Rostock Lichtenhagen

Print Friendly, PDF & Email

20 Jahre Naziterror


 
Dass Neonazis nicht nur saublöd sind, wie die SPD und Andere gern behaupten, sondern eine mörderische Truppe sind, ist in fast jeder Stadt an der Masse an Pöbeleien und Angriffen und sogar Morden abzulesen. Anfang der Neunziger war das Naziproblem in Ostdeutschland besonders ausgeprägt und eskalierte zum Beispiel im August 1992 in Rostock Lichtenhagen.

22.August 1992

2000 Leute, zum großen Teil extra hingefahrene Neonazis, und für die Parolen offene AnwohnerInnen griffen zwei von MigrantInnen bewohnte Häuser an: Die Aufnahmestelle für AsylbewerberInnen und ein Wohnheim, im dem VietnamesInnen wohnten, die als billige Arbeitskräfte von der DDR-Regierung angeworben worden waren. Über mehrere Tage wurden zuerst Steine und später Molotow Cocktails geworfen. Die Menschenmenge wurde immer größer. Schon Tage vorher war der Angriff nicht nur in Antifakreisen bekannt. Sogar die Presse hatte darüber berichtet. Trotzdem wurden am ersten Wochenende der Rostocker Angriffe nur 30 Polizisten aus Süddeutschland geschickt. Der Oberbürgermeister, der Innensenator und der stellvertretende Polizeidirektor waren im Urlaub. Letzterer hatte seinen Azubi per Zettel aufgefordert, den Job zu übernehmen.

Wessen Freund und Helfer?

Als auf Drängen besorgter AnwohnerInnen die Polizei aufkreuzte, sah sie sich mangels Personal und Ausrüstung „nicht in der Lage“, die Häuser und deren BewohnerInnen zu beschützen. Stattdessen wurden AntifaschistInnen wegen angeblicher Gewaltbereitschaft und Landfriedensbruchs durchsucht, verprügelt und festgenommen, die sich den Naziangriffen in den Weg stellten und spontan demonstrierten. Als eine Woche später in Rostock eine bundesweit mobilisierte Großdemo gegen Naziterror statt fand, wurden 3000 Polizisten geschickt, um die Demo zu verhindern. Die Polizei leistete ganze Arbeit und hatte nun plötzlich genug Hubschrauber, Wasserwerfer und Personal zur Einschüchterung der DemoteilnehmerInnen zur Verfügung. Die Konvois aus Berlin und Hamburg wurden vor der Stadt mehrere Stunden eingekesselt und auf Waffen durchsucht. Man fand nichts. Beschlagnahmt wurden aber Handschuhe, Schraubendreher und Schraubenschlüssel. Über 80 Menschen wurden dennoch festgenommen, unter anderem, weil sie Feuerzeuge dabei hatten, mit denen ja eventuell Molotow-Cocktails angezündet werden könnten.

Rassistische Ossis?

Die weit verbreiteten rassistischen Vorurteile im Lichtenhagen des Jahres 1992 fielen nicht vom Himmel. Nachdem in der DDR Arbeitslosigkeit kein reales Problem war, saßen Anfang der Neunziger im Osten viele plötzlich auf der Straße. Die Nazis beziehen die Unterstützung für ihre rassistische Schuldzuweisung aus Perspektivlosigkeit, Sozialabbau und einer fremdenfeindlichen Asylpolitik. Letztere ist mit ein Grund dafür, dass viele Asylsuchende noch nicht einmal die Aufnahmestelle betreten durften und davor unter freiem Himmel schlafen mussten, ohne Zugang zu Duschen oder Toiletten, obwohl sie wussten, dass sie nicht erwünscht waren und nicht aufgenommen werden würden. So war es für PolitikerInen, Nazis und die Presse leicht, das eigentliche Problem bei diesen Flüchtlingen selbst zu sehen, statt beim Kapitalismus, der diese Zustände erst schafft. MigrantInnen, die nur geduldet sind, bekommen in vielen Fällen keine Arbeitserlaubnis und müssen mit diskriminierenden Wertgutscheinen auskommen. Lichtenhagen wurde als Anlass genutzt, um ein lange geplantes Vorhaben endlich umzusetzen: Die faktische Abschaffung des Asylrechts. Damit wurde das Problem natürlich nicht gelöst, sondern weiter verschärft.

Alerta!Alerta!…

Bei Naziaufmärschen werden antifaschistische Blockaden kriminalisiert und, sofern politisch umsetzbar, mit großem Polizeiaufgebot niedergeprügelt. Die Gegenwehr aus der Bevölkerung war damals in Rostock wichtig, um Schlimmeres zu verhindern, und ist es auch weiterhin. Auf wessen Seite dieser Staat steht, hat Lichtenhagen einmal mehr eindrücklich gezeigt. Der Jugendverband Linksjugend [„solid] plant anlässlich des 20. Jahrestags der Pogrome von Lichtenhagen Plakatieraktionen, Mahnwachen, Filmabende in den Basisgruppen oder Infoveranstaltungen. So könnten sich die Basisgruppen und andere Interessierte die Geschichte ins Bewusstsein rufen und aus ihr für zukünftige Aktionen gegen den ganzen Nazischeiß lernen. Torsten