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Die Geburt des Bolschewismus

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Lenin SDAPR ParteitagVor 110 Jahren fand der „Spaltungsparteitag“ der Russischen Sozialdemokratie statt

Das Grundproblem gegenwärtiger Revolutionen, aber auch zahlreicher Revolutionen des 20. Jahrhunderts, war und ist das Fehlen einer erfahrenen, in den Massen verankerten revolutionär-marxistischen Partei. Die Existenz einer solchen half der russischen Arbeiterklasse entscheidend, im Jahre 1917, die politische Macht zu erobern und den ersten Arbeiterstaat der Welt zu errichten. Die Partei der Bolschewiki, hervorgegangen aus der russischen Sozialdemokratie, konnte 1917 auf viele Jahre der Auseinandersetzung mit dem Reformismus innerhalb der Arbeiterbewegung verweisen. Es war vor allem der Verdienst Lenins, den Kampf um die Organisierung der Arbeiterklasse in einer revolutionär-sozialistischen Partei erfolgreich geführt zu haben und ebenso die Auseinandersetzung mit solchen Strömungen wie den Menschewiki gesucht zu haben, die für eine lose Organisation eintraten und die Arbeiterklasse den vermeintlich „fortschrittlichen“ Teilen der Bourgeoisie unterordnen wollten. Diese begann vor 110 Jahren beim II. Parteitag der Russischen Sozialdemokratie.

von Marcus Hesse, Aachen

Der II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), der im Juli 1903 stattfand, führte zum Bruch zwischen den AnhängerInnen Lenins, den „Mehrheitlern“ (Bolschewiki) und den Teilen der Sozialdemokratie, die fortan als „Minderheitler“ (Menschewiki) bekannt werden sollten.

Bürgerliche Geschichtsschreiber verbreiten dabei ein verzerrtes, einseitiges und letztlich falsches Bild von den Ansichten Lenins und der Bolschewiki, wonach diese für eine autoritäre, undemokratische, bürokratische und hyperzentralistische Partei eintraten, während der Menschewismus für innerparteiliche Demokratie stünde. Manche HistorikerInnen mit linkem Anspruch stoßen in dasselbe Horn. Die stalinistische Geschichtsschreibung, die Lenins Vorstellungen ebenso verzerrt darstellte und in ihren eigenen Dienst stellte, tat das ihrige dazu. Tatsächlich beruhen diese Ansichten im Wesentlichen auf einer einseitigen Auslegung einiger Zeilen aus Lenins Schrift „Was tun?“ von 1902, in denen er als einer der führenden Köpfe um die sozialdemokratische Zeitschrift „Iskra“ für eine zentralisierte, gesamtrussische Partei argumentierte. Lenins Beharren auf eine starke Zentrale und auf strengere Kriterien für die Mitgliedschaft scheinen das Bild zu bestätigen. Doch worum ging es wirklich?

Die organisationspolitischen Ideen der „Iskra“

Seit die Ideen des Marxismus nach Russland gekommen waren, gab es Bemühungen der Organisierung in Parteiform. Unter den Bedingungen der Repression durch den Zarismus waren diese Organisationen illegal und mussten im Untergrund agieren. Erste Ansätze der Organisierung wurden immer wieder durch Repressalien und Verhaftungen zunichte gemacht. So die 1883 gegründete „Gruppe zur Befreiung der Arbeit“ von Plechanov, Sassulitsch und Axelrodt, oder die Petersburger Organisation „Für eine Partei russischer Sozialdemokraten“. Erst der 1895 gegründete „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“, dem auch Lenin sowie der spätere Menschewik Martov angehörten, konnte der Verfolgung widerstehen.

1898 kam es zur Gründung der SDAPR. In ihr vereinigten sich sechs Organisationen, darunter auch Lenins „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ und der „Allgemeine Jüdische Arbeiterbund“, der sich als spezielle Partei der einst Jiddisch sprechenden jüdischen Minderheit verstand.

