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Verwüstung durch Hurrikan Sandy: nicht nur eine Natur-Katastrophe!

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Foto: http://www.flickr.com/photos/bondidwhat/ CC BY-NC-ND 2.0

Dieser Artikel erschien am 4. Dezember zuerst auf der Webseite socialistworld.net

Bei „Sandy“ handelte es sich um den schwersten atlantischen Wirbelsturm seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Übrig blieb ein Pfad der Zerstörung von den karibischen Inseln und entlang der Ostküste der USA bis hinauf nach Kanada.

von Tom Crean, „Socialist Alternative“ (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in den USA), New York City

Zu den schwersten Verwüstungen in den USA kam es in New York und New Jersey, wo der Sturm am 29. Oktober die Küste erreichte. Allein in New York City wurden bis zu 40.000 Menschen obdachlos und noch Wochen nach dem Desaster hatten Zehntausende keinen Strom. Die Küstenlinie von Jersey muss neu wieder aufgebaut werden. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Schäden, die im Zusammenhang mit „Sandy“ stehen, allein in New York City insgesamt auf wenigstens 50 Milliarden US-Dollar belaufen.

„Sandy“ offenbarte den beklagenswert ungenügenden und antiquierten Zustand der Infrastruktur der Region, wozu auch die Stromversorgung, das öffentliche Transportwesen, der Mangel an wirksamen Barrieren gegen Sturmfluten gehören. Etliche Krankenhäuser mussten ihre PatientInnen evakuieren, weil ihre Generatoren in den Kelleretagen aufgestellt und somit den Fluten zum Opfer gefallen waren. Die Insel von Manhattan war fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten, weil die Zug- und Autotunnel überflutet waren. Dasselbe galt für Long Island, wozu auch die Stadtbezirke Queens und Brooklyn zählen. In New Jersey war die Lage noch schlimmer. Beinahe einen Monat nachdem Hurrikan Sandy das bedenklich sensible Zugsystem PATH getroffen hatte, mit dem hunderttausende von Menschen von New Jersey nach New York City gebracht werden, funktioniert immer noch nicht in vollem Umfang. Sowohl New Jersey als auch New York waren gezwungen, das Benzin zu rationieren. In New York City wurde an jeder offenen Tankstelle einE PolizistIn postiert, um gewaltsame Übergriffe zu verhindern, sollte jemand versuchen, sich an der Warteschlange vorbei zu mogeln. Schließlich standen die Leute mehrere Stunden an und hatten sich entlang mehrerer Häuserblocks aufgereiht.

US-Wahlen

Es ist richtig, dass die Reaktion der Landes- wie der Bundesbehörden effektiver war als nach Hurrikan Katrina im Jahr 2005. Damals blieben in New Orleans hunderte armer BürgerInnen – in der großen Mehrzahl Schwarze – sich selbst überlassen und kamen ums Leben. Mehr als 100.000 Menschen waren gezwungen, zumindest zeitweise weg zu ziehen. Aber dieses Mal waren die Umstände doch recht anders. Wesentlich ist, dass New York City für das US-amerikanische Finanzkapital von strategischer Bedeutung ist. Und wegen der bevorstehenden Wahlen war Präsident Obama entschlossen zu zeigen, dass die Bundesregierung schnell handeln würde, um Unterstützung und Hilfe zu leisten. Fotos von Obama, wie er die republikanische Gouverneurin von New Jersey, Chris Christie, umarmt, könnten dazu beigetragen haben, Mitt Romneys Schicksal zu besiegeln.

Aber trotz aller Rhetorik darüber, dass man „zusammenstehen“ müsse, war unverhohlen klar, dass die erste Priorität der herrschenden Klasse nach dem Eintreffen von „Sandy“ war, die Wall Street wieder mit Strom zu versorgen. Die Bilder, die sie alarmierten, waren die Bilder von lower Manhattan (wo sich die Wall Street befindet) in kompletter Dunkelheit. Es wurden wilde Anstrengungen unternommen und innerhalb von zwei Tagen war der Börsenplatz New York wieder bereit, die Geschäfte fortzuführen. Im Laufe der Tage stieg in den Wohnvierteln der Arbeiterklasse wie Far Rockaway, Coney Island und Red Hook dennoch die Wut. Schließlich konnte man von hier aus sehen, wie Manhattan wieder im Licht erstrahlte, während man selbst weiterhin in der Dunkelheit warten musste. Dabei waren viele weiterhin auch ohne Heizung oder angemessene Lebensmittelversorgung. Selbst die wohlhabenderen Wohngegenden in Long Island fühlten sich allein gelassen.

