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Wirklich nicht auszuhalten

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9783832197957.22816.jpg.22820Zur „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq

Am 7. Januar lag auf den Tischen bei Charlie Hebdo die Ausgabe mit dem Cover zu Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, das später Stern und SPIEGEL als Poster und Frontseite druckten. Die Auflagen von Charlie Hebdo sind in die Höhe geschossen, „Unterwerfung“ wird massenhaft gelesen. Dumont bereitet schon die dritte und vierte Auflage vor.

von Kathi Doll, Hamburg

„Unterwerfung“ beschreibt Frankreich 2022, wo der Front National (FN) mit den sogenannten „Sozialisten“ und der „Bruderschaft der Muslime“ die politische Landschaft bilden. Der „Held“, ein langweiliger, sexuell frustrierter Professor für Literatur, lebt vor einer bürgerkriegsähnlichen Kulisse. Gewaltausübung geht von muslimischen und nationalistischen Kräften aus. An der Uni schüchtern sie Professoren ein, versuchen die Trennung von Kirche und Staat abzuschaffen und Houellebecqs „Held“ ist froh, dass in seinem Viertel der Zuzug von Schwarzen und AraberInnen verhindert wurde. Letztlich vereiteln „Sozialisten“ und Muslimbruderschaft den Einzug der FN ins französische Parlament. Ein Islamist wird Präsident.

Für den politischen Hintergrund seines Buches hat Houellebecq nix übrig als Zynismus und Apathie. In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung sagt er auf die Frage, ob sein Buch Rechtspopulisten zuarbeite: „Erstens ist mir das egal. Und zweitens hat noch nie jemand seine Meinung geändert, weil er ein Buch gelesen hat.“ Pegida, AfD und Co. zeigen, dass die Hetze, die SPIEGEL, Focus, Stern und andere seit Jahren drucken, nicht ohne Auswirkung bleibt. Ihre Titelblätter stärken die Ablehnung gegen Muslime und Muslimas sowie die Entfremdung migrantischer Schichten. Bei Pegida gehen Leute auf die Straße, die ständig hören, MigrantInnen seien schuld daran, dass die Sozialsysteme absaufen.

Droht die „Islamisierung des Abendlandes“?

„Unterwerfung“ ist der geistige Ausfluss der islamophoben Stimmungsmache der letzten Jahre. Obwohl nur sieben Prozent der französischen Bevölkerung Muslime und Muslimas sind, wird so getan, als könne eine islamistische Partei dort 2022 ein Stimmergebnis von fast einem Viertel bekommen und eine Art „Sharia-Polizei“ in der Bevölkerung aufbauen. Sonst beschwören nur rechte und konservative Medien dieses Szenario. Die Zeit postet im Leserartikel-Blog einen Beitrag, der sich darauf bezieht, dass der CIA vor einem „Bürgerkrieg in Deutschland“ bis 2020 als Folge weiterer „Islamisierung“ warnt. Punkt 16 der Thesen von Pegida ist: „Pegida ist gegen das Zulassen von Parallelgesellschaften/Parallelgerichten in unserer Mitte, wie Sharia-Gerichte, Sharia-Polizei, Friedensrichter und so weiter.“

„Wir“ gegen den Terror?

Das Attentat bei Charlie Hebdo war grausam und schockierend. Getroffen wurden nicht die Islamophobie der Herrschenden oder die Kriegstreiber im Nahen Osten, sondern einfache Journalisten. Es ist gut, dass die arbeitende Bevölkerung zu Millionen dagegen auf die Straße gegangen ist. Sie standen nicht an der Seite von Islamisten oder FN. Der hat gerade mal etwa 1.000 Demonstranten mobilisiert, obwohl Islamophobie zu einem seiner Schwerpunkte zählt.

Jetzt schreien französische und deutsche Medien nach nationaler Einheit. „Wir gegen den Terror“ titelt die BILD. Doch die Idee der nationalen Einheit gegen Rassismus und Krieg ist eine Illusion. Millionen Französinnen und Franzosen beteiligten sich an den Demonstrationen nach dem Attentat aus Solidarität mit den Ermordeten und Verängstigten. Angela Merkel, Benjamin Netanjahu, Francois Hollande und Co. sind nicht Teil dieser Solidarität. Regelmäßig tötet Netanjahus Armee tausende PalästinenserInnen im Westjordanland und im Gaza-Streifen. Merkels Abschiebepolitik nimmt Tausenden täglich die Hoffnung auf ein Leben in Frieden und ohne Hunger. In Frankreich leben sieben Prozent Muslimas und Muslime – in Hollandes Gefängnissen sind es 60 Prozent.

Aufstehen gegen ihren Terror!

„Der Staat muss uns schützen“ kräht Michel Houellebecq und fordert das „Recht, ein islamophobes Buch zu schreiben“. Aber er muss sich um seine Redefreiheit keine Sorgen machen. „Unterwerfung“ ist von vorn bis hinten voll von Verachtung gegen Frauen und MigrantInnen. Aber er genießt nach dem Attentat auf Charlie Hebdo ständigen Personenschutz. Als 2010 die Burka in Frankreich verboten wurde, gab es eine Zunahme von Gewalt gegen Frauen mit Burka oder Kopftuch. Sie kriegen keinen Personenschutz. In Dresden wurde im Januar der Pegida-Aufzug verboten – nicht, weil es heftige Übergriffe auf MigrantInnen am Rande der Demos gab, sondern, wie es offiziell hieß, aus Angst, es könne einen islamistischen Anschlag auf das Bündnis geben. Die antirassistische Gegendemo wurde übrigens gleich mit verboten.

Wenn es gilt, Flüchtlingsunterkünfte gegen Stiefelnazis zu verteidigen, dann müssen wir selbst vor ihren Türen stehen. Das Recht, Sexismus, Rassismus und Islamophobie nicht erleben zu müssen, fordert keiner. Es sind nicht die Werte von Houellebecq, die wir verteidigen müssen – Leute wie er können sich auf Polizei und Klassenjustiz verlassen. Verteidigen müssen wir unsere Fähigkeit, gemeinsam für eine bessere, sozialistische Welt zu kämpfen und uns nicht spalten zu lassen! n

Wir fordern

  • Rassismus schafft keine Jobs – Geld für gut bezahlte Arbeitsplätze statt für Banken und Konzerne
  • Gemeinsam kämpfen für Bildung, Soziales und Wohnraum
  • Asylrecht wiederherstellen – Bleiberecht für alle
  • Gleiche Rechte für alle – gegen jede Form von Diskriminierung auf Grund von Nationalität, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, Behinderung oder sexueller Orientierung
  • Fluchtursachen statt Flüchtlinge bekämpfen: Stopp aller Rüstungsexporte
  • Schluss mit Auslandseinsätzen der Bundeswehr
  • Nein zur Festung Europa und zum mörderischen Grenzregime
  • Abschaffung von Residenzpflicht, Arbeitsverboten und allen Sondergesetzen für MigrantInnen
  • Für eine menschenwürdige, dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen in verfügbaren Wohnungen oder Beschlagnahmung von Wohnraum, der aus Spekulationsgründen leer steht
  • Für eine zehnprozentige Millionärssteuer und eine drastische Besteuerung von Unternehmensgewinnen
  • Überführung der Banken und Konzerne in öffentliches Eigentum bei demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch die arbeitende Bevölkerung
  • Statt Konkurrenz und Produktion für den Profit – demokratische Kooperation und nachhaltige Planung entsprechend der Bedürfnisse von Mensch und Umwelt
  • Für sozialistische Demokratie weltweit