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Demokratische Autonomie oder Sozialismus?

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CC BY-SA 3.0

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Eine marxistische Betrachtung von Abdullah Öcalans politischer Theorie

Die Praxis der kurdischen Selbstverwaltung z.B. im syrischen Rojava bezieht sich ausdrücklich auf die Ideen des PKK-Gründers Abdullah Öcalan, genannt „Apo“, der seit 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali in Einzelhaft sitzt. Öcalan hat in den letzten Jahren die Theorie und Praxis der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) einer umfassenden Revision unterzogen. Er hat eine Abkehr von der Idee eines kurdischen Nationalstaates und dem klassischen Modell eines Guerilla-Krieges vollzogen und propagiert die „demokratische Autonomie“ (auch „demokratischer Konföderalismus“ genannt) als Vision für das Zusammenleben der Völker im Mittleren Osten. Apos Hauptwerk ist das 2004 in der Haft geschriebene Buch „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“, seine politische Verteidigungsschrift gegen die Anklagen des türkischen Staates.

von Claus Ludwig, Köln

Öcalan macht seine Arbeit gründlich. Er setzt sich nicht nur mit der Praxis der kurdischen Bewegung auseinander, sondern fängt mit der Interpretation der Geschichte an. Dabei vollzieht er einen Bruch mit dem, was er für die marxistische Geschichtsauffassung hält. Er verwirft den historischen Materialismus, die Idee, dass die Entstehung der Klassengesellschaft und die Abfolge ihrer verschiedenen Varianten sich aus der Entwicklung der Produktivkräfte und dem Kampf um das wachsende Mehrprodukt ergeben haben. Er sieht die Klassenherrschaft nicht als geschichtlich unvermeidbar an: „Der Grund für die Herausbildung von Hierarchie und die Klassenherrschaft war nicht Zwangsläufigkeit, sondern Zwang.“ 1

Apo beschreibt sich weiterhin als Sozialist. Doch während der Marxismus den Sozialismus als Phase nach dem Kapitalismus definiert, basierend auf der enormen Weiterentwicklung von Technik, Wissenschaft und Produktion, sieht Öcalan diesen als Ideal, als menschliche Notwendigkeit. Eine Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdrückung hätte nach seiner Meinung schon früher verwirklicht werden können, der „Umweg“ über die Klassengesellschaften wäre nicht nötig gewesen.

Öcalans Bemühen, die Geschichte des Mittleren Osten, beginnend bei der sumerischen Kultur, der wohl ersten entwickelten Klassengesellschaft zu verstehen und zu beschreiben, ist ehrenwert und er entwickelt den einen oder anderen interessanten Gedanken, z.B. über die Rolle von Autoritäten und Ideologie schon vor der Verfestigung der Klassenherrschaft 2.

Aber es gibt erstaunliche Leerstellen in seiner Betrachtung. Die Ökonomie scheint ihn schlicht nicht zu interessieren, weder im alten Sumer noch in der heutigen Zeit, wenn er darüber spricht, wie sich die „demokratische Autonomie“ im Gegensatz zum repressiven Staat entwickeln kann. Das ist keine theoretische Frage, sondern hat Folgen in der Praxis. Den Kapitalismus will er zwar überwinden, aber für seine Art Sozialismus scheint die Enteignung der privaten Kapitalbesitzer und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nicht notwendig zu sein.

Die Fragen, wodurch die Produktivität gesteigert wurde, wie das Mehrprodukt zustande kommt, wie die Mechanismen der ungerechten Aneignung desselben wirken, scheinen für Apo nur zweitrangig. Er erwähnt zwar die effektiven Bewässerungssysteme der sumerischen Priesterdiktatur und den „enormen Überschuss“ 3, den diese produzierten und die Eigendarstellung dieses Systems als „göttlich“ begründet, bleibt aber offensichtlich der Meinung, dass es auch möglich gewesen wäre, die alte, freie, aber weniger produktive Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Er behauptet, die Sklaverei wäre eine Bremse für die Wissenschaft und die Kunst gewesen 4, aber stellt sich nicht die Frage, warum es in den langen Jahrtausenden der herrschaftsfreien Urgesellschaft kaum Fortschritte in diesen Gebieten gab, diese aber mit der Einführung der Klassenherrschaft geradezu explodierten und sich mit der Intensivierung der Ausbeutung von Mensch und Natur immer weiter beschleunigten.

