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Der Kampf für das Frauenwahlrecht und die Suffragetten-Bewegung

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Eine Hand auf dem Rücken gebunden

von Conny Dahmen, Köln

Einleitung

Im letzten Jahr feierten Frauen in der ganzen Welt 100 Jahre Internationalen Frauentag. Vor allem britische AktivistInnen erinnerten aber auch an den „Schwarzen Freitag“ am 18. November 1910. An diesem Tag wurde eine Protestaktion der britischen Frauenwahlrechtsbewegung sechs Stunden lang von der Polizei angegriffen, wobei drei Frauen ums Leben kamen. Der Kampf für das Frauenstimmrecht war um die Jahrhundertwende in Europa und den USA wesentlicher Bestandteil des Kampfes für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

Im Zuge der frühen Industrialisierung, die unter anderem zu einer Einbeziehung von Frauen in den Arbeitsprozess und einem Aufbrechen klassischer Familienstrukturen im Proletariat führte, wuchsen nicht nur die Arbeiterorganisationen und die Arbeiterbewegung, sondern auch eine Bewegung der Frauen, die mehr ökonomische und politische Rechte forderte.

In Deutschland waren 1891 von ca. 6.000.000 erwerbstätigen Frauen über 5 Millionen Fabrikarbeiterinnen, in England und Wales drei von vier Millionen. Frauen der Arbeiterklasse wurden schon allein deswegen in Lohnarbeit in der Fabrik gedrängt, weil das Einkommen der Männer nicht mehr ausreichte, die Familie und ihn selbst zu ernähren. Sie (und ihre Kinder) machten einen immer größeren Teil der Arbeiterklasse aus. Das entband sie jedoch keineswegs von ihren „Mutter- und Hausfrauenpflichten“, die sie nach Schichtschluss weiterhin und meist ausschließlich wahrnehmen mussten, und so brachen Proletarierinnen unter der Doppelbelastung schier zusammen. Zudem verdienten sie oftmals weniger als halb soviel wie die Männer, da sie ja entweder bei ihren Eltern oder einem Ehemann zu leben hatten.

„Die von ihrer ökonomischen Abhängigkeit dem Manne gegenüber befreite Frau ward der ökonomischen Herrschaft des Kapitalisten unterworfen; aus einer Sklavin des Mannes ward sie die des Arbeitgebers: Sie hatte nur den Herrn gewechselt (….) Der Kapitalist aber begnügt sich nicht damit, die Frau selbst auszubeuten, er macht sich dieselbe außerdem noch dadurch nutzbar, dass er die männlichen Arbeiter mit ihrer Hilfe noch gründlicher ausbeutet.“ ( Clara Zetkin: Für die Befreiung der Frau! Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongress zu Paris, 19. Juli 1889)

Frauen in der Arbeiterbewegung

Ihr geringer Verdienst machte die arbeitenden Frauen oftmals zu unfreiwilligen Lohndrückerinnen, was im Zusammenhang mit dem angekratzten Selbstbewusstsein der aus ihrer Ernährerrolle gedrängten Männer zu erheblichen Spannungen in Familie und Partnerschaft führte. Es hatte aber auch zur Folge, dass Arbeiter und sogar ganze Gewerkschaften und linke Organisationen, z.B. AnarchistInnen, für das Verbot von Frauenarbeit eintraten. Noch 1863 hieß es in der Gründungsresolution des ,,Allgemeine Deutsche Arbeitervereins“ (ADA) unter Führung Ferdinand Lassalles, die Frau sorge für ,,die Reproduktion der Familie, versorge den Haushalt, ziehe die Kinder auf und biete dem Mann einen kompensatorischen Ausgleich für den Kampf ums tägliche Brot.“ Karl Marx verurteilte diesen kleinbürgerlichen Flügel der ersten Internationale und Engels verweist in seinem Buch „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ auf die Notwendigkeit der Frauenarbeit für die Aufhebung der Unterdrückung der (weiblichen) Arbeiterklasse: „Hier zeigt sich schon, dass die Befreiung der Frau, ihre Gleichstellung mit dem Manne, eine Unmöglichkeit ist und bleibt, solange die Frau von der gesellschaftlichen produktiven Arbeit ausgeschlossen und auf die häusliche Privatarbeit beschränkt bleibt. Die Befreiung der Frau wird erst möglich, sobald diese auf großem, gesellschaftlichem Maßstab an der Produktion sich beteiligen kann.“ Erst das Einschreiten von Karl Marx sicherte die Beteiligung von Arbeiterinnen bei der Gründung der Ersten Internationale 1864.