Auf dem Gründungsparteitag in Minsk waren nur neun Delegierte anwesend. Die Gründung der Partei war mehr ein kühnes, in die Zukunft hinausweisendes Projekt. Aber sie hatte eine gewaltige Sogwirkung. Im ganzen Land bildeten sich lokale Zirkel und Gruppen, Zeitungen und Vereine, die sich der Partei zuordneten. Vielfach wurden diese von der politischen Polizei zerschlagen. Doch der Schritt zur Bildung einer zentralisierten, russlandweiten Partei erwies sich als richtig. Immer neue lokale Gruppen der Sozialdemokratie bildeten sich. Jedoch war die SDAPR faktisch nicht mehr als ein loser Dachverband lokaler Zellen.

Mit der Zielsetzung, die Partei politisch und organisatorisch zu festigen und zu vereinheitlichen, gründete sich 1900 im zunächst deutschen, dann britischen Exil die Zeitschrift „Iskra“, zu Deutsch „Der Funke“. Lenin und Plechanov waren dabei federführend. Auch Leo Trotzki beteiligte sich im Londoner Exil an ihrer Arbeit.

„Was tun?” als Quelle für Missdeutungen

Um die Zeitung begann die Auseinandersetzung in der SDAPR. Der Leitartikel „Die dringendsten Aufgaben unserer Bewegung“ stammte von Lenin selbst. Dort hieß es über die „Iskra“, sie sei „nicht irgendeine Arbeiterzeitung, sondern setzt sich zum Ziel, die bewusstesten Teile der russischen Arbeiterbewegung rund um ein marxistisches Programm zu sammeln“. Lenins Beschreibung der Zeitung als „kollektiver Propagandist“ und „kollektiver Organisator“, in seiner bedeutenden Schrift „Was tun?“ von 1902 ist so zu verstehen. Die Zeitung sollte theoretisch und organisatorisch das Bindeglied für die verstreuten lokalen Zellen der SDAPR werden.

„Was tun?“ betont mit Nachdruck die Notwendigkeit einer einheitlichen, von einer (gewählten, abwählbaren und rechenschaftspflichtigen) Zentrale geführten Partei und betont die Notwendigkeit von Kadern, also geschulten selbständig denkenden RevolutionärInnen, die sich „berufsmäßig“ der revolutionären Arbeit widmen. Dieser Anspruch gilt auch heute noch für revolutionäre MarxistInnen. Bezogen auf „Was tun?“ ist aber zu beachten, dass diese Forderung in einer Situation aufgestellt wurde, in der die russische Sozialdemokratie real keine einheitliche zentralisierte Partei war.

In „Was tun?” gibt es eine berühmte Stelle, die von Bürgerlichen, aber auch von vielen „“LeninistInnen“ als Dogma verstanden wird: Die Stelle wo Lenin, Kautsky zitierend, davon spricht, dass die Arbeiterklasse „von sich aus” nur „trade-unionistisches”, also gewerkschaftliches, Bewusstsein entwickeln würde und dass sozialistisches Bewusstsein nur von außen, durch revolutionäre Intellektuelle, „in sie hineingetragen werden” müsse. Ignoriert wird dabei, dass Lenin (und mit ihm Trotzki, sowie die späteren Menschewiki Martov und Plechanov) hier gegen die “Ökonomisten” argumentierten, die die Idee vertraten, dass sich das revolutionär-sozialistische Bewusstsein der Massen “automatisch” über ökonomische Kämpfe entwickeln würde und damit die Bedeutung der revolutionären Partei minderten. Diese Leute standen für eine Entpolitisierung der Arbeit der SDAPR.