Apo beschreibt, wie die „barbarischen“ Germanen, deren Gesellschaft noch starke egalitäre Überbleibsel aufwies, die römische Sklaverei zerschlugen, aber die Chance verpassten, eine demokratische Gesellschaft auf der Grundlage ihrer eigenen Traditionen aufzubauen und stattdessen eine neue, feudalistische Klassengesellschaft akzeptierten. Er behauptet, die Germanen wären von ihren Führern betrogen worden, ein demokratisches Europa wäre ansonsten möglich gewesen 5. Auf die Idee, dass es zu diesem „Verrat“ kam, weil die Gesellschaft schon zu viel produzierte, um in verallgemeinerter, gleicher Subsistenz zu leben, aber zu wenig, um ein gutes Leben für alle zu schaffen, scheint er nicht zu kommen.

Absage an den Klassenkampf

Man tut Apo kein Unrecht, wenn man feststellt, dass er zum vormarxistischen utopischen Sozialismus zurückkehrt, Babeuf, Fourier, Saint-Simon, Owen und Lasalle, welche den Sozialismus bzw. die herrschaftsfreie Gesellschaft als moralische Notwendigkeit sahen, nicht als Ergebnis des Klassenkampfes.

Er verweist auf die zerstörerischen Folgen der „analytischen Intelligenz“, zeigt sich skeptisch gegenüber der Wissenschaft, betont die „emotionale Intelligenz“ 6 und die, modern ausgedrückt, basisdemokratischen Traditionen, die seiner Auffassung nach schon immer im „Goldenen Halbmond“, dem Zweistromland um Euphrat und Tigris, existierten. Dem Klassenkampf erteilt er eine deutliche Absage, angeblich drohe eine Klassendiktatur 7, wenn man die Interessen einer Klasse in den Vordergrund stelle.

Apos Sozialismus-Vorstellungen ähneln stark den agrarisch geprägten Sozialismus-Ideen der Narodniki („Volkstümler“), welche die russische Dorfgemeinschaft als Ausgangspunkt für eine gerechte Gesellschaft sahen. Schon früh im Buch klingt Apo wie ein Narodnik, später erwähnt er es selbst, dass die PKK am Ehesten mit dieser Bewegung vergleichbar wäre 8.

Seine Idee, dass die jeweils neueren Klassengesellschaften keineswegs besser gewesen wären, sondern die Ausbeutung noch intensiviert hätten, hält er nicht konsequent durch. Der Einführung des Kapitalismus kann er an einigen Stellen etwas Positives abgewinnen. Der Kapitalismus setzte sich laut Apo zuerst in Westeuropa durch, weil es dort weniger dogmatisch zuging als im Mittleren Osten.

Der eigentliche Grund für die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise war jedoch nicht diese Geisteshaltung, sondern vor allem die Klassenstruktur des europäischen Feudalismus, die das Entstehen einer dynamischen, aggressiven bürgerlichen Klasse begünstigte, während die im Mittleren Osten (sowie in Asien und Lateinamerika) vorherrschende „asiatische Produktionsweise“, die stark zentralisierte Herrschaft großer Reiche, die Entstehung sowohl von effektiven Klassenkämpfen der Bauern als auch die Entstehung der bürgerlichen Klasse samt der kleinbürgerlichen Zwischenschichten lähmte 9. Die mangelnde geistige Flexibilität des Mittleren Osten entsprang dieser starren Art des Feudalismus, die keine städtische Klasse hervorbrachte.

Es scheint, als wolle Apo mit aller Macht die Bedeutung der Klassen und des Klassenkampfes ignorieren, weil sie nicht in das Konzept seiner „natürlich klassenlosen Gesellschaft“ passen, die schon immer existierte, als Gegengewicht zur Herrschaft und zum Staat und die sich auf ebenso natürlichem Wege wieder durchsetzen soll.