Sozialisten wie August Bebel und Wilhelm Liebknecht betonten das revolutionäre Potential der Proletarierinnen, die ,,mit gesellschaftlich-öffentlichen Problemen außerhalb ihres Hauses in Berührung kommen, ihr Horizont sich erweitert, sie durch die Zwangsorganisation in der Fabrik zu kollektivem Handeln ermuntert werden“ („Verband Deutscher Arbeitervereine“).

Das heißt, von Beginn mussten Arbeiterinnen an zwei Fronten für ihre Interessen kämpfen: sowohl gegen die alltägliche Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts durch die kapitalistische Klassengesellschaft als auch durch die männliche Arbeiterbewegung, nicht zuletzt ihre eigenen Partner. Gewerkschafterinnen und Sozialistinnen mussten in jahrelanger harter Überzeugungsarbeit aufzeigen, dass der Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen und der Kampf für eine sozialistische Gesellschaft zusammenhängen, und gingen immer wieder als Aktivistinnen mit leuchtendem Beispiel voran. Sie gründeten zahlreiche Arbeiterinnenorganisationen und organisierten Arbeitskämpfe für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Als Revolutionärinnen der Pariser Kommune, dem ersten Versuch einer Arbeiterdemokratie, kämpften viele Frauen politisch und militärisch an vorderster Front.

Auch Bürgerfrauen wollen sich wehren

Wo proletarische Frauen ein neues Gewicht im Produktionsprozess erhielten, verloren es die bürgerlichen Frauen. Die Arbeitsteilung von Erwerbs- und Hausarbeit, welche sich in den frühen Klassengesellschaften entwickelt hatte, hatte die Frau dem Mann gesellschaftlich untergeordnet. Im Kapitalismus musste die Frau aber immer weniger Haushaltsgüter in Heimarbeit selbst produzieren, da es immer mehr billige Industrieprodukte gab. So wurden Frauen aus der Mittelschicht „arbeitslos“ und viele suchten sich eine sinnvolle Beschäftigung. Sie forderten den Zugang zu allen Berufen, um nicht nur als Krankenschwester oder Lehrerin arbeiten zu können und in diesem Zusammenhang zu allen Bildungsinstitutionen. Bürgerliche Frauen wollten kein gelangweilter Luxusgegenstand und Anhängsel ihres Ehemannes, sondern nützlich und selbständig sein. Aus diesem Bewusstsein heraus engagierten sich viele Mittelschichtfrauen oft unentgeltlich in sozialer Arbeit, u.a. nahmen sie sich auch der sozialen Lage der Arbeiterfrauen an. In den USA engagierten sich viele Frauen gegen die Sklaverei, spannten dabei den Bogen zu ihrer eigenen Rolle als Eigentum und „Sklavin“ des Mannes und wurden auch für ihre eigenen Rechte aktiv.

„Wenn die Frau das Recht hat, die Guillotine zu besteigen, so muss ihr auch das Recht zustehen, die Rednertribüne zu besteigen.” (Olympe de Gouges, Kämpferin der Französischen Revolution)

Die Frage der Gleichberechtigung war auf der Tagesordnung und gewann gegen Ende des 19. Jahrhundert überall in Europa an Gewicht. Bereits in der bürgerlichen Französischen Revolution hatten Frauen eine bedeutende Rolle gespielt, sowohl beim Sturm auf die Bastille als auch als Vorkämpferinnen ihrer eigenen Rechte. In einer Petition an die Nationalversammlung forderten sie die politische Gleichberechtigung – auch das Wahlrecht – und gleiches Recht auf Arbeit. Die Frauenvereinigungen in allen Städten und Dörfern Frankreichs bildeten den Ausgangspunkt für die spätere bürgerliche Frauenbewegung.

Während die bürgerlichen Revolutionärinnen mit ihren Forderungen in Paris scheiterten, griffen auch die Utopischen Sozialisten Saint-Simon und Charles Fourier Anfang des 19. Jahrhunderts die Frage der Gleichberechtigung auf und verknüpften sie mit Vorstellungen einer radikalen Umwälzung der Gesellschaft. So hatte Fourier die Stellung der Frau als Gradmesser für die Entwicklungsstufe einer Gesellschaft begriffen und die Befreiung der Menschheit an die Befreiung der Frau geknüpft. Die Anhänger Saint-Simons versuchten selbst in völlig gleichberechtigten Partnerschaften zu leben. Diese Ideen waren aber noch sehr vage und erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts schärften sich die Vorstellungen im Zuge des Wachstums der Arbeiterbewegung. Schriften von Marx und Engels („Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“) und August Bebels („Die Frau und der Sozialismus“) zum Thema fanden eine breite Leser(innen)schaft. Besonders arbeitende Frauen begannen, die Klassengesellschaft als grundsätzliches Hindernis zur Befreiung der Frau zu betrachten und entwickelten eigene Organisationsformen.