Zweitens kann man Lenin weder in „Was tun?”, noch in seinem Gesamtwirken unterstellen, dass er an jener These festhielt. Schon in „Was tun?” schrieb Lenin, bezogen auf die Geschichte der russischen Sozialdemokratie: „Es gab also sowohl ein spontanes Erwachen der Arbeitermassen, ein Erwachen zu bewusstem Leben und bewusstem Kampf, als auch eine mit der sozialdemokratischen Theorie gewappnete revolutionäre Jugend, die es stürmisch zu den Arbeitermassen hinzog.” Wir sehen also, dass für Lenin die revolutionäre Partei als führendes Zentrum und Trägerin von Programm und Theorie einerseits und die Selbstaktivität der Arbeiterklasse andererseits, zusammengehörten. Sie stehen in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Das bewusste Eingreifen einer revolutionären Partei in Klassenkämpfe ist keine zwingende Voraussetzung, damit sich in der Arbeiterklasse überhaupt sozialistisches, also politisches Bewusstsein, entwickeln kann. Es kann diesem Prozess aber eine klare Richtung und ein Verständnis der revolutionären Aufgaben der Arbeiterklasse geben und diesen enorm beschleunigen. Leider haben die Stalinisten später diese Zeilen Lenins zum Dogma erklärt und damit einseitig zu begründen versucht, dass eine Partei-Elite die Klasse paternalistisch führen müsse.

Den „Iskristen” um Lenin herum ging es aber darum, den Ideen der Ökonomisten entgegen zu treten. Entsprechend scharf und zugespitzt fielen deshalb die Worte über die „Spontanität” der Arbeitermassen aus. Später sollte er, mehr als andere in seiner Partei, auf die Selbstorganisation der ArbeiterInnen pochen, gerade im Revolutionsjahr 1917, als die in Räten organisierten ArbeiterInnen, Soldaten und Matrosen sich vielfach radikaler, bewusster und kühner zeigten als manche Führer der Bolschewiki (so trat Stalin nach der Februarrevolution zunächst für die Unterstützung der bürgerlichen Regierung ein). Es war das Verdienst Lenins (und Trotzkis) die bolschewistische Partei zur Orientierung auf die sich radikalisierenden fortschrittlichsten Teile der Arbeiterklasse zu bringen und sie damit zu deren anerkannten Führung zu machen. Die Geschichte hat Lenin aber insofern Recht gegeben, als dass die Spontanität der Massen zwar zu revolutionären Aufständen führen kann, diese also die Machtfrage aufwerfen können bzw. eine Situation herbeiführen können, in denen sich neben der alten Herrschaft die Grundzüge einer neuen Macht zeigen – was in der marxistischen Terminologie „Doppelherrschaft“ genannt wird -, aber der Erfolg einer sozialistischen Revolution von der Existenz einer starken und gut organisierten revolutionären Partei abhängt, die die neuen revolutionären Machtorgane (Arbeiterräte) zusammenfassen und ihnen einen Handlungsplan geben kann.

Der II. Parteitag – „Iskristen” gegen „Bundisten” und „Ökonomisten”