Während Öcalan gegen den „Vulgärmaterialismus“ argumentiert, auf den sich angeblich der Marxismus stützt, hat er von diesem selbst ein äußerst vereinfachtes, vulgäres Bild. Seine holzschnittartige Vorstellung vom Marxismus ist wahrscheinlich Ausdruck der in der türkischen und kurdischen Linken vorherrschenden stalinistischen Ideen, welche den Marxismus von einer lebendigen Methode zu einer Sammlung einfacher Glaubenssätze gemacht hat.

So spricht er von einer angeblich „zwangsläufigen Entwicklung zum Kommunismus“ 10 und wirft dem Marxismus vor, nur auf Ökonomie und Zwangläufigkeit fixiert zu sein. Mit den Arbeiten Lenins zur nationalen Frage oder von Trotzki zur Kultur oder zur Analyse der bürokratischen Diktatur in der Sowjetunion, mit den Schriften Luxemburgs oder Gramscis scheint er nicht vertraut zu sein.

Den Kapitalismus abschaffen! Oder doch nicht?

Öcalan beschreibt lebhaft, wie der Kapitalismus die menschlichen Beziehungen und Werte zerstört und die natürlichen Lebensgrundlagen gefährdet. In einigen Stellen seines Buches setzt er zu einem kämpferischen Antikapitalismus an, dem wir nur zustimmen können.

Er sieht das kapitalistische System in der Krise, seit den 1970er Jahren in einer „chaotischen Phase“. Er verweist auf die enorme Aggressivität des Systems, auf die Gefahren von Krieg und Nationalismus: „Dass das System schon früh in der Krise steckt, heißt jedoch nicht nur, dass es schwächer wird. Die Krise birgt auch die Gefahr, dass es sich noch weniger an Regeln hält, noch aggressiver wird.“ 11

Für ihn kulminiert die Krise des Systems im Mittleren Osten, dort muss sie gelöst werden. Seine mittelöstliche Fixierung klingt an einigen Stellen etwas mystisch, aber angesichts der dramatischen Lage im Irak und Syrien und der möglichen weiteren Ausbreitung ethnisch und religiös aufgeladener Stellvertreterkriege ist es durchaus legitim, die Alternative von „Sozialismus oder Barbarei“ auf diese Region bezogen zuzuspitzen.

Seine Beschreibung von 2004, relativ kurz nach Beginn der amerikanischen Invasion im Irak, klingt sehr aktuell. „Gegen den Terror der Machthaber“ würden sich der „Stammes- und Sippenterror“ entfalten. Diese Art von Widerstand, ethnisch und religiös verengt, würde die Probleme verstärken 12. Das „amerikanische Imperiums des Chaos“ 13 würde zum Zerfall von Staaten führen, vor allem im Mittleren Osten und auch auf dem Balkan, der Mittlere Osten sei der „geopolitische Hauptwiderspruch des USA-geführten Systems“. 14

Laut Öcalan sei die Zeit der nationalen Despotien vorbei, auch ein „Befreiungsnationalismus“, der versuche, neue Staaten zu schaffen, hätte keine Perspektive. Neue Lösungswege seien nötig. Er deutet den kommenden „Arabischen Frühling“ an, fürchtet aber ebenso eine Vertiefung des Chaos, wenn sich keine keinen neuen Lösungen finden lassen. 15

Die Frage des bewaffneten Kampfes greift Apo in seiner Schrift auf produktive Weise auf. Statt einen Eroberungskrieg zu führen setzt er auf Selbstverteidigung, definiert die Aufgabe bewaffneter Einheiten, „Garantien für demokratische Bemühungen zu schaffen“ und nimmt recht konkret die politische und militärische Praxis von YPG/YPJ in der Verteidigung von Rojava vorweg. Den Aufbau von Selbstverteidigungseinheiten hält er wegen der „zunehmenden Unsicherheiten“ für nötig 16.