„Die ersten Anfänge der Emanzipationsbestrebungen proletarischer Frauen waren so nichts weniger als grundsätzlich, klar sozialistisch, sozialdemokratisch. Sie stellten ein Miteinander und Durcheinander frauenrechtlerischer, utopischer, sozialrevolutionärer, sozialreformlerischer Tendenzen und Forderungen dar. Sie entbehrten national und erst recht international eines festen organisatorischen Gefüges. In England, Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten von Nordamerika und anderwärts traten bald die einen, bald die anderen Charakterzüge mehr hervor, bald mehr ökonomische, bald politische Losungen.“ (aus Zetkin: die sozialdemokratische Frauenbewegung).

Der Kampf um das Frauenwahlrecht

In Großbritannien standen für die bürgerliche Frauenbewegung der Kampf um Bildung, freie Partnerwahl, gleiche Rechte in Ehe und Familie und politische Gleichberechtigung im Vordergrund. Besonders für die Frauen der Ober- und Mittelklasse war es wichtig, dieselben Verfügungsmöglichkeiten über ihr Eigentum und Möglichkeiten zum Erwerb von Eigentum zu haben, sie wollten die bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts auch auf sich selbst ausweiten und dieselben Privilegien genießen wie ihre Männer. Einzelne bürgerliche Frauen hatten Ideen von Gleichberechtigung und Befreiung der Frau aus ihrer angestammten Rolle, von freien Partnerschaften ohne bürgerliche gesellschaftliche Zwänge entwickelt, u.a. die englische Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, die bereits Ende des 18. Jahrhunderts das „Private“ politisierte. Das Wahlrecht erschien dabei vielen bürgerlichen Frauen als einzige Möglichkeit, politisch Einfluss zu erlangen, Reformen über das Parlament durchsetzen zu können und so ihre Lage zu verbessern. Eine Minderheit revolutionärer Sozialistinnen sah das Wahlrecht als einen weiteren Schritt hin zur sozialistischen Revolution an, die notwendig war, um endlich die Unterdrückung der Arbeiterklasse und der Frauen zu beenden und eine wirklich freie, klassenlose Gesellschaft ohne Diskriminierung zu schaffen.

Die Wahlrechtsreformen 1832, 1867 und 1884 hatten am Ende auch großen Teilen der männlichen britischen Arbeiterklasse das formale Wahlrecht gebracht. Frauen hingegen hatten ein – sehr begrenztes – nationales Stimmrecht verloren und durften nur an Kommunalwahlen teilnehmen. Zuletzt lehnte das Englische Parlament 1866 eine Petition für das Frauenstimmrecht mit zahlreichen Unterschriften ab, die der Liberale John Stuart Mill eingebracht hatte. Verschiedene Frauenwahlrechtsorganisationen entstanden, in denen sich vor allem Frauen des Bürgertums und der Mittelschicht engagierten. Aber auch die proletarische Frauenbewegung schrieb sich das Stimmrecht auf ihre Fahnen und organisierte entsprechende Gruppen. Nach zahlreichen Debatten, Spaltungen und Umgruppierungen versuchte 1868 die NUWSS (National Union of Womens Suffrage Societies) als Dachverband verschiedene lokale und regionale Frauenstimmrechtsgruppen zu vereinigen. Die NUWSS verknüpfte zwar die Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht für alle Frauen auch mit der sozialen Frage, beschränkte sich taktisch aber auf friedliche Lobbyarbeit und orientierte sich am Parlament. Die sogenannten „SuffragistInnen“ ( engl. suffrage = Wahlrecht) organisierten Versammlungen, Petitionen und öffentliche Veranstaltungen und finanzierten Publikationen zum Thema. Als breite Organisation unterstützten sie unterschiedliche Parteien, zunächst vor allem die Liberalen, an denen sich bis zur Gründung der Labour Party 1906 auch der Großteil der britischen Arbeiterklasse orientiert hatte. Auf ihrem Höhepunkt 1913 organisierte sie 100.000 Mitglieder in über 600 Ortsgruppen und Gesellschaften.