Zerstörungen in Wohnvierteln

Zu den am härtesten getroffenen Gebieten gehörte das „weiße“ Arbeiterklasse-Viertel Breezy Point in Queens, wo mehr als einhundert Wohnhäuser in einem schrecklichen Feuer bis auf die Grundmauern abbrannten. Die starken Winde ließen den Brand um sich greifen und die Feuerwehr war nicht in der Lage, einen Zugang zu finden.

Aber mit das größte Leid brach über die Hochhäuser mit ihren öffentlichen Wohnungen herein, wie sie in den tiefer liegenden Gebieten wie Red Hook zu finden sind. Bei den BewohnerInnen von öffentlichem Wohnraum in New York City handelt es sich in überwältigendem Maße um AfroamerikanerInnen und Latinos. Als die Stromversorgung dieser Gebäude unterbrochen war, blieben die Fahrstühle stecken, und die BewohnerInnen waren gezwungen, stockfinsteren Treppenhäusern zu trotzen, um das Haus zu verlassen und auf die Suche nach Lebensmitteln etc. zu gehen. Weil auch die mit Strom betriebenen Wasserpumpen ausgefallen waren, hatten die höher liegenden Stockwerke in diesen Gebäuden kein Trinkwasser und auch die Toiletten funktionierten nicht mehr. Die älteren und kranken Menschen befanden sich in der Falle. Erst Mitte November klopften die ersten Stadtangestellten an den Türen vieler dieser Häuser, um nachzusehen, wer Hilfe braucht!

Occupy Sandy

Unterdessen boten sich eine Unzahl an Freiwilligen an, die aus den weniger betroffenen Stadtgebieten kamen, in denen hauptsächlich Mitglieder der Arbeiterklasse oder der Mittelschicht wohnen. Sie kamen zu Tausenden, um ihren NachbarInnen aus den anderen Stadtteilen mit Lebensmitteln, Kleidung oder einfach nur beim Ausgraben zu helfen. Eines der effektivsten Netzwerke dieser Art wurde von AktivistInnen der Bewegung „Occupy Wall Street“ eingerichtet, die die Gruppe „Occupy Sandy“ aufbauten, um vielen der am schlimmsten Betroffenen mit echter Solidarität zur Seite zu stehen. Durch dieses Vorgehen wurde die Unzulänglichkeit der „Federal Emergency Management Authority“ (FEMA) und der Behörden vor Ort offenbar. „Occupy Sandy“ widmete sich zunächst den BewohnerInnen der öffentlichen Wohnraum-Quartiere in Red Hook. Die Tageszeitung „New York Times“ kommentierte: „Die Gegen-Kultur-Aktivisten der Bewegung Occupy Wall Street waren selbst den Tränen nahe angesichts der durchnässten Wände in den Wohnungen von Rockaway, die Polizisten gehörten, für die sie im vergangenen Jahr nur geringfügig weniger Verachtung übrig hatten als für das viel zitierte eine Prozent.“

Es ist bekannt geworden, dass die MeteorologInnen in den Tagen, bevor „Sandy“ die US-Küste erreichte, scheinbar nicht Willens waren, den vollem Umfang dessen zu erfassen, was sich da vor ihren Augen aufbaute. Ihre Skepsis hatte zur anfänglich herrschenden Selbstgefälligkeit der Behörden beigetragen. In New York City wurde die Anweisung zur Evakuierung von 200.000 Menschen gegeben, aber Schwesternwohnheime und Krankenhäuser in niedriger gelegenen Gebieten wurden nicht evakuiert. Das war, wie das Aussenden sich widersprechender Signale und eine große Zahl von betroffenen BewohnerInnen dieser Stadtviertel dazu, ihre Wohnungen nicht zu verlassen.

Klimawandel

Aber noch schwerwiegender war, dass man vollends dabei versagt hatte, sich auf Katastrophen wie diese, die von den WissenschaftlerInnen des Öfteren vorhergesagt worden waren, über die Jahre vorzubereiten. So hatte der New Yorker Bürgermeister Mike Bloomberg 2009 einen Runden Tisch einberufen, um die möglichen Auswirkungen des Klimawandels für New York zu ermitteln. Es wurde berichtet, dass die durchschnittliche Temperatur in New York City in den letzten einhundert Jahren schon um 2,5 Grad gestiegen ist, während der Meeresspiegel im gleichen Zeitraum um 30 Zentimeter zugelegt hat. Die ExpertInnen rechneten aus, dass es bis zum Jahr 2020 zu einer weiteren Zunahme von 1,5 bis 3 Grad und einem Anstieg des Meeresspiegels von 13 bis 15 Zentimetern kommen könnte. Die wärmere Luft und steigende Wasserstände schaffen genau die Bedingungen, die zu „Sandy“ geführt haben und werden unweigerlich zu weiteren verheerenden Stürmen führen.