Der PKK es bislang gelungen, Krisen zu überwinden und sich als starke Kraft in der Region zu behaupten. Öcalan und die gesamte kurdische Bewegung mögen weit davon entfernt sein, eine sozialistische Strategie zu entwickeln, aber die PKK hat ein bemerkenswertes Verständnis der Gefahren im Mittleren Osten entwickelt und es ist ihr gelungen, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen und dabei eine gewisse Ausrüstung mit linken, antikapitalistischen Ideen im Gepäck mitzunehmen. Das ist alles andere als eine Garantie für die Zukunft. Die Kooperation mit den US-Streitkräften und den pro-imperialistischen kurdischen Gruppen wie der KDP von Barzani sind schwere politische Fehler. Außerdem erweckt Öcalan den Eindruck, dass er bereit ist, für einen erfolgreichen Abschluss der Friedensgespräche mit dem Erdogan-Regime zu viele politische Zugeständnisse zu machen. Diese Entwicklungen zeigen, dass die PKK auch Gefahr läuft, als linke Kraft verloren zu gehen.

Öcalan hält seine kämpferische antikapitalistische Haltung auch nicht im gesamten Buch durch. An einigen Stellen unternimmt er geradezu halsbrecherische argumentative Kehrtwenden. So spricht er davon, den Kapitalismus „nicht rundheraus abzulehnen“ 17 und davon, dass sich das System auch restaurieren könne.

Auch bezüglich der Perspektiven des Mittleren Ostens finden sich Formulierungen, die in deutlichem Kontrast zu den oben zitierten recht klaren Worten stehen. An einer Stelle lässt er es offen, ob die Lage in der Region durch die US-geführte Invasion im Irak schlimmer wird oder besser 18. Er spricht von der Möglichkeit eines „zweiten Marshall-Planes“ für die Region.

Während er einerseits die dem Kapitalismus innewohnende Gefahr von Krieg und Nationalismus betont, behauptet er an anderer Stelle, die USA würden den Nationalstaat „überwinden“ wollen 19. Die Gefahr eines Krieges in Europa hält er wegen des angeblich friedlichen und die Völkerfreundschaft förderlichen Charakters der EU für gebannt.

Öcalan stellt zwar „gefühlt“ dem Kapitalismus eine humanistisch-sozialistisch inspirierte Alternative gegenüber, aber definiert nicht, wie der Kapitalismus überwunden werden kann und was eine sozialistische Gesellschaft von diesem unterscheidet. Damit ist er nicht allzu weit entfernt von der klassischen sozialreformerischen Interpretation, die den Sozialismus als Leitmotiv sieht und dessen Verwirklichung in jeder Reform innerhalb des Kapitalismus zu erkennen glaubt.

Staat vs. Demokratie?

Die zentrale Losung für die linke kurdische Bewegung sowohl in der Türkei als auch in Rojava ist die „demokratische Autonomie“. Öcalan stellt die Begriffe von Staat und Demokratie in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Nach seiner Auffassung ist der Staat „das wohl gefährlichste Instrument der Geschichte“ 20. Revolutionäre, die darauf abzielen, einen anderen, besseren Staat, einen Arbeiterstaat zu errichten, würden letztendlich die Logik der Unterdrückung und Ausbeutung nicht durchbrechen, sondern dieser neue Facetten hinzufügen. Sozialdemokratie, „Realsozialismus“ (so nennt er den Stalinismus) und nationale Befreiungsbewegungen seien diesen Weg gegangen und hätten auf diese Weise die Lebenszeit des kapitalistischen Systems sogar verlängert.

Dies klingt zunächst, als wäre Apo zum Anarchisten geworden, der die Zerschlagung des Staates und die direkte Einführung der freien Assoziation der Produzenten als zentrale Aufgabe einer Revolution definiert. Doch davon distanziert er sich deutlich, der Staat solle nicht zerschlagen werden, sondern langsam absterben.

„Die Alternative zum Staat ist die Demokratie“ 21, so einer seiner zentralen Sätze. Das „Volk“ sei der Gegensatz zu den „staatstragenden Schichten“. Bei seiner historischen Beschreibung klingt es so, als wären Staat und Demokratie, Oligarchien und das Volk, unversöhnliche Gegensätze. Doch je konkreter er wird, desto deutlicher wird, dass dies mitnichten seine Auffassung ist. Staat und Demokratie mögen Gegensätze sein, aber sie können nach Öcalans Auffassung koexistieren, es gehe „nicht um Konfrontation“, sondern um „paralleles Handeln“ 22. Eine Ausweitung der Demokratie würde den Staat einschränken, es könne „Kompromisse“ zwischen beiden geben, auf „prinzipientreu“, wobei offen bleibt, um welche Prinzipien es sich handeln soll. Dabei würde sich die „Möglichkeiten für Freiheit und Gleichheit vergrößern“ 23.

