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Es gibt keine Probleme. Es gibt nur falsche Entscheidungen

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Über Kristina Schröders unpolitisches Buch „Danke, emanzipiert sind wir selber!

Es macht keinen Spaß, Kristina Schröders wütendes Geschreibsel gegen „Weltanschauungsfeministinnen“ und „Strukturkonservative“ zu lesen. Was genau beide Gruppen ausmacht, und im Unterschied zu was, bleibt unerklärt. Offenbar muss sie sich als CDU-Mitglied von anderen Konservativen abgrenzen und bleibt lieber unstrukturiert. Impressionistisch und schlecht recherchiert schreibt sie mit ihrer Freundin Waldeck auf, was ihnen so einfällt.

von Anna Shadrova, Berlin

Sie bedient dabei sämtliche antifeministischen Klischees: Der Feminismus zwingt die Frauen in den Beruf, gönnt ihnen keine lustvolle Sexualität, stiehlt ihnen ihre Entscheidungsfreiheit und macht die wirklich bemühten und netten Männer fertig, denn: „(…) Wie der chauvinistische Patriarch nimmt auch die feministische Beschützerin die Frau nicht auf Augenhöhe wahr. (…) Wenn es in unserer Gesellschaft also einen Ort gibt, an dem die Unterlegenheit der Frau unverändert fortbesteht, dann ist es die Wahrnehmung des Weltanschauungsfeminismus, und das aus gutem Grund: Mit der selbstbestimmten weiblichen Sexualität wankt dessen ganzes Denkgebäude.“ (S. 59), und später „Die Auflehnung gegen die als Unterdrückung empfundene männliche Vormachtstellung (…) haben Feministinnen Frauen unter dem Motto „Das Private ist politisch“ immer wieder als notwendige Bedingung für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung ans Herz gelegt. Männer sahen sich zu Grundsatzdiskussionen über ihre emotionalen Defizite und ihre Blindheit für überquellende Wäschekörbe genötigt (…). Doch die neue Rolle, die Feministinnen dem Mann antrugen, löste bei selbigem oft eher Fluchtreflexe aus (…)“ (S. 111). Erstaunlich. Ein Blick auf die Geschichte der Frauenbewegung und auf den modernen feministischen Diskurs (z.B. hier oder hier – http://maedchenmannschaft.net/) genügt, um zu wissen, dass hier Halbwahrheiten und Polemiken zur Wissenschaft erhoben werden.

Schlecht entschieden?

„Im Lamento über Barrieren, die verhindern, dass Frauen dort ankommen, wo sie hinsollen, gerät bisweilen in Vergessenheit, dass darunter auch einige Barrieren sind, die sich umschiffen lassen, wenn man den Autopiloten ausschaltet. Dasselbe gilt für Männer. Wer Abschied nehmen will vom Diktat der Rollenbilder, muss selbst das Steuer übernehmen. Wer seine Mutter- und Vaterrolle selbst bestimmen will, darf sich nicht einer bestimmten Lebensform ergeben, weil sie bequem ist, weil die Umstände es nahelegen, weil es dafür steuerliche Vorteile gibt, weil der Chef ein Ignorant ist oder weil andere es erwarten“ (S. 206). Interessante Darstellung, wo doch Schröder selbst auf über 200 Seiten über die schwierigen Wahlen lamentiert, die sie treffen musste, um ihr priviligiertes Leben zu gestalten: Da kommt ständig jemand und kritisiert ihre Entscheidungen, egal, ob sie ein Kind kriegen will oder gerade keins hat, und ob sie mit Kind arbeitet oder nicht, einer meckert immer. Glücklicherweise hat Schröder eine nette Familie, einen netten Mann, eine nette Angela Merkel als Chefin, und nette Eltern und Schwiegereltern, die alle mit anpacken und Schröder entlasten, entweder beruflich oder bei der Kinderbetreuung. Wie schön.

Frauen wollen und können heute selbst entscheiden, wie sie leben wollen, und alle, die ihnen etwas vorschreiben, sind ideologische Fanatiker. Und: Es geht schon, wenn man sich nur eben anstrengt, Vereinbarkeit herzustellen – so Schröder (Von Waldeck ist im Verlauf des Buches nicht so oft die Rede. Hat sie sich wohl so ausgesucht). Schöne Geschichte, aber was ist mit den anderen, nicht priviligierten Frauen? Mit den 2,6 Millionen, die im Niedriglohnsektor arbeiten und in der finanziellen Not gar nicht entscheiden können, in Teilzeit zu arbeiten? Mit denen, die keinen Vollzeitjob finden, oder, umgekehrt, keinen Kita-Platz – weil es zu wenige gibt? Was ist mit Alleinerziehenden? Was ist mit den Familien, die kein fröhliches „Doppelverdiener-Patchwork“ (S. 84) mit Teilzeit für Beide eingehen können, weil Männer in Deutschland im Schnitt weiterhin 23% mehr verdienen als Frauen, und deshalb die finanziellen Verluste für die Familie deutlich höher ausfallen, wenn der Mann auch in Teilzeit arbeitet? Macht nichts, sagt Kristina Schröder: Wer weniger auf Geld hat, hat ja dafür mehr Freizeit. „Frauen sind aber offensichtlich eher bereit und in der Lage, für die Familie auf Chancen im Beruf und im gesellschaftlichen Lebne zu verzichten, während Männer offensichtlich eher bereit und in der Lage sind, für Beruf und Prestige auf Zeit mit der Familie zu verzichten“ (156). – Eine absurde Vorstellung, die sie mit den 74% Niedriglöhnerinnen in der Gastronomie diskutieren sollte. Das ganze Karriere-Gerede kann man sich ohnehin getrost sparen, denn wenige Arbeitende – Männer oder Frauen – sind auf der Suche nach „Karriere“, sofern man einen normalen Job als Busfahrerin oder Bankkauffrau nicht bereits als „Karriere“ bezeichnet.

