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Bedrohung des Autonomen Zentrums in Aachen

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Zur Geschichte und Gegenwart eines besonderen Hauses linker Kultur

von Carolin Hänel, Aachen

Wie alles Begann

Der Wunsch nach unabhängiger, selbstverwalteter und freier Kultur in Aachen war schon lange vorhanden und seit den 80er Jahren wollte man, mit diversen Hausbesetzungen diesem Wunsch Nachdruck verleihen. Doch vor der Eröffnung des Autonomes Zentrums gab es in Aachen dafür keinen Platz. Das Johannes-Höfer-Haus, ein weiträumiges, ehemaliges Kloster, war eine der ersten Besetzungen, in der unabhängige Kultur geboten wurde. Man nannte es „Café Murks“ und etablierte sich schnell zu einer Location für subkulturelle Veranstaltungen. Dennoch wurde es trotz immensen Widerstands brutal geräumt. In den darauf folgenden Jahren kam es immer wieder zu Besetzungen und Versuchen Raum für alternative Kultur zu finden, die leider erfolglos blieben. Unter den besetzten Objekten war auch das heutige Guinness House im Stadtzentrum Aachens. Zuletzt wurde ein Gebäude in der Kasionstraße besetzt, welches jedoch auch schnell geräumt wurde. Doch ganz erfolglos blieb die Besetzung nicht. Der Besitzer des Gebäudes, die katholische Kirche, wollte helfen endlich einen Raum zu finden. Es folgten zahlreiche Verhandlungen mit der Stadt Aachen und schließlich entschied man sich dazu, den Luftschutzbunker, der zum Gebäude des ehemaligen Gesundheitszentrums gehört, in der Nähe des Hauptbahnhofes, zur freien Verfügung zu stellen. So öffnete am 31.01.1993 das Autonome Zentrum das erste mal seine Türen.

Unabhängige, selbstverwaltete und freie Kultur wurde möglich

Das Autonome Zentrum sorgte schnell für Aufsehen und Sympathie, denn endlich existierte ein Raum für alternative Kultur. Es unterscheidet sich gewaltig von „normalen“ Locations. Das Autonome Zentrum bietet einen Freiraum, in dem keine Art von Sexismus, Homophobie, Rassismus oder Antisemitismus geduldet wird. Viele Menschen engagieren sich seitdem auf ehrenamtlicher Basis für den Erhalt und Ausbau des Autonomes Zentrums. Durch niedrige Preise, die allein zur Kostendeckung dienen und der Möglichkeit auch für andere Gruppen, in Absprache mit dem AZ, den Raum zur Verfügung zu stellen, entstand eine Kultur, die nicht nur einer profitinteressierten oder einseitig motivierten Lobby diente.Das Motte des AZ´s lautet seit jeher „Förderung der autonomen Kultur“.

Das Autonome Zentrum ist nicht das erste mal bedroht!

Das über die Schließung des Autonomes Zentrums diskutiert wird, ist leider nicht das erste Mal. In der Vergangenheit gab es manche Situationen, in denen man nicht wusste, ob das AZ weiter existieren kann. So wurde das AZ zwischen 2000-2002 und nochmal 2004 geschlossen. Damals konnte das AZ angeblich den gültigen Brandschutzbestimmungen nicht gerecht werden. In dieser Zeit gab es weitere Hausbesetzungen, unter anderem in der Ottostraße, die 3 Wochen andauerte. 2004 konnte das AZ stark verkleinert (nur der Kneipenraum) nach langem Kampf, Protesten und Demonstrationen wiedereröffnet werden. Erst 2006 konnte eine Einigung mit der Stadt Aachen erzielt werden, den vollen Geschäftsbetrieb wieder aufnehmen zu dürfen.