 Der Zweite Parteitag der SDAPR fand im Sommer 1903 in Brüssel und London statt. Trotzki beschrieb in seiner Autobiografie „Mein Leben“ die Atmosphäre, in der die siebzig Delegierten tagten: In den Räumen einer Genossenschaft, inmitten eines Lagerhauses, von Ratten geplagt. Das Ausweichen auf Großbritannien war nötig, weil die belgische Polizei und Spitzel der russischen Geheimpolizei Ochrana den Delegierten gefährlich „auf die Pelle“ rückten, so Trotzki, der mit einer falschen Identität und bulgarischen Papieren nach Belgien gekommen war. Durch das Ausweichen auf England verschob sich die Konferenz um gut einen Monat. Inzwischen hatte die SDAPR große Fortschritte gemacht. Die Partei war sichtlich gewachsen und stellte eine reale Kraft in der russischen Arbeiterschaft dar. Politisch war sie aber immer noch widersprüchlich: Die „Iskristen” um Lenin, Trotzki und Martov standen den „Ökonomisten” gegenüber und der jüdische „Bund” forderte, als autonome Partei der jüdischen Minderheit anerkannt zu werden. Die Iskra-Leute führten einen hartnäckigen Kampf gegen diese Strömungen. Es war abzusehen, dass es zu heftigen Kämpfen zwischen den „Iskristen“ und den „Ökonomisten“ und dem „Bund“ kommen würde. So war es dann auch auf dem Parteitag. Die Iskra-Vertreter lehnten die Idee der „Bundisten” ab, eine eigene Partei für die jüdische Arbeiterklasse im Rahmen der russischen Sozialdemokratie zu dulden. Sie argumentierten für die Einheit aller Nationalitäten innerhalb der Arbeiterbewegung des russischen Reiches, als Mittel der Überwindung nationaler Gräben. Dabei ging es um die Klärung einer wichtigen Frage: Während MarxistInnen für das Recht auf nationale Selbstbestimmung bis hin zum Recht auf Lostrennung eintreten (wenn die Mehrheit der unterdrückten Nation das wünscht), so stehen sie in der Regel für die Einheit aller Nationalitäten innerhalb der Arbeiterorganisationen und sozialistischen Parteien eines Landes. Das Komitee für eine Arbeiterinternationale (englische Abkürzung CWI, die internationale sozialistische Organisation, der die SAV angeschlossen ist) lebt dieses Beispiel bis heute vor: So gibt es jeweils eine, sektiererische Gräben überwindende, Sektion in Sri Lanka, Nordirland und ähnlichen Ländern, in denen die Arbeiterklasse entlang nationaler oder religiöser Linien gespalten wird.

Trotzki und Martov, beide selbst jüdischer Herkunft, standen dabei voll auf Lenins Seite. Die Vertreter des „Bund” unterlagen in dieser Abstimmung. Mit gleicher Schärfe wandten sich die „IskristInnen” gegen die „ÖkonomistInnen”, die der SDAPR kein politisches Profil geben wollten. Die VertreterInnen der Iskra setzten sich auch hier durch. Nach dem Auszug der Geschlagenen blieben sie alleine übrig. Für die darauf folgenden Debatten und Spaltungen innerhalb der Iskra-Leute sollte das von Bedeutung werden. Lenin gibt in seiner Schrift „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück” eine lebendige Darstellung der dortigen politischen Auseinandersetzung.

 

Bruch zwischen Bolschewiki und Menschewiki

Darauffolgend kam es inmitten des Parteitags zur Spaltung der bis dahin einheitlichen Front der „Iskristen”. Ausgangspunkt dafür war eine, wie es zunächst scheint, nebensächliche Frage: Die des Parteistatuts. Alle TeilnehmerInnen der Konferenz waren überrascht über dieses Ergebnis. Auch Lenin hatte einen Bruch zwischen ihm und Martov bzw. den Menschewiki zunächst weder gewollt noch erwartet.

In bürokratischen Organisationen wird die Organisation zum Selbstzweck. Für revolutionäre Arbeiterparteien ist sie Mittel zur Verwirklichung des politischen Ziels: Des Kampfes der Arbeiterklasse um die Macht. Die Fragestellung des Parteistatuts scheint auf dem ersten Blick zweitranging und die Unterschiede erscheinen (oberflächlich betrachtet) nur als Nuancen. Doch es steckten durchaus tiefere politische Differenzen dahinter. Diese sollten sich im Gefolge der Spaltung zeigen.

Vordergründig ging es darum, wer als Parteimitlied zu betrachten sei. Lenin drängte auf strengere Kriterien für eine Mitgliedschaft. Martov wollte die Mitgliedschaft weiter fassen.

