
Der Fall Gina-Lisa Lohfink und das deutsche Sexualstrafrecht
Im Dezember 2015 wurde das Model Gina-Lisa Lohfink zu einem Strafgeld von 24.000 Euro verurteilt. Sie hatte 2012 zwei MĂ€nner angezeigt, die sie in offenbar benebeltem Zustand dabei filmten, wie sie sie vergewaltigten, um den Film dann fĂŒr 100.000 Euro an die Presse zu verkaufen. Auf dem Video ist zu sehen, wie Gina-Lisa Lohfink wiederholt die Worte âHör auf!â sagt. Trotzdem wurde sie zu sechzig TagessĂ€tzen Strafgeld verurteilt. Lohfink habe gelogen, so das Gericht.
von Katharina Doll, Hamburg
Schon lĂ€nger will Justizminister Maas das Sexualstrafrecht verschĂ€rfen. Doch sein Vorschlag ist nicht viel mehr als heiĂe Luft. Immer noch mĂŒsste das Opfer sich körperlich wehren, oder nachweisbar âwiderstandsunfĂ€higâ sein, damit eine Vergewaltigung bestraft wird. Nur die Strafbarkeit bei WiderstandsunfĂ€higkeit, also zum Beispiel körperlicher EinschrĂ€nkung, wird in Maasâ Vorschlag ausgeweitet.
Nein heiĂt Nein!
CDU und SPD behaupten, sie wĂŒrden ergĂ€nzend auch die gesetzliche Durchsetzung von âNein heiĂt Neinâ planen. TatsĂ€chlich meinen sie, dass es nicht zu tatsĂ€chlicher Gewalt kommen muss, sondern dass ânurâ Gewaltandrohung oder Schutzlosigkeit fĂŒr eine Bestrafung reicht. Weiterhin gibt es keine Gesetzesvorlage, die Sex trotz klarem âNeinâ als Vergewaltigung einstuft.
Von mindestens 100.000 Vergewaltigungen jedes Jahr in Deutschland werden nur 8000 angezeigt. Das hat verschiedene GrĂŒnde. Viele fĂŒrchten die DemĂŒtigungen durch Polizei und Behörden. Eine wirkliche Verbesserung des Sexualstrafrechts wĂ€re ein Fortschritt. Langfristig mĂŒssen wir uns gegen sexualisierte Gewalt aber selbst wehren. Das nicht individuell, sondern organisiert. So brauchen wir zum Beispiel gewerkschaftliche Kampagnen gegen sexualisierte Gewalt unter anderem am Arbeitsplatz.
Sex im Kapitalismus
In den letzten Jahren gab es Wellen von Frauenprotesten. Die meisten richten sich gegen eine gewalttĂ€tige und sexualisierte Kultur des Frauenhasses. Emma Quinn und Laura Fitzgerald von der Socialist Party Irlands schreiben dazu: ââRape cultureâ [âŠ] ist das Herunterspielen von Vergewaltigung. Das tritt im Zusammenhang damit auf, dass Frauen in den vergangenen Jahren immer stĂ€rker zu Objekten gemacht werden.â
Aber wem nĂŒtzt das? Sexismus und die âFrau als Wareâ sind im Kapitalismus ein hochprofitables GeschĂ€ft. Der Film âFifty shades of Greyâ, der die Unterwerfung der Frau auf KinoleinwĂ€nden zur Kultur erklĂ€rt, war mit Einnahmen von ĂŒber fĂŒnfhundert Millionen Dollar der profitabelste Film im Jahr 2015. GroĂbordelle wie das âPaschaâ in Köln sind Projekte kapitalstarker Unternehmer wie Hermann MĂŒller, der erst kĂŒrzlich wegen Hinterziehung von 1,2 Millionen Euro Steuern verhaftet wurde. Diese Leute profitieren von der Kultur der âWare Frauâ, die die Entfremdung zwischen den Geschlechtern schĂŒrt.
Was wir wollen
Bei Vergewaltigung geht es um das Ausleben von Macht, sie ist Teil der UnterdrĂŒckung der Frau in dieser Gesellschaft. Das sieht man daran, wie hĂ€ufig Vergewaltigungen als politische Waffe genutzt werden â zum Beispiel in Kriegen.
Nur starke, solidarische Strukturen werden an diesen ZustĂ€nden etwas Ă€ndern. Dazu ist es genauso nötig, dass MĂ€nner und Frauen in Protesten und Streiks Schulter an Schulter stehen, wie dass wir gemeinsame KĂ€mpfe gegen FrauenunterdrĂŒckung fĂŒhren. Die KĂ€mpfe von uns Frauen sind nicht losgelöst, sondern notwendiger Bestandteil der KĂ€mpfe fĂŒr unsere Rechte als ArbeiterInnen und Sozialismus.
Wir kĂ€mpfen fĂŒr eine Kultur, in der Sex genauso wie soziales Zusammenleben allgemein auf EinverstĂ€ndnis und Respekt beruhen. In einer solchen Gesellschaft ist âNein heiĂt Neinâ kein Diskussionsthema, sondern SelbstverstĂ€ndlichkeit. Das ist nicht nur das Interesse von uns Frauen, sondern von den Frauen und MĂ€nnern unserer Klasse gleichermaĂen.
In einem Gedicht ĂŒber den Streik der Frauen in der US-amerikanischen Textilindustrie von 1912 schrieb James Oppenheim: âAs we come marching, marching, we bring the greater days. The rising of the women means the rising of the race.â (SinngemĂ€Ă: âWenn wir anmarschiert kommen, bringen wir die besseren Tage. Der Aufstand der Frauen ist der Aufstand der Menschheit.â)
Die SAV fordert:
- KĂŒrzungsstopp von sozialen Angeboten wie FrauenhĂ€usern und Beratungsstellen
- Ein flÀchendeckendes Angebot an gut ausgebauten, selbstverwalteten FrauenhÀusern, Frauenberatungsstellen und -notrufen
- FlĂ€chendeckende Möglichkeit fĂŒr Vergewaltigungsopfer, Anzeige bei auf FĂ€lle von sexualisierter Gewalt geschultem weiblichem Personal erstatten zu können
- WĂ€hl- und AbwĂ€hlbarkeit von RichterInnen und StaatsanwĂ€ltInnen. Sie mĂŒssen der öffentlichen Kontrolle durch JuristInnen, Frauenbeauftragten der Gewerkschaften und Frauenorganisationen unterliegen