Apo geht demnach davon aus, dass ein gefährliches, destruktives kapitalistisches System samt seinem repressivem Staat weiter existiert, dass aber durch die Ausweitung „der Demokratie“ dessen gewalttätiger und unterdrückerischer Charakter immer mehr schwindet und ganz überwunden werden kann. In diesem Zusammenhang soll ein „Gleichgewicht“ zwischen Kollektiv und Individuum, zwischen „öffentlicher und privater Ökonomie“ geschaffen werden. 24

Am Ende sollen die Völker auf diese Weise den Nationalismus überwinden können, ohne die Strukturen des herrschenden Systems grundlegend umzubauen. Diese würden sich „verkleinern“. Es wäre also möglich, von einer, von Apo selbst als äußerst destruktiv beschriebenen Klassenherrschaft zu einer „globalen demokratischen Zivilisation“ zu gelangen, ohne jeden revolutionären Bruch. In der Demokratie gäbe es keine Unterdrückung, keine „ungerechte Ausbeutung“ 25 und keine „extreme Profitgier“ 26.

„An die Stelle von tödlicher Konkurrenz tritt Wettbewerb, Demokratien reduzieren Hauptursachen von Krisen wie das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage, Preisen, Inflation und ähnliche Finanzspielereien auf ein Minimum.“ 27, so beschreibt Apo seine Vision eines demokratisch gezähmten Kapitalismus.

Nach Apo soll „die Demokratie“ die Bereiche Bildung, Gesundheit, Kunst und Sport organisieren. Zudem seien politisch-soziale Organisationsformen von „Volkshäusern“ bis zu einem alle Sektoren umfassenden „Volkskongress“ von großer Bedeutung. Auch in diesen konkreten Abschnitten ist keine Rede davon, die Wirtschaft gesamtgesellschaftlich zu planen.

Was Öcalan als „Demokratie“ bezeichnet, ist keine neue Gesellschaftsform und auch nicht der Keim einer neuen innerhalb der alten, auch nicht eine Form von Doppelherrschaft. Es handelt sich vielmehr um eine Mischung aus zivilgesellschaftlicher, politisch-sozialer Formierung und basisnaher Organisation von sozialen Dienstleistungen, die der Staat in der Türkei nur unzureichend oder äußerst repressiv organisiert. Aus der Praxis der kurdischen Selbstverwaltung im Südosten der Türkei und Rojava wäre noch zu ergänzen, dass es dort auch eine Demokratisierung der Kommunalverwaltung, eine umfassende Frauenförderung und eine Stärkung kleiner Genossenschafts- und Kleinbetriebe, man würde es hier wohl lokale oder solidarische Ökonomie nennen, nach ökologischen Kriterien gibt.

Das sind durchaus nicht unwichtige Fragen, es sind Reformen, für die viele Menschen in Kurdistan bereit sind zu kämpfen. Aber ohne eine umfassende Veränderung der Gesellschaft inklusive der wirtschaftlichen Strukturen, werden solche Reformen nicht dauerhaft zu sichern sein. Eine solche alternative Gesellschaft zum Kapitalismus wird in Apos Schriften gar nicht erst beschrieben. Die rätedemokratischen Elemente beschränken sich auf eine Formulierung, dass gewählte Funktionäre sich nach einem Jahr einer erneuten Wahl stellen sollten. Das ist in der Verfassung Rojavas nicht einmal vorgesehen.

Zwischen den Zeilen

Öcalan erweckt einen radikalen Eindruck – nahezu anarchistisch, die sozialdemokratische und stalinistische Anpassung an Kapitalismus und Herrschaft verurteilend, mit dem Anschein einer neuen, revolutionären Idee – um dann in der politischen Praxis lediglich demokratische Rechte innerhalb bestehender kapitalistischer Staaten erkämpfen zu wollen.