Lenin hatte vorgeschlagen den Statutsparagraphen folgendermaßen zu formulieren:

„Als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands gilt jeder, der ihr Programm anerkennt, die Partei in materieller Hinsicht unterstützt und ihr unter Leitung einer ihrer Organisationen regelmäßig persönlichen Beistand leistet.“ Die aktive revolutionäre Tätigkeit wurde hier gefordert. Martov lehnte das ab und trat für folgende Formulierung ein: „Als Mitglied der Partei gilt jeder, der ihr Programm anerkennt und die Partei sowohl in materieller Hinsicht als auch durch die persönliche Betätigung in einer der Parteiorganisationen unterstützt.“ Tatsächlich sollte die darauf folge Debatte zeigen, worum es bei dem Streit tatsächlich ging.

So sagte Martov: „Je weiter verbreitet die Mitgliedschaft der Partei, desto besser. Wir können nur froh sein, wenn sich jeder Streikende, jeder Demonstrant, sollte er gefragt werden, als Parteimitglied proklamieren würde. Für mich hat eine konspirative Organisation nur dann eine Bedeutung, wenn sie von einer breiten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei umgeben ist.“

Das stellte einen Bruch mit den bisherigen Prinzipien dar, für die die Iskra stand: Eine disziplinierte Partei von aktiven, zuverlässigen und bewussten BerufsrevolutionärInnen und bewussten und aktiven ArbeiterInnen. Aber Martov verwischte damit auch die Grenzen zwischen der revolutionären Partei und der ganzen Arbeiterklasse.

Im Laufe der Debatte sollte sich auch zeigen, dass die von Martov und seinen Leuten vorgeschlagenen Vorstellungen „annehmbarer“ sein sollten für Intellektuelle und Studierende, die sich der Partei anschließen. Dahingegen forderten Lenin und seine UnterstützerInnen auch von solchen Mitgliedern strenge Disziplin, Aktivität und Opferbereitschaft. Später sollte sich zeigen, dass die Menschewiki sich die Revolution in Russland nur als eine vom liberalen Bürgertum geführte vorstellen konnten und dementsprechend sich diesem unterordneten.

Die reformistischen Kräfte (Ökonomisten und Bundisten) stimmten für Martov, dessen verwässerte Position so zunächst die Mehrheit erlangte. Als dann aber diese Kräfte den Parteitag verließen, sahen die Mehrheitsverhältnisse anders aus. Nun gewannen die AnhängerInnen Lenins die Mehrheit. Ausgehend von diesem Mehrheitsverhältnis nannten sich die „harten“ AnhängerInnen Lenins fortan „Bolschewiki“ (dt. „Mehrheitler“), während die „weichen“ um Martov als „Menschewiki“ (dt. Minderheitler“) bekannt wurden.

Lenin setzte die Bildung eines gesamtrussischen Zentralkomitees als nationaler Führung durch und eine Verkleinerung der Redaktion der Iskra (von sechs auf drei Leute), wobei Martov einer der drei hätte sein sollen. Ein Parteirat sollte aus den Fraktionen paritätisch zusammengesetzt sein. Soweit kamen die „Mehrheitler“ der Minderheit entgegen. Doch die wollte nichts davon wissen. Die Menschewiki verließen den Parteitag und ließen Lenins Leute alleine zurück.

Nach dem Parteitag

Die Menschewiki starteten nach dem Parteitag eine massive Hetzkampagne gegen Lenin und die Bolschewiki, die als „diktatorisch“, „bürokratisch“ und „hyperzentralistisch“ bezeichnet wurden. Dabei machten sie gemeinsame Sache mit den Ökonomisten und den AnhängerInnen des „Bund“. Die Kritik an Lenin und den Bolschewiki teilten damals auch Revolutionäre wie Trotzki und Rosa Luxemburg. Sie störten sich an Lenins Betonung auf Disziplin und Zentralismus. Trotzki kritisierte die von Lenin vorgenommene Reduzierung der Iskra-Redaktion und beschwor den „Jakobinismus“ Lenins. So stimmte Trotzki zunächst mit Martov.

