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Nicht VW, die Autolobby ist das Problem

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CC BY-SA 2.0 de

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Profitmaximierung und Konzerne zerstören den Planeten

Wenn es in jüngerer Zeit um manipulierte Automotoren ging, dann ging es um VW und um Diesel-Motoren. Das ist die Nebenstory der Nebenstory.

Ein Gastbeitrag von Winfried Wolf

Dasselbe engagierte Institut ICCT (International Council on Clean Transportation), das den VW-Diesel-Betrug publik machte, deckte einen weit umfassenderen Betrug auf. Belegt wurde, dass die Lücke zwischen den offiziellen Angaben und dem tatsächlichen Spritverbrauch eines Autos (egal ob Benzin- oder Diesel-Pkw) von Jahr zu Jahr größer wird. Vor knapp 15 Jahren lagen der reale Verbrauch eines Pkw – und damit die realen Kohlendioxid-Emissionen (CO2) – um rund acht Prozent über den Angaben der Hersteller. Bis 2014 stieg die Diskrepanz auf 40 Prozent. Wenn also 2001 ein Hersteller den Verbrauch eines Pkw mit 7,5 Liter Benzin je 100 km angab, so schluckte der Motor im tatsächlichen Betrieb 8,1 Liter. Wenn der gleiche Hersteller heute einen Verbrauch von 5,8 Liter auf 100 km nennt, dann liegt der reale Verbrauch ebenfalls bei 8,1 Liter.

Wie erklären die Betroffenen die Diskrepanz? Ulrich Eichhorn, Vertreter des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), äußerte dazu am 2. November 2015 im Bundestags: „Wer viel im Gebirge (!) unterwegs ist, öfters einmal schneller auf der Autobahn fährt, der verbraucht eben mehr als andere. ´Den´ einen Fahrzeugverbrauch gibt es auf der Straße nicht.“ Der Mann sprach über Deutschland, nicht über die Schweiz oder Kaschmir.

Das ICCT gelangte zu seinen Ergebnissen auf höchst schlichte Art. Ausgewertet wurden die Daten, die von bekannten europäischen Motorzeitungen mit eigenen Testfahrten gesammelt und dokumentiert wurden (u.a. von Auto Bild oder auto motor sport). Die Studie ist damit außerordentlich glaubwürdig (es sind Daten „der Gegner“) und repräsentativ (es sind extrem viele Daten – und alle führen zu vergleichbaren Ergebnissen).

Zwei Schlussfolgerungen

Zwischenbilanz mit zwei Schlussfolgerungen: Erstens entzieht die Autoindustrie auf diese Weise der Gesellschaft Milliarden Euro jährlich. Eine Steuerbelastung gemäß realem Schadstoffausstoß müsste zu deutlich höheren Kfz-Steuern führen. Allein im Fall der Niederlande, wo es eine entsprechende Hochrechnung gibt, beträgt der auf diese Weise zustande kommende Steuerausfall 3,4 Milliarden Euro pro Jahr. Zweitens verschwindet auf diese Weise der gesamte behauptete Beitrag zum Klimaschutz, von dem die Autoindustrie seit zwei Jahrzehnten spricht. Bislang argumentierte diese, es sei seit 2002 je Neuwagen zu einem Rückgang der CO2-Emissionen in Höhe von 27 Prozent gekommen. Laut ICCT-Rechnung gab es jedoch maximal eine Reduktion von acht Prozent. Berücksichtigt man die weiter deutlich vergrößerte Pkw-Flotte, so gab es selbst in Europa keinen Rückgang der CO2-Emissionen des Straßenverkehrs. Weltweit gibt es einen fortgesetzten massiven Anstieg.

Um nochmals die Zahlenverhältnisse ins richtige Licht zu rücken: Bei VW-Dieselgate geht es um acht Millionen Pkw einer einzelnen Automarke, produziert in einem Jahrzehnt, und um deutlich höhere – stark gesundheitsschädigende – Stickoxidemissionen als offiziell angegeben. Im Fall der von Jahr zu Jahr größer werdenden Kluft zwischen dem offiziell ausgewiesenen Spritverbrauch bzw. den offiziell angegebenen CO2-Emissionen und den tatsächlichen Werten geht es um die Weltflotte Pkw, um jährlich rund 75 Millionen produzierte Neufahrzeuge. Und es geht um einen massiven, wachsenden Beitrag des Autoverkehrs zur Erderwärmung. Dieser liegt um rund 50 Prozent höher als offiziell ausgewiesen. Da die Autolobby so gut lügt und die Medien so effizient (mit teurer PR) schmiert, war das kein Thema auf der Weltklimakonferenz in Paris.

Das Problem ist also nicht VW. Nicht der Diesel-Pkw. Es ist das Auto als solches. Mit all seinen negativen Auswirkungen auf Mensch, Umwelt, Lebensumfeld und Klima (siehe Artikel Georg Kümmel auf sozialismus .info vom 7. Oktober 2015).

Alternativen der Autoindustrie?

Wer mit seiner Kritik so weit vordringt, wie hier skizziert, der bekommt von der Autolobby die Antwort: Aber wir arbeiten an Alternativen. Am Google Car. Am „vernetzten Verkehr“. Vor allem kommt doch bald kommt das Elektro-Auto. Diese Propaganda-Lüge wird seit vier Jahrzehnten vorgetragen. Auch heute noch kostet ein E-cars mindestens 35.000 Euro. Die Reichweite liegt im Sommer bei 150 km (im Winter bei weniger als 100 km). Alle E-car-Hersteller (bzw. alle E-car-Segmente der Konzerne) sind massiv defizitär – trotz Milliarden Subventionen. Die Ökobilanz eines Elektro-Pkw ist – über den Produktionszyklus hinweg – ähnlich negativ wie beim konventionellen Pkw. Vor allem muss man sich die Ideologie ansehen, die der prominenteste E-car-Vorreiter verbreitet. Elon Musk von Tesla, der im Dezember vom „Handelsblatt“ zum „Mann des Jahres“ gekürt wurde, schwärmt für Flüge auf den Mars. Er baut auch eine Trägerrakete für Weltraumfahrten. Er vertritt die These, dass die Menschen auf andere Gestirne umsiedeln müssten und dort überleben würden. Jüngst äußerte er im Gespräch mit Daimler-Boss Zetsche: „Dieter, du musst das verstehen. Die Menschheit befindet sich auf der Schwelle. Wir müssen uns entscheiden, ob wir eine ein-planetarische Spezies bleiben oder ob wir eine multiplanetarische Spezies werden wollen. Für mich ist die Antwort glasklar. Und deshalb gibt es [auf diesem Weg] keine Grenzen für den Einsatz der Mittel!“ (in: Bilanz, Nov. 2015).

Das ist exakt die Theorie der Auto-Fetischisten, die zur Praxis der Auto-Konzerne passt. Man rast durch die Welt, als hätte man eine zweite Welt im Kofferraum – oder als könnte man mal schnell auf Mars und Mond ausweichen, wenn der Planet Erde definitiv zerstört ist. Gut möglich, dass Zyniker wie Tesla-Musk, Daimler-Zetsche und VW-Müller davon ausgehen, dass sie und Ihresgleichen einen Klima-Gau im Luxusbunker oder auf dem Mars überleben könnten. Für uns ist und bleibt es unser Planet, um den wir kämpfen müssen – gegen Kapitalismus und gegen Profitmaximierung mit der damit verbundenen umfassenden Destruktionstendenz.