Aktuelle Situation

Zum zweiten Mal steht das Autonome Zentrum nun schon vor dem Aus. Der Luftschutzbunker, indem das AZ liegt, gehört zum angrenzenden Gebäude des ehemaligen Gesundheitsamtes. Das AZ grenzt keineswegs die Nutzung des Gebäudes ein, denn die Räume werden seit Jahren nicht mehr genutzt. Seit Längerem ist klar: Die Stadt will das unbenutzbare Gebäude los werden, denn das ehemalige Gesundheitsamt wurde, wie in den 70er Jahren üblich, mit Asbest gebaut, von dem man heute weiß, das es höchst krebserregend ist. Eine Sanierung des Gebäudes ist also unumgänglich. Seit einigen Wochen steht fest, dass die Stadtverwaltung in konkreten Gesprächen mit einem Investor ist, der der Stadt das Gebäude abnehmen will. Bei dem Investor handelt es sich um die IPEM AG aus Wetzlar, die ihr Geld mit Billig-Hostels verdienen. Und genau das haben die Investoren auch mit den ehemaligen Gesundheitszentrum und mit dem dazugehörigen Luftschutzbunker, indem heute das AZ liegt, vor : Es soll zu einem Billig-Hostel umgebaut werden und im Luftschutzbunker soll ein Speiseraum entstehen. Dies würde jedoch für das AZ bedeuten, dass von etwa 800 Quadratmeter die Nutzungsfläche auf 200 Quadratmeter verringert werden würde. Dies wäre das Ende für das AZ, mit all seinen Möglichkeiten und Angeboten. Konzerte oder Partys könnten nicht mehr stattfinden, Fahrradwerkstatt, Sportraum, Proberaum und Tonstudio fielen weg! All die jahrelange Arbeit der Ehrenamtlichen wäre dahin und unabhängige, selbstverwaltete und freie Kultur gäbe es in Aachen kaum noch. Das AZ ist der einzige Lichtblick in dieser Hinsicht weit und breit! Die Stadt Aachen hat mit dem Autonomen Zentrum nicht nur keine Kosten, sondern sich die Finanzierung solcher Jugendarbeit sogar komplett gespart! Das AZ handelt und beliebt seid jeher seinem Motto treu: „Förderung der autonomen Kultur“. Es steuert seid jeher gegen Kommerz und Profit, welches sich in den niedrigen Preisen widerspiegelt. Und genau damit ist das AZ nicht nur den etablierten Parteien ein Dorn im Auge, sondern auch ihren Hintermännern in der Aachener Geschäftswelt. Von Seiten der Stadt besteht kein Bedarf an unabhängiger und kritischer Jugendkultur.

Kampf gegen Rechts!

Hinzu kommt, dass das AZ seit jeher ein Ort antifaschistischer Kultur ist. In einer Stadt wie Aachen um zu wichtiger, wo bis vor kurzem die Kameradschaft Aachener Land (KAL) noch legal ihr Unwesen treiben konnte. Wir sehen das stärkere Auftreten der regionalen Neonazi-Szene auch im Zusammenhang mit der andauernden Repression gegen AntifaschistInnen und Linke, wovon auch das AZ regelmäßig betroffen ist. Die Folge: Seit 2007 sind das AZ und auch viele einzelne antifaschistische engagierte Personen, zumeist junge Menschen mehrfach und wiederholt Ziel faschistischer Provokationen und Gewalttaten geworden. Auch aus diesem Grund ist eine Beschneidung der Arbeitsmöglichkeiten des AZ kontraproduktiv und bedeutet letztlich eine Stärkung der Neonazi-Szene! Die KAL ist zwar vor Kurzem verboten wurden, ihre Mitglieder existieren jedoch weiter hin und dieses Problem wird auch in Zukunft existieren und Probleme bereiten.

NEIN zu Privatisierung!