Recht bald aber sollte er die Beziehungen mit diesem abbrechen und sich jenseits der beiden Flügel der Sozialdemokratie engagieren. Denn recht bald zeigte sich, dass es bei den Menschewiki um mehr ging als die Frage des Parteiaufbaus und des Statuts, sondern um die Unterordnung der Arbeiterbewegung unter das liberale Bürgertum. Dass Trotzki beim Parteitag 1903 gegen Lenin stimmte, hat der Stalinismus später massiv ausgeschlachtet, um Trotzki zu diffamieren. Tatsächlich aber hatte Trotzki dies frühzeitig als Fehler bilanziert, wobei er erst im Jahre 1917 Mitglied der Bolschewistischen Partei wurde.

Tatsächlich hatte Lenins Konzeption einer zentralisierten Kaderpartei nichts mit Bürokratismus zu tun. Denn immer ging sie mit demokratischen Strukturen, jederzeitiger Wähl- und Abwählbarkeit, Rechenschaftspflicht von FunktionsträgerInnen und offener und freier Diskussion aller politischen Fragen einher. Die Geschichte der Bolschewiki ist eine Geschichte offener Debatten bis hin zu Fraktionsbildungen. Dies wurde erst nach der Revolution während des Bürgerkriegs und angesichts der drohenden Konterrevolution eingeschränkt, was aber von Lenin und der Führung der Partei als vorübergehende Notmaßnahmen betrachtet wurde und nicht, wie es die Stalinisten darstellen, als Prinzip einer revolutionären Partei.

1905 kam es zur ersten Revolution in Russland, an deren wichtigste Errungenschaft der Petersburger Sowjet als unabhängiges Machtorgan der Arbeiterklasse stand. Trotzki wurde dessen Vorsitzender. Diese Revolution sollte, obwohl sie nicht erfolgreich war, den Weg weisen und gab den marxistischen Kräften eine Vorstellung von den Kräfteverhältnissen, der Dynamik und dem Charakter kommender Revolutionen. Es zeigten sich nach der Revolution auch besonders deutlich die politischen Unterschiede zwischen Bolschewiki und Menschewiki: Beide gingen davon aus, dass die Revolution eine bürgerlich-demokratische war. Aber während die Menschewiki daraus ableiteten, dass die Führung dabei dem Bürgertum zufallen würde und die unabhängigen Interessen der Arbeiterklasse dahinter zurückstellten, traten die Bolschewiki für die Unabhängigkeit der Arbeiterklasse ein und wollten die ArbeiterInnen und BäuerInnen an die Spitze der Revolution stellen. Es war damals Trotzki der als erster und viel klarer als Lenin erkannte, dass die russische Revolution nicht in der bürgerlich-demokratischen Etappe stehen bleiben könne und die politische Führung bei der städtischen Arbeiterklasse liegen müsse. Diese Gedanken schrieb er in seinem Buch „Ergebnisse und Perspektiven“ nieder, indem er die Erfahrungen der Revolution 1905 bilanzierte. 1917 sollte sich diese Perspektive bewahrheiten und wurde durch Lenin und Trotzki zur programmatischen Richtschnur für die Partei der Bolschewiki.

