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Lebensmittelskandale

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Foto: http://www.flickr.com/photos/respontour/ CC BY-NC-SA 2.0

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Wer ist hier blöd? Verbraucher oder Kapitalismus?

Der Geiz der Verbraucher soll jetzt die eigentliche Ursache sein – für den aktuellen Pferdefleisch-Skandal und überhaupt. Wer eine Tiefkühllasagne für wenig Geld haben wolle, sei selbst schuld, so steht es in Zeitungskommentaren und so hört man es in den Talkshows.

von Georg Kümmel, Köln

„Unser aller Dekadenz“ betitelte eine große Kölner Tageszeitung ihren Kommentar, weil wir für wenig Geld nur die besten Teile vom Tier essen wollten.

Stimmt das? Gehen wir den Argumenten einmal nach. Erste Behauptung: Viele Verbraucher seien naiv, weil sie Qualitätsfleisch in Billigware erwarten würden. Das stimmt nicht. Wer bei Netto, Plus, Lidl die abgepackte Fleischwurst oder eben Fertig-Lasagne kauft, weiß, dass er nicht das Beste vom Besten bekommt. Niemand der dort einkauft ist so naiv, einen Discounter für einen Gourmet-Tempel zu halten. Wer wenig Geld hat, und nicht den ganzen Monat Nudeln mit Tomatensauce essen will, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als billige Wurst zu kaufen. Wer wenig Geld und wenig Zeit hat, der muss eben günstige Fertiggerichte kaufen. So geht es Millionen Menschen Tag für Tag, und nur für hoch bezahlte Chefredakteure und Showmaster ist diese einfache Tatsache anscheinend nicht begreiflich.

Wer billig einkauft erwartet keine Spitzenqualität, aber er rechnet nicht unbedingt damit, dass Pferdefleisch drin ist, wo Rindfleisch drauf steht oder dass die Hühner, die die Eier gelegt, haben mit Resten von Schmieröl gefüttert wurden.

Mächtig oder machtlos?

Und woher soll man wissen, ob die teureren Bio-Eier auch Bio-Eier sind? Ob die Hennen tatsächlich echtes Bio-Futter erhalten haben? Das führt zur zweiten gerne aufgestellten Behauptung: Die Verbraucher könnten sich ja informieren, wo ihre Lebensmittel herkommen und so eine Kontrolle über die Produzenten ausüben. Stellen wir uns das mal einen Augenblick praktisch vor. In Deutschland gibt es 40 Millionen Haushalte. Das heißt, rund 40 Millionen Menschen gehen regelmäßig einkaufen, darunter auch Eier. Die Kontrolle ist angeblich ganz einfach, der Aufdruck auf den Eiern enthält in codierter Form den Legebetrieb. Etwas googlen führt zu dessen Adresse. Den kann der mündige Verbraucher dann ja besuchen. Da der eine Verbraucher nichts vom anderen weiß, müssten also alle aus den Reihen der 40 Millionen, die Eier gekauft haben, sich auf den Weg machen. In der nächsten Woche eine neue Nummer, also ein anderer Legebetrieb, also wieder ab ins Auto und quer durch die Republik und Legebetriebe besuchen, den woher soll ich wissen, ob der Betrieb schon von einem anderen Verbraucher überprüft wurde und o.k. ist? Damit nicht genug: Woher soll man wissen, ob die Eier auf dem Weg zum Supermarkt nicht umgepackt und umetikettiert wurden? Woher soll man wissen, ob der Betrieb, den man vor einem Jahr besucht hat, inzwischen nicht die Haltungsmethoden geändert, den Futterlieferanten gewechselt hat oder selber Antibiotika ins Futter mischt?

Bis hier haben wir nur die Eier versucht zu prüfen. Was ist mit dem Fleisch, selbst wenn es als Schnitzel unverarbeitet ist und angeblich aus der Region stammt? Wie kann man da sicher sein? Hinfahren? Wir alle? Alle 40 Millionen? Oder woher sollen wir wissen, wer sich wo schon erkundigt hat?

Und was ist mit den Tortellini mit Hackfleischfüllung? Die ganz teure Sorte aus dem Kühlregal kaufen? Was ist da drin? Sind die Hersteller bei den teuren Produkten ehrlicher? Aus Mitleid mit den Verbrauchern, weil sie doch mehr bezahlt haben? Oder ist die kriminelle Energie noch höher, weil die Gewinnspanne bei Verwendung minderwertiger Zutaten noch mal höher ist, als bei der Billigware?

Sobald man sich vorzustellen versucht, wie die angebliche Macht der Verbraucher konkret ausgeübt werden soll, bleibt die Erkenntnis: der Einzelne ist als Einzelner machtlos.

Wenn es um Aufdeckung von Lebensmittelskandalen geht, hätten die besten Möglichkeiten noch die Beschäftigten, die in den Herstellungs- und Verarbeitungsbetrieben arbeiten. Aber natürlich auch nicht als Einzelne, da wären sie nur schnell ihren Job los. Die Gewerkschaftsführung schweigt zu dem Thema, als ob es sie nichts anginge. Sie könnte aber organisieren, dass Beschäftigte Skandale melden könnten, notfalls zunächst anonym. Dieselbe Gewerkschaftsführung müsste dann aber auch einen Kampf organisieren, falls einzelne Beschäftigte entlassen werden oder wenn der ganze Betrieb dicht gemacht werden soll.

Das alles können aber nur Notmaßnahmen sein. Neuer Betrug und neue Skandale bei Lebensmitteln sind vorprogrammiert. Die Nahrungsmittelproduktion nimmt auch ganz ohne Skandal keine Rücksicht auf Mensch und Natur. Heute ist das Motiv der Hersteller von Lebensmitteln, wie generell im Kapitalismus, die Erzielung von Profit. Unter den Bedingungen des kapitalistischen Konkurrenzkampfes ist das Gesetz. Wirklich naiv wäre es zu glauben, das der Ruf nach schärferen Gesetzen und Kontrollen unter diesen Voraussetzungen jemals etwas grundlegend ändern würde.

Die Art und Weise der Produktion und Verarbeitung unserer Lebensmittel muss demokratisch bestimmt und kontrolliert werden, durch die Beschäftigten und durch die Gesellschaft, z.B. unter Einbeziehung demokratisierter Gewerkschaften und demokratisch organisierter Verbraucherschutzorganisationen.

Unternehmen, die Lebensmittel fälschen, panschen, vergiften, müssen umgehend enteignet werden. Die großen Konzerne im Lebensmittelsektor, Agrar- und Agrochemiekonzerne, verarbeitende Industrie und Handelskonzerne müssen ebenfalls in Gemeineigentum überführt und demokratisch organisiert, verwaltet und kontrolliert werden. Das Motiv für die Produktion von Lebensmitteln muss ein ganz anderes werden: Lebensmittel dürfen nicht länger Mittel zur Erzielung von Profit sein, sondern müssen Mittel zur gesunden Ernährung werden – eben LEBENSmittel.