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Das Ideal des Herrn Zetsche

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Auslagerungen und Fremdvergabe bei Daimler

Dieter Zetsche ist der Vorstandsvorsitzende von Daimler. Bei der Aktionärsversammlung im April dieses Jahres musste er zugeben, dass sein Konzern möglicherweise auch 2013 keine Gewinnsteigerung erwarten kann.

von Mirek Vodslon, Berlin

Mit „nur“ 8,6 Milliarden Euro lag der Gewinn schon 2012 um zehn Prozent unter dem des Vorjahres und wurde nur mit dem Verkauf von Anteilen am Rüstungskonzern EADS „gerettet“.

Der Markt für Autos ist besonders in Europa eingebrochen. Es werden nicht alle Autohersteller überleben. Vor allem die, deren Verkäufe hauptsächlich in Europa stattfinden, haben es schwer. Daimler, wie andere auch, versucht darum seine Profite verstärkt in China zu erzielen. Dort hat Daimler aber große Probleme mit seinen Verkäufern und, schlimmer noch, auch für Chinas Wirtschaft ist die Zukunft ungewiss.

Zetsche hat für Daimler das Ziel gesetzt, weltweit führend zu werden. Gerade in seinem Kerngeschäft, im sogenannten Premium-Segment der Hersteller von Qualitätsautos, liegt Daimler nur auf Platz drei, hinter BMW und Audi. BMW verkauft ein Drittel mehr Autos und hat auch größere Profitmargen.

Rationalisierung

In der Pkw-Sparte soll eine „Profitoptimierung“ stattfinden. Bei Mercedes will die Konzernspitze bis 2014 zwei Milliarden Euro „sparen“. Aber wie? Sicher nicht dadurch, dass Zetsches Gehalt von 8,7 Millionen Euro jährlich dieses Jahr auf 8,2 Millionen gekürzt wurde.

Nein, ein Auto soll, statt in 42 Arbeitsstunden heute, künftig nur noch in 30 Stunden produziert werden. Jährlich sollen so, möglichst ohne Personal einzustellen, 2,3 Millionen Pkw hergestellt werden. (2011, im besten Jahr seit Anfang der Weltkrise 2007, waren es 1,44 Millionen.)

Zudem belegt eine interne Studie, dass 10.000 „Mitarbeiter“ als überflüssig gelten. Der Daimler-Vorstand will sie – so bisher geplant – ohne Kündigungen loswerden.

Werkverträge

Dieser Plan trägt den markanten Namen „Referenzwerk 2020“. Es ist eine Art Idealvorstellung davon, wie ein Daimler-Werk künftig geregelt werden soll. Dem Aufsichtsrat sind die Einzelheiten dieses Ideals des Herrn Zetsche natürlich bekannt – und somit längst auch dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden Erich Klemm von der IG Metall, der dem Gesamtbetriebsrat vorsteht. Einige dieser Einzelheiten sind öffentlich geworden, nachdem Ende 2012 der Plan dem Gesamtbetriebsrat vorgestellt wurde.

Ganze Bereiche, wie verschiedene Dienstleistungen, sollen ausgegliedert und an Niedriglohnfirmen vergeben werden, vom Werkschutz (der zum Beispiel in Berlin-Marienfelde schon längst fremdvergeben ist) bis zur Feuerwehr. Auch Bereiche, die unmittelbar mit der Produktion zusammenhängen, wie Logistik und Entwicklung, sollen fremdvergeben werden.

Zusätzlich soll die mit dem Gesamtbetriebsrat vereinbarte achtprozentige Obergrenze bei der Leiharbeit (die in mehreren Werken ohnehin bereits unterlaufen wird) abgeschafft werden. Überall soll die Arbeitszeit vollständig dem Bedarf der Produktion angepasst werden. Weitere Frei- und Zusatzschichten sollen her. Auch der Samstag soll dem Unternehmen gehören, wenn es die Werksleitung für nötig hält. „Malochen, wenn die Sonne scheint, zu Hause bleiben, wenn die Krise rollt“ – so beschreiben es Kollegen in der „Alternative“-Zeitung Nr. 19 vom Juni in Sindelfingen.

Bei allen diesen geplanten Verschlechterungen sticht eines hervor: Die Rechte der Betriebsräte sollen bei Daimler drastisch beschnitten werden.

„Kriegserklärung an die Belegschaft“

So überschrieben kritische Vertrauensleute und Betriebsräte im Bremer Daimler-Werk kürzlich ein Flugblatt. Die IG Metall ist herausgefordert, eine wirksame Gegenwehr zu organisieren, um diese Pläne zu stoppen. Diese „Kriegserklärung“ ist auch Thema der „Daimler-Koordination“, eine Vernetzung kämpferischer Gewerkschafter und Betriebsräte. Es wird notwendig, gemeinsame Kampfvorschläge an die Gewerkschaft zu richten, wie der vom Daimler-Vorstand geplante Kahlschlag der Errungenschaften der 170.000 in Deutschland bei diesem Konzern Beschäftigten abzuwenden ist. Sollte Daimler damit durchkommen, wäre es ein enormer Rückschlag nicht nur für diese Beschäftigten, sondern für die gesamte Arbeiterklasse in Deutschland und in Europa. Die SAV wird sich darum nach Kräften an der Organisierung der Gegenwehr beteiligen.
 

Werkverträge und Leiharbeit bei Daimler

In ihrer Zeitung vom 18. Juni stellt die „Alternative“-Gruppe bei Mercedes in Berlin-Marienfelde folgende Forderungen auf:

  • Nein zum Missbrauch von Werkverträgen
  • Verbot von Leiharbeit – DGB-Tarifverträge mit Zeitarbeitsfirmen ersatzlos kündigen
  • Betriebsräte sollten gegen alle Werkverträge klagen, durch die aufgrund der ausgeführten Tätigkeiten Arbeitsverhältnisse direkt bei Daimler entstehen. Stattdessen sollte für Festeinstellungen gekämpft werden
  • Für eine breite, öffentliche Kampagne von IG Metall und DGB gegen Auslagerung, Werkverträge und Leiharbeit
  • Für ein tarifvertraglich gesichertes Veto-Recht gegen Werkvertrags-Missbrauch
  • Gegen Arbeitnehmer 2. und 3. Klasse: Wer auf dem Daimler-Gelände arbeitet, muss auch Daimler-Lohn bekommen

Weitere Informationen auf www.alternative-berlin.de

Infos zur innergewerkschaftlichen Kampagne für die ersatzlose Kündigung des DGB-Tarifvertrags mit den Zeitarbeitsfirmen auf www.labournet.de/politik/alltag/leiharbeit