Selbst schuld?

„Wann ist ein Mann ein Mann? Für die meisten Männer (und auch für viele Frauen) ist die Antwort klar. Ob Schatzi, ob Bärchen, ob Hengst: Die Leistungs- und Erfolgsbilanz des Mannes muss stimmen. Sein Status und sein Selbstverständnis definieren sich weiterhin über seine Visitenkarte, über seinen Platz in der Firmenhierarche, über seine Kontoauszüge, über die Aufmerksamkeit, die man seinen Erfolgen schenkt – kurz und gut: über seine Performance außerhalb der Familie“ (S. 107) – Frauen sind selbst Schuld, sie suchen sich einfach aus, dass sie die einkommensschwächere Gruppe in der Gesellschaft sind. Schließlich verdiene nur in jeder zehnten Beziehung die Frau mehr als der Mann (S. 114). Und jetzt ist auch noch das Gehirn Schuld:„Als erwiesen gilt in der neuro- und evolutionsbiologischen Forschung mittlerweile jedenfalls, dass Frauen und Männer sich insbesondere in ihren Motivationsmustern grundlegend unterscheiden – also nicht im Können, sondern im Wollen“ (S. 164). Schröder fällt auf den Mythos des „natürlichen Unterschieds“ herein, als wären nicht alle Entscheidungen auf Grundlage gesellschaftlicher Umstände getroffen. Traurig ist auch ihr mangelndes Verständnis von neuro- und evolutionsbiologischer Forschung. Erstens sind das zwei weitgehend unterschiedliche Forschungsbereiche, denn was heute im Gehirn passiert ist nicht nur evolutions- sondern auch stark umgebungsabhängig. Und zweitens kann an vielen Stellen, z.B. in der umfassenden Darstellung von Cordelia Fine, „Delusions of Gender“, nachgelesen werden, wie alle Gendereffekte in Studien verschwinden und verändert werden, je nach Versuchsgestaltung. Als erwiesen gilt da erstmal nix.

Man würde denken, eine Ministerin wäre politisch. Ist sie aber nicht – Die Antworten Schröders auf drängende Fragen der Gleichberechtigung sind nicht etwa, passende Strukturen zu schaffen und für gleiche Löhne zu sorgen. Das einzige was ihr einfällt, sind idealistische Tipps à la: „Was uns in Deutschland bisher fehlt, ist einerseits die Überzeugung, auch als Mutter ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, und andererseits das Vertrauen, dass Selbstverwirklichung die Verantwortung für Familie und Partnerschaft mit einschließen kann“ (149) und „Hören wir auf, darüber zu streiten, wie Menschen leben sollen. Fangen wir an, darüber zu reden, wie wir leben wollen – als Partner, als Eltern, als Berufstätige. Das ist der Ausgangspunkt moderner Gesellschaftspolitik“ (151). Was genau sich ändert, wenn wir aufhören, uns zu streiten, sagt sie nicht.

Probleme bei der Wurzel packen

Es ist nicht das Hauptproblem der Frauen in der Gesellschaft, dass sie zwischen verschiedenen Modellen hin- und hergeworfen werden, obwohl es ein Problem ist, dass Frauen oft mütterlich bzw. väterlich behandelt werden und nicht in ihren Entscheidungen ernst genommen werden. Das Hauptproblem ist auch nicht, dass Männer oder Familien nicht hilfsbereit genug sind.

Das Problem ist, dass Frauen weiterhin einen großen Anteil an unbezahlter, aber gesellschaftlich notwendiger Arbeit leisten: Hausarbeit und Kindererziehung lasten weiterhin weitgehend auf ihren Schultern. Die Antwort darauf sollte sein, diese Arbeit nicht individuell und nicht unbezahlt leisten zu müssen. Ausreichend und kostenlose Kinderbetreuung für alle Altersgruppen wären ein wichtiger Schritt, um Frauen echte Wahlfreiheit zu geben. Auch die Betreuung und Pflege von älteren Menschen und Pflegebedürftigen ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die im Regelfall zusätzlich von Frauen geleistet wird – gute und kostenlose Einrichtungen mit gut bezahltem Personal wären auch hier eine Entlastung und eine Erweiterung der Wahlfreiheit für Frauen. Denkt man das weiter, wären Volksküchen und öffentliche Einkaufs-, Wasch- und Bügeldienste ein nächster Schritt zur Verteilung der Arbeit.