Öcalan hat zu Recht die Illusion aufgegeben, durch einen klassischen Guerilla-Krieg einen lebensfähigen kurdischen Nationalstaat schaffen zu können. Er hat zu Recht keine Hoffnungen mehr in regionale Despoten wie Syriens Assad und hat deren destruktive Rolle erkannt. Er hat allerdings zugleich jeden Anspruch auf einen anderen revolutionären Kurs beiseite geschoben. Er plädiert dafür, dass sich die Unterdrückten organisieren, eine Art zivilgesellschaftlicher Gegenmacht aufbauen und so einen Druck erzeugen, Kompromisse mit den Herrschenden zu erreichen. Er setzt darauf, dass diese Koexistenz dauerhaft Reformen hervorbringt, die zur sozialökologischen Zähmung des Kapitalismus führen.

Anhand seiner Beschreibung der Demokratie als Widerpart des Staates wird deutlich, dass es sich bei seiner Verteidigungsschrift nicht in erster Linie um eine Aufarbeitung der philosophischen und politischen Grundlagen der PKK handelt, die sich an AktivistInnen richtet. Das Buch richtet sich auch, vielleicht sogar vor allem an die Herrschenden in der Türkei und den imperialistischen Staaten des Westens. Apo hält in „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“ seine Bedingungen für eine Integration der kurdischen Bewegung in das bestehende System fest.

Er hat das Buch nicht in Freiheit verfasst, sondern im Gefängnis des türkischen Staates. Seine Verteidigungsschrift ist nicht nur ein Friedensangebot im militärischen, sondern auch im politischen Sinne. Apo argumentiert mal deutlich, mal zwischen den Zeilen, dass er weder die bestehende soziale Ordnung stürzen noch staatliche Grenzen verändern will und die Herrschenden die PKK daher nicht zu fürchten brauchen.

Zwischen den Zeilen lautet seine Botschaft: „Gebt uns demokratische Rechte und Möglichkeiten zur Beteiligung auf kommunaler Ebene, verfolgt uns nicht weiter. Dann wollen wir eure Herrschaft nicht bedrohen, wir wollen weder einen Krieg führen noch erheben wir den Anspruch auf einen eigenen Staat.“

Seine heute brandaktuellen Warnungen vor der Gefährlichkeit von Nationalismus und Gewalt im Mittleren Osten und der zerstörerischen Wirkung von Staat und Klassenherrschaft erfüllen in diesem Buch vor allem die Rolle, den Herrschenden den Spiegel vorzuhalten und Schreckensszenarien zu entwerfen – „Wenn ihr euch nicht ändert, wird es böse enden, also reformiert euer System, dann werden wir diese Schrecken vermeiden können.“ Darin enthalten ist auch der Appell an die USA, die kurdische Selbstverwaltung zu tolerieren und sich verlässliche Bündnispartner in der Region zu suchen 28.

Diese im Buch enthaltene Botschaft wirft die Frage auf, ob Abdullah Öcalan zu seinen reformerischen Ansichten gelangt ist, weil er sich auf der Ebene der Philosophie und der Ökonomie von marxistischen Positionen entfernt hat oder ob seine geschichtlichen Diskurse die Folge der taktischen Anpassung an eine Reform innerhalb des Kapitalismus sind. Das lässt sich nicht abschließend bewerten, ist aber auch zweitrangig für die politische Beurteilung seiner Ideen.

Wir plädieren jedoch dafür, Apo und die politischen Debatten in der kurdischen Bewegung ernst zu nehmen und sich daran zu beteiligen.

Die von ihm voran getriebene Öffnung der PKK ist zwar nach „rechts“ erfolgt, in Richtung einer reformerischen Anpassung an den Kapitalismus, aber diese Öffnung hat gleichzeitig Spielräume für die Einheit der lohnabhängigen und armen Menschen über ethnische und religiöse Grenzen hinaus ermöglicht. Die Absage an nationale Unterdrückung und die Stärkung der demokratischen Rechte, vor allem der Rechte der Frauen, sind zentrale Botschaften der kurdischen Bewegung.