Nach dem Spaltungsparteitag sollte es noch mehrere Versuche geben, die russische Sozialdemokratie wieder miteinander zu versöhnen. Trotzki versuchte dies noch sehr lange. Die Revolution von 1905 hatte die Menschewiki vorübergehend nach links gedrückt, sodass sie sich vorübergehend wieder vereinten. Interessanterweise nahm die wiedervereinigte Partei im Gefolge der revolutionären Ereignisse das „harte“ Statut Lenins an. Doch es sollte sich immer wieder zeigen, dass die politischen Gegensätze zu grundlegend waren. Im Zuge der Repression des Zarismus nach dem Scheitern der Revolution von 1905 rückten die Menschewiki wieder schnell nach rechts. Sie forderten, die illegalen Untergrundorganisationen der Partei aufzulösen und propagierten immer offener die Unterordnung unter die liberalen Demokraten. 1912 kam es dann zum endgültigen organisatorischen Bruch, indem Lenin die Sozialdemokratie auf der Grundlage revolutionärer Konzeptionen wieder aufrichtete: Die Partei Lenins hieß fortan SDAPR (B) – mit dem Namenszusatz „Bolschewiki“. Bolschewiki und Menschewiki waren fortan zwei verschiedene Parteien.

Lehren

Wohin die unterschiedlichen Methoden und Konzeptionen führten, zeigte sich in aller Schärfe ein paar Jahre nach der endgültigen Spaltung. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Während die Bolschewiki sich konsequent gegen den imperialistischen Krieg stellten und ihn in einen revolutionären Umsturz umwandeln wollten, stellten sich die Menschewiki mehrheitlich auf die Seite „ihrer“ herrschenden Klasse. In der Revolution von 1917 setzten die Menschewiki auf die Fortführung des Krieges und unterstützen die bürgerliche Provisorische Regierung. Als die ArbeiterInnen, armen BäuerInnen, Soldaten und Matrosen sich radikalisierten, wurden sie aus den Räten weggefegt, während die Bolschewiki um Lenin und Trotzki die anerkannten FührerInnen der sozialistischen Revolution wurden.

Die Spaltung, die sich 1903 auf Grund von Organisationsfragen auftat und die sich später vertiefen sollte, war für die Beteiligten zunächst schmerzlich und wurde als Rückschritt angesehen. Doch sie erwies sich rückblickend als überaus nützlich für den Aufbau einer wirklich revolutionären Partei. Denn diese Spaltung, oder besser Ausdifferenzierung der russischen Sozialdemokratie,

half bei der programmatischen Klärung tieferlegender Gegensätze. In der Auseinandersetzung der revolutionären AktivistInnen mit den Strömungen der Anpassung an das Bürgertum, schulte sich eine ganze Generation von ArbeiterInnen und RevolutionärInnen.

Die Idee, dass eine möglichst „lockere“, „breite“ und unverbindliche Organisation einer programmatisch klaren und bewussten Partei als Instrument zur Revolution vorzuziehen sei, ist weiterhin verbreitet und findet heute durch die vielfach negativen Erfahrungen mit Stalinismus, Reformismus (Sozialdemokratie), aber auch durch den Rückgang sozialistischen Bewusstseins in der Arbeiterklasse seit den 1990er Jahren neue Nahrung. Oftmals wird sich dabei auf die Kritik des jungen Leo Trotzki oder von Rosa Luxemburg an Lenins Parteikonzeption berufen. Doch dabei wird in der Regel verschwiegen, dass Trotzki seine Kritik aus der Zeit der Spaltung der russischen Sozialdemokratie im Lichte der historischen Erfahrungen revidierte und Rosa Luxemburg sehr wohl eine Vertreterin der Idee einer revolutionären Partei war, deren Kritik im Jahre 1918 erstens mit einer grundsätzlichen Unterstützung der revolutionären Rolle der bolschewistischen Partei einher ging und zweitens auch durch eine Unkenntnis der genauen Situation im jungen russischen Arbeiterstaat geprägt war. Ohne die Existenz der Bolschewiki als einer um ein klares marxistisches Programm gruppierten, handlungsfähigen und geschlossenen Partei, wäre die Oktoberrevolution nicht zum Erfolg geführt worden.

Eine solche Partei fehlt heute. Dies wird zunehmend zum Problem – besonders da, wo Millionen von ArbeiterInnen und Jugendlichen in revolutionären Kämpfen stehen, wie in Ägypten, Tunesien und an vielen anderen Orten der Welt.