Werkverträge – das neue Billiglohn-Modell

Nicht nur Leiharbeits-, auch Werkverträge sind auf dem Vormarsch


 

Jahrelang setzten Unternehmen auf Leiharbeit. Angeblich sollte damit flexibel auf Schwankungen der Wirtschaft reagiert werden. Seit einiger Zeit beobachten gewerkschaftliche und betriebliche AktivistInnen, dass – noch viel stärker als bisher – zusätzlich Werkverträge mit Sub-Unternehmen abgeschlossen werden.

von Ronald Luther, Berlin

Statt wie bisher Beschäftigte für eine Weile über Zeitarbeitsfirmen auszuleihen, werden mittlerweile verstärkt über Werkverträge bestimmte Leistungen eingekauft. Damit werden verbesserte Vereinbarungen für LeiharbeiterInnen wieder unterlaufen. Ein weiterer Vorteil für die Kapitalisten besteht darin, dass sie bei Werkvertrags-Beschäftigten die Betriebsräte komplett von der Personalplanung und den Einstellungsprozessen ausschließen können, da Werkverträge nicht als Personal-, sondern als Sachkosten behandelt werden.

Lohndumping noch leichter gemacht

Bei den Einzelhandelsketten Netto und Kaufland hat man Werkverträge mit Subunternehmen abgeschlossen, durch die Löhne im Lager um rund 30 Prozent gedrückt wurden. Es geht aber noch schlimmer: In der Schlachtindustrie sollen bereits bis zu 90 Prozent der Beschäftigten über Werkverträge eingestellt werden. Viele Beschäftigte sind aus Rumänien, die für drei oder vier Euro Stundenlohn teilweise zwölf bis 16 Stunden am Stück arbeiten.

Aber auch in der tariflich besser abgesicherten Metall- und Elektroindustrie wird verstärkt auf Werkverträge gesetzt. In den sächsischen Fabriken von Porsche und BMW sollen bereits die Hälfte aller Beschäftigten mit Werkverträgen arbeiten. BMW Leipzig (wo LeiharbeiterInnen eigentlich den IGM-Tariflohn erhalten) hat mit 26 Dienstleistungsfirmen Werkverträge abgeschlossen, darunter Wisag. Obwohl Wisag-Angestellte die gleichen Achsen wie BMW-Festangestellte zusammenschrauben, bekommen sie bis zu 1.000 Euro brutto weniger im Monat.

IG-Metall-Tarifrunde

In der aktuellen Metall-Tarifrunde strebt die Gewerkschaft auch an, dass Betriebsräte über Dauer, Einsatz und Umfang von Leiharbeit mitbestimmen dürfen. Parallel dazu hat die Gewerkschaft Verhandlungen mit den Zeitarbeitsverbänden BAP und iGZ aufgenommen, um Branchenzuschläge und Einsatzzulagen durchzusetzen.

Statt in der aktuellen Tarifrunde außerdem die Problematik Werkverträge anzugehen, erklärte Helga Schwitzer, geschäftsführendes IGM-Vorstandsmitglied, in einem Interview für igmetall.de vom 21. Februar: „Nach dem Sommer will die IG Metall das Thema Werkverträge mit einer Kampagne angehen.“ Also erst nach der Tarifrunde.

Ein Betrieb – eine Belegschaft!

Die Mindestlöhne für LeiharbeiterInnen betragen seit 1. Mai 2011 7,79 Euro im Westen und 6,89 Euro pro Stunde im Osten. Erstrebenswert ist generell ein Mindestlohn von zehn Euro pro Stunde als ersten Schritt hin zu einem Mindestlohn von zwölf Euro pro Stunde. Ziel muss sein, dass in allen Betrieben gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt wird. Derzeit wird ein Gesetzesbeschluss über „Equal Pay“ diskutiert. Für Verbesserungen ist aber immer der gewerkschaftliche Kampf entscheidend – mit der Stoßrichtung: Festeinstellungen und Tariflöhne statt unsichere Billigjobs! Verbot von Leiharbeit! Nein zum Missbrauch von Werkverträgen! Drastische Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich!

Die unendliche Geschichte

  • Bis 1967 war Leiharbeit in der Bundesrepublik verboten. Seitdem wurdeder Einsatz stetig ausgeweitet, 2002 durften Leiharbeits-Beschäftigtemaximal zwei Jahre in einem Betrieb eingesetzt werden. Nachdem dieAgenda 2010 unter Rot-Grün beschlossen wurde, gab es kein Halten mehr.Heute gibt es etwa eine Million LeiharbeiterInnen.
  • Jede dritte von der Arbeitsagentur angebotene Stelle wird heute voneiner Zeitarbeitsfirma gemeldet.
  • Leihbeschäftigte verdienen im Schnitt 34 bis 46 Prozent weniger alsFestangestellte.
  • Im Zuständigkeitsbereich der IG Metall soll es etwa zehn ProzentLeihbeschäftigte direkt im Hauptbetrieb geben. Über Beschäftigte beiWerkvertrags-Firmen liegen keine genauen Zahlen vor. In derStahlindustrie wird die Zahl auf acht Prozent geschätzt. Tatsächlichsind es wohl deutlich mehr (metallzeitung 1/2012).
  • In immer mehr Betrieben werden nicht nur LeiharbeiterInnen undWerkvertrags-Beschäftigte von Sub-Unternehmen (undSub-Sub-Unternehmen) eingesetzt, sondern auch Leihbeschäftigte, dievon Werkvertrags-Firmen geholt werden.
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