Die heldenhaften VerteidigerInnen von Kobanê, die Hunderttausende UnterstützerInnen der Bewegung in der Türkei, dem Irak und dem Iran, sie sind ein wichtiges Potenzial für den Aufbau einer multiethnischen, multireligiösen Bewegung der Unterdrückten und Ausgebeuteten. MarxistInnen schlagen für eine solche Bewegung eine Strategie vor, die auf der Mobilisierung der Massen, demokratischen Diskussionen und Entscheidungsstrukturen, der Perspektive des Sturzes des Kapitalismus und der Bildung eines freiwilligen sozialistischen Staatenbunds im Nahen und Mittleren Osten basiert.

Am Ende wird der Kapitalismus in Kurdistan nicht durch eine den Narodniki ähnliche Organisation gestürzt werden können, sondern durch eine sozialistische Arbeiterbewegung, durch die noch aufzubauenden Bolschewiki in der Region.

Claus Ludwig ist Mitglied des SAV-Bundesvorstands und aktiv in der LINKEN Köln-Kalk. Er ist unter anderem Mitautor des Buchs „Iran – Freiheit durch Sozialismus“.

Quellen und Fußnoten

1 Abdullah Öcalan: Jenseits von Macht, Staat und Gewalt, 1. Auflage, September 2010, Köln, S. 20

2 Ebd., S. 16

3 Ebd., S. 32

4 Ebd., S. 47

5 Ebd., S. 176

6 Ebd., S. 38

7 Ebd., S. 178

8 Ebd., S. 428

9 „Keineswegs war die starre Ideologie des Islam die Ursache. Dieser war im Hochmittelalter weit flexibler als das Christentum […] Aufklärung und Modernisierung in Europa sind nicht vom Himmel gefallen, waren nicht die Erkenntnis schlauer Menschen. Neue Ideen brauchen einen Träger, eine soziale Klasse, welche die Ideen entwickelt und sie in materielle Realität umsetzt. Aufklärung und Säkularisierung sind Ausdruck der Klasseninteressen der Klasse der Kapitalisten, der Bourgeoisie. Sie sind ihre Waffen im Kampf gegen die Herrschaft von Adel und Feudalherren, zur Herausbildung kapitalistischer Produktionsverhältnisse, von Nationalstaaten und kolonialer Expansion. Kein islamisches Land hat diese bürgerliche Klasse hervorgebracht. Während das rückständige, bornierte, karge, zersplitterte Europa vom 13. bis zum 19. Jahrhundert Umwälzungen und Bürgerkriege erlebte, sich in den Städten neue Schichten und Klassen formierten und um die Macht kämpften, sich Produktion und Verteilung änderten, hatten die Machtkämpfe, Kriege und Eroberungen in Persien und dem Osmanischen Reiche keine größeren Folgen für die Produktions- und Herrschaftsverhältnisse. Bauernaufstände entwickelten sich nicht zu machtvollen Klassen-kämpfen – ihnen fehlten sowohl der verarmte Landadel als auch die städtischen Bürger als Bündnispartner – sondern blieben regional begrenzt und scheiterten an der Repression der mächtigen Zentralreiche. Statt zu Revolutionen kam es lediglich zu kläglichen Palastrevolten und der Ablösung der einen Dynastie durch die nächste …“

in: Sascha Stanicic, Claus Ludwig u.a.: Iran – Freiheit durch Sozialismus, März 2010, S.111 f.

10 Abdullah Öcalan: Jenseits von Macht, Staat und Gewalt, 1. Auflage, September 2010, Köln, S. 66

11 Ebd., S. 79

12 Ebd., S. 165

13 Ebd., S. 203

14 Ebd., S. 170

15 Ebd., S. 171

16 Ebd., S. 188

17 Ebd., S. 168

18 Ebd., S. 63

19 Ebd., S. 172

20 Ebd., S. 30

21 Ebd., S. 441

22 Ebd., S. 185

23 Ebd., S. 442

24 Ebd., S. 181

25 Ebd., S. 178

26 Ebd., S. 181

27 Ebd., S. 182

28 Ebd., S. 174

In der nächsten Ausgabe von sozialismus.info erscheint ein Artikel zur Praxis des demokratischen Konföderalismus in Rojava.