Trotz der lachhaften Versuche der Konservativen in den USA, die Existenz des Klimawandels zu leugnen, werden die Hinweise auf selbigen für immer mehr „einfache“ US-AmerikanerInnen fassbarer. Dabei geht es nicht nur um die zerstörerischen Stürme, sondern auch um die Hitzewelle vom vergangenen Sommer mit ihren Rekordtemperaturen, die die Getreideernten m Mittleren Westen zerstörte und zu steigenden Lebensmittelpreisen weltweit führen wird. Von daher ist es keine Überraschung, dass die Umfragen einen signifikanten Wandel bei der Wahrnehmung der Bevölkerung aufzeigen. Und „Sandy“ wird dies noch verstärken. In einer Umfrage vom November sagten 68 Prozent der US-AmerikanerInnen, dass es sich beim Klimawandel um ein ernsthaftes Problem handelt.

Die Folgen von „Sandy“ werden es den kapitalistischen Politikern unmöglich machen, die Frage, welche Auswirkungen der Klimawandel hat, komplett bei Seite schieben zu können. Es kann sein, dass das erstmal zu nichts anderem führen wird, als dazu, Schutzmaßnahmen in Lower Manhattan zu ergreifen. Die Bedürfnisse der arbeitenden Menschen und der Umwelt aber werden in vollem Umfang fortbestehen und dabei der Profit-Logik des Systems untergeordnet.

Aufbau einer Alternative

Für fortschrittliche GewerkschafterInnen, das Netzwerk „Occupy Sandy“ und andere linke AktivistInnen besteht dringender Handlungsbedarf, zusammen zu kommen und eine eindeutige Alternative zum Wiederaufbauprogramm im Interesse der Menschen und nicht der Banken zu formulieren. Das muss dann zur Grundlage für eine unabhängige linke politische Herausforderung gegen das von den Konzerninteressen dominierte politische Establishment vor Ort werden. Der Kern dieses Plans muss aus umweltgerechten und nachhaltigen Maßnahmen – wie etwa der Regeneration der stark dezimierten Austernkolonien, die bei Sturmflut eine natürliche Barriere darstellten – bestehen. Dass das Katastrophenschutzzentrum in Rockaways (einer schmalen langgezogenen Halbinsel im New Yorker Stadtteil Queens; Erg. d. Übers.) aufgrund seiner Solaranlagen auf dem Dach voll funktionsfähig blieb, während drumherum überall der Strom ausgefallen war, illustriert wie dringend nötig die radikale Umrüstung der Energie-Infrastruktur hin zu Alternativen zu den fossilen Brennstoffen ist.

Wie schon bei „Katrina“ so handelte es sich auch bei Hurrikan Sandy nicht um einen „Akt Gottes“. Es war eine Katastrophe, die durch die globale Erderwärmung hervorgerufen oder zumindest durch diese begünstigt wurde. Diese Erderwärmung geht auf kapitalistische Aktivitäten zurück. Und um mit derlei Ereignissen sowie den schrecklichen Folgen dieser Katastrophen umgehen zu können, muss der Kapitalismus überwunden werden.

Unsere Forderungen:

  • Bundesstaatliche Hilfe für die Instandsetzung oder den Wiederaufbau der Wohnhäuser – egal, ob dabei qualitativ hochwertiger öffentlicher Wohnraum oder zinsfreie Darlehen zur Verfügung gestellt werden.
  • Wiederaufbaumaßnahmen dürfen kein Profitgeschäft ermöglichen. Diese Arbeit muss von in öffentlicher Hand befindlichen Einrichtungen ausgeführt werden. Alle Beschäftigten in diesem Bereich des Wiederaufbaus und der Instandsetzung müssen nach Tarif bezahlt werden.
  • Für massive Investitionen in die Infrastruktur – was auch eine Ausweitung des öffentlichen Transits sowie die Nachrüstung der Gebäude mit Solaranlagen und sturmsicheren Vorrichtungen umfassen muss. Das Geld dafür muss von der Wall Street und „dem einen Prozent“ der Bevölkerung kommen, das den Reichtum hortet.
  • Die Abhängigkeit von fossil Energieträgern muss beendet werden. Für ein umfassendes Arbeitsplatzprogramm, um die Wirtschaft auf der Grundlage von grünen Technologien umzurüsten.