische Kulturperiode, S. 106

138 Abdullah Öcalan, Gilgameschs Erben, Bd. I, S. 285

139 August Bebel, Die Mohamedanisch-Arabische Kulturperiode, S. 160

140 Ebd., S. 160

141 Monika Gronke, Geschichte Irans, München 2003, S. 93.

142 Tariq Ali, Bush in Babylon, London/New York/München 2003, S. 73ff.

143 Der Islam und die Aufklärung, Übersetzung eines englischsprachigen Textes von Neil Davidson, http://marx21.de.

144 W.I. Lenin, Sozialismus und Religion, Dezember 1905, Nowaja Schisn Nr. 28., 3. Dezember 1905, nach: Lenin, Werke, Band 10, S. 70-75.

145 Rukhsana Manzoor, The veil and Muslim Women, www.socialistworld.net/z/bin/kw.cgi/show?id=2436.

146 Interview mit Lettre International, September 2009, http://de.wikipedia.org/wiki/Thilo_Sarrazin#Interview_mit_Lettre_International.

147 „In Sonntagsreden fordern Politiker besseren Schutz von Ausländerinnen vor Gewalt in der Ehe. Doch die Behörden drohen den geschundenen Frauen nach Angaben von Hilfsorganisationen im­mer öfter mit Abschiebung. Die Folge: Migrantinnen bleiben bei ihren prügelnden Ehemännern.“ SPIEGEL-Online, 13.10.2007.

148 W.I. Lenin, Sozialismus und Religion, S. 70-75.