Die Stadt Aachen wird, wie auch viele andere Städte, in den nächsten Monaten massive Probleme mit der Unterbringung der Studierenden haben. Zudem kommt angesichts des in Aachen mehr und mehr wachsenden Wohnungsmangels, insbesondere für junge und finanzschwache Menschen, schnell die Frage auf, warum die Stadt nicht stärker in Wohnungsbau finanziert. Doch anstatt aktiv an diesem Problem zu arbeiten, gibt die Stadt das Problem in private Hände mit der Kampagne „Extraräume schaffen!“, bei der es darum geht, Vermieter und Wohnungsinhaber aufzufordern, zusätzlichen Wohnraum für die kommenden StudentInnen zu schaffen. Auf Anfrage der LINKE-Bundestagsfraktion teilte das Bundesbauministerium mit, dass der öffentlich geförderte Wohnungsbau in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Drittel geschrumpft sei. Das entspricht einem Rückgang um rund 800.000 Wohnungen bundesweit! Auch in Aachen wurden ganze Wohnhäuser für das gescheiterte Prestigeprojekt Kaiserplatzgalerie vernichtet. Mehr und mehr stellt sich die Frage: Warum eigentlich nicht das ehemalige Gesundheitszentrum sanieren und zu Studierendenwohnungen umbauen? Doch Stadt Aachen hält an ihrem profitorientierten Handeln fest. Sie hat weiterhin kein Interesse daran, die auf sie zukommende Problematik mit der fehlenden Wohnräumen zu lösen.

Jedoch wäre Geld vorhanden: Im Haushalt 2012 sind Einnahmen aus der Gewerbesteuer in Höhe von 181,4 Millionen Euro eingestellt. Laut Kämmerin Grehling könnten dies auch bis zu 5 Millionen mehr sein! (Aachener Nachrichten vom 6.8.2012). Mit diesem Geld könnte man nicht nur das ehemalige Gesundheitsamt sanieren und zu Wohnungen ausbauen, sonder auch noch an anderen Stellen Aachens Wohnungen entstehen lassen und die würde der Stadt Aachen auch noch Mieteinnahmen über Jahre hinweg sichern! Die Situation des Wohnungsmarkt könnte sich somit entspannen und wäre in seinem vollen Bestand gesichert! Jeder Mensch sollte das Recht darauf haben, ein Dach über dem Kopf zu besitzen um sich frei und individuell entwickeln zu können.

AZ verteidigen!

Für die Rettung des Autonomen Zentrums wurde am 09.08.2012 eine größere Demonstration veranstaltet, der sich ca. 250 Menschen anschlossen. Begleitet wurde diese Demo von ca. 20 Mannschaftswagen der Polizei und 50 – 60 Bereitschaftspolizisten. Die Polizei hatte wohl mit größeren Unruhen gerechnet und vor der Demo noch einmal speziell darauf hingewiesen das das bilden eines „schwarzen Blocks“ verboten sei. Die als so gefährlich eingestuften UnterstützerInnen von alternativer Kultur blieben jedoch friedlich und so wurde als einziges der völlig überzogene Polizeieinsatz kritisiert durch den wieder mal jede Menge Steuergelder verloren gegangen sind.

Die Partei DIE LINKE in Aachen testet zurzeit, ob nicht die Möglichkeit bestehen würde Bestandsschutz für das Autonome Zentrum anzumelden und es somit in voller Größe und Geschäftsfähigkeit bestehen zu lassen.

Am vergangen Freitag (28.09.2012) gab es ein weiteres internes Gespräch zwischen Investoren, Stadt und Vertreter des AZ´s. Wie das Gespräch verlief und ob es neue Ergebnisse gibt ist noch unbekannt, jedoch sind die Vertreter des AZ´s sehr verärgert über die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird. Nur durch einen Zufall erfuhr das AZ über den Hausmeister, dass Vertreter der Stadt und Investoren einen Besichtigungstermin vereinbart haben, um weiter planen zu können. Das darf nicht sein! Das Autonome Zentrum und die Stadt Aachen stehen in einem Mietverhältnis. Die Stadt Aachen ist somit verpflichtet einen solchen Termin bzw. die Begehung des gemieteten Raumes anzukündigen. Das AZ fordert zu Recht transparenten Umgang und gegenseitigen Respekt. Die Stadt Aachen scheint keinen Respekt vor der jahrelangen Arbeit und der Aufopferung ehrenamtlicher Menschen zu haben, wobei das AZ all die Jugendarbeit und alternative Kultur versucht hat aufzufangen, die in Aachen nie einen Platz hatte und um die sich die Stadt nie, sei es finanziell oder anders, gekümmert hat. Wie es nun weiter geht steht nun in den Sternen, jedoch ist eine Entscheidung in Kürze angedacht.