Proletarische SuffragistInnen

Im Zuge zahlreicher Arbeiterkämpfe im England der 1880er Jahre, an denen sich auch viele Frauen beteiligten, hatten sich kleine Frauenverbände gegründet und immer mehr Frauen traten in Gewerkschaften ein, die rasch wuchsen. Dort hatten sie allerdings als vermeintliche Konkurrentinnen keinen leichten Stand, neben den Debatten über ein Arbeitsverbot für Frauen war auch die Forderung nach Frauenstimmrecht in der Arbeiterbewegung zunächst umstritten.

Besonders hervorzuheben ist die Rolle der Textilarbeiterinnen im britischen Lancashire (u.a. Manchester), die als Avantgarde im Kampf um das Wahlrecht bezeichnet werden können und zwischen 1900 und 1906 als Teil der NUWSS eine beeindruckende Kampagne für das Frauenwahlrecht führten. In den Baumwollmühlen und Textilfabriken dieser Region arbeiteten Tausende Frauen, zum großen Teil vom Kindesalter an, zu schrecklichen Arbeitsbedingungen und lächerlichen und unsicheren Löhnen – im Gegensatz zu ihren männlichen Vorgesetzten. Die ArbeiteraktivistInnen dieser Gegend bildeten anfangs auch die wesentliche Basis der neuen sozialistischen Independent Labour Party (ILP, Vorläufer der Labour Party), die, obwohl sie oftmals weich mit ihren Prinzipien umging und kein festes Programm für die Gleichberechtigung von Frauen hatte, als einzige Partei Frauen dieselben Möglichkeiten für die politische Aktivierung bot wie Männern. So hatten sie in der Partei z.B. dasselbe aktive und passive Wahlrecht und Frauen übernahmen Führungspositionen.

Bis zur Jahrhundertwende hatten sich die traditionell gut organisierten und sehr kämpferischen Textilarbeiterinnen Lancashires allerdings in der Mehrheit vergleichsweise gut bezahlte qualifizierte Jobs erkämpft, die ihnen eine – eingeschränkte – Unabhängigkeit ermöglichte, die andere Proletarierinnen nicht hatten. Zudem repräsentierten die über 90 000 Gewerkschafterinnen der Baumwollgewerkschaften fünf Sechstel der organisierten Arbeiterinnen. In der ILP gründeten sie ihre eigene Frauengruppe Women Labour League. Damit waren sie auch in einer sehr viel besseren Position im Kampf für politische Rechte wie das Wahlrecht. In Manchester gingen zwischen 1880 und 1910 immer wieder tausende Arbeiterinnen bei zahlreichen Kundgebungen und Demonstrationen für das Stimmrecht auf die Straße. Die größte Massenaktion war eine Demonstration von 100 000 Textilarbeiterinnen in Hunslet Moor in Südleeds. Die Textilarbeiterin Selina Cooper, erste weibliche Delegierte der ILP, konnte 1901 dem britischen Unterhaus 29,359 Unterschriften für das Frauenwahlrecht überreichen.

Zusätzlich zur ablehnenden offiziellen Haltung der verkrusteten nationalen Gewerkschaftsbürokratie sahen sich viele der proletarischen Suffragistinnen persönlich dem großem Unverständnis und teils auch Repressionen seitens ihres Umfeldes und besonders ihrer Ehemänner gegenüber. Selbst Gewerkschafter sahen ihre Frauen lieber ihre Wäsche waschen oder ihr Essen kochen als bei politischen Treffen. Die Suffragistin Hannah Mitchell beschreibt in ihrer Autobiografie „A Hard Way Up“: „Kein Kampf kann zwischen Abendessen und Teetrinken gewonnen werden, und die meisten von uns, die verheiratet waren, mussten sozusagen mit einer Hand auf den Rücken gebunden arbeiten. Öffentliche Missbilligung kann man aushalten, aber der Ärger zu Hause, der Preis, den viele von uns bezahlen mussten, war eine sehr bittere Sache.” Bürgerliche Aktivistinnen sahen sich zwar derselben Einstellung ihre Ehemänner ausgesetzt, in ihrem Fall konnte die Hausarbeit jedoch oftmals von Bediensteten übernommen.