Das andere Problem ist, dass Frauen weniger verdienen, weil sie oft in Berufen arbeiten, die traditionell als „leichter“ eingestuft und schlechter bezahlt werden. Die Erhöhung der Löhne in typischen Frauenberufen wie ErzieherIn, Krankenschwester/-pfleger oder Reinigungskräften bis zur Angleichung an typische Männerberufsgruppen würde die Entscheidung, wer zu Hause bleibt, von materiellen Fragen entkoppeln. Ein sofortiger Mindestlohn von 10€ für alle als erster Schritt zu 12€ und ein Verbot von Leiharbeit würden Familien zusätzliche Freiheit und Sicherheit bei der Gestaltung ihrer Lebensweise geben. Da Entscheidungen für oder gegen einen bestimmten Beruf keine rein individuellen sind, sondern von Faktoren wie dem gesellschaftlichen Bild eines Berufs, dem Gruppenzugehörigkeitsgefühl und den gesellschaftlich relativ einheitlich aufgezwungenen Bildern von Männern und Frauen abhängen, muss der Schritt sein, Berufe gleichzustellen, und nicht die Schuld bei den Benachteiligten zu suchen.

Im Kapitalismus hängen die eigenen Möglichkeiten am meisten davon ab, ob man Teil der besitzenden Klasse ist oder nicht. Frauen mit Geld haben entsprechend andere Möglichkeiten als Frauen der Klasse, die arbeiten muss, um ihr Leben zu finanzieren. Das heißt nicht, dass Frauen grundsätzlich unterschiedlich gesehen werden, oder nicht auf ähnliche Probleme stoßen – auch Töchter reicher Eltern werden bevorzugt in rosa Kleidchen gesteckt, und auch reiche Frauen werden vor Allem als „Freundin von …“ wahrgenommen. Auch in den Vorstandsetagen verdienen Frauen weniger, als Männer in vergleichbaren Positionen. Trotzdem können sie sich (meist schlecht bezahlte) Reinigungs- und Kinderfrauen leisten und haben mehr Möglichkeiten, sich dem Druck der Medien und der Gesellschaft hinsichtlich der Erwartungen und auch z.B. des Schönheitsideals zu entziehen oder sich dem Bild anzupassen. Außerdem: Wie viel Mitleid hat man schon mit einer Frau, die weniger Millionen im Jahr „verdient“ als ihr Mann, aber immer noch mehr als 90 Prozent der Restbevölkerung?

Frauen, die kein Vermögen haben, täglich arbeiten müssen oder die Hausarbeit und Kinderbetreuung leisten, haben dagegen keine Möglichkeit, sich der doppelten Belastung als bezahlte Arbeitskräfte, die den Kapitalisten reich machen, und als unbezahlte Arbeitskräfte, die die Gesellschaft wiederherstellen, zu entziehen. Von dieser doppelten Ausbeutung profitieren in erster Linie einige wenige reiche, weiße Männer und Frauen. Der Großteil der Männer, die Teil der Arbeiterklasse sind, wie Frauen auch, profitiert nicht. Im Gegenteil: Durch den hohen Druck, der auf ihnen und allen Familien liegt, und durch den Zwang, die Familie „durchzufüttern“ wird ihnen Teilhabe am Familienleben entzogen, selbst wenn sie teilnehmen wollen.

Kristina Schröder schreibt, dass bei Umfragen, wenig überraschend, Männer wie Frauen sich kürzere Arbeitszeiten wünschen (S. 194). Bei vollem Lohn- und Personalausgleich und verbunden mit Löhnen, von denen man wie frau leben kann, und mit der gesellschaftlichen Aufteilung der Kinderbetreuung, wäre eine Grundlage geschaffen, auf der Wahlfreiheit wachsen könnte. Aber wie realistisch ist das, noch dazu weltweit, solange die kleine Gruppe reicher Männer über die Ressourcen und die Produktion entscheidet, und dabei selbst Milliarden und Abermilliarden einsteckt? Und wie sehr wird diese Gruppe darum kämpfen, die Menschen weiter in Männer und Frauen, weiß und nicht weiß, nützlich und unnütz einzuteilen, damit sie sich nicht gemeinsam wehren, und um selbst von Lohndrückerei und Ungerechtigkeit zu profitieren?

Die wirkliche Befreiung der Frau ist Teil der Befreiung der Menschheit von den kapitalistischen Strukturen. Nur gemeinsam können wir, Frauen und Männer, uns eine neue Welt frei von versteckten und offenen Mechanismen der Benachteiligung erkämpfen.