Nichtsdestotrotz erfuhr die Stimmrechtsbewegung auch Unterstützung von männlicher Seite, so gab es unter anderem Solidaritätsaktionen der Hafenarbeiter im schottischen Glasgow und einen Solidaritätsstreik britischer Minenarbeiter für das Frauenstimmrecht. Auch einige Sozialisten wie der Labour-Abgeordnete Keir Hardie traten außerhalb und innerhalb der Sozialdemokratie vehement für das Frauenwahlrecht ein. Nach einer komplizierten Debatte um die Frage der Aufnahme eines eingeschränktem oder vollständigen Frauenwahlrecht oder Allgemeinem Wahlrecht für alle, die auch zu Spaltungen innerhalb der ILP führte, nahm die Labour Party erst 1912 die Forderung nach einem Frauenwahlrecht in ihr Programm auf.

Exkurs: Clara Zetkin und der Kampf ums Frauenwahlrecht
Auch außerhalb Britanniens und den USA kämpften Frauen um die Jahrhundertwende um demokratische und soziale Gleichberechtigung. Beispielhaft war die sozialistische Frauenbewegung in Deutschland, wo sich vor allem proletarische Frauen, im Gegensatz zu bürgerlichen Aktivistinnen, grundsätzlich staatlicher Verfolgung und oftmals Gefängnisstrafen ausgesetzt sahen, da das alte preußische Vereinsrecht die politische Organisation von Frauen untersagte. Dennoch bauten die ArbeiterInnen eine starke Emanzipationsbewegung auf, in der sich vor allem Clara Zetkin einen Namen machte. Als revolutionäre Marxistin war sie zunächst Führungsmitglied der SPD, wo sie hart gegen den Reformismus kämpfte. Zusammen mit August Bebel spielten sie eine große Rolle im Kampf für die Verankerung des – uneingeschränkten! – Frauenwahlrechts im Programm der sozialistischen Parteien. So forderte das SPD- Parteiprogramm in Bezug auf das allgemeine Wahlrecht ab 1891 das Wahlrecht „ohne Unterschied des Geschlechts“ und stellte 1895 im Deutschen Reichstag den Antrag auf Einführung des Frauenstimmrechts. Nachdem sich die SPD vom revolutionären Programm und der Perspektive des Sozialismus verabschiedet hatte, wurde sie 1917 ausgeschlossen und wurde Mitbegründerin der KPD, für die sie bis 1933 im Reichstag saß.
Sie gründete mit anderen Sozialistinnen 1907 in Stuttgart die sozialdemokratischen „Fraueninternationale“, die in vielen Ländern die ersten Massendemonstrationen für das allgemeine Wahlrecht für Frauen und Männer organisierte. Unter dem Kampfruf »Heraus mit dem Frauenwahlrecht« gingen am ersten Internationalen Frauentag, am 19. März 1911, mehr als eine Million Frauen auf die Straße und forderten für alle Frauen soziale und politische Gleichberechtigung. Auch die radikalen Teile der bürgerlichen Frauenbewegung nahmen teil. Clara Zetkin zeigte sich offen für ehrliche Kämpferinnen dieses Teils der Frauenbewegung, verwies aber immer wieder auf die unterschiedlichen Klassenstandpunkte proletarischer und bürgerlicher Aktivistinnen, auch am Beispiel des Frauenwahlrechts: „ Wir nehmen Stellung von dem Standpunkt aus, dass die Forderung nach Frauenwahlrecht in erster Linie eine direkte Konsequenz aus der kapitalistischen Produktionsmethode ist. Es mag vielleicht anderen etwas unerheblich erscheinen, dies so stark zu betonen, aber nicht uns, denn die kleinbürgerliche Forderung nach Frauenrechten gründet ihre Ansprüche bis heute auf die alte nationalistische Doktrin der Rechtsauffassung. (…) Das Recht auf ein Frauenwahlrecht liegt für uns im Wandel des gesellschaftlichen Lebens begründet, welcher durch die kapitalistischen Produktionsmethoden stattfindet, und im Besonderen durch die Tatsache, dass Frauen für ihren Lebensunterhalt arbeiten, und im höchsten Grad in der Rekrutierung von Frauen für die Armee der Industriearbeiter.. Dies hat der Bewegung den größten Antrieb gegeben.“
Da sie sich bewusst war, dass eine volle Gleichberechtigung der Frauen nur in einer klassenlosen Gesellschaft und niemals im Kapitalismus zu erreichen ist, warnte sie vor Illusionen in die bürgerliche Frauenbewegung und deren „täuschenden, lähmenden Einfluss auf große werktätige Frauenmassen, deren Wollen und Handeln auf den Kampf von Geschlecht zu Geschlecht für die Reform der bürgerlichen Ordnung konzentriert wird, statt auf den Kampf von Klasse zu Klasse für die Revolution.“(Clara Zetkin, Social Democracy & Woman Suffrage, London 1906)

 

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